Momentaufnahme

Anne seufzte leise.

Sie lehnte in einem Türrahmen, hinter ihr in Inglesides großer Küche klapperten Töpfe und Geschirr, während Faith, Nan und Una mit Hilfe von einer weniger motivierten Annie und einer übereifrigen Rose das Essen für die mittlerweile fast 50 Personen zählende Großfamilie vorzubereiten versuchten.

Vor ihr erstreckte sich der große Wohnraum des alten Hauses, voll gepackt mit Menschen und Anne konnte nicht verhindern, dass sie an einen anderen Neujahrstag dachte, genau zehn Jahre zurückliegend, zu einer Zeit, als die Welt noch einfacher gewesen war.

Sie sah Cece Meredith, keine wirkliche Enkelin von ihr aber doch so gut wie, eines der Meredith-Babys, ob jetzt Ella oder Megan vermochte selbst Anne nicht zu sagen, durch den Raum tragen, und erkannte nur noch wenig von dem verschüchterten Kind von vor zehn Jahren, damals noch unberührt von Einsamkeit und Sorge und den Schwierigkeiten, einen Fremde in der eigenen Familie zu sein.

Ihre Schwester Rachel stand neben Suzy und Philly, die drei wirkten unvollständig ohne Rose dabei, genau wie bei Merry-Joy, die mit Josie redeten, die von Tag zu Tag hübscher zu werden schien und sich dessen von Stunde zu Stunde mehr bewusst war, irgendwie deplatziert wirkten, ohne den zweiten Rotschopf Annies daneben.

Auch diese Mädchen waren älter geworden, seit der letzten großen Familienfeier, natürlich, älter, aber auch härter, irgendwie, hatten gelernt, Dinge auszuhalten, Dinge zu schultern, in einer Vorbereitung auf eine ungewisse Zukunft. Denn war sie Zukunft nicht immer ungewiss? Und zu Zeiten wie diesen nicht noch mehr als sonst?

Annes Blick glitt weiter, zu ihren ältesten drei Enkeln, James und den Zwillingen, denn obwohl sie doch bei weitem nicht das einzige Zwillingspaar in der Familie waren, war doch immer klar gewesen, dass mit ‚die Zwillinge' nur Ally und Walt gemeint sein konnten, weil Nan und Di zwei zu separate Leben führten, weil Merry und Joy einfach Merry-Joy waren, untrennbar, für jetzt und scheinbar auch für immer, obwohl natürlich nicht wirklich, und weil Megan und Ella einfach ‚die Babys' waren und gut.

Ally und Walt waren mit ihrer Mutter schon vor anderthalb Monaten gekommen und obwohl Anne sich natürlich freute, auch diese, ihr irgendwie fremden Enkeln, längere Zeit zu sehen, hatte sie sich gewundert, hatte Rilla gefragt, und die hatte schließlich erklärt, dass es Kens Idee gewesen war, die Zwillinge schon früher nach Glen zu schicken, trotz Schule, in einem etwas hilflosen Versuch sie zu beschützen, vor sich, vor der Welt, Ally wahrscheinlich noch mehr als Walt.

Die schrecklichen Übergriffe auf jüdische Menschen in Deutschland, nur ganz kurz vor dem Geburtstag der beiden, waren wohl der Auslöser gewesen, weil Kenneth wusste, dass seine Kinder zu viel erfuhren, viel zu viel erfuhren, einfach, weil es in seinem Haus zu viel zu erfahren gab und es war wohl der Versuch gewesen, ihnen etwas Unschuld zu bewahren, aber als Anne die beiden so betrachtete, zweifelte sie daran, dass es noch sehr viel Unschuld zu bewahren gab.

James hielt eine Zeitung, aufgeschlagen, las mit gerunzelter Stirn immer wieder einige Passagen vor, allerdings leise, fast flüsternd, weil auch er natürlich einen Beschützerinstinkt hatte, seinen kleineren Geschwistern, Cousins und Cousinen gegenüber, denen man mit viel Vorsicht noch einige Zeit glückliche Unwissenheit erkaufen konnten, die James nicht mehr hatte, und Ally und Walt nicht, die zuhörten, angestrengt, abgeschreckt.

