21. April 1919
RMS Olympic, atlantischer Ozean

A silver lining

Der Nachthimmel sieht anders aus, wenn man auf See ist. So wie die Lichter der Stadt die Sterne verbergen, so enthüllt die Einsamkeit des Meeres sie erst vollständig. Abertausende Sterne, an den Himmel getupft, so dass kaum noch ein Flecken Dunkelheit zu sehen ist.

Ich beuge mich ein wenig näher an das Fenster und lasse meinen Blick über die Sternenpracht am Himmel gleiten, als ich plötzlich von hinten leise Schritte höre. Nur Momente später legen sich Kens Arme um mich und ich lehne mich mit einem leisen Seufzen zurück in seine Umarmung. „Ist alles in Ordnung mit dir?", fragt er und küsst flüchtig meinen Nacken.

„Gut, gut", versichere ich und lächele sein blasses Spiegelbild in der Fensterscheibe an.

„Und mit unserem kleinen Bazillus?", fragt er weiter und schiebt die Hände über meinen Bauch, der sich unter dem dünnen Nachthemd nicht mehr verleugnen lässt, auch wenn die steifen Lagen der Uniform ihn tagsüber noch so gerade halbwegs verbergen mögen.

„Auch gut", erwidere ich, „allerdings scheint es ebenfalls nicht schlafen zu können."

Überrascht hebt Ken den Kopf. Unsere Blicke treffen sich im Spiegel des Fensterglases. „Woher weißt du das?", fragt er, „kannst du…?" Er bricht ab und da ist eine stille Verwunderung auf seinem Gesicht, die mich lächeln lässt.

„Es fühlen?", vervollständige ich für ihn, „ja, ich glaube schon. Seit ein paar Tagen aber erst. Es ist auch noch ganz leicht. Wie ein Flattern."

Sein Blick wandert über meine Schulter nach unten. „Kann ich es auch fühlen?", fragt er dann und bewegt die Hände leicht auf und ab.

„Ich glaube nicht. Bisher spüre ich es ja kaum. Gib ihm noch ein paar Wochen Zeit", tröste ich und schiebe meine eigenen Hände über seine. Er nickt, ohne dass sein Gesicht etwas von seiner Verwunderung verliert, und ich nehme mir vor, morgen ein Stethoskop für ihn zu finden.

„Na komm, lass uns wieder ins Bett gehen", fordere ich ihn dann auf und nicke hinüber in die dunkle Ecke der Kabine, in der ich das Bett weiß, „Bazillus und mir ist kalt."

Das lässt Ken sich nicht zweimal sagen und nur Sekunden später, sind sowohl der Bazillus als auch ich sicher und fest eingekuschelt in einen Kokon, gebildet aus zwei Decken und den Armen seines Vaters.

„Warum bist du aufgewacht?", fragt Ken und während er spricht, kann ich fühlen, wie sein Atem leicht durch mein Haar streicht. „Ein Alptraum oder…?", er lässt die Frage unbeendet.

„Kein Alptraum", versichere ich rasch, „ich habe nur… nachgedacht."

Ein leises, brummendes Geräusch von Ken. Dann, nach einer Sekunde, fragt er: „Worüber?"

Für einen Moment will ich abwiegeln, will ihm sagen, dass es nichts ist, aber die Wahrheit ist, es ist nicht nichts. Und ich habe mir doch versprochen, ihn nicht anzulügen.

Dennoch, es dauert einige weitere Momente, bis ich mich so weit gesammelt habe, um zu antworten. Ken ist derweil ganz still, abwartend, nur sein Daumen streicht abwesend über meinen Arm.

Ein tiefer Atemzug. „Ich habe über etwas nachgedacht, was Dr. MacIver gesagt hat", gebe ich dann zu, „er hat… er hat erwähnt, dass er denkt, aus mir könnte eine ganz brauchbare Chirurgin werden."

Genauer gesagt hat er behauptet, ich hätte ‚verdammtes Talent' dafür. Wobei allerdings fraglich ist, ob er das auch gesagt hätte, wenn er gewusst hätte, dass ich an meinem vorletzten Morgen in London aufgewacht bin, weil der Gärtner vor meinem Fenster einen überhängenden Ast abgesägt hat, und der einzige Lichtblick an der Situation war, dass ich alleine auf meinem Zimmer war und deswegen niemand mitbekommen hat, wie ich die Nerven verloren habe.

