„Benny, bei Fuß," schnaubt er, dem Hund folgend, der seinen Befehl komplett ignoriert und den Fußweg entlang pflügt, hoffentlich zu dem Coffeeshop, den er versucht in einem Stück zu erreichen.

Er mag Benny, den schwarzen Labrador, er liebt seine Tochter und Mutter dafür, dass sie den Hund zu seinem letzten Geburtstag ausgewählt haben, aber sie sind beide noch neu dabei – Benny ist immer noch ein Welpe, frisch vom Training und Castle ist immer noch daran gewöhnt seinen Stock zu nutzen, um sich zurecht zu finden, nicht ein anderes Lebewesen. Schon gar kein Lebewesen mit einer kurzen Aufmerksamkeitsspanne und offensichtlichen Kontrollproblemen.

Das GPS auf seinem Handy piept und er verstärkt seinen Griff an der Leine des Hundes, bringt ihn zum Stehen. Castle atmet erleichtert ein und greift nach der Türklinke des Coffeeshops, erlaubt dem Hund vor ihm hinein zu treten.

Er kommt oft hier her, vielleicht ein- oder zweimal die Woche, wenn er Zeit hat, und sie alle kennen ihn, wissen alle, dass er manchmal Probleme hat das Gebäude zu betreten, oder ausversehen in jemanden reinläuft, wenn er nicht vorsichtig ist. Er ist kaum durch die Tür, als eine vertraute Hand seine Schulter berührt.

„Hallo, Mr. Castle. Ihr gewöhnlicher Fensterplatz?" fragt Marianne, ein Mädchen in Alexis' Alter und seine Lieblingsbedienung, und er nickt.

„Natürlich, Sie wissen, dass ich den Ausblick liebe," scherzt er, und hört zu wie Marianne Benny mit sanften Worten und einem Streicheln über den Rücken begrüßt, bevor sie sie zu der Ecke des Ladens führt.

Aber nach nur einer Handvoll vorsichtiger Schritte, bevor sie ihren Weg zu der Nische manövrieren können, leitet Benny ihn direkt in eine andere Person.

„Hey, passen Sie auf wo Sie hingehen," blafft die Frau, ihre Hand auf seiner Brust, bereit ihn zurück zu drängen, aber er greift nach ihren Ellenbogen.

„Es tut mir leid, es war ein Unfall, verbrochen. Mein Hund ist immer noch ein Welpe und er lässt sich noch leicht ablenken."

Eine Pause entsteht und er kann das sanfte einatmen der Frau hören, als Erkenntnis einsetzt.

„Shit, Sie sind – Es tut mir leid."

Er guckst und lässt sie los, sichergehend, dass sie beide fest stehen, bevor er einen Schritt zurück tritt. „Kein Problem. Kann jedem Mal passieren."

„Mag sein, aber es war einfach – es war unhöflich. Lassen Sie mich ihnen einen Kaffee kaufen, um es wieder gut zu machen," hört er sie entscheiden, ihr Ton keinen Raum für Widerspruch zulassend, also zuckt er mit den Schultern, zeigt in die Richtung seines Platzes, die er sich gemerkt hat.

„Wenn Sie darauf bestehen."

Ihre Hand legt sich um seinen Ellbogen, lange dünne Finger, die sich um den Knochen legen, und bleibt da bis sie sicher in der Nische sitzen mit Benny unter dem Tisch.

„Ich bin übrigens Kate."

Sie nimmt die Hand von seinem Ellbogen um die seine zu nehmen, als er sie ihr entgegenstreckt.

„Schön Sie zu treffen Kate, ich bin Rick."

„Ich weiß wer Sie sind, Mr. Castle."

Sein Herz sinkt ein wenig. Wenn sie weiß, wer er ist, dann weiß sie von dem Unfall, von seinem Ruf vorher, und er fühlt seine Chance – nicht, dass sie je groß war – mehr als nur der blinde Typ zu sein, dem sie einen Mitleidskaffee kauft, rasant schwinden.

„Ah," murmelt er, lässt ihre Hand los und legt seine auf den Tisch. „Hätt ich mir denken können."

„Ich dachte Sie würden es schätzen erkannt zu werden," witzelt sie, ihn mit der Schulter stoßend und seinen Lippen ein Grinsen entlockend.

Normalerweise tendieren andere Menschen dazu sich in seiner Gegenwart behutsam zu verhalten, haben Angst ihn zu berühren oder anzurempeln, als wäre sein ganzer Körper irgendwas Zerbrechliches. Bisher behandelte die Frau in die Benny ihn hineingeleitet hat, wie einen normalen Menschen.

