Fünf Jahre waren vergangen, seit Maleficent Aurora zur Königin der Moore ernannt hatte und sie damit nicht nur ein Reich sondern gleich zwei zu führen hatte. Beide Reiche hätten nicht unterschiedlicher sein können und mit jedem Tag schienen sie sich immer weiter voneinander zu entfernen. Das alles wuchs ihr langsam über den Kopf. Die Abende, an denen sie müde und erschöpft ins Bett fiel, häuften sich.

Es hatte Tage gegeben, da war es ihr leichter gefallen. Da hatte sie jeden Morgen mit einer Kraft begonnen, von der sie selbst kaum wusste, dass sie sie besaß. Jeder Tag war eine neue Herausforderung gewesen, der sie sich gerne gestellt hatte. Doch in letzter Zeit konnte sie diese Kraft immer seltener aufbringen und es fiel ihr schwer zu erklären, woran es lag.

Philip unterstützte sie wo er nur konnte. Gerade zu Anfang war er eine große Hilfe gewesen, hatte sie doch keine Ahnung, was sie als Königin für Aufgaben erwarteten. Er hatte ihr alles gezeigt, was er ihr beibringen konnte. War stets an ihrer Seite gewesen. Hatte ihr dabei geholfen, einen Rat zusammenzurufen, der in Perceforest die Ordnung wiederherstellte. Ohne ihn hätte sie sicher niemals geschafft, das Reich ihres Vaters wieder aufzubauen und den Schritt in Richtung Frieden zwischen den Mooren, Perceforest und Ulstead zu gehen.

Und auch wenn Maleficent und sie sich nicht immer einig waren, wie sie vorgehen sollte – schlug ihre gute Fee doch oft genug den harschen Weg vor – war sie natürlich ebenso eine große Stütze. Sie schützte die Moore mit ihrem Leben und gab all ihr Wissen über ihr fremdes Reich an sie weiter, denn die Wunder und Geheimnisse der Moore waren grenzenlos.

Doch es gab etwas – oder jemanden – der ihr in letzter Zeit immer mehr Sorgen bereitete: Diaval. Vielleicht war das auch der Grund, warum ihr in letzter Zeit einfach die Kraft fehlte. Er war immer an ihrer Seite gewesen. Schon seit sie ein kleines Mädchen gewesen war, war er bei ihr gewesen. Er hatte als Rabe an ihrem Fenster gesessen und sie hatte ihm aus den Büchern vorgelesen, die ihre Tantchen ihr besorgt hatten. Er hatte mit ihr Verstecken und Fangen gespielt. War mit ihr durch die Wälder getollt und des Nachts hatte er auf einem Baum in der Nähe des Häuschens gesessen und hatte über sie gewacht.

Sie erinnerte sich noch gut daran wie überrascht sie gewesen war, als er ihr zum ersten Mal als Mensch gegenüber gestanden hatte. Ihr Herz hatte in ihrer Brust geflattert wie ein kleiner Vogel und ein aufgeregtes Kribbeln hatte sich in ihr ausgebreitet. Sie hatte nicht gewusst, was sie sagen sollte, obwohl sie schon so häufig mit ihm gesprochen hatte. Nur hatte er ihr bis zu dem Moment nie antworten können.

Sie wusste noch genau wie glücklich sie darüber war, dass er in seiner menschlichen Gestalt mit ihr sprechen konnte und immer öfter hatte sie Maleficent darum gebeten, ihn zu verwandeln, damit sie miteinander reden konnten. Diaval hatte sich nie darüber beschwert. Wann immer sie mit ihm sprechen wollte, war er bei ihr und hatte ihr zugehört. Hatte sich ihre kindischen und naiven Gedanken angehört, hatte ihren Problemen gelauscht oder war einfach nur bei ihr gewesen, wenn sie nicht allein sein wollte. Wie oft hatten sie einfach die Sterne beobachtet, die müde blinzelnd auf sie herabschienen.

