16. April 1919
RMS Olympic, atlantischer Ozean

Though time may let us sometimes forget

„Ich habe gehört, wir sollen in fünf Tagen schon in Halifax sein", bemerkt Colette und lehnt sich neben mich gegen die Rehling.

„Hmh, sieht so aus", bestätige ich und werfe ihr einen kurzen Blick zu, bevor ich mich wieder dem endlosen Blau des Atlantischen Ozeans zuwende. Wir sind gestern von Southampton aufgebrochen und seitdem wie die irische Küste in unserem Rücken gelassen haben, liegt vor uns nichts als das Meer.

Wenigstens gibt es keine U-Boote mehr. Und wenigstens habe ich Colette bei mir.

Ob es reiner Zufall war, dass ich auf dem gleichen Schiff bin wie sie, oder ob jemand sich die Einheiten angeguckt hat, die für Überfahrt 49 eingeteilt waren und festgestellt hat, dass ich einmal mit einer von ihnen gedient habe, weiß ich nicht. Aber was auch immer der Grund war, als ich gestern an Bord der Olympic gegangen bin, bin ich mit einem fröhlichen „Îlienne!" begrüßt worden und wusste, ohne mich umzubringen, dass ich fast drei Jahre nach meiner Hinfahrt nun auch meine Rückfahrt nach Kanada unter Freunden verbringen würde.

„Du musst zu meiner Hochzeit kommen", verkündet Colette jetzt ohne Umschweife und es ist sofort klar, dass dies weder Einladung noch Frage ist. Es ist ein Befehl, dem nicht zu folgen keine Option ist.

Ich nicke allerdings nicht nur deswegen. „Sicher werde ich das", verspreche ich und wende mich vom Meer ab, damit ich sie besser ansehen kann.

„Du weißt doch noch gar nicht, wann und wo es sein wird", protestiert sie stirnrunzelnd.

„Weil es keinen Unterschied macht", erwidere ich, „egal wann und wo du heiratest, ich werde da sein. Du warst schließlich auch für mich da, oder?"

Kurz überdenkt Colette das, dann nickt sie entschieden. „Stimmt. Und die Oberschwester hat es mich noch wochenlang fühlen lassen, dass es ihr gar nicht gefallen hat, dass ich den Urlaubstag gegen ihren Willen durchgedrückt habe", bemerkt sie dann und zieht eine Grimasse, die fraglos für die abwesende Oberschwester bestimmt ist.

„Na siehst du. Wenn du solche Opfer bringst, dann ist es keine Frage, dass ich auch für dich da sein werde", versichere ich.

„Willst du nicht trotzdem wissen, wann und wo es sein wird?", fragt sie und klingt so skeptisch dabei, dass ich unwillkürlich lachen muss.

„Sicher doch", stimme ich also zu.

„Im Mai. In Montreal", ist ihre Antwort.

Und sofort muss ich daran denken, dass Polly mich gebeten hat, an ihrer statt zu Bettys Familie zu gehen, wenn ich einmal in Montreal bin. Es sieht nicht aus als würde Polly in den nächsten Jahren nach Kanada zurückkehren und ich vermute, irgendjemand muss es tun, und doch… ich hatte gehofft, dieser Kelch würde an mir vorüber gehen. Nicht nur, weil es eine traurige Begegnung werden wird, sondern auch weil ich das Gefühl habe, dass es mir nicht zusteht. Ich kannte Betty nur so kurz und habe selbst viel weniger Zeit für diese Freundschaft gehabt als ihr zugestanden hätte. Wie soll ich da ihrer Familie gegenübertreten?

Aber Polly hat gefragt und ich habe es versprochen und ein Versprechen hält man. Irgendwie werde ich daher auch dieses Versprechen erfüllen. Ich weiß noch nicht, wie, aber irgendwie werde ich es schaffen müssen. Ich schulde es beiden, Betty und Polly, dass ich es tue.

„Rilla?", fragt Colette und lässt mich hochschrecken.

Sie betrachtet mich fragend und ich schüttelte eilig den Kopf. Kein Grund, ihr damit die Laune zu verderben. „Nichts, alles gut. Ich bin nur abgedriftet", versichere ich also.