Auch Olli und Blythe, nächstes Jahr immerhin fünfzehn, waren, fiel Anne plötzlich auf und es erschreckte sie beinahe, nicht mehr die kleinen Jungen von früher und auch wenn sie Blythe fast täglich sah, wurde ihr erst in Gegenwart Ollis bewusst, dass sie es auch hier nicht mehr mit Kindern zu tun hatte, längst nicht mehr.

Nans Töchter drückten sich an Anne vorbei, und während Annie sofort in die Ecke ging, wo Merry-Joy noch immer kichernd mit Josie redeten, Joy kleine Zöpfchen in die Locken ihrer Schwester flechtend, eine beinahe abwesende, zärtliche Geste, machten Roses Augen sofort ihren anderen Bruder im Raum aus.

Bert saß in einer Ecke, still und dunkel und mit seinen dreizehn Jahren bereits so kompliziert, dass Anne zugeben musste, dass sie ihn nicht begriff. Sie wusste nicht, ob es irgendwer tat, außer vielleicht Rose, Jerry und noch Bruce, denn obwohl viele ihn mit Walter verglichen, weil er still war und schrieb, wiewohl keine Gedichte, sondern Liedfragmente, ein paar Zeile zu noch recht einfachen Melodien, man konnte nicht einfach einen Menschen als Kopie eines anderen abstempeln, damit tat man beiden bloß Unrecht.

Von Bert bewegten sich Annes Gedanken zum ‚Trio infernale', wie Gilbert die drei Jungen mal genannt hatte, Johnny, Dave und Harry, die, wenn sie zusammenkamen, aus der Kombination von Johnnys Intelligenz, Daves Gewitztheit und Harrys Übermut ihrer Umwelt so die ein oder andere Schwierigkeit bereiteten. Anne lächelte und beschloss, dass sie eigentlich nicht wirklich genau wissen wollten, was die drei gerade trieben. Sie würde es früh genug erfahren.

Eine Bewegung in ihrem Augenwinkel ließ sich Anne Suzy zuwenden, die aufgestanden war und durch den Raum zu ihrer Mutter gegangen war, jetzt Billy an die Hand nahm und ihn zu Rachel und Philly mit hinüber nahm. Die beiden rothaarigen Mädchen beobachteten ihren Cousin etwas ängstlich, denn wenn Bert schon merkwürdig war, als was sollte man dann nur Billy bezeichnen?, aber Suzy reckte nur das Kinn vor und der sture Blick in ihren Augen erinnerte mehr denn je an Persis.

Sie liebte ihren Bruder und Ende. Anne musste sagen, dass sie das Mädchen dafür bewunderte.

Persis selber wirkte erleichterte, nicht, weil sie ihren Sohn los war, sondern nur, weil sie sich jetzt für ein, vielleicht zwei Stunden ungestört unterhalten konnte, sie konnte Suzy mit Billy vertrauen. Von Cece nahm sie das Meredith-Baby in Empfang, es musste wohl Ella sein, weil es die ganze Zeit sehr ruhig gewesen war und Megan entschieden mehr schrie, und wirkte tatsächlich überraschend entspannt.

Megan – wenn es denn Megan war – saß gerade auf Dis Schoß, eifersüchtig beobachtet von Zoe, denn während Josie und Philly alt genug gewesen waren, ihre neue Schwester ohne große Eifersucht oder Unsicherheit zu akzeptieren, war Zoe doch erst viereinhalb und mit viereinhalb ist man nun noch der Meinung, die eigene Mutter habe nur einem selbst zu gehören.

Den ‚Babyzirkel' vervollständigen taten Yvette, ihre kleine Tochter im Arm und Catherine, die ganz selbstverständlich mitgekommen und als Teil der Familie aufgenommen worden war, mit Marcel. Auch Rosemary näherte sich, ein Tablett mit Tee aus der Küche tragend und Anne fragte sich kurz, ob es Yvette nicht manchmal zu viel wurde, aber die junge Frau war ausgeglichen und entspannt wie immer.

