20. August 1916
RMS Ascania, atlantischer Ozean

Oh, who wouldn't join the army?

Ich bin nicht Krankenschwester geworden, weil ich Menschen helfen möchte.

Es geht mir nicht einmal darum, eigenes Geld zu verdienen in dieser Gesellschaft, in der arbeitende Frauen sicher nicht die Norm sind. Versteht mich nicht falsch – ich helfe gerne und der Lohn ist nicht schlecht. Aber der eigentliche Grund, warum ich statt an die Universität zur Schwesterschule gegangen bin, ist ein anderer: Es ist einfach das einzige, was ich wirklich gut kann.

Oder nein – es ist das einzige, was ich besser kann als meine Schwestern.

Di fällt zuverlässig jedes Mal in Ohnmacht, wenn sie Blut sieht. Nan hat mit Blut kein Problem, aber kommt mit anderen Körperflüssigkeiten nicht sonderlich gut klar. Keine von beiden könnte jemals in der Krankenpflege tätig sein, trotz ihrer sonstigen Brillanz, und ich fürchte, das war Grund genug für mich, genau in diesem Feld mein Schicksal zu suchen.

Ich liebe meine Schwestern. Das darf bitte niemand jemals anzweifeln. Ich habe viele Jahre lang versucht, ihnen nachzueifern, ihnen zu gefallen, musste aber zwangsläufig am Altersunterschied scheitern. Vier Jahre sind für ein Kind eine kleine Ewigkeit. Zudem ist Nan so viel schöner und kreativer als ich und Di so viel klüger und witziger, dass ich meine ganze Kindheit in ihrem Schatten verbracht habe. Und es kann kalt sein, so ganz ohne Sonne.

Das war es also, was mich auf diesen Weg gebracht hat – das Verlangen nach etwas Licht, nur für mich alleine. Und der Weg hat mich geradewegs hierhin geführt, auf ein Schiff irgendwo im Atlantik.

„Na, Blythe, hältst du Ausschau nach U-Booten?", höre ich eine Stimme hinter mir. Ich brauche mich nicht umzudrehen um zu wissen, dass es Polly ist. Das heißt, Betty kann nicht weit sein.

Und in der Tat. „Wir sind ein ziviles Passagierschiff. Wir brauchen uns nicht um U-Boote zu sorgen", argumentiert sie sofort.

Daraufhin drehe ich mich dann doch um, lehne mich mit dem Rücken an die Reling und merke an: „Das hat der Lusitania auch nicht viel gebracht."

Rilla!", schimpft Betty und droht mir mit dem Zeigefinger. Polly lacht dagegen ziemlich schadenfroh.

Ich zucke mit den Schultern, kann mir aber ebenfalls ein Lächeln nicht verkneifen. „Nun, hat es nicht, oder?", verteidige ich mich.

Betty jedoch wirft mir nur einen weiteren finsteren Blick zu und nimmt einen tiefen Zug an ihrer Zigarette.. „Ich befinde mich auf einem Cunard-Schiff auf dem Weg von Nordamerika nach England", stellt sie fest, „das letzte, woran ich erinnert werden will, ist die verflixte Lusitania!"

Womit sie irgendwie natürlich Recht hat. Es ist erst fünfzehn Monate her, dass die Lusitania vor der irischen Küste von einem U-Boot versenkt wurde und über tausend Menschen in ein nassen Grab mit hinab gezogen hat. Unser Schiff, die Ascania, ist zwar ungleich kleiner, und wir sind in Montreal abgefahren und nicht in New York, aber gewisse Parallelen sind nicht von der Hand zu weisen.

„Allerdings sind wir Offizierinnen der kanadischen Armee", bemerkt Polly währenddessen mit einem feinen Lächeln, „man könnte also argumentieren, dass unser Schiff so zivil gar nicht ist."

„Wir sind Nichtkombattanten. Die Genfer Konvention verbietet, dass man uns etwas antut", weist Betty diesen Einwand sofort zurück. Demonstrativ zupft sie am Kragen ihrer marineblauen Ausgehuniform.

Polly aber lacht nur. „Genau. Und ich bin mir sicher, jeder deutsche U-Boot-Kapitän wird sich das von dir gerne völlig geduldig erklären lassen, bevor er seinen Torpedo abfeuert", spöttelt sie.