Colettes Blick bleibt skeptisch, aber sie nickt langsam. Um weiteren Fragen vorzubeugen, erkundige ich mich meinerseits rasch: „Also, Montreal. Warum nochmal Montreal?"

Denn immerhin kommt Maurice von der Gaspé-Halbinsel und Colette ist am St. Lorenz-Strom aufgewachsen, irgendwo nördlich von Quebec City, wohin sie damals dann auch für ihre Ausbildung hingegangen ist. Soweit ich weiß hat keiner von beiden eine direkte Verbindung zu Montreal.

„Weil wir dort leben werden", erklärt Colette bereitwillig, „die Schwester des Ehemanns einer meiner Cousinen arbeitet als Fahrkartenkontrolleurin in Montreal und hat Maurice einen Job als Straßenbahnfahrer besorgt. Er ist schon seit letztem Monat dort und versucht gerade, uns eine permanente Bleibe zu suchen, die halbwegs bezahlbar ist, bei der uns aber auch nicht das Dach über den Köpfen hereinzubrechen droht. Ich werde noch eine kleine Stippvisite bei Onkel und Tante einlegen und sobald ich in Montreal bin, heiraten wir."

„Straßenbahnfahrer?", frage ich, nur teilweise weil ich nicht weiß, was ich zu dem Wunsch nach einer bezahlbaren und trotzdem bedachten Bleibe sagen soll.

Colette zuckt mit dem Schultern. „Es ist ein Job", stellt sie pragmatisch fest, „klar mag er Autos lieber als Straßenbanen, aber im Moment können wir froh sein, dass er überhaupt so schnell etwas bekommen hat. Er hofft, langfristig vielleicht in den Werkstätten unterzukommen, wo sie die Bahnen warten. Und der große Traum ist, dass er irgendwann seine ganz eigene Werkstatt aufmachen kann um Autos zu reparieren. Ich halte das ja nun nicht für realistisch aber er schwört darauf, dass das Auto das Fahrzeug der Zukunft sein wird."

„Tja, was Autos angeht ist Maurice der Experte", erwidere ich, denn ehrlich gesagt habe ich mir darüber noch nie Gedanken gemacht.

„Vermutlich. Zumindest ist er fasziniert genug von ihnen", entgegnet Colette mit einem kleinen Augenrollen, das mir ein Lächeln entlockt.

Zur Erwiderung blitzt auch in Colettes Gesicht ein amüsiertes Lächeln auf. „Und ich werde mir irgendwo Arbeit als Krankenschwester suchen", fährt sie dann fort, „die Krankenhäuser mögen verheiratete Schwestern keinen Deut lieber als die Armee, aber Montreal ist so groß, da werde ich wohl als private Krankenschwester genug Arbeit finden. Und wer weiß? Mit zwei Gehältern und dem, was wir in den letzten Jahren gespart haben, und der Abfindung, die die Armee zahlt, kriegt Maurice seine Werkstatt vielleicht wirklich irgendwann."

„Da wäre er bestimmt im siebten Himmel. Den ganzen Tag schrauben", stelle ich fest.

Colette lacht. „Klar. Seine Wäsche darf er dann aber schön selbst machen", verkündet sie, „Öl kriegt man noch schlechter raus als Blut."

Der Trick mit Blut ist natürlich, kaltes Wasser zu nehmen. Wie man Ölflecken herausbekommt habe ich allerdings auch keine Idee.

„Und ihr?", fragt Colette derweil, das Fleckenthema hinter sich lassend, „Toronto?"

Ich nicke langsam. „Ja, Toronto. Ich war noch nie da, aber Persis hat versichert, dass es eine schöne Stadt ist. Ich lasse mich also überraschen", erkläre ich mit einem schiefen Lächeln.

Colette wird augenblicklich munter. „Ihr könntet nach Montreal kommen", schlägt sie eifrig vor, „Montreal kennst du immerhin schon."

„Stimmt", gestehe ich zu, „allerdings ist Kens Familie in Toronto und sie haben dort auch irgendein Unternehmen, das aktuell sein Onkel führt, aber das er langfristig übernehmen soll. Es macht schon Sinn für uns, nach Toronto zu gehen, vermute ich. Auch wenn ich dich und Maurice auch lieber in meiner Nähe hätte."

