Das Morgengrauen begann gerade den Himmel lavendelblau zu färben, als der erste Brief eintraf. Angekündigt durch ein aggressives Pochen mit dem kunstvoll gestalteten Türklopfer stand der Briefträger mit einer prall gefüllten Tasche über der Schulter vor den schweren Eichentüren des Schlosses und wartete mehr oder weniger geduldig auf Einlass. Langsam aber sicher machte sich sein Rücken bemerkbar und er verlagerte sein Gewicht, um die Belastung ein wenig zu verteilen. Rückenschmerzen, geschweige denn einen Bandscheibenvorfall konnte sich der bereits etwas in die Jahre gekommene Mann nicht leisten. Immerhin hatte er noch seine Familie zu versorgen – Zuhause warteten Frau und Kinder auf ihn und verließen sich darauf, dass er das Geld für die anstehende Miete mit heim brachte.

Sicherheitshalber suchte er den Eingang ein zweites Mal nach einem Briefschlitz ab, wurde jedoch nicht fündig. Stattdessen öffnete sich eine der Türen einen kleinen Spalt und ein, zwei Sekunden später lugte eine bleiche, schmale Hand daraus hervor und winkte fordernd.

Ein wenig irritiert kramte der Postbote den Brief mit der passenden Adresse aus seiner Tasche und steckte ihn der Hand zwischen Daumen und Zeigefinger. Er kam nicht umhin, die nahezu perfekte Maniküre zu bemerken und fühlte sich unmittelbar an seine Frau erinnert. Die Hand verschwand mitsamt dem Umschlag. Kopfschüttelnd drehte der Mann dem Schloss den Rücken zu – scheinbar waren dessen Bewohner tatsächlich so absonderlich, wie man es sich im Dorf erzählte.

Im nächsten Augenblick spürte er nur noch einen stechenden Schmerz am Hinterkopf, dann wurde alles um ihn herum dunkel.

Herbert, seines Zeichens gebürtiger Von Krolock und Erbgraf, wischte sich äußerst ungräflich mit dem Handrücken das Blut vom Mund. Eine solch späte Mahlzeit war nicht geplant gewesen – eigentlich hatte er sich bereits vor einer guten Stunde zu Sarg begeben wollen. Doch der Brief, der dazugehörige Postbote und dessen ordnungsgemäße Entsorgung hatten den Zeitplan des blonden Vampirs gründlich durcheinander gebracht.

Inzwischen war die Sonne aufgegangen und schien vereinzelt durch kleine Ritzen im Gemäuer. Herbert dankte seinem Vater für dessen Abneigung gegenüber blitzblank geputzten Räumen und nutzte die in der Luft herumschwebenden Staubteilchen, die ihm durch ihre Reflektion des Sonnenlichts genau zeigten, wo sich das Licht seinen Weg gebahnt hatte. Diese Technik, der Helligkeit aus dem Weg zu gehen, hatte sich als äußerst effektiv erwiesen und war vor allem für den Erbgrafen von großem Nutzen, da dieser sich nur selten pünktlich zum Sonnenaufgang zur Ruhe begab.

Lautstark gähnend machte er sich nun aber endgültig auf den Weg zur Gruft. Den Brief legte er auf den Sargdeckel seines Vaters, bevor er es sich in seinem eigenen gemütlich machte und von innen den Deckel zurechtrückte. Breda würde den Umschlag schon bemerken.