Es war mitten in der Nacht als Diaval plötzlich durch ein Gefühl erwachte, als ob etwas oder jemand an seinen Federn gezogen hätte. Irritiert streckte er seinen Rabenkopf in die Höhe, doch konnte er niemanden erkennen. Er war allein auf dem Baum, so wie in jeder Nacht. Suchend ließ er seinen Blick schweifen. Stille hatte sich über die Moore gelegt. Vereinzelt glitten noch einige Feenwesen über das seichte Wasser des Sees. Der Glanz des Vollmonds spiegelte sich auf der glatten Oberfläche und erhellte das Zentrum der Moore wie eine Laterne.

Doch etwas anderes lenkte seinen Blick ab. In dem höchsten Turm des moosbewachsenen Schlosses, welches in der Mitte des Sees thronte, konnte er Kerzenlicht flackern sehen. Maleficent hatte das Schloss für Aurora errichtet, nachdem sie sowohl zur Königin der Moore als auch von Perceforest gekrönt worden war. Die mächtigen Ranken und dicken Äste formten sich zu einem grünen Gebilde, überwuchert mit Blumen und Blättern. Aurora hatte sich sofort in das Schloss verliebt und wann immer sie in den Mooren war, schlief sie auch dort.

Auch heute Nacht war sie wieder dort, doch schien sie nicht mehr zu schlafen. Oder noch immer nicht? Ein beklemmendes Gefühl machte sich in ihm breit und er stieß sich von dem Ast ab, um zum Turm zu fliegen und nach ihr zu sehen. Die Nachtluft in den Mooren war angenehm und trotz der Wärme nicht drückend. Jenseits der Wintertage war es niemals zu kalt hier. Das war noch etwas, was er an den Mooren liebte und er wusste, dass es Aurora genau so ging.

Er landete tonlos auf dem Fenstersims und erspähte Aurora auf dem Bett sitzend und vertieft in ein Buch, welches sie sich aus Perceforest mitgenommen haben musste. Der Rabe gab ein verwundertes Krächzen von sich und sofort sah die junge Königin auf. Ein müdes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht, erkannte sie Diaval doch in jeder seiner Gestalten sofort.

Mit einem Hüpfer landete Diaval auf dem Boden und nahm seine menschliche Gestalt an. „Ich habe Licht gesehen. Kannst du nicht schlafen?", bemerkte er besorgt und setzte sich zu ihr auf die Bettkante. Aurora schlug das Buch zu und schwang ihre Füße über die Kante, sodass sie neben ihm saß. Dunkle Schatten zeichneten sich unter ihren Augen ab. Ihr Blick heftete auf dem Buch in ihrem Schoß.

„Kannst du etwas für dich behalten?", fragte sie mit leiser Stimme und sah ihn nun endlich an. Der Glanz aus dem tiefen Blau ihrer Augen war verschwunden, als seien dicke Nebelwolken aufgezogen, die die Sonnenstrahlen von ihr abhielten.

Sofort nickte der Rabenmann. Das beklemmende Gefühl wurde stärker und er spürte, wie sein Herz schwerer wurde. Sofort rasten tausend Gedanken durch seinen Kopf, was mit ihr los war. Was passiert sein konnte, dass es ihr so schlecht ging. Dass es ihr sogar den Schlaf raubte.

Aurora seufzte und senkte den Blick erneut. „Ich kann kaum schlafen, seit Maleficent mich von dem Fluch befreit hat. Ich will nicht, dass sie es weiß, weil ich nicht will, dass sie sich deswegen Vorwürfe macht, aber…", sie nestelte nervös an dem Stoff ihres Nachtkleids, „Ich habe noch immer Angst davor einzuschlafen. Ich weiß, dass der Fluch gebrochen ist, aber es fühlt sich jedes Mal aufs neue an, als wüsste ich einfach, dass ich dieses Mal nicht wieder aufwache." Ihre Stimme war brüchig und schwer. Sie ähnelte nicht dem unbeschwerten und freien Lachen des einfachen Mädchens, das in den Mooren aufgewachsen war.

Aus großen Augen sah Diaval sie an und nahm schließlich eine ihrer Hände in seine, um sie davon abzuhalten, das kleine Loch in dem Stoff ihres Kleides zu weiten. „Das ist Monate her!", stellte er schockiert fest. „Wieso hast du nie etwas gesagt?" Natürlich war ihm aufgefallen, dass sie sich nach allem, was vorgefallen war, nicht so unbeschwert gab wie zuvor. Doch hatte er das für völlig normal gehalten. Sie hatte ihren Vater verloren in dem Moment, in dem sie ihn wiedergefunden hatte und plötzlich lag eine ungeheure Last auf ihr als Königin zweier Reiche. Doch nie war ihm aufgefallen, dass sie kaum schlief.

„Ich wollte euch nicht beunruhigen…", murmelte sie leise und sah zu ihm auf. Tränen hatten sich in ihren Augen gesammelt. Sie sah plötzlich so unendlich erschöpft aus. Er wollte etwas sagen, doch alles was er sagen konnte, wusste sie bereits. Sie wusste, dass sie sich immer an ihn wenden konnte, ganz egal was sie auch beschäftigte. Sie wusste, dass sie sich immer auf ihn verlassen konnte. Dass er immer für sie da war. Und so legte er einfach einen Arm um sie und drückte sie an sich.

„Es tut mir so leid", flüsterte er an ihrer Seite, ohne dass er aussprach, was ihm leid tat. Er hatte nie gewollt, dass sie solch eine Angst hatte. Er hätte es bemerken müssen. Doch jetzt wusste er es ja. Jetzt konnte er für sie da sein.

Aurora schlang die Arme um ihn und er spürte das leichte Zittern ihres Körpers. Er musste sie nicht ansehen, um zu wissen, dass ihr die Tränen über die Wange liefen. „Du solltest ein wenig schlafen. Ich bleibe auch bei dir. Ich passe auf, dass du wieder aufwachst", versprach er ihr, obgleich ihnen beiden bewusst war, dass er keinen Einfluss darauf hatte.

Langsam löste Aurora sich wieder von ihm und wischte mit ihrem Ärmel über ihr Gesicht. Sie nickte stumm und schenkte ihm ein dankbares Lächeln. Schweigend krabbelte sie zurück auf ihr Bett. Ohne darüber nachzudenken streifte Diaval sich seine Schuhe von den Füßen und legte sich neben sie. Sofort schmiegte Aurora sich an ihn, ihren Kopf auf seine Brust gebettet und die Augen geschlossen.

Er hatte die Arme fest um sie gelegt, strich beruhigend über ihren Arm und lauschte dem leisen Pochen seines eigenen Herzschlags. „Danke, Diaval…", murmelte sie kaum verständlich an seiner Brust, die Finger fest in sein Hemd gekrallt, als wollte sie sichergehen, dass er nicht verschwand. Er gab ihr einen Kuss auf den Scheitel und schüttelte sacht den Kopf, wie zum Zeichen, dass es eine Selbstverständlichkeit für ihn war. Er würde immer für sie da sein, wenn sie ihn brauchte. Nur ein Wort von ihr genügte und er würde für den Rest seines Leben an ihrer Seite bleiben, um sicherzugehen, dass sie nie wieder Angst haben musste….