„Wie weit ist es von Montreal nach Toronto? Zwölf Stunden mit dem Zug?", erkundigt Colette sich stirnrunzelnd.

„So in der Art, glaube ich", erwidere ich, nicht ohne Bedauern. Nun werde ich in Toronto meine Schwestern haben und zumindest für eine Weile, wohl auch Persis. Aber ich hätte es trotzdem schön gefunden, Colette öfter sehen zu gehen als ein paar Mal im Jahr, zumal Polly ja nun dauerhaft in die Rolle der Brieffreundin gerutscht ist.

An ihrem Seufzen erkenne ich, dass Colette das ähnlich sieht wie ich, aber dann strafft sie die Schultern und ruft sich erkennbar zur Ordnung. „Dann werden wir eben Anlässe finden, einander zu besuchen", erklärt sie dann, „du kommst zu meiner Hochzeit und ich werde spätestens im Herbst kommen und dein Baby kennenlernen."

Aha.

„Du hast es also mitbekommen", stelle ich fest und versuche mich an einem Lächeln, das ziemlich schief gerät.

Colette zuckt unbeeindruckt mit den Schultern. „Du versteckst es nicht ganz schlecht, aber wenn man ein bisschen Ahnung hat, wonach man gucken muss, ist es ziemlich offensichtlich", informiert sie mich.

Womit sie vermutlich Recht hat.

„Und?", fragt Colette dann und sieht mich aufmerksam von der Seite an, „freust du dich?"

Es mag irrational sein, aber irgendwie bin ich ihr plötzlich unglaublich dankbar dafür, dass sie nicht einfach davon ausgeht, dass mich das alles automatisch überglücklich machen müsste. „Es ist… ziemlich viel, an das man sich gewöhnen muss", antworte ich langsam.

„Aber?", souffliert Colette und zieht beide Augenbrauen hoch.

„Aber alles in allem freue ich mich schon", vervollständige ich, sicherer jetzt, und fühle, wie zusammen mit der Erinnerung an einen zarten, schnellen Herzschlag, auch ein Lächeln in mir hochsteigt.

Colette nickt zufrieden, als sie das sieht. „Dann bin ich auch froh", verkündet sie, „und ich vermute mal schwer, der verfluchte Kenneth Ford ist es ebenso?" Sie wackelt mit den Augenbrauen und ich muss lachen bei der Erinnerung, wie mein Mann an diesen Namen gekommen ist.

„Er ist ziemlich glücklich darüber, ja", bestätige ich dann mit einem Lächeln.

„Nun, das will ich ihm auch geraten haben", erwidert Colette, reckt dann den Kopf etwas, „wo steckt er eigentlich schon wieder? Ich habe ihn kaum gesehen, seitdem wir auf diesem Schiff sind."

Ich zucke kurz mit den Schultern. „Vermutlich irgendwo mit Matt Irving und den anderen Offizieren", erkläre ich, „sie sind immer noch ziemlich beschäftigt mit allerlei Papierkram und so, glaube ich."

Colette schnaubt missbilligend und ich kann ihr nicht einmal widersprechen. Auch ich würde gerne mehr Zeit mit Ken verbringen, wo doch schon glückliche Fügung oder eine gnädige höhere Macht uns auf das gleiche Schiff geführt haben. Dennoch – fünf Tage und dann ein Leben. Fünf Tage kriege ich auch noch herum, zumal wir in jedem Fall zumindest die Nächte gemeinsam haben.

Wie erwartet wird es auch an diesem Tag wieder spät, bevor ich Ken wiedersehe. Lediglich beim Abendessen kann ich ihm und Matt kurz zuwinken, bevor Dr. MacIver ohne viel Federlesen meine Anwesenheit an seinem Tisch verlangt. Es dauert eine ganze Weile, bevor der gute Doktor mich gehen lässt und so ist Ken bereits in unserer Kabine, als ich dort eintreffe.