Er mag sie jetzt schon.

„Nicht mehr so sehr," gibt er schulterzuckend zu, dreht seinen Kopf zu dem Klang von Mariannas herannahenden Schritten.

Kate besteht darauf, dass er als erstes Bestellt und er entscheidet sich dafür eine der Festtagskreationen zu probieren, die der Laden immer um diese Zeit des Jahres anbietet. Kate bestellt sich einen Latte, mager mit zwei Spritzern zuckerfreier Vanille, und er ertappt sich dabei, wie er sich die Wahl einprägt. Nur für den Fall, dass er so viel Glück hat und ihr nochmal über den Weg läuft.

„Ich vermisse Ihr Schreiben," sagt sie als Marianne von ihrem Tisch weggetreten ist, ihre Stimme voll mit Schüchternheit, und er schaut in ihre Richtung, sich fragend ob die Überraschung, die er spürt in seinem Gesicht zu sehen ist.

„Sie haben meine Werke gelesen?"

„Derrick Storm war … Ihre Bücher waren irgendwie wichtig für mich, ja," gibt sie zu, die Bewegung ihres Arms neben ihm lässt ihn glauben, dass sie sich eine Haarsträhne hinter ihr Ohr streicht, als ob sie nervös ist, ihm das zu erzählen.

„Sorry, dass ich ihn getötet habe," Rick verzieht das Gesicht, hört sie lachen, findet, dass er dieses Geräusch mehr und mehr liebt, je öfter er es hört. „Ich war – es war nicht unbedingt geplant, aber nachdem … ich mein Augenlicht verloren habe, habe ich auch meine Inspiration verloren."

„Verständlich," stimmt sie zu, mal was anderes, als das gewöhnliche enttäuschte Seufzen, das er sonst für die Antwort erhält. „Irgendwas Neues in Arbeit?"

„Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, Sie sind ein Reporter, der versucht Antworten von mir zu erhalten," stichelt er, aber sie schnaubt, etwas was nach Belustigung klingt, entschlüpft ihren Lippen, und eine Sekunde später nimmt sie seine Hand und legt etwas Ledriges, wie eine Gürtelschnalle, in seine Hand.

„Ist das eine Dienstmarke?" murmelt er, konzentriert sich auf die Form von Zahlen, die er nachzieht, die Buchstaben und das Design in der Mitte.

„Detective Marke," bestätigt sie und er zieht seine Augenbrauen hoch.

„Detective?" Sie summt zustimmend, als er ihr die Marke zurück gibt. „Welches Dezernat?"

„Mord," seufzt sie, ein Flüstern von Traurigkeit in ihrer Stimme, das er sofort verstehen will. „Immer noch Angst, dass ich ein Reporter bin?"

Castle grinst. „Oh nein, Detective. Aber Sie dürfen mich jederzeit befragen."

Kate lacht trocken und er hört zu, während Bennys Nägel auf dem Holzboden tappen, sich leise unter dem Tisch bewegend, näher zu der Frau an seiner Seite.

Er befürchtet, dass sie beide bereist in sie vernarrt sind.


„Normalerweise habe ich einen Stock," erklärt er, die Tasse seines Pfefferminzlattes mit seinem Daumen umrandend. „Der ist um einiges kooperativer."

„Verletzt seine Gefühle nicht," neckt Kate, den Hund zwischen seinen Ohren kraulend, während er mit seinen großen braunen Augen zu ihr hoch starrt. Sie hat die letzte Stunde mit Rick und Benny gesessen, lange nachdem sie ihren Kaffee ausgetrunken hat, und sie hat keine Eile zu gehen. Es ist immerhin ihr freier Tag und das ist der schönste, den sie seit langem hatte. „Warum nimmst du dann ihn?"

Richard Castle zuckt mit den Schultern. „Alexis hat ihn für meinen Geburtstag ausgesucht. Er ist ein guter Hund, aber wie ich schon sagte, als er uns zusammengeführt hat, noch immer ein bisschen ein Welpe."

Kate lächelt Benny sanft an, der Kopf des Hundes auf ihren Knien. Sie hat ihren Lieblingsautor nicht sofort erkannt, erst nachdem sie ihn beleidigt hatte, aber nachdem sie mit ihm eine Stunde lang über den Hund, seine Tochter, und auch ein wenig über sich selbst, geredet hat, denkt sie, dass sie ihren Schnitzer wieder gut gemacht hat.