„Bei meinem Deutsch wird er auch ziemlich viel Geduld brauchen", erwidert Betty kichernd.

Dann, wie auf Kommando, wenden sich beide wieder mir zu. Ich kenne die beiden erst seit vier Wochen, aber ich habe schon unzählige Male miterlebt, wie sie sich ohne Worte verständigen können. Den Erzählungen nach waren sie schon in der Schule unzertrennlich, haben ihre Krankenschwesterausbildung gemeinsam gemacht und sich zusammen zur Armee gemeldet.

Mich dagegen haben sie irgendwie adoptiert, was nett von ihnen war, schätze ich. Außer uns sind noch drei andere Krankenschwestern an Bord, aber die sind fünfzehn oder zwanzig Jahre älter als ich und können mit mir ungefähr so wenig anfangen wie ich mit ihnen. Ich bin also ziemlich dankbar, dass Polly und Betty scheinbar entschieden haben, mich als kleine Schwester zu betrachten, für wie lange auch immer wir zusammen bleiben werden.

Eine Welle klatscht gegen das Schiff und lässt es etwas rollen. Wir hatten bisher eine relativ ruhige Überfahrt, aber ich habe besonders Polly im Verdacht, nicht allzu seefest zu sein.

Tatsächlich streckt sie sofort eine Hand nach der Reling aus und hält sich daran fest. Als sie meinen Blick bemerkt, funkelt sie mich an – niemand kann so funkeln wie Polly, mit Ausnahme vielleicht von meiner Schwester Nan. „Ich verstehe wirklich nicht, wie dir das so gar nichts ausmachen kann", murmelt sie, halb zu mir und halb zu sich selbst.

„Ich bin auf einer Insel aufgewachsen. Ich kenne das Meer", entgegne ich schlicht. Denn es mag zwar meine erste Atlantiküberfahrt sein, aber ich bin am Meer groß geworden und die Schifferboote, auf denen meine Geschwister und ich als Kinder manchmal mit raus fahren durften, wurden dabei deutlich stärker gebeutelt als der Ozeandampfer unter uns.

Polly und Betty dagegen sind Stadtkinder, haben noch nie wo anders gelebt als in Montreal. Auch ich war die letzten drei Jahre für meine Schwesternausbildung dort – wiewohl auch an einem anderen Krankenhaus als die beiden –, aber ich vermute, man kann das Mädchen von der Insel nehmen, aber die Insel nicht aus dem Mädchen. Ich habe sehr lange nicht mehr so gut geschlafen wie auf diesem Schiff und erst heute Morgen ist mir bewusst geworden, dass es daran liegt, dass ich das Meer vermisst habe.

„Dafür hättest du mich mal sehen sollen, als ich meinen ersten Fahrstuhl betreten sollte", füge ich mit einem bedeutungsvollen Grinsen hinzu. Betty lacht und Polly schafft zumindest ein Lächeln, während eine weitere Welle gegen das Schiff schlägt.

„Dann war es das, was du gemacht hast?", fragt Betty dann, „Zwiesprache mit dem Meer gehalten?" Sie pustet eine Rauchwolke aus, die vom Wind davon getragen wird.

Ich zucke mit den Schultern, denke kurz nach, bevor ich antworte: „So etwas in der Art. Ich vermute, ich habe versucht, am Horizont abzulesen, was auf uns zukommt."

„Und, erfolgreich?", will Polly sofort wissen.

„Wie man es nimmt", erwidere ich langsam, „wenn ja, dann wird es ziemlich neblig werden…" Dieses Mal lacht sogar Polly.

„Aber jetzt mal ernsthaft. Was glaubt ihr, wo sie uns hinschicken?", will Betty derweil wissen.

Nachdenklich verzieht Polly das Gesicht. „Ich kann mir gut vorstellen, dass wir erst einmal in England bleiben. Sie müssen ja rausfinden, ob wir als Krankenschwestern etwas taugen. Aber danach hoffe ich schon, dass ich näher ran komme", erklärt sie.

„Vielleicht dürfen wir ja sogar in die Mittelmeerregion", überlegt Betty aufgeregt, „das stelle ich mir aufregend vor!"

„Glaub mir, da willst du nicht hin", versichere ich ihr und ernte zwei fragende Blicke.

