Fryhor sah sich immer wieder ängstlich um. Der schwerbeladene Karren bewegte sich viel zu langsam. Das Heulen des Wolfes hörte sich auch näher an. War denn die ganze Welt gegen ihn?

Er wollte doch nur seinem Kaiser dienen, für eine bessere Zukunft, ein besseres Kaiserreich. Zwar hatte er sich eine Karriere am Hof erhofft, vielleicht sogar in der Leibgarde des Kaisers, doch man hatte seine Talente verkannt, hielt ihn für zu stürmisch und unbesonnen, zu impulsiv und ihm die mickrige Position unter dem Kommando des unfähigsten Kommandanten, den er je erlebt hat, gegeben. Die Garnison verkam immer mehr. Faulheit, Disziplinlosigkeit und Müßiggang standen an der Tagesordnung. Die Soldaten waren der Meinung, sie hätten ja diesen Teil des Landes längst besetzt und nun sei auch mal gut. Erholung von den Strapazen des Krieges nannten sie es.

Rumhuren, Saufen und Völlerei nannte Fryhor es. Und wenn der Kommandant nicht so scharf auf guten Schnaps wäre, hätte Fryhor jetzt noch seine einigermaßen fähigen Männer und würde nicht vor einem wirklich gefährlichen Attentäter flüchten mit einer schwer verletzen Schlampe im Gepäck. Er hoffte den Kommandanten mit der Schnapsbrennerin so glücklich zu machen, dass er ihm endlich die lange überfällige Versetzung genehmigte. Er sah sich erneut nervös um. Nichts zu sehen in der mondlosen Nacht.

Fryhor war kein Feigling.

Aber er war klug genug zu wissen, wann er nicht den Hauch einer Chance hatte. Wenn – und er betonte in Gedanken dieses „wenn" überdeutlich- wenn der Gigant, der ihnen folgte, wirklich Letho aus Guleta war, dann konnte er nur zu irgendwelchen Göttern beten. Am besten zu allen. Allerdings konnte er das „wenn" auch gleich streichen. Niemand sonst schaffte es so schnell die besten und erfahrensten Kämpfer der Garnison auszuschalten. Fryhor hatte bisher nur ein einziges Mal einem Hexer bewusst gegenübergestanden. Und das auch nur, weil dieser mit dem Quartiermeister, in dessen Nähe sich Fryhors Feldbett befand, längere Zeit gesprochen hatte. „Weißer Wolf" hatten die Kameraden den genannt und der hatte mächtig Eindruck bei ihm hinterlassen. Fryhor konnte nicht leugnen, dass ihm damals ein kalter Schauer gepaart mit Übelkeit durch seinen Leib gefahren war. Diese Katzenaugen, die alles in der Umgebung zu erfassen schienen. Der leicht geneigte Kopf, der allen Gesprächen gleichzeitig zu folgen schien. Die geflüsterten Gerüchte, die man über den Weißen Wolf verbreitete, der mal eben eine ganze Schlägerbande in der Taverne in Weißgarten gelyncht hatte. Ganz zu schweigen von dem monströsen Greif, den Fryhor und seine Männer damals einfach nicht erlegen konnten.

Fryhor war kein Feigling.

Aber verglichen zu dem Königsmörder, der ihn mit großer Wahrscheinlichkeit gerade jagte, war der Weiße Wolf ein zahmes Lämmchen. Selbst der dämlichste Soldat hatte schon einmal gehört, dass Geralt von Riva ein, man könnte sagen, ehrbarer Mutant war. Fair, gerecht, ecetera, ecetera.

Letho hingegen… Letho war Fryhors Wissen nach gewieft, hinterlistig, verdammt schnell, verdammt stark – schließlich reichte da ein Blick auf die muskelbepackte Statur – und die Gewissenslosigkeit in Person. Der Attentäter verfolgte ausschließlich seine eigenen Interessen, wie die Ranghöheren der Armee wussten. Zettelte die ein oder andere Intrige bei Hof an und dachte nur ans schöne Geld. Durch und durch ein Hexer, wie sie in den alten Büchern beschrieben wurden.

Fryhor versuchte irgendetwas in der mondlosen Nacht zu erkennen. Der Freak würde ihn kaum zu Fuß verfolgen. Ein gigantischer Typ auf einem gigantischen Gaul. Sowas muss man doch irgendwie bemerken können! Wenn sie erst einmal den seichten Teil des Flusses passiert hatten, könnte er Verstärkung herbeirufen. Trennen wollte er seinen kleinen Trupp nicht, nicht in dieser Situation. Er krallte die Finger um die Zügel. Konnten sie noch langsamer sein? Verdammter Karren!