Es ist, das muss man sagen, eine sehr ansehnliche Kabine. Nun befindet sich die Olympic, Schwesterschiff der unglücklichen Titanic und Britannic, im Modus als Truppentransporter, aber trotzdem kann sie ihre eigentliche Verwendung als Luxusschiff nicht verleugnen. Da Ken einer der ranghöchsten Offiziere auf dem Schiff ist, hat er eine geräumige, durchaus luxuriöse Kabine zugeteilt bekommen. Mir hätte eigentlich ein Platz in einer normalen Zweierkabine mit einer anderen Krankenschwester zugestanden, aber Ken hat, noch bevor wir gestern abgelegt sind, meinen Umzug in seine Kabine organisiert. Da es auf diesem Schiff nicht viele Offiziere seines Ranges gibt und ich jedem von ihnen ordentlich vorgestellt wurde, ging das sogar relativ problemlos.

Als ich jetzt die Kabine betrete, die nur von einer einzelnen Lampe erhellt ist, sitzt Ken am Schreibtisch in einer Ecke und blickt tief konzentriert hinab. Erst als er mich näher kommen hört, hebt er den Kopf und lächelt mich an. „Hallo mein Liebling", grüßt er, „wie geht es dir?"

Ich trete hinter ihn, schiebe ihm die Arme über die Schultern. „Alles gut", versichere ich dann und recke etwas den Hals, „was machst du da?"

Noch während ich spreche, haben Kens Hände bereits damit begonnen, die vor ihm ausgebreiteten Papiere zusammenzuschieben. „Ach, das ist gar nichts", erwidert er, „ich habe nur –"

Abrupt bricht er ab. Auch die Hände halten plötzlich inne. Das Licht der Lampe lässt Schatten wie Gedanken über sein Gesicht huschen. Es dauert ein paar Sekunden, aber dann scheint er sich einen Ruck zu geben. Seine Hände machen ihre vorherige Arbeit zunichte, breiten die Papiere wieder auf dem Tisch aus.

„Ich habe gezeichnet", erklärt er dann, „willst du es sehen?" Da ist etwas Verhaltenes in seiner Stimme und in seinem Blick, und für einen Moment verharre ich, aber dann beuge ich mich weiter vor, um zu sehen, was dort auf dem Schreibtisch liegt.

Es sind in der Tat Zeichnungen. Manche auf dickes, blassgelbes Zeichenpapier aufgebracht, andere auf bloße Papierfetzen oder auf Blätter, durch die die auf die Rückseite getippten Armeebefehle hindurchscheinen. Ungeachtet ihres Untergrunds haben jedoch alle Zeichnungen unbestreitbare Gemeinsamkeiten. Zum einen ist da die bestechende Einfachheit der Ausführung, nur Kohlestift auf Papier, zum anderen ihre absolute Detailtreue.

Und, ja und dann ist da noch das Motiv, das sie alle eint. Jedes einzelne der Bilder, die vor mir ausgebreitet sind, zeigt die Wahrheit des Krieges in einer Schonungslosigkeit, die mich frösteln lässt.

Eine Gruppe Soldaten, im Schützengraben zusammengekauert gegen den Regen. Eine Granate, die im Niemandsland explodiert. Zwei Männer mit Gasmasken, die sie kaum mehr menschlich erscheinen lassen. Ein Flugzeug, das viel zu tief über den Boden fliegt. Ein geschundener Körper, der im Stacheldraht hängt. Ein zerstörtes Dorf, kaum noch als solches zu erkennen. Sanitäter, die auf einer Trage einen Verwundeten heranschleppen. Ein einsamer Baum, der sich im Niemandsland erhebt. Ein Mann, der bis zur Hüfte im Schlamm feststeckt. Ein Pferdegespannt, das sich an einer Kanone abmüht. Mehrere Dutzend Leichen, fein säuberlich aufgereiht. Ein Panzer, der schonungslos nach vorne rollt. Eine Wolke aus Gas, die den Horizont verdecke. Ein deutscher Soldat, der sich in einen Granattrichter drückt. Ein einzelner Schuh, in dem noch Fuß und Unterschenkel stecken. Soldaten, die aus dem Graben klettern mit dem Bajonett im Anschlag. Ein windschiefes Holzkreuz, halb in der Erde versunken.