Also erläutere ich: „Mein Bruder Jem ist dort stationiert. Er hat schon alles gesehen – zuerst war er ein paar Monate in London, dann in Frankreich, bevor sie sein Krankenhaus nach Limnos verlegt haben. Keine vier Wochen später hatte er erst einmal die Ruhr, glücklicherweise nicht allzu schlimm. Mit dem schönen Wetter war es allerdings nicht viel her. Ihnen sind die Zelte richtgehend im Schlamm versunken. Und es gab weder genug zu Essen noch genug sauberes Wasser. Und die ganze Zeit über kamen die Verwundeten von den Dardanellen rein. Jem hat geschrieben, unter so miserablen Bedingungen hat er noch nie gearbeitet."

„Jem ist der Arzt, oder?", vergewissert Polly sich.

Ich nicke zur Bestätigung. „Seit Anfang des Jahres ist er auf dem griechischen Festland", fahre ich fort, „dort scheint es etwas besser zu sein als auf Limnos, aber obwohl er tapfer vom Sonnenschein und der exotischen Altstadt von Salonika berichtet, liest die Krankenschwester in mir trotzdem nur ‚Hitze, Dreck, Fliegen und Krankheiten.' Vor allem Ruhr und Malaria grassieren dort offenbar."

Jetzt erst bemerke ich den spekulativen Blick, mit dem Polly mich beäugt. Für einen Moment ist mir nicht klar, was sie mir damit sagen will, aber als ich begreife, muss ich unwillkürlich lachen. An meinen Schilderungen von der Arbeitssituation in Salonika liegt es auf jeden Fall nicht!

„Jem ist verheiratet", betone ich, „mit zwei kleinen Kindern! Und wäre er es nicht, er würde trotzdem keine andere Frau ansehen als Faith."

Polly seufzt theatralisch. „Ja, das sagtest du", stellt sie fest.

„Aber es gibt doch noch mehr Brüder, oder?", erkundigt Betty sich, um einen möglichst unschuldigen Gesichtsausdruck bemüht.

Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen, als ich antworte: „Ich kann euch bei Gelegenheit Shirley vorstellen, wenn ihr möchtet." Auch wenn ich mir, ganz ehrlich, nicht vorstellen kann, dass der ruhige, kluge Shirley den beiden mit etwas anderem als höflichem Unverständnis begegnen wird.

„Auch Arzt?", will Polly sofort wissen.

„Ingenieur", korrigiere ich, „er ist bei den Pioniertruppen."

„Auch gut", gibt sie achselzuckend zurück, „dann stell ihn doch Betty hier vor und ich nehme den gutaussehenden Dunkelhaarigen von dem einen Foto. Wie hieß er noch?"

Kopfschüttelnd sehe ich sie an. „Walter ist Priester. Katholischer Priester", erinnere ich sie.

Polly allerdings ist unverzagt. „Nichts, was sich nicht ändern ließe", entgegnet sie mit einem richtgehend teuflischen Lächeln.

„Pol-ly! So etwas kannst du doch nicht sagen!", kommt augenblicklich die Schelte von Betty, die von Natur aus etwas mehr Skrupel hat.

Lachend tätschelt Polly ihr die Wange. „So unschuldig", neckt sie und fängt sich dafür einen finsteren Blick.

„Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich glauben, ihr gebt euch nur mit mir ab, weil ich Brüder habe", bemerke ich und hebe eine Augenbraue.

„Gut beobachtet", schießt Polly, immer schlagfertig zurück, „wofür sonst sind wir schließlich Krankenschwestern geworden, wenn nicht, um uns einen hübschen Offizier zu angeln?"

Betty schüttelt tadelnd den Kopf. „Hör nicht auf sie", fordert sie mich auf, „wir sind natürlich hier, um unseren Jungs zu helfen und nicht, um zu heiraten. Zumindest nicht in erster Linie."

„Hah!", macht Polly, der die Einschränkung nicht entgangen ist, „da hast du es. Helfen wollen wir alle, aber es hätte auch keine von uns etwas dagegen, von einem gutaussehenden Fremden in Uniform erobert zu werden, oder?"

Ehrlich gesagt, ich schon.

Also, ‚etwas dagegen haben' ist vielleicht ziemlich hart ausgedrückt, aber das ganze Konzept von ‚Heiraten' und darauf folgend dann ‚Kinder kriegen' ist mir ziemlich fremd und etwas suspekt. Was vielleicht daran liegen mag, dass ich jünger bin als meine beiden Reisegefährtinnen, aber Faith war bei ihrer Hochzeit auch nur ein Jahr älter als ich jetzt und sie scheint es zumindest nie bereut zu haben.