„Er scheint dich zu mögen."

„Das kannst du sehen?"

Sie mag sein Lächeln, es bringt das blau seiner Augen zum Leuchten, und sie beißt sich auf die Lippe.

Sie hat nicht den Platz ihn zu mögen.

„Ich wette sein Kopf liegt in deinem Schoß. Das macht er mit Alexis auch. Hab ich recht?"

Kate schaut zwischen ihm und dem Hund hin und her, versucht ihr Lächeln zu zügeln, auch wenn Rick es nicht sehen kann – er scheint es trotzdem zu wissen, zu spüren, wenn sie lächelt – und zuckt mit den Schultern, auch wenn er das auch nicht sehen kann.

„Vielleicht."

Er lacht, sanft und tief, die Wärme in seiner Stimme reich und verlockend, und normalerweise würde sie die Dinge mit einem Kerl nicht überstürzen, wäre normalerweise nicht so direkt, und sie sollte es nicht, aber Rick hat etwas an sich, dass sie anzieht. Es ist etwas an ihm, dass sie dazu bringt stundenlang mit ihm zu reden, obwohl sie sich gerade erst getroffen haben. Es macht ihr Angst, es erregt sie, und es hält sie davon ab sich zu verabschieden.

„Was machst du den Rest des Tages?"

Seine Augenbrauen zucken und er dreht sich zu ihr in der Nische, in der sie nur wenig Platz einnehmen.

„Warum, Detective Beckett, fragst du mich, ob ich den Rest des Tages mit dir verbringe?"

„Sei nicht überheblich, das ist unattraktiv," murmelt sie, froh, dass sie das rot in ihren Wangen nicht verstecken muss. „Ich dachte nur, dass ich ein besserer Fremdenführer bin als Benny hier."

„Ah, nun, die Logik kann ich nicht bestreiten," grinst er, die Hand, die sie anbietet, annehmend.

Kate bezahlt ihre Getränke und hält seinen Arm fest, während sie ihn zur Tür führt, ihr Griff locker aber sicher, während sie mit ihm und dem Hund in die Dezemberkälte läuft.


„Wie siehst du aus?" fragt er, versucht seinen Fokus von der angenehmen Wärme ihrer Finger um seinen Ellbogen abzulenken. Er mochte es nie, wenn ihn jemand geführt hat, erlaubte es nur Alexis und seiner Mutter in den ersten Tagen, als er kaum einen Schritt gehen konnte ohne zu stolpern, aber es stört ihn nicht, dass Kate ihn führt, nicht wenn es ihr eine Entschuldigung gibt, ihn zu berühren.

„Ist das wichtig für dich?" kontert Kate, ihre Stimme ein wenig kantig, aber größtenteils nur neugierig.

Sie sind in einem Park, denkt er. Er kann die stampfenden Schritte der Jogger auf der nahegelegenen Bahn hören, hört den Rummel der Familien mit jungen Kindern, das sehr bekannte Geräusch eines Hundes, der in der Nähe bellt.

Castle zuckt mit den Schultern. „Nein, ich will nur wissen, ob du so aussiehst, wie ich dich mir vorstelle."

„Wie stellst du mich dir vor?" murmelt sie, schon wieder konternd, aber es stört ihn nicht. Er hofft nur, dass er nicht zu weit entfernt ist, mit seinem mentalen Bild von ihr, denn nur anhand ihrer Stimme und den süßen Duft von Kirschen, den sie mit sich trägt, hat er so etwas wie ein Bild einer modernen Göttin in seinem Kopf.

„Braune Augen?"

„Mm, eher Hasel," antwortet sie, zieht ihn näher, als er fühlt wie eine Gruppe Fußgänger an ihnen vorbei geht. „Meine Mom hat immer gesagt, sie sind ein Mix aus grün und braun, mit goldenen Sprenkeln. Hat sich angehört, als hätte ich einen seltenen Juwel in meinen Augäpfeln."

Castle kichert, stumm frohlockend, als sie nicht versucht, den Abstand zwischen ihnen wieder zu vergrößern.

„Brünett?"

„Mhmm."

„Du bist groß," fährt er fort, fühlt sich etwas sicherer, nach der kurzen Reihe von richtigen Tipps. „Ich muss nicht sehen, um das zu wissen. Und von dem was du mir von deinem Job erzählt hast, bist du gut in Form. Athletisch, wahrscheinlich super heiß."

„Castle," schnaubt sie, seine Schulter mit ihrer stoßend.