Wenn Walter mit seinen Gedichten die tröstende, ehrenvolle Seite dieses Krieges – oder vielleicht besser, der Menschen in diesem Krieg – auf Papier gebannt hat, so sprechen diese Zeichnungen eine andere Sprache. Sie sind erbarmungslos in ihrer Detailliertheit und beinahe schmerzhaft darin, wie sie den Blick unverwandt auf die Wahrheit des Krieges richten, auch wenn man eigentlich lieber wegsehen würde.

Mit der Spitze meines Zeigefingers fahre ich die Konturen des Gesichtes eines müde dreinblickenden Gefreiten nach, der sich in einen niedrigen Unterstand drückt. Unter seinem Stahlhelm blickt er direkt aus dem Bild heraus, auf eine Art, die einen beinahe glauben machen könnte, er wäre wirklich hier – oder wir bei ihm.

„Ich wusste nicht, dass du so gut zeichnen kannst", murmele ich, denn für den Moment scheint mir das der einfachste Kommentar zu sein, und außerdem wusste ich es wirklich nicht. Zwar habe ich ihn in der Vergangenheit genug kleine Zeichnungen in die Ecken irgendwelcher Papiere skizzieren sehen, aber diese Bilder hier übersteigen das deutlich.

„Meine Mutter ist viel besser", antwortet Ken achselzuckend, „sie hat viele Jahre Malunterricht genommen, eigentlich seitdem mein Vater kurz nach ihrer Hochzeit entdeckt hat, was für ein Talent sie hat. Sie malt die wunderschönsten Bilder mit Ölfarben und Aquarellen. Im Vergleich dazu sind das hier kaum Kritzeleien."

Natürlich kenne ich die Bilder aus Leslie Fords Hand, die im Traumhaus von Four Winds hängen und auch in so manch anderem Haus auf unserer Insel, in dem eine verwandte Seele lebt. Und obwohl es wunderschöne Bilder sind, bunt und fröhlich und sehr hübsch anzusehen, so fehlt ihnen doch die rohe Ehrlichkeit, die Verwundbarkeit, von Kens Kohlestiftzeichnungen.

„Dennoch, ich hatte das Glück, etwas von ihrem Talent zu erben", fährt Ken gerade fort, „alle denken immer, ich müsste schreiben können, weil man Vater Schriftsteller ist, aber im Schreiben war Persis immer so viel besser als ich. Worte kommen leicht zu ihr. Zu mir dagegen… mir fällt das Zeichnen leichter, ohne dass ich dabei jemals das Talent meiner Mutter erreichen würde."

Darüber könnte man sicherlich argumentieren, und ich überlege noch, ob ich es tun sollte, als ich abwesend das Bild des Gefreiten zur Seite schiebe und augenblicklich jegliche Argumente vergesse. Darunter kommt das gestochen scharfe Bildnis eines anderen Mannes zu Tage, in dessen Gesicht statt einer Nase nur ein Loch klafft. Dass ich bei dem Anblick nicht zusammenzucke liegt wohl nur daran, dass ich wahrlich schon genug verstümmelte Gesichter gesehen habe, manche davon sehr real und schrecklich nah.

„Wann hast du die hier gezeichnet?", frage ich Ken und mache eine kleine Handbewegung, die alle Zeichnungen auf dem Tisch einfasst. Der Mann ohne Nase blickt schweigend zu mir auf.

Ken macht ein nachdenkliches Geräusch. „Vieles davon noch an der Front", antwortet er dann, „die meisten Bilder basieren jedoch auf Erinnerungen an reale Situationen, mehr denn auf den Situationen selbst. Zumindest zeichne ich selten nach Modell. Es ist mehr… ich zeichne die Erinnerungen heraus. Wenn mich der Gedanke an eine Situation überkommt und nicht mehr loslassen will, dann zeichne ich sie und, aus welchen Gründen auch immer, es hilft ein wenig. Als ob eine Erinnerung, auf Papier gebannt, etwas von ihrem Schrecken verliert. Sie… sie quälen mich dann nicht mehr so, die Erinnerungen. Wobei heutzutage seltener bewusste Erinnerungen als Alpträume die Auslöser sind."

