Äußerlich vollkommen ruhig beobachtete Eldarion, wie die letzten Reisetruhen auf einer der Kutschen verladen wurde.

Es wurden ruppige Befehle gebrüllt und die Dienstmädchen huschten hin und her, um die letzten Vorbereitungen zu treffen.

Aus den Augenwinkeln nahm er wahr, wie seine Schwestern ein paar Schritte hinter ihm ebenfalls Stellung bezogen und kurze Zeit später traten sein Vater und seine Mutter aus dem Schlosstor.

Beide waren vornehm herausgeputzt, vielleicht noch ein wenig mehr als sonst, wenn sie die Stadt für längere Zeit verließen.

Sein Vater hielt die Hand seiner Mutter, wie es üblich war, doch Eldarion war sich ziemlich sicher, dass es eigentlich Arwen war, die ihren Gatten stützte und nicht umgekehrt.

Sein Blick ruhte auf seinem Vater und oberflächlich betrachtet schien es ihm gut zu gehen, doch Eldarion bemerkte die unnatürliche Blässe und das fiebrige Glänzen seiner Augen, die zusammengepressten Lippen und er konnte nur ahnen, wie viel es dem König abverlangte, die wenigen Treppen bis zur königlichen Kutsche hinabzuschreiten, als wäre alles wie immer.

Der Prinz kämpfte erneut gegen den Drang an, seinen Vater selbst zu stützen, doch die Anweisung seiner Mutter war diesbezüglich mehr als deutlich gewesen.

Alles sollte so normal wie möglich wirken; sein Vater durfte unter keinen Umständen schwach erscheinen – das konnte er sich nicht leisten.

Also blieb Eldarion wo er war und schickte ein stummes Gebet zu den Valar, sie mögen seinem Vater genug Kraft geben, den Weg zur Kutsche ohne Zwischenfälle zu überstehen.

Als sie die Treppe hinter sich gelassen hatten blieben der König und die Königin kurz stehen und wandten sich zu Eldarion um.

„Ich lege das Königreich während meiner Abwesenheit in deine Hände, mein Sohn. Entscheide weise und handle klug."

Sein Atem ging schwerer als sonst und auf seiner Stirn hatte sich ein dünner Schweißfilm gebildet.

„Ich werde Euch nicht enttäuschen, Vater.", gab Eldarion ruhig zurück und küsste danach sowohl seinem Vater als auch seiner Mutter die Hand.

Aragorn schenkte ihm ein letztes Lächeln, bevor er in die Kutsche stieg.

Arwen lächelte ihre Töchter über seine Schulter hinweg an, bevor sie ihren Sohn ansah. Ihre Arme zuckten kurz, als wollte sie ihn in den Arm nehmen und Eldarion war froh, dass sie es nicht tat.

Er würde jetzt König sein – der erste Eindruck des Rates sollte nicht der sein, dass er wie ein kleines Kind von seiner Mutter gedrückt und geküsst wurde.

„Du bist dieser Aufgabe gewachsen; du bist deines Vaters Sohn."

In ihrer Stimme schwang so viel Stolz mit, dass ein kleines Lächeln sich auf seine Lippen schlich, als er die Hand ausstreckte und seiner Mutter in die Kutsche half.

„Grüßt Großvater und meine Onkel von mir, Mutter. Habt eine gute Reise."

Arwen lächelte ihn noch einmal an, drückte flüchtig seine Hand bevor sie ihn losließ, die Kutschentür von einem der Diener geschlossen wurde und die Reisegesellschaft langsam aufbrach.

Eldarion trat einen Schritt zurück und beobachtete, wie die Kutschen den inneren Ring verließen.

Als die Tore sich schließlich langsam hinter den letzten Soldaten, die seine Eltern als Eskorte begleiteten, schlossen seufzte er leise, bevor er sich umdrehte und sich anschickte, zu seinen Schwestern zu gehen, als er angesprochen wurde.

„Hoheit!"

Er wandte sich um und sah dem alternden Ratsmitglied entgegen.

Der lange anhaltende Frieden und Wohlstand hatte viele Adlige verfetten lassen, so auch Lord Déron, eines der obersten Mitglieder des königlichen Rates.

„Eure Hoheit sind zu freundlich, auf mich zu warten...wirklich, zu freundlich...als ich noch jung und stark war wie Eure Hoheit jetzt, waren ein paar Stufen auch noch kein Problem für mich, aber Eure Hoheit wissen ja, das Alter macht sich früher oder später bemerkbar."

Eldarion zwang sich zu einem freundlichen Gesichtsausdruck und verkniff sich die spöttische Bemerkung, dass Lord Déron sich in seinen Augen nicht verändert hatte, seit er sich zurückerinnern konnte – ein Krieger war er jedenfalls niemals gewesen mit seinen stets rosigen Wangen, dem dicken Bauch und den kurzen Beinen.

Das schulterlange, braune Haar und die beinahe kindlichen, großen hellen Augen vervollständigten das Bild eines scheinbar vollkommen harmlosen, genusssüchtigen Mannes, der bereits im Zenit seines Lebens stand.

Doch Eldarion hatte schon früh von seinem Vater gelernt, sich nicht durch ein harmloses Auftreten täuschen zu lassen und so misstraute er Lord Déron fürs erste ebenso sehr wie den anderen Ratsmitgliedern.

„Wolltet Ihr etwas mit mir besprechen, Lord Déron?"

Der Angesprochene nickte beflissentlich.

„Das wollte ich in der Tat. Eure Hoheit sind zu freundlich, mich daran zu erinnern, zu freundlich, ja...und das, wo jetzt sicher eine große Last auf den Schultern Eurer Hoheit liegt, nicht wahr? Wir alle wünschen unserem geliebten König eine baldige Genesung und, wenn ich das so sagen darf, es ist eine Beruhigung zu wissen, dass er würdig vertreten werden wird."