Dennoch… ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, der Gedanke an ein Medizinstudium wäre mir selbst in den ganzen Jahren nicht ein einziges Mal gekommen. Zudem hat Miss Inglish mir vor einigen Wochen geschrieben, dass sie im Herbst ein Medizinstudium aufnehmen wird, und ihr Brief hat einen abstrakten Gedanken für einen Moment ziemlich greifbar werden lassen.

Vorsichtig spähe ich jetzt zu Ken hinüber. In der Dunkelheit ist sein Gesicht schwer zu lesen.

„Aber Dr. MacIver ist bekannt für seine schrägen Ideen. Man sollte ihn nicht so ernst nehmen. Er ist ein Genie, aber er spinnt auch ein bisschen", füge ich rasch hinzu und hoffe, dass Thema damit abgeschlossen zu haben.

Ken jedoch scheint eine andere Idee zu haben. Sein Blick sucht meinen, jetzt nachdenklich, während er eine Hand hebt und seine Finger sanft über mein Gesicht streichen. „Würdest du das denn wollen? Ärztin werden?", fragt er.

Ich stoße einen frustrierten Atemzug aus. „Das ist ja wohl kaum möglich, oder?", gebe ich zurück und klopfe leicht gegen meinen Bauch, „wenn das nächste Semester beginnt, wird Bazillus hier kurz davor sein, sein Debüt zu geben."

„Das war nicht meine Frage", erwidert Ken gemessen, „ich habe gefragt, ob du es machen wollen würdest."

„So ein Studium dauert Jahre", erinnere ich, „und die meisten Männer wären froh, wenn ihre Frauen artig zu Hause sitzen, anstatt ihre Zeit auf ein Studium zu verschwenden."

„Mag sein", nickt Ken, „und vermutlich habe ich das vor zwei Jahren ähnlich gesehen. Aber du wirst so oder so nie artig zu Hause sitzen und ich würde es nicht wollen. Du vergisst nämlich, dass ich dich gesehen habe, mein Liebling."

Meinem verwirrten Stirnrunzeln begegnet er mit einem Lächeln. „In Arques hatte ich sehr viel Zeit zu beobachten, wie du mit den Patienten umgehst. Gar nicht mal so sehr mit mir, sondern mit allen anderen. Mir braucht niemand erzählen, wie wunderbar du das machst", führt er dann aus.

Ich zucke mit den Schultern, so gut es im Liegen eben geht. „Das ist Krankenschwesterarbeit und Krankenschwester bin ich schon", stelle ich fest.

Ken nickt langsam. „Gut, in Ordnung", gesteht er zu, „aber du warst es, die die richtige Behandlung für mich vorgeschlagen hat und das ist nicht mehr Krankenschwesterarbeit. Und ich war außerdem da, als du dem armen Davis das Leben gerettet hast. Das war unglaublich beeindruckend."

Etwas unwillig verziehe ich das Gesicht. „Vielleicht. Aber du hast auch gesehen, wie absolut fertig ich hinterher war", erinnere ich ihn, „und als ich ein paar Wochen später bei einer anderen Operation habe assistieren müssen, war es nicht deutlich besser. Ich habe dir davon geschrieben. Wir mussten dem kleinen deutschen Jungen mit seiner zerstörten Hand einen Finger amputieren und ich habe bis heute keine Erinnerung an die Zeit zwischen dem Moment, als Dr. Cormer die Säge angesetzt hat, und dem Moment, als ich draußen vor dem Gebäude wieder zu mir gekommen bin. Das ist einfach ein großes schwarzes Nichts. Insofern mag Dr. MacIver es noch so sehr versichern – aus mir wird nie mehr eine Chirurgin."

„Aber vielleicht eine normale Ärztin?", fragt Ken.

Abrupt setze ich mich auf. „Warum bist du so erpicht darauf, dass ich Medizin studiere?", will ich im Gegenzug wissen und klinge nicht einmal halb so ruhig wie er.