„Alpträume?", frage ich überrascht. Es verwundert mich ein wenig, dass er überhaupt Alpträume hat. Denn während ich ihn in den wenigen Nächten, die wir seit unserer Hochzeit gemeinsam hatten, bereits mehrmals aus dem Schlaf gerissen habe weil mich ein Alptraum überkommen hat, so hat Ken mich umgekehrt nicht ein einziges Mal geweckt.

Was ich gestern Nacht, als ich lange nach Mitternacht und weit vor Morgengrauen aufgewacht bin, bemerkt habe, ist jedoch, dass er im Schlaf die Namen der Toten aus seinem Notizbuch murmelt. Von der Liste der Toten, deren Namen zu lernen er sich als Buße auferlegt hat, und die ihn scheinbar bis in den Schlaf verfolgt. Denn auch wenn sie kaum verständlich waren, so leise hat er sie gemurmelt, so waren die Namen der Toten unmissverständlich.

Und deswegen überlege ich für einen Moment, ob ich Ken darauf ansprechen soll und entscheide mich doch dagegen. Falls er es weiß, ist er trotzdem machtlos. Falls er es nicht weiß, so ist es vielleicht besser so. Denn was sind seine Namen der Gefallenen anderes als meine Prozession an Toten, die mich zwar nicht mehr vom Schlafen abhält, aber dafür einen Weg in meine Träume gefunden hat?

„Natürlich habe ich Alpträume", antwortet Ken jetzt, die Stimme gefasst, „ich kann mir ehrlich gesagt kaum vorstellen, dass jemand aus diesem Krieg ohne Alpträume zurückkehrt und ich ganz sicher nicht. Bloß bin ich während und auch nach den Träumen wie… wie erstarrt. Ich vermute, deswegen merkt man es von außen nicht. Selbst wenn ich aufgewacht bin, bin ich jedes Mal für Sekunden und manchmal auch für ein oder zwei Minuten wie gefroren. Ich könnte mich nicht bewegen, wenn ich es wollte. Wenn es wieder geht, bin ich dann so wach, dass ich den Alptraum als solchen erkenne. Und dann zeichne ich ihn."

Ein Frösteln überläuft meinen Rücken als ich mir vorstelle, nach einem Alptraum zu erwachen und für einige schreckliche Momente nicht in der Lage zu sein, mich zu bewegen. Denn er mag es ganz sachlich schildern, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass es ihn wirklich so wenig bewegt. Unwillkürlich kuschele ich mich näher an Ken und sein Arm hält mich ebenfalls fester.

„Du kannst mich wecken. Wenn du möchtest", schlage ich vorsichtig vor.

„Ich weiß", versichert Ken, „aber eigentlich brauche ich das gar nicht. Es reicht schon, wenn ich aufwache und du liegst leben mir. Nichts vertreibt die Alpträume so zuverlässig wie das Wissen, dass wir zusammen und sicher sind."

Ich drehe den Kopf, um ihn ansehen zu können, und stelle zu meiner Erleichterung fest, dass er lächelt.

„Aber komm nicht auf die Idee, mich zu zeichnen während ich schlafe!", warne ich ihn, denn seien wir mal ehrlich, gibt es etwas gnadenlos Kitschigeres?

Und obwohl der Einwurf eigentlich scherzhaft gemein war, kann ich aus dem Augenwinkel sehen, wie das Lächeln auf Kens Gesicht verblasst. Nachdenklichkeit tritt an seinen Platz uns wieder braucht es einige Momente, bis er zu einer Entscheidung gekommen zu sein scheint. Statt jedoch etwas zu sagen greift er nach einer Zeichenmappe, schlägt sie auf und nimmt einen dünnen Stapel Papier heraus.

Schon der erste Blick sagt mit, dass dies tatsächlich Zeichnungen von mir sind. Statt dass es jedoch verliebte, weichgezeichnete Porträtzeichnungen sind von der Art, wie man sie wohl eher erwarten würde, bildet offenbar jede Zeichnung einen Moment ab, der für Ken schmerzhaft und irgendwie mit mir verknüpft war.

