Tag für Tag

Dies ist eine Fortsetzung von ‚…und morgen kommt ein neuer Tag' und spielt 1929 – 1939.

Disclaimer:
Nachzulesen in meinem Profil.

Summary:
Das Grauen des Krieges verblasst langsam und die neue Welt präsentiert sich hoffnungsvoll und einladend. Das Leben jedoch ist niemals nur gut und so warten hinter der Hoffnung bereits die nächstens Schicksalsschläge.


Tage wie dieser

Anne Blythe lächelte. Es war der erste Januar eines neuen Jahres – 1929, um genau zu sein – und irgendwie hatten sie es geschafft, die ganze Familie nach Ingleside zu kriegen.

Kurz überlegte Anne, wann es das letzte Mal gewesen war, dass sie auch nur all ihre Kinder beisammen gehabt hatte, von ihrer Enkelschar ganz zu schweigen. Aber jetzt waren sie alle da und selbst Rosemary Meredith war aus dem Pfarrhaus gekommen, in dem sie sich seit Johns überraschendem Tod durch Nierenversagen am 16.5 des nun vorletzten Jahres verzog.

Es war ein harter Schlag für seine Familie und seine Freunde gewesen, doch während sie noch trauerten, war irgendjemand im presbyterianischen Kirchenrat klug genug gewesen, den nun frei gewordenen Pfarrersposten rasch Johns ältestem Sohn anzubieten.

Und Jerry hatte, auch mit Rücksicht auf seine Frau und Kinder, angenommen, weshalb er und Nan nun schon seit über einem Jahr wieder in Glen lebten.

Und so war es auch gekommen, dass Annes bisher jüngste Enkeltochter ebendort am 1.7.1926 einen Monat zu früh das Licht der Welt erblickt hatte.

Rosemary Faith, von allen Rose oder Rosie genannt, hatte von irgendwoher aus der Familie ihres Vaters blonde Haare geerbt, allerdings ihrer Mutter braune Augen und schien bisher ein sehr friedliches, braves Baby zu sein.

Zwei Monate jünger, vom 02.09, und ebenfalls blond war Carls Sohn, getauft David Carlyle, nach seinem Großvater mütterlicherseits und seinem Vater, aber nur als Dave oder Davy bekannt, was Anne jedes Mal an Davy Keith erinnerte.

Der war zwar mittlerweile ein erwachsener Mann und Vater von drei Kindern, von denen die Älteste ihm bereits drei Enkel geschenkt hatte, den sie aber immer noch als unglaublichen frechen kleinen Jungen in Erinnerung hatte.

Abgerundet wurde der Babysegen der letzten anderthalb Jahre von Henry Ford Blythe, Persis und Shirleys zweitem Sohn, geboren am 22.7.1927, den man, wie zu Lebzeiten auch schon seinen Großvater Ford, Harry nannte und der Shirley bereits jetzt unverschämt ähnlich sah.

Mit Harrys Geburt war allerdings auch ein weniger erfreuliches Ereignis einhergegangen, denn Persis war nicht lange nach seiner Geburt in ein schweres Stimmungstief verfallen. Sie hatte viel geweint, sich geweigert aufzustehen, kaum gegessen und war beinahe durchgedreht bei dem Vorschlag, eines ihrer Kinder zu sehen.

Worauf sich dieses Verhalten begründete, wusste niemand, nicht einmal Jem und Gilbert, wobei letzterer zu berichten wusste, dass er etwas ähnliches schon bei anderen jungen Müttern erlebt hatte und Shirley riet, so gut es ging damit umzugehen und abzuwarten, bis er Persis wieder besser ging.

Eben das hatte Shirley getan und tatsächlich hatte sich Persis Zustand nach einigen Monaten wieder gebessert und sie war mittlerweile so weit, reisen zu können und unter die Leute zu gehen, wurde manchmal jedoch immer noch von Anflügen der Verzweifelung und Weinkrämpfen heimgesucht.

Hilfreich war da auch nicht gerade, dass sich Harry als ungemein launisches und schwieriges Kind herausstellte, mit dem seine Mutter überhaupt nicht klar kam.