Allerdings hatten sie und Jem letzten Monat ihren dritten Hochzeitstag und haben nur ein einziges Jahr davon tatsächlich zusammen verbracht. Jem, wie Jem so ist, hat keine Zeit verloren sich im August '14 zu melden. Zurückgelassen hat er neben Faith auch ihren damals drei Monate alten Sohn Ian. Als Sara im darauffolgenden April geboren wurde, war ihr Vater längst in Frankreich.

Bevor ich jedoch etwas sagen kann, fegt ein Windstoß fährt über das Deck. Wir beeilen uns alle drei, unsere identischen, blau bebänderten Panamahüte festzuhalten, bevor sie über die Reling und auf Nimmerwiedersehen davon getragen werden. Keine von uns will einer gestrengen Oberschwester erklären müssen, wie wir es geschafft haben, schon vor unserer Ankunft in England Teile unserer Uniform zu verlieren.

„Na kommt, lasst uns reingehen", schlägt Betty vor, während sie ihren Zigarettenstummel über Bord schnippt, „die Wolken da hinten gefallen mir nicht und die Stewardess hat ohnehin gesagt, es werden noch ein oder zwei Tage vergehen, bis wir Land sehen können."

„Hmh… die irische Küste", murmelt Polly mit unheilverkündendem Unterton und einem klaren Verweis auf unser vorheriges Gespräch über die Lusitania. Dem Schlag, den Betty daraufhin gegen ihren rechten Oberarm richtet, weicht sie lachend aus.

Wir beeilen uns, unter Deck zu kommen, denn die Wolken, die am Horizont damit begonnen haben, die Augustsonne zu verdunkeln, sehen tatsächlich recht bedrohlich aus. In der Lounge finden wir ein Plätzchen neben dem Fenster in einigem Abstand zu anderen Passagieren.

Polly verliert keine Zeit, mich erneut ins Visier zu nehmen. „Denk nur nicht, mir wäre der skeptische Blick da eben entgangen, Blythe", verkündet sie, „warum also hast du dich zur Armee gemeldet, wenn nicht zumindest teilweise, um einen Mann zu finden?"

Ja, warum habe ich das?

Nachdenklich runzele ich die Stirn, suche nach einer guten – einer richtigen – Antwort. „Ich vermute", antworte ich dann zögerlich, „ich vermute, ich wollte einfach etwas sinnvolles tun. Etwas, mit dem ich irgendetwas ändern kann und sei es noch so klein."

Beide, Polly und Betty, nicken, was mich nicht überrascht. Denn trotz ihres flapsigen Geredes über gutaussehende Offiziere, weiß ich, dass auch bei ihnen die Motivation deutlich tiefer geht.

„Und dagegen lässt sich absolut nichts sagen", bekräftigt Betty dann auch.

Unwillkürlich ziehe ich eine kleine Grimasse. „Ich wünschte, das hätten meine Eltern genauso gesehen", murmele ich, fast mehr zu mir selbst als zu den beiden.

Den guten Ohren von Polly, stets gespitzt, damit ihr auch ja nichts entgeht, ist mein Gemurmel jedoch nicht verborgen geblieben. Aufmerksam sieht sie mich an und fragt: „Warum? Waren deine Eltern dagegen, dass du dich meldest?"

„Ehrlich gesagt waren sie schon dagegen, dass ich überhaupt Krankenschwester werde", gebe ich zu.

Betty blinzelt überrascht, Polly jedoch nickt wissend. „Weil gute kleine Töchter an Heim und Herd gehören, nicht wahr?", bemerkt sie und ich habe das Gefühl, dass ihr dieses Argument nicht ganz fremd ist.

Auf mich jedoch trifft es nicht zu, so gerecht muss ich meinen Eltern gegenüber sein. „Nein, das war es nicht", erkläre ich also, „meine Mutter hat studiert und meine Schwestern ebenfalls. Wir waren alle irgendwann mal als Lehrerinnen tätig. In unserer Familie hat niemand etwas dagegen, dass Frauen lernen oder auch arbeiten. Es ist mehr…" Ein wenig hilflos breche ich ab.

„Ja?", ermutigt Betty mich, meine Überlegungen weiter auszuführen.