Sie war seine Nähe so gewohnt, dass es ihr umso schwerer fiel zu glauben, dass er nicht mehr bei ihr sein wollte. Wenn sie nur daran dachte, wurde ihr Herz wieder schwer. Vor einem Jahr hatte Maleficent ihm die Möglichkeit gegeben, sich auf seinen Wunsch hin zu verwandeln. Er war frei, konnte tun und lassen was er wollte. Zunächst hatte Aurora geglaubt, dass sich nichts ändern würde, wollte er die Moore doch auf keinen Fall verlassen, die zu seinem zu Hause geworden waren. Er war so glücklich darüber gewesen, dass er sich frei verwandeln konnte, dass er es Aurora gleich mehrfach demonstriert hatte, bis ihm schwindelig davon geworden war.

Doch irgendwann hatte er angefangen die Moore zu verlassen. Es gab Tage, da hatte sie ihn gar nicht mehr gesehen. Aus Tagen waren Wochen geworden. Immer seltener kam er zu ihr und sie wusste nicht, wieso. Der Gedanke, er wollte doch sein einfaches Leben als Rabe zurück – die Brücken hinter sich abbrechen, jegliche Menschen aus seinem Leben verbannen –, kam ihr völlig abwegig vor. Und dennoch gab es da eine leise Stimme in ihrem Hinterkopf, die genau das befürchtete. Sie hatte Angst, ihren besten Freund zu verlieren und die Angst wuchs mit jedem Tag…

Der Gedanke nagte an ihr, nahm ihr ganzes Wesen ein. Die Sonnenstrahlen, die sie sonst immer umgeben hatten, verblassten zu einem müden Glimmen. Ihr Herz wog schwer in ihrer Brust. Selbst das Wasserballett der Feen konnte ihre Gedanken nicht erhellen, als sie des Abends durch die Moore lief. Das weiche Moos fühlte sich ungewöhnlich kalt unter ihren Füßen an, wo es doch sonst ein warmes Bett für sie gewesen war. Die Magie der Moore glitt an ihr vorbei und wärmte sie nicht. Ihre Sorgen ließen nur Kälte zu.

Sie wollte wissen, warum er sie mied. Tausend Gedanken schwirrten durch ihren Kopf. Hatte sie etwas falsch gemacht? Hatte sie etwas gesagt, was ihn gekränkt hatte? Doch dann hätte er doch sicher mit ihr darüber geredet? Sie hatten doch immer über alles gesprochen. Und nun kam es ihr vor, als hätte sie seine Stimme seit Monaten nicht mehr gehört. Er fehlte ihr so schrecklich. Es fehlte ihr, mit ihm durch die Moore zu tollen, die Seele baumeln zu lassen, alle Gedanken auszusprechen, mochten sie auch noch so verrückt sein. Er war doch immer ihr Halt gewesen. Ihr Rückzugsort.

Ihr Blick schweifte über den See, der im Mondlicht glitzerte wie tausend Sterne, als sei der Himmel des Nachts hinabgestiegen und hätte sich in den Mooren niedergelassen. Ein leises Seufzen wich über ihre Lippen. Was würde sie dafür geben, würde er ihr nur bei ihr sein und mit ihr gemeinsam dieses nächtliche Schauspiel betrachten.

„Aurora…", seine Stimme riss sie abrupt aus ihren Gedanken. Sie wirbelte zu ihm herum und als sie ihn sah, schien ihr Herzschlag für einen Augenblick auszusetzen, ehe es aufgeregt gegen ihre Brust schlug. „Diaval!", sie musste dem Drang widerstehen, ihm in die Arme zu fallen. Unweigerlich hatte sie einen Schritt auf ihn zu gemacht. Sie legte sie eine Hand auf ihre Brust, als hoffte sie so, ihr nervöses Herz beruhigen zu können.

In seinen dunklen Rabenaugen konnte sie keinen seiner Gedanken lesen. Er zwang sich dazu, sie anzusehen. Schaffte es kaum, den Blick zu halten. Seine Finger nestelten an dem Vogelschädelring an seiner Hand. Sie wagte es nicht zu sprechen, als fürchtete sie, er würde davonfliegen, sobald sie sprach. Für eine gefühlte Ewigkeit sahen sie einander einfach nur an. Alles um sie herum verschwamm zu einem unwirklichen Lichtermeer, in dem sie wie körperlose Wesen schwebten.