Jetzt im Moment kümmerte sich Leslie um ihren jüngsten Enkel und auch sie wirkte bereits sehr gestresst, hielt sich aber tapfer und beobachtete dabei Persis, die sich mit ihrem Bruder und seiner Frau unterhielt.

Auch Anne sah hinüber und wie so oft fragte sie sich, woher die Fords ihr Geld nahmen.

Sie wusste, dass Rilla und Leslie, wenn immer sie in Glen waren, schlichtere Kleidung trugen als in Toronto und trotzdem hoben sie sich immer noch ab, was insofern verwunderlich war, dass ihre Männer mit ihren Jobs zwar gut verdienten, aber nicht so gut, dass es einen solchen Lebensstil rechtfertigte.

Und da Leute, die Geld hatten, nicht darüber sprachen, wusste kaum jemand, woher die Fords das ihrige nahmen.

Generell einigte man sich darauf, dass einiges von Owens Vorfahren, reichen Industriellen und englischen Adligen, geerbt war, anderes auf besonders Kens Geschick beim Spekulieren und der Großteil auf irgendeine Firma, die seit Generationen im Familienbesitz war.

Woher auch immer, Fakt war, die Fords hatten Geld und so ganz wusste Anne nicht, was sie davon halten sollte.

Natürlich hatte Rilla sich nicht in ein gedankenloses Luxusgeschöpf verwandelt, wie Jem ihr prophezeit hatte, und es bestand wohl auch keine Gefahr, dass das noch passieren würde, hatte sie sich mit ihrem Leben in Toronto doch mehr arrangiert als sonst irgendetwas, aber es gab jemand anderen, um den Anne sich Sorgen machte: Ally.

War bei Walt mit seinen sieben Jahren schon jetzt deutlich, dass er die Mentalität seines Vaters und Großvaters geerbt hatte, die die Sicherheit, die der Reichtum mit sich brachte, zwar schätzen, sich ansonsten aber nicht allzu viel daraus machten, so war seine Zwillingsschwester von einem anderen Kaliber.

Natürlich, auch Persis war unter ähnlichen Verhältnissen aufgewachsen, aber sie war viel zu süß und naiv, um sich durch solche Sachen verderben zu lassen. Ally dagegen war immerhin Anne Shirleys Enkelin und auch Rilla wurde an Stolz nur noch von Nan übertroffen.

Helfen tat es da auch nicht besonders, dass Ally der Liebling ihres Vaters war – Daddy's kleines Mädchen eben – und der ließ ihr praktisch alles durchgehen.

Zudem versprach sie, immerhin Rilla Blythes Tochter und Leslie Wests Enkelin, ausgesprochen hübsch zu werden und das sich bei einem Mädchen wie Ally zu den Attributen hübsch, reich, stolz und verwöhnt schnell auch noch arrogant hinzugesellte, daran zweifelte Anne nicht wirklich.

Seufzend warf sie einen Blick auf ihre älteste Enkeltochter, die mit ihrem Bruder und älterem Cousin auf dem Boden saß und spielte.

Beobachtet wurden die drei von Cece Meredith, die sich aber anscheinend nicht traute, näher zu kommen, war sie doch ein sehr schüchternes Ding und wusste nicht wie sie auf ihren frechen Cousin und die Ford-Zwillinge zugehen sollte.

Daran, mit Annie Meredith, Josie Blake, sowie Merry-Joy Blythe (wie man Faith' Töchter nannte, wenn man von beiden zusammen sprach) zu spielen, schien sie allerdings auch kein Interesse zu haben.

Liebevoll betrachtete Anne ihre vier Enkelinnen. Da war Annie, mit ihren fünfeinhalb Jahren schon so sehr wie sie selbst es war, von den roten Haaren bis hin zu der überbordenden Fantasie.

Ebenfalls rothaarig, Merry Blythe, mit ihrer ruhigen, unkomplizierten Art ewig überschattet von der etwas jüngeren Joy, blond und bereits jetzt ihrer Mutter Abbild und ihres Vaters ganzer Stolz und zuletzt Josie, nach wie vor ein sehr hübsches Kleinkind mit weißblonden Löckchen, das eigentlich kontinuierlich nur am lachen, strahlen oder glucksen war.