„Bin ich nicht", widerspricht er, völlig gefasst, während er sich ebenfalls hinsetzt, „ich will nur, dass du weißt, dass du es könntest. Es mag unorthodox sein und einfach würde es nicht werden, aber es ließe sich schon hinkriegen. Wenn du es willst, kriegen wir es hin. Denn ich will nicht, dass du eines Tages den Moment bereust, in dem Smith und Young damals bei dir in Aubigny aufgetaucht sind."

Falls es etwas Besseres gegeben hätte, das er hätte sagen können um mich zu beruhigen, so wüsste ich es nicht. Ich strecke die Hand nach seiner aus, verwebe unsere Finger ineinander. Dann hole ich tief Luft und antworte: „Ich weiß das zu schätzen und ich danke dir. Es stimmt sogar, dass ich darüber nachgedacht habe. Wer weiß, vor zwei Jahren hätte ich es vielleicht auch wirklich versucht. Aber jetzt liegen die Dinge anders, in vielerlei Hinsicht, und ich glaube nicht, dass der Aufwand es noch Wert ist."

„Das Studium, meinst du?", vergewissert Ken sich und drückt meine Hand.

Ich nicke. „Ich bin nie besonders akademisch interessiert gewesen. Auch deswegen habe ich nie studiert. Krankenschwester liegt mir, weil es praktisch orientiert ist. Man lernt Dinge, indem man sie tut, anstatt darüber zu lesen Der Gedanke, mich jahrelang in einem Hörsaal mit lateinischen Vokabeln zu quälen, ist mir dagegen ein Graus. Vielleicht würde ich es irgendwie schaffen, wenn ich es wirklich darauf anlege, aber es würde mir keine Sekunde Spaß machen. Und das sind ziemlich viele Jahre für etwas, das einem keinen Spaß macht", erkläre ich und bemühe ein schiefes Lächeln.

Ken nickt nachdenklich. „Ja, das verstehe ich. Was dann? Willst du wieder als Krankenschwester arbeiten?", fragt er.

Ich weiß, dass viele meiner ehemaligen Kolleginnen genau das tun werden. Maud und Miller mit Sicherheit. Miss Talbot scheint einen der raren Plätze als Krankenschwester in der deutlich verkleinerten permanenten Armee ergattert zu haben. Die anderen, Polly und Lucy und vermutlich irgendwann auch Bryony, werden dagegen ein Leben als Ehefrau und Mutter führen. Selbst Colette wird wohl nur auf begrenzte Zeit weiterarbeiten.

„Nein, eigentlich nicht", antworte ich langsam, „mir hat die Arbeit viel Befriedigung gegeben und sie hat mich ausgefüllt wie wohl wenig es gekonnt hätte. Aber es ist harte Arbeit und lange Tage und Nächte, selbst als private Krankenschwester, und ich glaube nicht, dass ich das noch will. Außerdem…"

„Außerdem?", fragt Ken vorsichtig. Sein Daumen streicht über meinen Handrücken.

Ich muss unwillkürlich daran denken, was Tim geschrieben hat, als er erklärt hat, warum er lieber mit Persis die Welt bereisen will anstatt sein eigenes Medizinstudium zu beenden. Es ist etwas, das auch mir klar geworden ist, irgendwann als mir wieder einer der serbischen Kriegsgefangenen an der Grippe gestorben ist und ich nichts, aber auch gar nichts, für ihn tun konnte.

„Außerdem will ich nie wieder jemanden sterben sehen", antworte ich also leise.

Ken stößt einen tiefen Atemzug aus. „Nein. Das kann ich verstehen", erwidert er und ich muss nicht fragen, um zu wissen, dass seine Prozession der Toten um ein Vielfaches länger ist als meine.

Ich drücke kurz seine Hand und er lächelt schief. Auch dieses Gespräch werden wir führen, aber es ist ein Gespräch für einen anderen Tag.

„Wenn ich ehrlich bin", beginne ich dann zögernd, „und ich weiß, dass das verrückt und vermessen klingt, aber… ich habe in letzter Zeit viel darüber nachgedacht, welche Fortschritte die Medizin in den letzten Jahren gemacht hat. Und wie wenig davon bei den Menschen ankommt. Denk an den kleinen deutschen Jungen. Hätten seine Eltern ihn am Tag vorher gebracht, hätten wir ihm viel besser helfen können. Dass sie es nicht getan haben, war bestimmt kein Desinteresse, sondern vermutlich schlicht eine Mischung aus Unwissenheit und der Tatsache, dass sie nicht wussten, wie sie die Behandlung bezahlen sollen."