Dieses mal brauchte Eldarion all seine Willenskraft, um angesichts dieser offenkundigen Schleimerei nicht doch das Gesicht zu verziehen.

Bei den Valar, wie hielt sein Vater das nur aus?

„Es geht um die Verlobung Ihrer Hoheit, Prinzessin Melién, mit Prinz Elfwine von Rohan, Hoheit. Seine Majestät wies mich an, alles nötige mit Eurer Hoheit zu besprechen."

Eldarion warf einen flüchtigen, besorgten Blick zu Melién, die noch immer mit Lúthiel und Béleth ein paar Schritte entfernt stand und auf ihn wartete.

Ihr Gesichtsausdruck verriet nicht, ob sie ihn gehört hatte oder nicht, doch er nahm sich dennoch vor, sofort mit ihr darüber zu reden.

„Natürlich. Beruft für heute Abend eine Ratssitzung ein."

Lord Déron verbeugte sich geflissentlich.

„Ganz wie es seiner Hoheit beliebt. Ich werde sofort alles weitere veranlassen, seine Hoheit kann sich ganz auf mich verlassen."

Unter vielen Verbeugungen und mit weiteren ausgeschmückten Treueschwüren auf den Lippen verschwand der Lord schließlich im Schloss und Eldarion ging nun endlich zu seinen Schwestern.

„Lúthiel, geh mit Béleth schon mal vor, ich muss mit Melién sprechen."

Zu seiner eigenen Überraschung nickte Lúthiel, hob Béleth auf den Arm und ging mit ihr, gefolgt von ein paar Zofen und Dienstmädchen, zurück ins Schloss.

Er bot Melién seinen Arm an und Seite an Seite schlenderten sie in Richtung des Schlossgartens, wie immer umschwirrt von Meliéns Zofen und einem Diener, der einen Schirm hielt, um insbesondere seine Schwester vor der Sonne zu schützen.

„Was wolltest du mit mir besprechen?", fragte sie, den Blick nach vorn gerichtet.

„Es geht um deine Verlobung.", erklärte Eldarion und sah seine Schwester dabei von der Seite an. Wie er es ein Stück weit erwartet hatte regte sich im Gesicht seiner Schwester kein Muskel.

Nun gut, sie wusste schon seit ihrem zwölften Lebensjahr, dass sie dem Kronprinzen von Rohan versprochen wurde und sie hatte es mit der für sie typischen stoischen Gelassenheit aufgenommen, die beinahe unheimlich war.

Noch heute glaubte er, ihr „Wenn Ihr es so wünscht, Vater." zu hören.

„Ich treffe mich heute Abend mit dem Rat, um alles nähere zu besprechen und dann...", er räusperte sich, „Dann müssen wir die Vorkehrungen für deine Reise treffen."

Aber ich will nicht, dass du gehst, ich schaff' das nicht allein, bitte geh' nicht auch noch weg.

Er merkte, wie ein flüchtiges Lächeln über ihr Gesicht huschte, beinahe, als hätte sie gewusst, was für ein kindischer Gedanke ihm gerade durch den Kopf geschossen war.

„Du musst dich darum kümmern, eine geeignete Partie für Lúthiel zu finden.", wechselte sie das Thema, „Sie ist immerhin schon zwölf Jahre alt und ich sähe sie nur ungern an der Seite irgend eines dahergelaufenen Widerlings, der ihrer nicht würdig ist."

Eldarion nickte nachdenklich. Ja, darüber hatte er sich auch schon den Kopf zerbrochen.

Rohans Adel war dünn gesät und abgesehen davon hatten sie durch Meliéns Verlobung mit Prinz Elfwine bereits eine Verbindung zum Land der Pferdeherren aufgebaut.

Ihre Beziehungen zu Rhûn und anderen Ländern der Ostlinge waren bei weitem noch nicht gesichert genug, als das er seine Schwester dort hin schicken würde und die Haradrim...

Nun, schon sein Vater hatte gesagt, dass es für ihre Beziehungen sicher gut wäre, wenn sie Lúthiel oder Béleth dorthin verheiraten würden, doch etwas in ihm sträubte sich dagegen, eine seiner Schwester in die Hände dieser Barbaren zu geben, die im Ringkrieg unter Saurons Befehl gestanden hatten.

Melién musterte ihn kritisch von der Seite, als habe sie seine Gedanken gelesen.

„Du weißt, es wäre die beste Möglichkeit.", erklärte sie sanft, „Mir gefällt der Gedanke auch nicht, aber du solltest ihrem König schreiben und ihm Lúthiels Hand anbieten. Das wäre das Beste für Gondor und Arnor, das weißt du."

„Aber Lúthiel..."

„Unsere Schwester kennt ihre Pflichten und sie wird sie erfüllen.", verwies Melién bestimmt, „Eine Ehe aus Liebe, wie bei Mutter und Vater, mag wünschenswert sein, doch das Wohl unseres Landes und unseres Volkes steht immer an erster Stelle. Du weißt es, ich weiß es und Lúthiel weiß es auch."

Eldarion seufzte, nickte jedoch.

Natürlich wusste er das, und eine Ehe wäre Ideal, um die Haradrim noch etwas näher an Gondor zu binden und dennoch...

Er schüttelte leicht den Kopf und verschob den Gedanken an die Haradrim auf später. Fürs erste musste die Verlobung seiner anderen Schwester offiziell gemacht und sie nach Rohan geschickt werden, so schwer ihm das auch fiel.