Pfingstrosen im Winter

Prolog

Vergraben, tief in der Erde, würde niemand die Beweise finden. Nicht auch nur eine Menschenseele würde jemals wissen, wer sie waren und woher sie kamen.

Es war kalt, der Wind wehte ihre langen blonden Haare wirr durch die Gegend. Der Mann, neben ihr stehend, reichte ihr seine warme Jacke, als er bemerkte, wie sie anfing zu zittern. Nicht eine einzige Sekunde lang wandte er den Blick von der Stelle, an der sich noch eben ein kleines Loch befand. Ein Loch, in das sie so viel Erde geschüttet hatten wie nur möglich.

„Wäre es nicht besser gewesen, die Dose einfach ins Meer zu werfen?", Jabura schnaubte, während er sich mit einem Ruck umkehrte, als würde es ihm so leichter fallen, die Vergangenheit einfach hinter sich zu lassen.

„Sei nicht so ein Narr. Wir haben das lange genug besprochen und gemeinsam abgestimmt, dass es besser so ist. Selbst im Meer hätten sie es irgendwann gefunden. Dieses Kapitel ist nun vorüber."

Kalifa, welche zwischen Lucci und Jabura den Blick wechselte, zog sich die ihr gereichte Jacke weiter über die Schultern, bis der Stoff sie langsam wärmte und hisste: „Hört ihr beide denn nie auf damit? Ernsthaft, nach all den Jahren könntet ihr euch wenigstens in solch einer Situation zusammenreißen."

Statt eien scharfen Blick Luccis zu kassieren, kehrte nun auch sie dem Sarg allen Übels den Rücken zu, atmete den Rauch ihrer Zigarette dramatisch aus und wandte sich noch einmal Jabura zu. „Ich gebe dir deine Jacke später wieder. Danke."

Überwältigt von ihren Gefühlen lief sie weiter, tief in den Wald hinein zu der kleinen Hütte, welche sie seit Monaten bewohnten. Zu unangenehm wäre ihr gewesen, wenn auch nur einer ihrer … Kollegen – oder, waren sie in inzwischen Freunde? Familie? Nakama, wie Ecki zu pflegen sagte? – ihre Tränen gesehen hätte. Tränen der Freude, der puren Erleichterung. Zu lange hatte sie in Angst leben müssen, das alles sollte nun vorbei sein. Ein Leben im puren Frieden konnte beginnen. Ein Leben als Kalifa. Nicht als Kalifa der Beauftragten der Weltregierung. Gesucht. Ein Kopfgeld war auf ihr Leben ausgesetzt.

Ein zierliches Lächeln breite sich aus, eine Gewissheit die ihr niemand nehmen konnte: nicht nur sie war nun in Sicherheit. Auch Lucci, Kaku, Jabura, Bruno, Kumadori und Eule durften ihr unbeschwertes Leben in Freiheit beginnen. Und auch wenn sie es nie zugegeben hätte, diese Gewissheit machte sie noch glücklicher als alles andere.

„Hey, Kalifa!", rief es hinter ihr. Jabura setzte zum Sprint an und lachte. „Ich bin gespannt was Bruno und Ecki gekocht haben, wenn ich heute nichts esse, passiert etwas sehr Unangenehmes."

„Jabura…"

„Nein bitte, sag es nicht". Ein gequälter Jabura hielt sich spielerisch die Hände an die Ohren.

„Das ist… Ach, weißt du was… Lassen wir das. Ich habe auch Hunger. Sehr." Kalifa richtete ihre Brille und drehte sich noch einmal um, nur um einen in sich gekehrten, aber lächelnden Lucci zu sehen, welcher den beiden folgte.

„Ich bin erleichtert." Jaburas Worte rissen sie aus ihrer Beobachtung, nie im Leben hätte sie einen solchen Satz von ihm erwartet. Doch nun, als die Anspannung nach und nach abfiel, sollte sich herausstellen, dass sie sich in einigen Menschen während der vergangenen Jahre getäuscht hatte.

Vor allem in ihr selbst.