Ich wage einen vorsichtigen Blick zu Ken, und er nickt aufmunternd, also fahre ich fort: „Genau das gleiche habe ich schon in Montreal beobachtet. Die Menschen versuchen es mit Hausmitteln und manchmal hilft das, aber oft verschlimmert es den Zustand durch die Verzögerung noch. Wenn sie nur besser informiert wären, zum Beispiel dass man keine warmen, feuchten Verbände auf offene Wunden legt oder wie man Fieber am besten senkt, dann wäre schon viel getan. Alleine mit Hygiene erreicht man manchmal Wunder. Und im besten Fall hätten die Menschen sogar die Möglichkeit, zum Arzt zu gehen, ohne sich Sorgen zu machen, wie sie es bezahlen wollen."

„Und du willst ihnen dabei helfen", erkennt Ken.

„In den letzten Jahren wurde so viel für den Krieg gespendet. Ich dachte, vielleicht sind die Menschen auch so bereit, etwas zu geben, für die Veteranen und ihre Familien und alle anderen, die es benötigen. Persis und Selina – wenn sie es will – wissen bestimmt, wie man da etwas organisieren könnte. Und mit dem Geld könnten wir dann etwas aufbauen, um den Menschen zu zeigen, wie sie sich am besten um ihre Angehörigen kümmern. Man kann ihnen zeigen, wie Krankheiten verhindert werden können, anstatt sie nur zu behandeln. Und für diejenigen, die Behandlung brauchen, könnte man vielleicht sogar eine Krankenschwester anstellen und vielleicht stundenweise einen Arzt bezahlen, um kostenlos Sprechstunden anzubieten", führe ich aus und muss unwillkürlich an Maud denken. Maud wäre perfekt dafür.

In Wahrheit habe ich dieser ganzen Sache nämlich schon deutlich mehr Gedanken geopfert als Ken vielleicht ahnt. Colette, die mir meine Überlegungen vor einigen Tagen zuerst aus der Nase gezogen hat, ist in jedem Fall ist ganz angetan von dem Gedanken. Sie schwankt seit Tagen hin und her zwischen dem Versuch, mich zu überreden, in Montreal etwas Ähnliches zu aufzubauen, und der Überlegung, Maurice schnell vernünftiges Englisch beizubringen, damit sie nach Toronto kommen können. So wie ich Colette kenne, arbeitet sie vermutlich schon an Unterrichtsmaterialen.

Auch Dr. MacIver, der nicht unbedingt begeistert war, zu erfahren, dass ein Medizinstudium nicht in meiner Zukunft liegt, wurde milder gestimmt als ihm angedeutet habe, dass ich trotzdem nicht aufgeben werde, was ich erreicht habe. Er hat sogar angeboten, ein paar Mal im Jahr nach Toronto herunterzukommen und Operationen durchzuführen für Menschen, die es sich sonst nicht leisten können. Seine einzige Voraussetzung war, dass ich dabei assistierten soll. Ich habe zugestimmt, allerdings in dem Vertrauen darauf, dass mein kleiner Bazillus schon Grund genug sein wird, damit dieser Kelch an mir vorübergeht.

Zumindest hat mich Dr. MacIvers Angebot auf die Idee gebracht, welche der mir bekannten Ärzte ich sonst noch fragen könnte, ob sie bereit wären, gelegentlich auszuhelfen. Lionel wird bestimmt helfen und Dr. Connelly wohl auch, immerhin ist Kingston so weit nicht weg. Dr. Hunter lebt meines Wissens sogar in Toronto selbst, und je nachdem, wo er und seine kleine Französin sich niederlassen, könnte ich auch wieder Kontakt zu Zachary aufnehmen.

Dennoch… das alles sind noch Traumgespinste. Luftschlösser, ohne Fundament.