„I-ich… ich kann das nicht mehr", kam es plötzlich über seine Lippen. Ihr Herz zog sich schmerzlich zusammen. „Was meinst du? Was kannst du nicht mehr?", ihre Stimme zitterte. „Wieso bist du mir so lange aus dem Weg gegangen? Habe ich irgendetwas falsches getan? Wieso sprichst du nicht mit mir?", verlangte sie zu wissen, doch ihre Stimme brach zum Ende hin weg, dass sie befürchtete, er würde sie gar nicht verstehen.

Diaval sah sie beinahe erschrocken an. Er sah aus, als würde er jeden Moment fliehen wollen. Doch so einfach würde sie ihn nicht mehr gehen lassen. Sie wollte es endlich wissen. Was es auch war! Sie konnte so nicht weitermachen. Sie musste wissen, warum er nicht mehr bei ihr sein wollte. Warum sie ihn mied, wo sie doch sonst unzertrennlich gewesen waren.

Ihr Herz hämmerte wild in ihrer Brust und drohte herauszuspringen. Sie ballte ihre Hände zu Fäusten, um das Zittern ihres Körpers zu unterdrücken. Doch einfach alles schien zu beben. All die Sorgen, die Ängste, die Unsicherheit stiegen wieder in ihr auf. Und alles in ihr schrie nur ein einziges Wort: Wieso?

„Wieso meidest du mich? Wieso sprichst du nicht mehr mit mir? Wieso bist du nicht hier? Bei mir?", platzte es ungehalten aus ihr heraus. Heiße Tränen stiegen ihr in die Augen, die sie wegzublinzeln versuchte. Unbewusst war sie einen weiteren Schritt auf ihn zugegangen. In ihren Augen blitzten Wut und Unverständnis, vor allem aber Schmerz. Schmerz darüber, dass er sie einfach alleine gelassen hatte. Dass er sich zurückgezogen hatte. Dass er nicht mehr ihr Freund war…

Diaval schluckte schwer und wich ihrem Blick aus. Unfähig etwas zu sagen rang er mit seinen eigenen Gedanken. Aurora hatte das Bedürfnis ihn zu schütteln, damit endlich wenigstens ein paar Worte von seiner Zunge fielen. „Ich bin dir aus dem Weg gegangen, weil meine Gedanken mich einfach nicht in Ruhe gelassen haben", sagte er plötzlich mit bebender Stimme. Aurora sah ihn verständnislos an. Seine Worte ergaben für sie überhaupt keinen Sinn. Was wollte er ihr damit sagen?

„Ich wollte dich nicht verlieren. Ich wollte unsere Freundschaft nicht kaputt machen und ich habe gehofft, dass ich dieses… dieses Gefühl einfach loswerden kann, wenn ich mich eine Weile von dir fern halte. Weil es nicht richtig ist. Weil ich doch nur…", er brach den Satz ab, wusste er doch offenbar nicht, wie er ihn beenden sollte. „Aber es hat nicht geholfen. Ich kann es einfach nicht vergessen."

Aurora schüttelte den Kopf. „Ich verstehe nicht. Was meinst du? Welches Gefühl? Was kannst du nicht vergessen", ihre Stimme war so leise, dass sie kaum zu ihm getragen wurde. Aus großen Augen sah sie ihn an, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen, obgleich die leise Stimme in ihrem Kopf ihr die Wahrheit flüsterte, die Diaval nicht ausgesprochen hatte.

Diaval hob den Blick und sah sie an. Für einen Moment versank er in ihren Augen, schien sich darin zu verlieren, als konnte er Welten darin erkennen, die so viel ferner, so viel leuchtender waren. Die ihn zu sich zogen. Und für einen Wimpernschlag hatte Aurora das Gefühl, dass auch sie diese Welten sah.

Ihr Herz schien stehen zu bleiben. Das Beben ihres Körpers war verebbt. Die Zeit war verstummt. Gefangen von dem Anblick dieser fernen Welten waren auch seine Worte stumm, die wie Federn über seine Lippen glitten. Und doch hallten sie immer wieder in ihrem Kopf wieder, bis ihr Herz wieder zu schlagen begann.

„Ich kann nicht vergessen, dass ich dich liebe…"