Hin und wieder erwachte Letho aus seinem Meer aus Schmerzen. Der ach so fürsorgliche Feldarzt versorgte geschickt seine Wunden, damit er die Folter länger ertrug und bis zu jenem Tag überlebte, an dem er endlich dem Kaiser vorgeführt werden sollte. Seine Beine schmerzten kontinuierlich. Die unbequeme Position zerrte an seinen Sehnen und er konnte nicht sagen, was sich schlimmer anfühlte. Wenn seine Beine taub waren oder wenn sie kribbelten wie von tausenden Ameisen attackiert.

Hin und wieder traf die Peitsche auf seine nackten Fußsohlen, die inzwischen so ruiniert waren, dass nicht mal an eine Flucht zu denken war, selbst wenn er es aus den Fesseln herausschaffen sollte.

Er musste inzwischen unzählige Liter Blut verloren haben.

Der Kommandant erlaubte seinen Männern, sich ordentlich auszutoben, immerhin hatte er – Letho - einige der besten Kameraden der hier stationierten Soldaten getötet. Die gesteigerten hexereigenen Heilkräfte erlaubten den Männern, nachdem sie sich und ihm eine kurze Pause gegönnte hatten, wieder mit neuer Kraft zuzuschlagen, ohne sein Leben zu gefährden. Die Handschellen waren mit Absicht so eng, dass er nicht fähig war, mit seinen gefühllosen Händen „komische Hexerbewegungen" zu vollführen, die die Männer eventuell dahin manipulieren könnten, ihn frei zu lassen. Sein Rücken verkrampfte sich mittlerweile bei jedem Atemzug. Nicht nur die Peitschenhiebe, auch die zusammengestauchte Haltung als knieendes, hängendes Kreuz tat ihr übriges.

Er sehnte sich sehr nach der Grotte mit dem warmen Thermalwasser. Das wäre jetzt genau das Richtige!

Er versuchte in all dem geschäftigen Garnisonslärm die Stimme der Schönheit zu erkennen. Ein, zweimal hatte er sie, begleitet von ihrem Mann, an sich vorbeihuschen gesehen, aber die meiste Zeit, in der man ihn nicht auspeitschte, versuchte er zu meditieren, um bei Verstand zu bleiben. Sein ausgelaugtes Hirn arbeitete ununterbrochen an einem Fluchtplan. Wenn er schaffte, in eine so tiefe Meditation zu gleiten, dass sein Puls langsam und schwach wurde, bestand vielleicht die Chance, losgebunden und ins Krankenlager verfrachtet zu werden. Soweit er es mitbekommen hatte, bestand Emhyr darauf, ihm persönlich gegenüber zu treten und ihn mit eigener Hand zu bestraften. Er hatte nur noch nicht mitbekommen, ob man ihn zu dem Kaiser brachte oder eine Delegation hierherkommen würde.

Letho sah auf, als er den schlurfenden Schritt des alten Arztes vernahm. „Fütterungszeit."

Morgens bekam er schimmliges Brot, am Abend Fleisch und einen Krug Wasser. Auch das Fleisch war nicht immer frisch, aber das störte seine mutierte Abwehr nicht. Es hielt ihn am Leben, auch wenn er bereits spürte, dass seine Hose zu rutschen begann.

Der alte Arzt prüfte Lethos Puls am Hals und betastete die weit auseinandergezogenen Arme. Er drückte seine Fingerspitzen tief in den riesigen Biceps des Hexers, fuhr mit der Hand über die schwarz behaarte Brustmuskulatur und pikste hier und da in den nicht mehr ganz so feisten Bauch des Gefesselten.

„Unglaublich, was Dein Körper ertragen kann", sagte er und klang dabei fast neidisch. Er umrundete den Gefangenen und inspizierte den verletzen Rücken. „Unfassbar, wie schnell Deine Wunden heilen. Und das ohne eure schwarzmagischen Zaubertränke. Was gäbe ich dafür, einmal die Wirkung eines Deiner Heiltränke zu sehen."

„Schicke einen Kurier zu meinem Versteck und ich zeige es Dir", knurrte der Hexer.

Der Arzt lächelte mitleidig.

„Das würde Dir gefallen, nicht wahr? Innerhalb von Sekunden gesund werden, Dich losreißen und uns alle abschlachten wie Lämmer. So, wie es eben Monster Deiner Art machen. So, wie Du es fast mit unserem feinen Captain gemacht hast."

„Wie gesagt, Dir zeig ich´s gern."

„Weißt Du, mein Sohn dient bei Hofe. Hogard. Er ist auch Arzt, sehr wissbegierig und noch viel ungeduldiger. Er ist sogar zu ungeduldig, um mit der Leichenschau zu warten, bis das Subjekt tot ist", verkündete der Arzt stolz. „Ich denke, ich mach Dich ihm zum Geschenk. Sobald unser geliebter Kaiser mit Dir fertig ist, wird von Dir eh nicht mehr viel übrig sein."

Der Arzt zuckte zusammen, als der Hexer animalisch knurrte und ruckartig an den Ketten riss, was die Pfähle gefährlich wackeln ließ. Sofort rann Blut aus den zerfetzten Wunden an den Handgelenken.

Es wunderte den Arzt insgeheim, wie stark der Hexer nach der tagelangen Tortour immer noch war.

Letho hörte schwere Schritte. Jemand umfasste einen der beiden Pfähle und ruckelte daran. „Ihr zwei da! Der Pfahl muss erneuert werden. Weckt die Bogenschützen."

Letho drehte seinen Kopf soweit, dass er dem Kommandanten der Garnison in die Augen sehen konnte. „Alle neun sollen auf ihn zielen. Wenn er nur wagt zu niesen, spickt ihn mit Pfeilen."