Nicht weit von den Mädchen saßen drei ihrer Cousins, der ebenfalls blonde Olli Blythe, ausgestattet mit der freundlichen, lieben Natur seiner Mutter, sowie die Meredith-Brüder, so unterschiedlich.

Blythe war mit seinen braunen Haaren, seiner braunen Haut und den berüchtigten schwarz-blauen Augen doch ein wahrer Wirbelwind, während der jüngere Bert, schwarzhaarig und –äugig und unnatürlich blass, die Personifikation von Introvertiertheit war.

Die jüngeren Kinder – Rachel Meredith und Philly Blake, beide rothaarig, die erste allerdings sturköpfig und ein Plappermaul, die andere ruhig und mit einer Neigung zum fremdeln;

ähnlich unterschiedlich Rose Meredith, deren blonde Engelslocken bestens zu ihrem Gemüt passten, und Suzy Blythe, deren Haar versprach, in ein paar Jahren braun zu werden und deren Natur alles war, aber nicht engelhaft;

Johnny Blythe, Annes erster rothaariger Enkel und ein ruhig, problemloses Kind, sowie der hellhaarige Dave Blythe, der zwar ruhig, aber sicherlich nicht problemlos war;

und schließlich Harry, Shirley und Persis' jüngerer Sohn, den Leslie mittlerweile an Gilbert weitergegeben hatte, mit dem der Arzt allerdings noch weniger Glück hatte – lagen in den Armen ihrer Mütter, saßen auf den Schößen ihrer Vater oder Großeltern oder wurden von ihren Tanten oder Onkeln unterhalten.

Ein jähes Husten zerriss Annes Gedanken und sie, wie auch alle anderen, drehte sich zu der Ecke um, in der Jamie mit Walt und Ally konzentriert puzzelte.

Der Junge, fast acht und außer den schwarzen Haaren seinem Vater immer ähnlicher, hatte vor einigen Tagen etwas zu lange draußen im Schnee gespielt und sich dort eine Erkältung eingefangen, hatte aber heute unbedingt dabei sein wollen.

Jetzt allerdings schob sein Vater dem einen Riegel vor: „Das gefällt mir gar nicht, junger Mann. Du gehörst ins Bett und sonst nirgendwo hin."

Jamie protestierte zwar, wusste aber ganz genau, wann er sich seinem Vater besser nicht zu widersetzen hatte und ließ sich von ihm und Una hochbringen.

Walt sah kurz auf, schien es zu bedauern, dass sein Cousin gehen musste, wandte sich dann aber wieder dem Puzzle zu, lag es doch so gar nicht in seinem gelassenen, angenehmen Naturell, sich über so etwas aufzuregen.

Ally dagegen, die Jamie generell sehr nahe stand, schien es beinahe als persönliche Beleidigung aufzufassen und schmollte.

Keiner nahm Notiz von ihr und stand sie irgendwann auf, ohne dadurch eine Reaktion von Walt zu provozieren, der das ganze Spielchen gewohnt schien, und lief hinüber zu ihrem Vater.

Ken, ebenfalls mit der Ruhe von jemandem, dem das hier nicht neu war, hob seine Tochter hoch und ließ sie einige Minuten auf seinem Schoß sitzen, beschäftigte sich aber ansonsten nicht weiter mit ihr, so dass es dem Mädchen irgendwann zu langweilig wurde und sie so lange zappelte, bis Ken sie wieder herunterhob und sie zu ihrer Mutter laufen konnte.

Rilla war es dann auch, die das beruhigende Lächeln für Ally hatte, das diese haben wollte und sofort lächelte das kleine Mädchen zurück. Dann lehnte sie sich gegen ihre Mutter, die Suzy auf dem Schoß hatte.

Zusammen erinnerten die drei Anne sonderbarerweise an ein Bild von Marie-Antoinette, das sie irgendwo einmal gesehen hatte.

Bevor sie allerdings näher darüber nachdenken konnte, fiel ihr Blick auf die Puzzle-Ecke zurück, wo jetzt neben Walts braunem Haarschopf ein schwarzer mit Zöpfen hockte und friedlich mitpuzzelte.

Anne lächelte.