Die erste Zeichnung zeigt mich an einer Zigarette ziehend, hinter mir eine Wand aus Regen. Die letzte Zeichnung des Stapels zeigt nur meinen Rücken, leicht vornübergebeugt unter einem offen stehenden Kleid mit zahlreichen winzigen Knöpfen, die noch nicht verbergen, dass jeder Wirbel sich scharf unter der Haut abzeichnet. Und zwischen diesen Zeichnungen sind andere Bilder, die, jedes für sich, eine eigene Situation darstellen, und sich doch zu einem Kaleidoskop aus Schmerz zusammensetzen.

„Nenn mich altmodisch, aber ich dachte immer, man zeichnet und malt die Situationen, die einen glücklich machen", bemerke ich nachdenklich und sehe hinab auf die Zeichnungen, an denen nicht viel glückliches ist.

„Die glücklichen Erinnerungen will ich ja gerade nicht aus mir herauszeichnen", antwortet Ken langsam, „die behalte ich hier und hier." Er klopft sich kurz gegen den Kopf, dann auf die Brust, wo er wohl sein Herz vermutet, was jedoch eindeutig ein paar Zentimeter weiter unten liegt.

Mit einem kleinen Lächeln umfasse ich seine Faust und schiebe sie ein Stückchen nach unten. „Hier", verbessere ich und lasse meine Fingerspitzen kurz auf seinen Handrücken trommeln. Dann drehe ich den Kopf wieder zurück, lasse den Blick über die ausgebreiteten Zeichnungen schweifen.

Das hier, begreife ich, ist seine Art, zu erzählen. Vor vielen Monaten habe ich ihn einmal gefragt, warum er nicht über das spricht, was er erlebt und durchlitten hat. Viel gesprochen hat er darüber auch seitdem nicht, aber diese Zeichnungen und seine Entscheidung, sie mir zu zeigen, sind seine Art, die Erinnerungen mit mir zu teilen. Und, so schrecklich sie anzusehen sind, bin ich doch froh darüber.

Ich drehe mich wieder zum ihm um und gebe ihm einen sanften Kuss. „Danke, dass du mir die Zeichnungen gezeigt hast", bemerke ich leise.

„Danke, dass du sie dir angesehen hast", erwidert Ken ruhig, „ich wusste nicht, ob ich dich damit belasten kann."

„Es ist keine Belastung", wehre ich ab, während ich seinen Blick mit meinem festhalte und hoffe, dass er mir glaubt.

Denn es ist die Wahrheit. Es ist nicht bloß das alte Sprichwort von geteilter Last, die zu halber Last wird. Es ist vielmehr… es fällt mir leichter, seine Last zu schultern als meine eigene. Und irgendwie habe ich das Gefühl, es geht ihm da sehr ähnlich.

Kens Augen tasten prüfend mein Gesicht ab und was er dort sieht, scheint ihn zu überzeugen, denn ein Lächeln schleicht sich auf seine Lippen. „Gut", nickt er und küsst mich auf die Nasenspitze.

„Und du kannst mich wirklich immer wecken, wenn etwas ist", beharre ich. Ich hasse den Gedanken, dass er alleine im Dunkeln liegt und diese schrecklichen Bilder vor Augen hat.

Noch ein prüfender Blick, kürzer dieses Mal, dann noch ein Nicken. „Das werde ich", verspricht Ken und ich habe das Gefühl, dass er es wirklich so meint.

Doch bevor ich darauf jedoch etwas erwidern kann, gibt er mit einen kleinen Stups. „Na komm, lass uns schlafen gehen", fordert er auf.

„Willst du das hier nicht noch fertigzeichnen?", frage ich zurück und deute auf die unfertige Darstellung eines verrenkt daliegenden Körpers, von dem ich mir nicht sicher bin, ob er noch einen Kopf bekommen soll.

Nachdenklich hebt Ken die Zeichnung hoch, hält sie kurz ins Licht, dann schüttelt er den Kopf. „Nicht jetzt", entscheidet er dann, „lass uns schlafen."

Er lässt die Zeichnung los und in sanften Bewegungen segelt sie hinab auf den Tisch.


Der Titel dieses Kapitels ist dem Lied „When you're away" aus dem Jahr 1914 entnommen (Text von Victor Herbert, Musik von Henry M. Blossom).