„Schneller verdammt!", brüllte er den Kutscher an, der seinerseits die beiden Pferde antrieb, die sich durch die schwarze Nacht quälten. „Hol Verstärkung!", befahl er dem vordersten seiner Männer und dieser trieb sein Pferd kräftig an. Er brachte schnell Abstand zwischen sich und die Truppe, war aber durch die Dunkelheit deutlich langsamer als der Hexer, der die Truppe längst abseits des Weges überholt hatte. Axii hatte eben seine Vorteile. Man konnte ein Pferd gelähmt durch Todesangst hervorragend durch die schwarze Nacht galoppieren lassen.

Letho dachte fieberhaft nach. Er musste unbedingt die Soldaten ausschalten, bevor sie in Rufweite der Garnison kamen. Wenigstens hatte der Captain sich getraut, einen Boten vorauszuschicken. Ein Gegner weniger. Aber würde es nicht Mireyas Gesundheit gefährden, wenn er die Garnison meidet? Immerhin hatte sie auf Hilfe des Kompanieheilers gehofft. Angenommen er schaffte es, alle zu töten, die seinem Ziel im Weg standen. Was dann? Was machte er mit einer fiebernden Verletzten, die im schlimmsten Fall ihr ganzes Bein verlieren würde? Sich mit ihr in Höhlen verstecken und ihren nackten Körper mit seiner sexuellen Frustration wärmen? Schlechte Idee. Sie hatten keine Vorräte, keine Kleidung, keine Decken, nicht mal ein zweites Pferd. Zwar konnte er der Vorstellung etwas abgewinnen, ihren drallen Körper fest an sich gepresst mit seinem Umhang vor der Nachtkälte zu schützen. Doch überleben würde sie solch eine Reise nicht. Außerdem wohin würde die Reise gehen? Wenn er endlich von ihr bekam, was er so dringend brauchte, konnte er sie nicht einfach in irgendeinem Dorf zurücklassen. Sie hatte ihn gesehen. Er war so unvorsichtig gewesen, ihr seinen Namen zu verraten. Mit Sicherheit wusste sie jetzt Dank Fryhor ganz genau, wer er wirklich war. Auch wenn sie nicht wusste, wohin er fliehen wollte, würde man auf jeden Fall auch Richtung Süden nach ihm suchen. Genau das hatte er vermeiden wollen. Er hatte es fast geschafft, dass der Norden ihn vergessen hatte oder für tot hielt und dachte gar nicht daran, sich jetzt seinen Ruhestand von einem simplen Captain einer noch simpleren Garnison verderben zu lassen.

Er positionierte sich mitten auf dem Weg und wirkte vorsichtshalber Quen. Er konnte im Rücken bereits deutlich die hellen Öllampen der Garnisonsruine erkennen. Hier und jetzt musste er es schaffen, den ganzen verängstigten Haufen lahmzulegen. Der Rappe stand wie ein Fels in der Brandung da und blockierte die Passage. Neben dem holzverstärkten Weg war es sumpfig, man konnte also hoffen, dass der näherkommende Reiter nicht zur Seite ausweichen würde. Zumindest würde dessen Gaul sich gegen die Zügel wehren, was Letho genügend Zeit verschaffte, um den einzelnen Mann zu töten.

Er sah die Silhouette des Reiters und zog drei Wurfmesser. Die andere Hand streckte er aus und wartete, bis der Kerl nah genug herangekommen war. Dann ging alles ganz schnell. Ein kraftvolles Aard brachte das anstürmende Pferd dazu, sich vor Schreck fast zu überschlagen. Der Reiter wurde abgeworfen und Letho konnte hören, wie Knochen brachen. Er strengte seine Katzenaugen an und warf dem geschundenen Körper zusätzlich ein Messer ins Herz.

Erledigt.

Er führte den Hengst ein wenig dem bereits hörbaren Trupp entgegen, damit die Wachen der nicht mehr ganz so weit entfernten Garnison nichts sehen konnten. Seine Aufmerksamkeit war nach vorne gerichtet und endlich erkannte er die Zugpferde. Er schleuderte seine beiden langen Dolche gleichzeitig in die schweißbedeckten Hälse der Zugpferde und brachte so den Karren zum Stehen. Das nächste Wurfmesser traf den Kutscher und Letho sprang vom Rücken seines eigenen Pferdes auf den Karren. Wieder befahl er Mireya sich zu ducken und schleuderte in atemberaubendem Tempo all seine Wurfmesser in und einige Ignikugeln gegen die fünf verdutzten Armbrustschützen. Verdammt, wo verkroch sich der Anführer?

Letho streckte seine Hand aus und wollte Mireya aufheben, doch ein tiefes Knurren lenkte seinen Blick nach rechts. Er spürte die böse Magie des ihn anspringenden Wargs auch ohne Medaillon.