„Ohh, ich habe recht, oder? Ich habe gerade einen knallharten Detective getroffen, der aussieht wie ein Supermodel, oder?"

„Hör auf," nuschelt sie und er lacht, schafft ein kleines pumpen seiner Faust, dass sie einstimmen lässt.

Benny zieht an der Einschränkung seines Geschirrs, etwas aufgeregt von den steigenden Geräuschen von Freude, und Castle verstärkt seinen Griff um die Leine, um den Hund in einem stetigen Tempo zu halten.

„Vielleicht könntest du mich öfter in der Stadt herum führen," sinniert Castle, die Hoffnung daran hindernd, in seine Stimme zu gelangen. Wenn Kate so schön ist, wie er sich vorstellt, hat sie wahrscheinlich Optionen – bessere Optionen – als einen erfolglosen blinden Autor, und seit dem Unfall, seit er sein Augenlicht verloren hat, hat er sich an Ablehnung gewöhnt.

Aber statt der sanften Enttäuschung, die er erwartet, rutschen die Finger um seinen Arm runter, die Innenseite seines Arms entlang wandernd, bis ihre Handfläche in seiner liegt. Ihre Finger passen ohne Probleme, die Lederhandschuhe an ihrer Hand seine küssend, und sie sichert ihren Griff mit einem sanften drücken.

„Das wäre toll."

Eine Stunde später bringt Kate ihn zu seinem Loft, drück ein Lächeln an seine Wange, nachdem sie ihre Nummer in sein Handy eingetippt hat, und kurz bevor er reingehen und sie den Flur hinunter gehen kann, hält er sie für einen Moment an der Hand.

„Danke," murmelt er und drückt ihre Finger leicht. „Ich hatte heute sehr viel Spaß."

Er schwört er kann fühlen wie sie lächelt. Er wünscht sich so sehr er könnte es sehen.

„Ich auch," antwortet sie. „Du und Benny seid gute Gesellschaft."

„Ich hoffe nächstes Mal kommst auch mit nur mir zurecht," neckt er und sie lachte leise als Antwort, dreht sich vor ihm um.

„Nächstes Mal, huh?"

Er wartet, sein Gesicht verzieht sich im Zögern. Vielleicht hatte sie nicht gemeint, was sie gesagt hatte, vielleicht war sie einfach nett zu ihm, ihm Mitgefühl zeigend, so wie jeder andere auch.

„Nun – ich hab's angenommen, weil – als du sagtest – "

„Shh, Castle," gluckst sie, berührt zum zweiten Mal seine Wange mit ihren Lippen, erlaubt ihm ihr Lächeln zu fühlen. „Sobald ich einen Tag frei habe, okay?"

Sie haben nur die letzten vier Stunden mit einander verbracht und er will keine Grenzen überschreiten, vor allem, wenn Kate etwas zurückhalten ist, von dem was er erfahren konnte, aber er legt einen Arm um ihre Taille, locker und kurz, ihr die Möglichkeit gebend zu entkommend. Stattdessen erwiderte sie die einarmige Umarmung und er erlaubt seine Augen sich für einen Moment zu schließen

Die letzten fünf Jahre hatte er nicht wirklich viele Gründe sich zu freuen. In Braille lesen und schreiben zu lernen, verwandelte seine Karriere in etwas Einschüchterndes, sein Mangel an Richtungssinn machte nach draußen gehen zu einer Exkursion, und für eine Weile hatte er gar nichts tun wollen außer im Bett liegen und sich vorstellen, wie die Welt ausgesehen hatte, als er sehen konnte.

Und er sollte nicht so viel Hoffnung in sie investieren, nicht so früh, aber Kate Beckett hat ihm etwas gegeben, worauf er sich freute.

Kate tritt zurück und er lässt sie, sicherstellend, dass er ein freundliches Lächeln für sie hat, und sie krümmt ihre Finger um seinen Bizeps und drückt ein letztes Mal.

„Ich ruf dich an," murmelt sie.

„Ich freu mich drauf," antwortet er, ein Grinsen auf seinen Lippen, während er seine Schlüssel aus seiner Manteltasche holt.

„Castle," schnaubt sie tadelnd, ihre Stimme schon die Flur hinunter verschwindend.

„Nacht, Kate," gluckst er und winkt in die ungefähre Richtung des Fahrstuhls.

„Bis Morgen," hört er, die Worte sanft und hoffnungsvoll, als sie seine Ohren erreichen.

Er hat fast Angst davor, wie Hoffnungsvoll sie ihn macht.