Mein Blick sucht den von Ken und plötzlich fühle ich mich schüchtern. „Oder ist das dumm? Völlig unrealistisch? Ist es vermessen, zu glauben, die Menschen würden wollen, dass ich daherkomme und ihnen erkläre, wie Krankenpflege funktioniert?", frage ich und spüre, wie mein Magen sich nervös zusammenkrampft.

Ken jedoch schüttelt langsam den Kopf. „Es wird helfen, dass du Kriegskrankenschwester warst. Die Veteranen werden dir schon deswegen vertrauen", überlegt er, „und meiner Erfahrung nach wollen fast alle Menschen lernen, wenn man sie ernst nimmt und es selbst ernst meint. Und du meinst es ernst."

Ich nicke zaghaft. „Und was denkst du?", frage ich vorsichtig.

Ein Lächeln umspielt seine Lippen als er die freie Hand hebt und leicht am Ende meines Zopfes zupft. „Ich denke, es ist eine wunderbare Idee", erklärt er dann, „und ich weiß, dass du es wunderbar machen wirst."

Und kaum, dass er es gesagt hat, spüre ich, wie sich eine unsichtbare Last von meinen Schultern hebt. Ich brauche nicht seine Erlaubnis, aber ich bin froh, seine Zustimmung zu haben.

Während ich jedoch sein Lächeln erwidere, schiebt sich bereits ein anderer Gedanke in den Vordergrund und lässt das Lächeln zum Stirnrunzeln werden. „Und was ist mit dir?", dringt die Frage über meine Lippen, noch bevor ich sie überdenken kann.

„Was soll mit mir sein?", erwidert Ken, offenbar ehrlich verwirrt.

Ich stoße langsam einen Atemzug aus, während ich meine Gedanken sortiere. „Du sprichst immer so selbstverständlich davon, für die Firma zu arbeiten, dass ich… naja, ich habe mich gefragt, ob es das ist, was du willst", erkläre ich langsam. Denn wenn er nicht gezögert hat, meine Träume zu unterstützen und ebenso widerstrebt mir der Gedanke, dass seine Träume unerreicht bleiben könnten.

Kens Gesicht jedoch klärt sich auf. „Das ist lieb von dir, aber ich verspreche dir, dass es wirklich gut so für mich ist", versichert er entspannt, „es mag nicht ganz einfach zu glauben sein, aber ich bin gut darin, Dinge zu organisieren, und es beruhigt mich, wenn alles in seinen Bahnen läuft. Die Firma ist eine Aufgabe, die mir liegt, auch wenn sie vielleicht manchmal sehr… prosaisch ist."

Ich muss allerdings weiterhin ziemlich skeptisch aussehen, dann er lacht und streicht eine Haarsträhne, die sich aus meinem Zopf gelöst hat, hinter mein Ohr.

„Außerdem", fügt er dann hinzu, „habe ich darüber nachgedacht, was du über Nan und Selina gesagt hast und darüber, dass sie Kriegswitwen als Näherinnen eingestellt haben. Ich würde gerne etwas Ähnliches versuchen – Arbeit für Rückkehrer schaffen, wenn du so willst. Viele der Männer aus meiner Einheit sorgen sich darum, wie es mit ihnen weitergehen soll, und ich würde ihnen gerne helfen. Ich bin irgendwie immer noch… nun, verantwortlich für sie. Zumindest fühle ich mich so. Und da ist es ein ziemlich Glück, dass ich in einer Position bin, in der ich wirklich etwas für sie tun kann."

Prüfend betrachte ich sein Gesicht im Dunkel der Kabine, aber sein Blick ist offen und ehrlich, ohne jeden Zweifel.

Langsam nicke ich. Es ist keine Überraschung, dass er sich verantwortlich fühlt, auch über unser aller Rückkehr nach Kanada hinaus. Und ja, es ist wohl wirklich ziemlich prosaische Arbeit, die ihn erwartet, aber dann, gilt das gleiche nicht auch für mich?

Unsere Welt wird auch in Zukunft Träumer und Poeten brauchen, die eine bessere Welt erträumen können als diejenige, die es gibt. Aber um ein Luftschloss in Mörtel und Stein zu gießen braucht es auch diejenigen, die die alltägliche Arbeit tun. Es ist vielleicht nicht immer sehr romantisch, aber es ist das, was uns Ken und mir am meisten liegt. Auch wir haben unsere Hoffnungen und Träume, aber unsere Geschichte hat nie besonders gut in Reime und Verse gepasst.

