Es war ein langer Tag gewesen, sie war früh aufgestanden, um rechtzeitig zur Probe ins Theater zu kommen. In der frühen Morgenstunde hatte Nate noch geschlafen. Sophie liebte das Leben, dass sie sich aufgebaut hatten, nachdem er entschieden hatte, dass sie beide sich aus dem Team etwas zurück ziehen. Natürlich trafen sie sich jede Woche mindestens zwei Mal mit Parker, Eliot und Hardison zum Essen, bei dem Nate ein Auge auf den geplanten Ablauf ihres nächsten Betruges warf. Ein ums andere Mal halfen sie auch aus, zum Beispiel, wenn sie in einem Job dann doch nicht ohne Trickbetrügerin auskamen. Es störte sie nicht im mindesten, ganz im Gegenteil, sie liebte es. Nun hatte sie alles, was sie je wollte: Eine Zukunft und ein gemeinsames Leben mit Nate, ihre Arbeit am Theater und gelegentlich einen Trickbetrug.
Sie sah auf die Uhr. 16.30 Uhr, sicher würde Nate bald kommen. Mittags hatte er ihr eine Nachricht geschickt, in der er geschrieben hatte, wie sehr er sie liebte und dass sie heute vom Theater abgeholt würde. Er schickte ihr regelmäßig solche Nachrichten und sie liebte es. Im Gegenzug schrieb sie ihm auch immer Nachrichten, wenn er unterwegs war. Als er vor zwei Wochen Sterling bei einem Betrugsfall in L.A. geholfen hatte, bekam er jeden Morgen eine Nachricht von ihr. Tatsächlich hatte sie ihn unheimlich vermisst, auch wenn er nur vier Tage weg gewesen war.
Sophie machte sich noch ein paar Notizen zu der Darstellung ihres Schülers Frank, der Shakespeares König Lear heute in keinem guten Licht erstrahlen lies. Doch er schien so stolz auf seine Performance, dass sie entschied erst am nächsten Tag über ihre Notizen zu sprechen. Ein Luftzug im Rücken verriet ihr, dass jemand den Saal betreten hatte. Sie drehte sich um, in der Erwartung Nate zu begrüßen, doch sie erblickte Eliot, der den Gang zu ihr entlang schlich und leise neben ihr Platz nahm, um die Leute auf der Bühne nicht zu stören. Er lächelte ihr zu und zwinkert kurz, doch sagte nichts. Es war kein Geheimnis für ihre Familie, dass sie es hasste, wenn jemand während einer Aufführung oder der Probe flüsterte. Sie lies Frank noch seine ganz eigene Interpretation der Szene beenden, bevor sie leise, erschöpft seufzte. Morgen würde ein harter Tag werden, wenn sie diese Szene reparieren wollte. „Danke Leute, hier machen wir Schluss für heute. Schaut euch die Szene und die Texte Zuhause bitte noch einmal ganz genau an und morgen möchte ich von jedem eine Einschätzung hören, wie ihr König Lear in dieser Szene fandet und ob ihr noch weitere Vorschläge habt", rief sie, sodass alle sie verstanden. Es entstand zustimmendes Gemurmel. Von ein paar Schülern, die in ihrer Nähe saßen hörte sie, dass sie nicht die Idee der Darstellung mit Frank teilten. Vielleicht ist es ganz gut, wenn Frank es auch von den anderen hörte, dann musste sie nicht ganz so schlechte Kritik abgeben. Nach und nach leerte sich der Raum. Nun hatte Sophie auch endlich die Gelegenheit Eliot entsprechend zu begrüßen. Sie drückte ihn herzlich. „Womit verdiene ich das Glück, dass du heute vorbei schaust?", fragte sie, während sie mit ihm gemeinsam Richtung Ausgang schlenderte.

Ein Lächeln huschte über Eliots Gesicht. „Nate plant wohl ein romantisches Essen für euch beide und schafft es leider nicht selbst zu kommen. Da ich in der Nähe zu tun hatte, hab ich ihm angeboten dich abzuholen", erklärte er. Sophie war nicht enttäuscht, dass ihr Verlobter es nicht geschafft hatte. Sie verbrachte gerne Zeit mit dem Rest ihrer kleinen Familie und besonders die Gesellschaft von Eliot genoss sie gern, da der Mann immer eine Ruhe ausstrahlte die einen jeden Stress vergessen ließ, und genau dass brauchte sie nach diesem Tag.
„Und lass mich raten, du hast es ihm angeboten, als er dich nach Kochtipps gefragte hat?", fragte sie im Scherz. Eliot sah amüsiert zu Boden, antwortete aber nicht. Scheinbar hatte sie ins schwarze getroffen. Sie hatten das Gebäude verlassen und sie durchsuchte ihre Tasche nach dem Schlüssel, als Frank an sie heran trat. „Sophie, ich denke, ich sollte das morgen noch einmal probieren und die Haltung ändern. Vielleicht auch die Position und-", Sophie unterbrach ihn. „Bitte, Frank, mach Feierabend. Lies die Szene heute Abend nochmal und mach dir gerne Notizen. Morgen reden wir darüber."
„Ja, aber ich dachte-", Sophie legte ihm einen Finger über die Lippen, um ihn ruhig zu stellen.
„Bis Morgen, Frank", verabschiedete sie sich. Sie drehte ihn an den Schultern herum und stupste ihn leicht in die Richtung in die er immer verschwand, wenn er nach Hause ging.

