Letho traute seinen Katzenaugen nicht. Wollten die Götter ihn eigentlich verarschen?

Endlich hatte er es geschafft, um Mitternacht eine der seltensten Zutaten für sein Vorhaben zu pflücken, da machten diese Hurensöhne von Göttern ihm einen gewaltigen Strich durch seine Rechnung. Er schlich sich lautlos an den Stall heran und beobachtete diese beschissenen Soldaten mit ihrem arroganten Captain, die gerade Mireya auf einen Wagen verluden. Ihre Decke verrutschte – aus Versehen – hin und wieder, was die lüsternen Sprüche der Männer nur befeuerte. Außerdem räumten sie, von vielen Fackeln beleuchtet, sämtliche Vorräte und Zutaten, inklusive der wackeligen Apparatur aus dem Keller. Letho wischte sich müde mit der Hand über die Augen. Er erkannte ganze sechs Armbrustschützen und neun mit Breitschwertern Bewaffnete, auch insgesamt war die Truppe deutlich stärker, als beim letzten Besuch. Außerdem erkannte er an den Symbolen der Uniformen, dass diesmal höherrangige Soldaten dabei waren. Langsam wurde alles zu kompliziert. Er hätte sich Mireya forscher annähern müssen, dann wäre er längst fertig mit seiner ganz privaten Sammelquest. Leider benötigte er für die wichtigste Zutat die Hilfe einer willigen Frau. Er fragte sich ernsthaft, wie die alten Hexer früherer Schulen es hinbekommen hatten, an speziell diese eine Zutat zu kommen. Es funktionierte nicht mit Huren, nicht mit Sklaven. Es musste eine freiwillig getätigte Gabe sein. Gut, es gab noch eine andere Möglichkeit, eine alternative Zutat, aber um die Giftdrüse eines Silberbasilisken zu bekommen, hätte er weit mehr Aufwand betreiben müssen. Da er beabsichtigte bis weit hinter die Grenze nach Toussaint zu reisen, wollte er gut vorbereitet sein. Er wollte nicht ohne den vorwarnenden Schutz eines magischen Medaillons in ein ihm absolut unbekanntes Gebiet reisen. Er schaffte es problemlos, sich von Menschen fernzuhalten, aber dazu musste er hin und wieder in Höhlen campieren. Und Höhlen werden immer zuerst nach Monstern durchsucht. Oberste Regel jeder Hexerschule.

„Ich frage ein letztes Mal. Wo ist Dein sogenannter Vetter?", hörte er Fryhor genervt fragen und stutzte. Sogenannter? Mireya blinzelte ein paarmal, als versuche sie sich zu erinnern.

„Das weiß ich nicht, Captain. Ich schlafe tief. Das Fieber… Meine Wunden", erklärte Mireya und legte ihre Hand über der Decke auf ihren Verband. Fryhor trat an ihren Wagen heran und wollte ihre Decke zurückschlagen. Mireya fasste reflexartig nach seiner Hand, um ihn aufzuhalten. Sofort wurden ihre Arme von zwei seiner Männer auseinandergerissen und mit eisernem Griff festgehalten. Sie schloss die Augen und senkte den Kopf, um die Tränen zu verbergen, die längst drohten überzulaufen. Wo war der Hexer? Oder Eduar? War das etwa die Hilfe, die er holen wollte?

„Wenn es stimmt, was Dein Säufer sagt, und Du hier einen flüchtigen Verbrecher beherbergst…"

Der Soldat links von ihr packte sie an den langen Haaren und zwang ihren Kopf nach hinten. Sie konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Fryhor zog seine Handschuhe aus, schob die Decke hoch und führte seine kalte Hand an der Außenseite ihres Oberschenkels hinauf, bis er den Verband erreichte. Er tastete über die Stoffbandagen und bewegte seine Hand langsam zwischen ihre Schenkel. Dann fuhr er mit der Hand zwischen ihren Beinen nach oben bis seine Fingerspitzen ihre nackte Scham berührten. Mireya presste so fest ihre Wunden es zuließen ihre Beine zusammen und versuchte sich von seiner Hand wegzubewegen. Fryhors Männer verstärkten den Griff um ihre Oberarme und der Captain krallte zusätzlich die Finger seiner anderen Hand in das weiche Fleisch ihrer Hüfte.

Letho hörte sie aufschluchzen versuchte in seinem Versteck hinterm Stall möglichst leise mit den Zähnen zu knirschen. Jetzt anzugreifen wäre töricht. So eine große Gruppe schwer bewaffneter Soldaten stellten selbst für einen ausgebildeten Kämpfer wie ihn ein Problem dar. Erst recht Soldaten mit Armbrüsten. Trotz der noch herrschenden Dunkelheit war die Gefahr zu groß, dass einer der Bolzen ihn oder sogar Mireya traf. Aber er musste schnell handeln. Wenn die Mistkerle sie traumatisierten, bestand keine Chance mehr, dass sie sich in naher Zukunft von ihm anfassen lassen würde. Letho löste vorsichtig zwei Bretter aus der Hinterwand des Stalls während Fryhor seinen Männern befahl, auszuschwärmen. Letho fluchte innerlich. Ausgerüstet mit Fackeln und Schwertern suchten sie nach ihm, stachen in Heuballen und Büsche, während die Schützen bei ihrem Captain und Mireya Wache standen.