Ich spüre Kens aufmerksamen Blick, als er leise fragt: „Gut?"

Ein Moment, dann nicke ich, kurz und fest. „Gut", bestätige ich. Denn das ist es.

Trotzdem ist nur Ken derjenige, der einige Minuten darauf wieder einschläft. Während seine Brust sich langsam hebt und senkt und sein Herz träge gegen meine Fingerspitzen schlägt, bin ich vollkommen wach. Mit offenen Augen blicke ich in die Dunkelheit, während meine Gedanken langsame Kreise ziehen.

Ich kann nicht genau sagen, wie lange ich dort liege, hellwach trotz der frühen Stunde, aber als der aufziehende Morgen beginnt, die Kabine in blassgraues Licht zu tauchen, gebe ich den Versuch des Schlafs schließlich auf. Sehr vorsichtig, um Ken nicht zu wecken, klettere ich aus dem Bett und schleiche hinüber in unser Badezimmer. Die Uniform ist schnell angezogen und so bin ich auf Deck, bevor die Sonne es über den Horizont geschafft hat.

Es ist zu dieser frühen Stunde noch nicht viel los, nur einige der Seeleute und ein paar versprengte Soldaten salutieren mir höflich, als ich vorbeigehe, und entsprechend ruhig ist es. Nur die Maschinen des Schiffes sind ein leises, stetes Dröhnen im Hintergrund und der Wind rauscht über das Deck, während die Wellen gegen das Schiff klatschen.

Ich lehne mich gegen die Reling, blicke hinaus auf das Meer und den dunklen Horizont dahinter. Hinter mir, im Osten, klettert die Sonne langsam über den Horizont, aber ich drehe mich nicht zu ihr um. Zu viele Jahre habe ich ängstlich gen Osten gestarrt. Der Westen mag noch im Dunkeln liegen, aber es ist dort, wo unsere Zukunft ist.

Es fühlt sich, immer noch, nicht wirklich real an. Wir schmieden Pläne und versuchen, sie anzustoßen, damit sie wahr werden, aber ein Teil von mir wartet immer noch darauf, dass ich aufwache und die vergangenen Monate nur ein Traum waren. Dass ich aufwache und der Krieg ist wieder zurück.

Vielleicht braucht es einfach Zeit. Zeit genug, um zu erkennen, dass die Vergangenheit wahrhaftig vergangen ist, und die Zukunft nun endlich Gegenwart werden kann.

Jetzt, wo ich sie mit Ken geteilt haben, beginnen zumindest meine Pläne langsam, sich weniger nach Hirngespinst und mehr wie etwas anzufühlen, das vielleicht wirklich wahr werden kann. Und der Gedanke ist… hoffnungsvoll. Ich habe so viele Jahre damit verbracht, geschlagene und geschundene Körper zu flicken, und es war gute und wichtige Arbeit, aber… Aber ist es nicht so viel besser, von vorneherein zu verhindern, dass es den Menschen schlecht geht, anstatt sie im Nachhinein gesund pflegen zu müssen?

Es fühlt sich wie lohnenswerte Arbeit an. Anders als das, was ich bisher gemacht habe, aber kaum weniger wichtig. Nicht der gleiche Traum, den ich vor Jahren hatte, aber der richtige Traum für jetzt. Denn auch ich bin nicht mehr diejenige, die ich war, als ich zum ersten Mal den Atlantik überquert habe. Und auch wenn ich die Unbedarftheit des Mädchens von damals manchmal vermisse, würde ich mit ihr nicht mehr tauschen wollen. Zu wichtig waren die Jahre für mich, vielleicht gerade weil sie manchmal traurig und oft schwer waren. Ganz so, als könne man das Glück erst dann wirklich verstehen, wenn man den Abgrund gesehen hat. Es ist die Art praktisches Glück, die ich zu schätzen gelernt habe. Es ist Glück, das in den eigenen Händen liegt, und damit ist es das einzige Glück, auf das man sich verlassen kann.