Wieder seufzte sie erschöpft, als ihr Schüler außer Hörweite war.
„In drei Wochen Premiere, ja?", fragte Eliot, wobei sie den belustigten Unterton genau heraushörte.
„Erinnere mich nicht daran", entgegnete sie Kopfschüttelnd.
„Denk da jetzt nicht weiter drüber nach", meinte Eliot und bot ihr seinen Arm an. „Darf ich Sie zu Ihrer Kutsche geleiten, Miss Sophie?"
Sophie ergriff seinen Arm und sie gingen zum Auto. Er hatte eine Straße weiter geparkt, da vorm Theater alles belegt war, was ihr seltsam erschien, da die Parkplätze normalerweise alle frei sind. Denn weder sie, noch ihre Schüler sind mit dem Auto unterwegs. Doch sie vergeudete daran keinen weiteren Gedanken, sondern sprach mit Eliot über den letzten Job und wie es ihm ging. Eliot schien das Gespräch genau wie sie zu genießen. Sie lachten viel, bis sie an Eliots Wagen angekommen waren. Er öffnete die Beifahrertür für sie und sie stieg ein. Er ging vor der Motorhaube um den Wagen herum, doch als er die Fahrertür öffnen wollte wurde er von hinten an der Schulter gepackt. Sophie sah wie sein Gesicht von einem entspannten Ausdruck in nur einem Augenblick verschwand. Er wurde zurück gezogen und das erste was ihr in den Sinn kam, war sein Name zu rufen. Eliot wehrte den Angreifer ab, mit nur ein paar Schlägen, doch da kamen schon weitere. Neben Eliots Wagen hatten ein schwarzer SUV und ein schwarzer Transporter angehalten. Acht großgewachsene Männer umzingelten nun ihren Freund. Er war gut, aber Sophie wusste, dass es zu viele für Eliot waren, wenn sie alle im Nahkampf ausgebildet waren. Sophie entschied auszusteigen, um Eliot zu helfen, auch wenn er das sicher nicht wollen würde. Doch als sie die Tür öffnen wollte, standen dort zwei Männer. Sie bereute sofort nicht direkt ausgestiegen zu sein. Bevor einer der Männer die Tür öffnen konnte lehnte sie sich nach links und versetzte der Tür einen heftigen Tritt, als sie geöffnet wurde. Derjenige, der die Tür aufzog erhielt einen kräftigen Stoß und verlor fast das Gleichgewicht. Sie nutzte den kurzen Moment der Überraschung, um aus dem Auto zu hechten. Doch ihre Angreifer ließen sie nicht weit kommen, schon hatte sich ihr einer der Männer in den Weg gestellt. Ohne zu zögern nahm sie die Verteidigungsstellung ein, die Eliot ihr und Parker einmal gezeigt hatte und versuchte sich an alles zu erinnern, was Eliot ihnen versucht hatte beizubringen. Doch Parker lag es nun einmal mehr als ihr. Sie achtete auf alles, an das sie sich erinnern konnte. Achtete auf die Schulter, schlug auf den Punkt, den Eliot ihr gezeigt hatte. Sie war selbst überrascht wie gut sie sich verteidigen konnte. Doch sie war nicht Eliot. Sie spürte, dass ihre Ausdauer schnell nach ließ und in einem kleinen Moment der Unachtsamkeit erwischte einer der Männer ihren Hinterkopf, griff in ihre Haare und schlug ihren Kopf gegen das Auto. Sophie wurde schwarz vor Augen. Ein betäubender Schmerz ging von der linken Seite ihrer Stirn aus. Sie spürte, wie ihre Angreifer sie nun an ihren Armen packten und mit sich zerrten. Von ihrer Kopfwunde war sie wie benommen und konnte nicht handeln wie sie gewollt hätte. Wie durch einen Schleier hörte sie Eliots Stimme. Sie konnte nicht ausmachen was er rief. Nur ihren Namen? Oder doch die Anweisung sich zu wehren? Sie widersetzte sich mit jeder Faser ihres Körpers ihren Angreifern. Sie sah nur verschwommen, wie sie zu dem SUV gezogen wurde. Warmes Blut lief ihr über die Schläfe. Sicher war es eine Platzwunde. Wieder hörte sie Eliots Stimme. Sie schaute zu ihm rüber, er sah mitgenommen aus. Es waren zu viele Gegner, die ihn nun zurück hielten, um zu verhindern, dass er zu ihr gelangte. Sie wurde auf den Rücksitz des Fahrzeuges gezogen und die Tür wurde zugeschlagen. Sie versuchte frei zu kommen, wieder aus dem Wagen zu entkommen. Durch die getönte Fensterscheibe konnte sie Eliot ausmachen, der jetzt von den Männern zu Boden gedrückt wurde und einige Tritte einstecken musste. Ihr Entführer, der sie in den Wagen gezogen hatte, hielt sie noch immer fest. Die Autotür wurde erneut geöffnet und ein anderer Mann schob sich neben sie auf die Rückbank. Weiterhin versuchte sie sich aus dem Griff ihres Entführers zu befreien, doch der eben Zugestiegene packte sie hart am Arm und sie spürte, wie er ihr eine Nadel in den Arm drückte. Es schmerzte und brannte fürchterlich, bevor ihr Körper mit jedem Atemzug schwächer wurde.
Der letzte klare Gedanke, den sie fassen konnte galt Eliot. Sie hoffte inständig, dass es ihm gut ging und fragte sich, ob er in dem Transporter saß.