Ich zucke mit den Schultern, versuche es aber doch: „Naja, ein Englischstudium ist die eine Sache. Es ist harmlos. Eine Krankenschwesterausbildung ist dagegen etwas ganz anderes. Euch muss ich das nicht erklären und mein Vater wusste das natürlich auch. Als Arzt hat er eine gute Vorstellung von dem, was eine Krankenschwester tut, auch von den nicht zu schönen Seiten und ich vermute… naja, wahrscheinlich wollte er mich davor schützen."

„Klingt plausibel", erwidert Betty nachdenklich.

Wie üblich ist Polly mit ihrer Frage schon einen Schritt weiter: „Wieso haben sie dann doch zugestimmt?"

„Sie haben schlich nicht geglaubt, dass ich es durchhalte", antworte ich mit einem kleinen Grinsen, „zugegeben, ich war nicht unbedingt bekannt für mein Talent bekannt, sonderlich lange bei einer Sache zu bleiben. Und, ich meine, eine Schwesternausbildung… die harte Arbeit, die langen Tage, den vollen Schlafsaal, die Schicksale – ich habe damals überhört wie Dad zu Mum gesagt hat, dass ich nach ein paar Wochen vermutlich alles hinwerfe. Auch wenn, ehrlich gesagt, meine Eltern mich dann doch unterstützt haben, nachdem sie gemerkt haben, dass ich vorhatte, es durchzuziehen und es mir sogar Spaß gemacht hat – also, außer dem Schrubben."

„Grund genug, es nicht zu tun", stellt Polly mit funkelnden Augen fest.

Sie ist ein Mädchen ganz nach meinem Sinne, Polly.

Nickend bestätige ich: „Es gab Tage, die ich nur aus reiner Sturheit durchgehalten habe. Ihr wisst, was für Tage ich meine. Die, an denen die Arbeit nicht endet und man Dutzende Bettpfannen putzt und Hunderte Schrankknöpfe poliert und bis zum Abend nicht einen sinnvollen Handschlag getan hat und trotzdem völlig erschöpft mit schmerzenden Füßen und geschundenen Händen ins Bett fällt. An solchen Tagen war ich manchmal kurz davor, tatsächlich alles hinzuschmeißen. Und dann habe ich daran gedacht, dass meine Eltern erwarten, dass ich aufgebe und habe es nur deswegen nicht getan, weil ich zu störrisch war um ihnen Recht zu geben."

Das ist nämlich noch so eine Wahrheit: Ich bin Krankenschwester geworden, um mich von meinen Schwestern abzusetzen. Und ich bin Krankenschwester geblieben, um es meinen Eltern zu zeigen. Keine Ahnung, was das über mich aussagt.

„Bettpfannen putzen ist schon sinnvoll", merkt Betty vorsichtig an, „nicht schön, aber notwendig."

Polly wedelt den Einwand mit einer Hand zur Seite. „Und liege ich richtig in der Annahme, dass deine Eltern nicht gerade Feuer und Flamme waren, als du dann ausgerechnet zur Armee gehen wolltest?", erkundigt sie sich.

„Goldrichtig", gebe ich zurück, „sie waren sogar kategorisch dagegen. Montreal war ihnen ja schon zu weit weg und da war wenigstens Shirley, um auf mich aufzupassen – zumindest bis nach einem Jahr der Krieg ausgebrochen ist und niemand mehr da war, wo er hingehörte. Europa stand dagegen völlig außer Frage."

„Aber du bist doch nicht…", beginnt Betty mit weit geöffneten Augen.

Ich beeile mich, den Kopf zu schütteln und sie zu beruhigen. „Ich wäre nicht gegangen ohne ihren Segen zu haben", versichere ich.

„Was hat sie dann umgestimmt?", will Polly wissen.

Gerne würde ich sagen, dass es an meinen beeindruckenden Verhandlungskünsten und meinen überzeugenden Argumenten lag, aber ich muss eingestehen, dass die Wahrheit woanders liegt.

„Mein Schwager ist im Führjahr verwundet worden. Danach haben sie mir ihre Zustimmung gegeben", erkläre ich, „das mag jetzt irgendwie herzlos klingen, aber es war so."