Der Wind trägt mit den Klang von Schritten zu und ich wenige Augenblicke später legen sich zum zweiten Mal in dieser ausklingen Nacht Kens Arme um mich, drücken seine Lippen einen Kuss gegen meine Schläfe.

Schweigend schmiege ich mich in seine Umarmung. Es braucht im Moment keine Worte.

Die Sonnenstrahlen tasten sich langsam über den Rumpf den Schiffes und werfen erstes Licht über uns hinweg, vertreiben die Nacht, die noch im Westen hängt. Es sind die ersten Augenblicke eines neuen Tages und es fühlt sich gut an, ihn so zu begrüßen, im Arm meines Mannes und das leichte Flattern meines Kindes in mir.

Wir werden nicht vergessen, was wir erlebt haben. Niemand wird das. Vermutlich wird es uns nie ganz loslassen, wird uns begleiten in Träumen und Erinnerungen, in Kens Zeichnungen und dem Leid, das ich nicht vergessen kann. In Jems Versuch, die alte Welt festzuhalten, und in dem von Persis, eine Heimat in einer neuen Welt zu finden. In Shirleys Verlangen, Ordnung zu schaffen, und dem von Carl, der Wahrheit zu entfliehen. Es wird uns nie loslassen, nicht uns, die wir gegangen sind, und wohl auch nie die, die geblieben sind.

Dennoch – wir schulden es denen, die nicht zurückkommen werden, dass wir etwas aus der Möglichkeit machen, die uns gegeben wurde. Ich weiß nicht, ob diese Welt je wirklich perfekt sein kann, aber ich glaube, wenn wir es nur schaffen, dass sie friedlich bleibt, dann haben wir viel erreicht. Und bis dahin werden wir das Leben in Angriff nehmen und versuchen, es so gut zu meistern wie es eben geht. Das schulden wir Jerry und Walter und all den anderen, die nie zurückkommen werden. Und irgendwie schulden wir es uns auch uns selbst.

„Sieh mal da", höre ich Kens Stimme leise neben meinem Ohr, während er mit einer Kopfbewegung hinaus in die Dunkelheit deutet.

Zuerst sehe ich nicht, was er meint. Aber als ein weiterer Sonnenstahl über unsere Köpfe fällt und den Nebel durchdringt, erkenne auch ich es. Ein schmaler Streifen am Horizont, noch weit entfernt, aber doch nicht zu verkennen. Ein Streifen Land, auf den soeben das erste Licht des Tages fällt.

Zuhause.

- Fin. -


Der Titel dieses Kapitels ist dem Lied „Keep the Home Fires Burning" aus dem Jahr 1914 entnommen (Text von Lena Guilbert Ford, Musik von Ivor Novello).


Es ist vollbracht!
Geplant als deutlich kürzere Geschichte hat ‚Dark Clouds' sich zu meinem sicherlich bisher ambitioniertesten Projekt entwickelt und ich habe festgestellt, dass ich noch nicht soweit bin, mich endgültig von dieser Geschichte und ihren Figuren zu trennen. Daher habe ich gleich mehrere Ideen für neue Geschichten, die alle mit ‚Dark Clouds' in Verbindung stehen. Gebt mir ein paar Wochen Zeit für Planung und Recherche und wenn ihr mögt, wird es im Sommer an dieser Stelle weitergehen.
Falls sich der ein oder andere motiviert fühlt, mir zwischenzeitlich ein paar Zeilen zur Geschichte selbst dazulassen, so unterdrückt den Impuls bitte nicht :). Eine Geschichte lebt von ihren Lesern und nur durch eure Kommentare wissen wir Autoren, wie wir noch bessere Geschichten für euch schreiben können. Dementsprechend möchte ich an dieser Stelle besonders allen denen danken, die mir Rückmeldungen gegeben haben, egal auf welchem Wege. Das Schreiben macht immer noch ein wenig mehr Spaß, weil es euch dort draußen gibt. Darüber hinaus freue ich mich aber auch über jeden Leser, der diese Geschichte mitverfolgt hat und hoffe, sie hat euch eben so viel Freude bereitet wie mir.
In diesem Sinne: Danke an euch alle da draußen und wenn ihr mögt, sehen wir uns im Sommer wieder.
Alles Liebe, Alina.