Er schlug dem Hexer mit der behandschuhten Rückhand ins Gesicht.

„Ganz schön mutig für ein so hohes Tier der Armee, einen Gefesselten zu schlagen", zischte Letho sarkastisch und spuckte blutigen Speichel auf den beschlagenen Stiefel des Anführers. Dieser holte erneut aus und schlug dem Hexer so fest gegen die Schläfe, dass dieser wieder zusammenklappte. Gwynleve wischte seinen Stahlhandschuh an der Tunika des Arztes ab und sah den Alten drohend an.

„Bemuttere dieses Untier nicht. Wenn er reden kann, kümmerst Du Dich zu gut um ihn. Er muss nur noch zwei Tage bei uns überleben. Dann sind andere verantwortlich für ihn."

Letho fühlte sich so schwach, wie schon lange nicht mehr. Schwach und hilflos. Zuletzt hatte er sich so während der Kräuterprobe gefühlt. Als absolut jedes Fitzelchen Haut brannte und jeder Muskel seines Körpers schmerzte. Er versuchte die schmerzhafte Erinnerung durch eine angenehmere zu ersetzen, doch das war gar nicht so einfach. Es gab nicht sehr viele schöne Erinnerungen in seinem Leben.

Wie die meisten Hexer handelte es sich auch bei Letho um ein ehemaliges Waisenkind. Gefräßig, wie er damals war wurde er bald schon von seiner Mutter in der Gosse ausgesetzt. Die frühsten Jahre seiner Kindheit bestanden aus Entbehrung und Gewalt. Dank seines damals schon eher wuchtigen Körperbaus und der Tatsache, dass er sich im Alter von ungefähr sieben Jahren beim Stehlen von Essen geschickter anstellte als erwachsene Diebe, kam er trotz allem ganz gut allein zurecht. Genau dieses Geschick erweckte eines Tages die Aufmerksamkeit der Rekrutierer der Schlangenschule.

Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase hatte er sich sogar ein wenig gefreut, endlich einen Platz gefunden zu haben, den er als Zuhause bezeichnen konnte. Zwar ging es ihm auch in der Schule zunächst nicht sehr viel besser, als auf der Straße, was Gewalt und Entbehrung anging, doch hatte er wenigstens immer ein Dach über dem Kopf.

Nach bestandener Kräuterprobe wuchsen die Muskeln seines Körpers explosionsartig. Er wurde so groß und so massig, dass ihm oft Essen vorenthalten wurde, weil man der Meinung war, ein so schwergewichtiger Hexer sei nicht in der Lage, sich schnell genug zu bewegen. Schließlich kam es bei einem Eliteattentäter nicht auf rohe Körperkraft an und auch eine hochgewachsene, breite Statur wie die seine schien eher hinderlich zu sein, wenn man in der Menge untertauchen oder sich durch enge Gänge zwängen musste. Letho hatte alle von seinem Können überzeugt und seine Ausbildung als einer der besten seit Generationen abgeschlossen. Als er Jahrzehnte später vom Kaiser angeworben wurde, unterschätzte Emhyr die Intelligenz des plump aussehenden Hexers gewaltig und Letho musste erneut sein Geschick unter Beweis stellen.

Spätestens als es ihm gelang, Foltest vor den Augen eines anderen, berühmten Hexers zu töten, genoss er Emhyrs vollständiges Vertrauen. Umso größer der Fehler des Kaisers, seine Versprechen nicht einzuhalten und Letho zu hintergehen und zum Abschuss freizugeben.

Dumm gelaufen. Letho verfügte im Laufe seines Attentäterdaseins über Informationen, die jedem Kaiser, jedem König, jeder Zauberin und jedem Rebellen schaden konnte. Alle seine Opfer hatten versucht, seine Gnade mit Geheimnissen zu erkaufen. Allerdings war er an nichts so wenig interessiert, wie an politischen Intrigen und den dazugehörenden Geheimnissen. Nichts davon brachte ihm in seiner aktuellen misslichen Lage irgendeinen Vorteil.

Einzig die Fähigkeit selbst in seiner jetzigen Situation seinen Geist zu fokussieren und sich trotz allem auf seine Umgebung zu konzentrieren, half ihm ein wenig.

Er bemerkte, dass sich niemand schneller oder geschäftiger als sonst bewegte, oder irgendetwas gepackt wurde. Also ging er nicht davon aus, dass er von hier weg transportiert werden würde. Er bemerkte außerdem, dass die Soldaten viel zu viel Schnaps tranken, die meisten ziemlich fett waren und kaum jemand in irgendeiner Form trainierte. Der Wachmann vor dem Krankenzelt schien jetzt ausschließlich ihm zugeteilt zu sein, allerdings nahm auch dieser Soldat seine Aufgabe nicht sonderlich ernst. Der nichtsnutzige Gatte der Schönheit lungerte meist bei dem Quartiermeister herum, der den Schnaps ausgab. Oft konnte Letho hören, wie Eduar sehr freizügig über sein Eheleben plauderte. Die Schönheit bekam er kaum noch zu sehen, hin und wieder konnte er aber den Duft ihrer Haare riechen.

Oder er bildete es sich ein, die Möglichkeit bestand durchaus. Er war hungrig und dehydriert. Den ganzen Tag in dem unbedachten Innenhof zu braten, Schweiß und Blut in Mengen zu verlieren, die auch er nicht gut vertrug, zehrte an seinen Kräften und langsam auch an seinem Verstand. Noch zwei Tage also. Dann würde seine Qual ein Ende finden.