Beinahe ein hat Jerry in Übersee durchgehalten, davon sieben Monate in den Schützengräben Frankreichs, aber im April hat es ihn während der Kämpfe um die so genannten ‚St. Eloi-Krater' bei Ypern erwischt. Dankenswerterweise hat er wohl nur eine leichte Schrapnellverletzung am Arm, die vermutlich so ‚leicht' nicht sein wird, aber scheinbar doch wenigstens nicht tödlich.

„Jerry war der erste ‚unserer' Jungen, den es erwischt hat, wenn man von Jems Bekanntschaft mit der Ruhr im letzten September mal absieht", fahre ich fort, „das mit Jem war aber auch nicht sehr überraschend, denn was erwarten sie denn, wenn sie ihre Leute auf eine gottverdammte Insel irgendwo in der Ägäis schicken? Das mit der Ruhr war nur folgerichtig, auch Jem es gehasst haben muss, plötzlich Patient im eigenen Krankenhaus zu sein. Er meint, als Arzt müsse über solchen banalen Dingen stehen wie Darmerkrankungen. Er hat es uns dann auch erzählt, als er wieder gesund war, deswegen konnten wir uns gar keine Sorgen um ihn machen."

„Aber über Jerry habt ihr euch natürlich Sorgen gemacht", wirft Betty verständnisvoll ein.

Ich nicke. „Meine Schwester ist wochenlang herumgelaufen wie ein Geist", berichte ich und schaudere bei der Erinnerung an Nans dunkle Augen in ihrem schneeweißen Gesicht, „und wir anderen waren natürlich auch sehr besorgt, bis dann irgendwann dem Telegramm ein Brief von ihm selbst gefolgt ist. Danach wussten wir, dass er wieder in Ordnung kommt, aber irgendwie hat die Nachricht von seiner Verwundung trotzdem etwas verändert."

„Und deswegen haben deine Eltern dir die Zustimmung gegeben, dich zu melden?", vergewissert Polly sich.

„In gewisser Weise schon", erwidere ich, „ich vermute, Jerrys Verwundung hat uns irgendwie allen vor Augen geführt, dass es jeden unserer Jungen erwischen kann, jederzeit. Jem mag in Griechenland sein, aber Shirley und Walter sind beide in Frankreich und wenn auch nicht in vorderster Front, so doch auch nicht außer Gefahr. Und Jerrys Bruder Carl schippert mit der Royal Navy auf irgendeinem Meer herum, was bekanntlich auch nicht der sicherste Ort der Welt ist."

Betty verzieht das Gesicht bei dieser erneuten Erinnerung daran, dass auch wir auf einem Meer herumschippern und dabei den entsprechenden Unsicherheiten ausgesetzt sind. Polly, die hier unten wie üblich etwas mutiger und etwas weniger käsig ist als oben auf Deck, stößt ihr auch prompt einen Ellenbogen in die Seite und grinst vielsagen. Betty funkelt zurück.

Ich erlaube mir ein kleines Lächeln über die Mätzchen der beiden, bevor ich meine Erzählung zu Ende bringe: „Mir hat die Nachricht von Jerry das eine Argument geliefert, gegen das selbst meine Eltern nichts mehr vorbringen konnten. Selbst sie konnten nicht absprechen, dass ich in Europa viel mehr für meine Brüder werde tun können als wenn ein Ozean zwischen uns liegt. Außerdem, glaube ich, sie haben gemerkt, dass ich mich wirklich melden möchte und es nicht nur eine romantische Idee ist. Es ist… also, ich meine, ich bin ausgebildet, habe niemanden, der mich braucht… es gibt keinen Grund für mich, nicht zu gehen. Wäre ich in Kanada geblieben, hätte es sich so angefühlt, als hätte ich meine Brüder im Stich gelassen. Meine Eltern, glaube ich, haben das gemerkt und es hat sie am Ende überzeugt, mich gehen zu lassen. Und es ist auch der eigentliche Grund, warum ich hier bin, schätze ich."

Denn ich habe mit zur Armee gemeldet, habe dieses Schiff betreten und werde alles tun, was man dort drüben von mir erwartet, in der naiven, vermutlich fehlgeleiteten Hoffnung, dass ich irgendetwas für diejenigen werde tun können, die vor mir gegangen sind.


Der Titel dieses Kapitels ist dem Lied „Oh! It's a lovely war" aus dem Jahr 1917 entnommen (Text und Musik von J.P. Long und Maurice Scott).