Nan folgte mit einem weiteren Tablett, gesellte sich dann allerdings, statt in die Küche zurückzugehen, zu ihrem Mann, der sich mit Ken und Rilla, Jem und Faith unterhielt und das wohl gerade noch rechtzeitig, um Rillas etwas abwesende Antwort auf eine Frage Jerrys zu hören, denn an ihrem geschockten, aufgeregten Gesichtsausdruck, der wohl der gleiche war, den Anne nach Erfahren der Nachricht getragen hatte, sah Anne sofort, was los war.

Es hatte sie selber überrascht, wie gelassen, beinahe blase Rilla darüber war, dass sie in wenigen Monaten den König und die Königin kennen lernen würde, im Juni, relativ zu Anfang deren Kanadareise, weil sie Fords reich und bekannt waren und offensichtlich würden sogar Ally und Walt dabei sein, Leslie und Owen natürlich auch, aber es schien keinen von ihnen so sehr aufzuregen wie den Rest der Familie.

Vielleicht hatten sie sich an den Gedanken schon gewöhnt oder wollten es einfach nicht an die große Glocke hängen, überlegte Anne bei sich, die das ganze doch recht spannend fand, aber auch jetzt zuckte Rilla nur kurz mit den Schultern und lehnte dann den Kopf gegen die Schulter ihres Mannes, der ihr daraufhin kurz über den Rücken strich, eine ehrlich zärtliche Geste, die den gleichen Hintergrund, die gleiche Aussage hatte, wie wenn Jem Faith manchmal immer noch sanft an den Haaren zog, weil Jem einfach immer zu einem kleinen Teil Junge bleiben würde.

Annes eigener Mann saß bei Shirley und Carl, in ein angeregtes Gespräch vertieft, und Anne musste lächeln, so waren sie nun mal, Männer, Wissenschaftler unter sich. Owen saß nur wenige Schritte entfernt, am Kamin, mit gerunzelter Stirn in einen Notizblock kritzelnd, vielleicht die Ideen für ein neues Buch, wer wusste das schon?, und mit dieser Mimik die Ähnlichkeit von Sohn und ältestem Enkel nur noch deutlicher machend.

Leslie, weil Leslie und Owen in Annes Kopf nach all den Jahren untrennbar verknüpft waren, unterhielt sich jetzt mit Rosemary, die den Babyzirkel nach der Teelieferung wohl verlassen hatte, und wie so oft, seit sie davon erfahren hatte, suchte Anne bei den beiden Frauen nach Zeichen der Verwandtschaft, wenn auch nur entfernt, und fand wenige, aber doch genug.

Jane stand ebenfalls dabei und auch wenn es wohl nie jemand laut ausgesprochen hatte, Jane wie auch Gordon, der gerade seine jüngste Tochter auf seine Schultern hievte, und vor ihm Jonas, wirkten immer ein ganz kleines bisschen fremd, nicht fehl am Platz und schon gar nicht wie Eindringlinge, aber doch etwas, etwas fremd in dieser Familie, die eigentlich aus drei Familie bestand, bis auf sie und natürlich Yvette, Catherine, die aber ohnehin noch viel zu neu waren.

Anne trat einen Schritt zurück, um Platz zu schaffen für Faith und Una, die gerade die Vorspeise herein trugen und begannen, alle fürs Essen zusammenzutrommeln, Faith mittlerweile als Hausfrau fast so patent wie ihre jüngere Schwester, aber trotzdem noch mit diesem Witz, diesem Leuchten, das Una vielleicht nie gehabt, vielleicht früh verloren hatte.

Anne seufzte, als sie den aufkommenden Gedanken verdrängt, den sie überhaupt je nur selten hochkommen ließ, weil sie es sonst nicht ertragen hätte, einfach nicht ertragen, betrachtete ihre Familie und dachte an die vergangene Zeit, um nicht an die zukünftigen Tage, Wochen, Monate und Jahre denken zu müssen.

Denn wahrlich, 1938 war zu Ende. Was nur, was würde das neue Jahr bringen?

- Fin -