Die Sonne ging bald auf. Er musste schnell sein, wenn er noch im Schutz der Dunkelheit angreifen wollte. Er hatte zwar keinen Katzentrank bei sich, konnte im Dunkeln aber deutlich besser sehen als die nilfgaarder Vollidioten. Er quetschte sich durch das Loch in der Stallwand und schlich sich zu dem Hengst, dem er beruhigend den glänzenden Hals tätschelte. Das prächtige Tier verband nichts Gutes mit Nilfgaardern. Letho legte ihm mit schnellen Handgriffen Zaumzeug und Sattel an und ging neben der Stalltür in die Hocke. Er wusste, dass der Hengst hinausstürmen würde, sobald die Soldaten die Tür öffneten.

Hervorragende Ablenkung.

Zwei der Männer näherten sich mit einer Fackel in der Hand dem Stall und Letho ließ seine Fingerknöchel knacken. Der Hengst schnaubte und stieg vorn hoch.

„Whoa, ruhig!", versuchte der kleinere Mann das nervöse Pferd zu beruhigen. Der andere löste die groben Seile, die die beiden Türhälften zusammenhielten und sie machten tatsächlich den Fehler, den Stall zu betreten. Der Hengst wieherte laut und trat nach hinten aus, traf aber niemanden, da sich beide reflexartig wegdrehten. Der kleinere Soldat ließ vor Schreck die Fackel fallen, die sofort den strohbedeckten Boden in Brand setzte. Letho trat er aus seiner Deckung heraus und schlich sich an den näherstehenden an. Mit geübtem Griff brach er dem Mann das Genick und warf fast zeitgleich dem anderen ein Wurfmesser direkt in die Kehle, damit dieser nicht Alarm geben konnte. Noch sieben. Dann gab er dem Hengst einen kräftigen Klapps auf die Kuppe und drängte ihn durch das Feuer durch aus dem Stall hinaus. Der riesige Rappe stürmte mit Schaum vorm Mund und mit angstgeweiteten Augen hinaus und zog die Aufmerksamkeit aller auf sich.

Letho, der wieder hinten durch die Lücke geschlüpft war, schlich sich schnell an den nächsten Soldaten, der überrascht die Tür des Aborts losließ, den er gerade inspiziert hatte. Er wirbelte herum und versuchte im Schein seiner Fackel zu erkennen, was der Grund für die Aufregung vor dem Haus war. Er hielt sein Schwert am weit ausgestreckten Arm, um der scheinbar von vorne kommenden Bedrohung Herr zu werden. Doch kräftige, raue Hände umschlossen von hinten seinen Hals und drückten ihm den Kehlkopf fest gegen seine Wirbelsäule. Er sank röchelnd zu Boden. Sechs. Und schon waren die glühenden Katzenaugen unterwegs zum nächsten Opfer.

„Meldung?!", rief Fryhor mit nicht mehr ganz so fester Stimme in die mondlose Dunkelheit. Die Schützen blickten nervös suchend umher und entfernten sich ein wenig vom Karren, den sie umstellt hatten. Fryhor zog sein Schwert und befahl dem Kutscher und zwei seiner Schützen als Begleitschutz zurück zur Garnison aufzubrechen. Fryhor wischte sich den Schweiß von der Stirn. Langsam begann er die Geschichte des Säufers zu glauben, denn soweit er es verstand, wurden gerade die neun Männer seiner Suchmannschaft nacheinander ausgeschaltet. Nicht einer antwortete auf seine Rufe.

„Aufsitzen!", befahl er in die Runde, doch außer den Schützen kam niemand mehr.

Mireya presste ihre Hände auf ihre Wunde, die durch das Geruckel des Karrens schmerzhaft brannten. Fryhor trieb seine Männer zur Eile an. Er wollte so schnell wie möglich weg von dem Monster, das mehr als die Hälfte seiner Truppe niedergemetzelt hatte. Mireya drehte so weit es ihre pochende Schulter zuließ den Kopf nach hinten und erkannte mit Entsetzen, dass das Feuer vom Stall auf die Wäsche auf der Leine überging und schließlich die Holzhütte in Brand steckte. Sie wandte schluchzend ihren Blick ab und musste an Tomira denken, der sie versprochen hatte, sich gut um die Hütte und vor allem um den Kräutergarten zu kümmern. Dieses Versprechen war nun gebrochen. Wunderbar.

Trotz ihres Schmerzes sah Mireya sich noch ein letztes Mal um und glaubte hinter dem ihnen folgenden Captain gegen das hell lodernde Feuer die Umrisse des Hengstes zu erkennen, der mitsamt seinem geduckten Reiter neben der Straße dem Karren folgte.