Bis der Tag anbricht…

Dies ist eine Fortsetzung zu ‚…und morgen kommt ein neuer Tag' und ‚Tag für Tag' und spielt während des 2. Weltkriegs.

Disclaimer:
Nachzulesen in meinem Profil.

Summary:
Nach einigen kurzen Jahre des Glücks hat sich eine neue Wolke von Dunkelheit über die Welt gesenkt, schrecklicher und beständiger als jemals zuvor, und den Menschen wird mehr abverlangt, als sie dachten, geben zu können.


Viel Glück und viel Segen…

„Happy Birthday, dear David, Happy Birthday to you!"

Dave Meredith, seines Zeichens das Geburtstagskind, schien kaum warten zu können, bis das Lied endlich zu Ende war. Es war ja wirklich eine nette Geste, fand Dave, aber gegen den Stapel Geschenke dort hinten konnte es ganz sicher nicht bestehen. Unruhig wippte der sonst so stille und geduldige Junge auf und ab.

„Herzlichen Glückwunsch, kleiner Bruder", wünschte Cece, Daves älteste Schwester und wuschelte ihm einmal durch die Haare, woraufhin er nur das Gesicht verzog

„Genau", wiederholte Rachel, das Sandwich-Kind der Familie, teuflisch grinsend, „herzlichen Glückwunsch, kleiner Bruder." Sie selbst war, im Gegensatz zu Daves dreizehn Jahres, bereits vierzehn Jahre und zwei Monate alt und ließ kaum eine Gelegenheit aus, ihn das spüren zu lassen.

„Rachel, ärgere deinen Bruder nicht", schritt der Vater der drei, Carl Meredith, ein, bevor Dave und Rachel sich wieder in die Haare kriegen konnten, was leider oft genug geschah.

„Schon gut", Rachel verdrehte theatralisch die Augen und machte Platz für andere Gratulanten. Die erste war neben seinem Vater natürlich Daves Mutter, Jane Meredith, dann Rosemary Meredith, die, wenn schon nicht seine leibliche Großmutter, der einzig lebende Mensch war, der so etwas wie ein Großelternteil für Dave und seine Schwestern war.

Es folgten in ungeordneter Reihenfolge alle anderen Mitglieder der Großfamilie, obwohl Dave mit den meisten gar nicht mal richtig verwandt war. Aber wirklich genau achtete niemand darauf und so bezeichnete Dave Suzy Blythe ebenso als Cousine, wie er es bei Rose Meredith tat, obwohl er mit ersterer keinerlei Verwandtschaftsverhältnisse teilte.

Aber eigentlich, so fand Dave, konnte man gar nicht genug Verwandte haben, besonders nicht am eigenen Geburtstag. Immerhin konnte man davon ausgehen, dass jeder von ihnen ein Geschenk besorgte!

Dave war für die nächste Zeit erstmal damit beschäftigt seine Geschenke auszupacken und erfreut sich dabei tatkräftiger Hilfe seitens seiner Freunde Johnny, Harry und Billy Blythe, die alle den gleichen Nachnahmen trugen, obwohl Johnny nur der Cousin von Harry und Billy war.

Tatsächlich wären wohl die meisten Außenstehenden ziemlich verwirrt gewesen, hätten sie versucht, nach der ersten Begrüßung alle Namen im Kopf zu behalten. So gab es zum Beispiel eine Meredith Blythe und einen Blythe Meredith und es tauchte in jeder der drei Generationen eine Anne auf: Anne Blythe, Anne ‚Nan' Meredith und Anne ‚Annie' Meredith.

Aber die Familie unter sich wusste natürlich genau, wer jetzt wo zuzuordnen war und diverse Spitznamen halfen deutlich dabei, das Chaos abzuhalten, dass sich andernfalls vielleicht eingestellt hätte.

Während Dave nun also glücklich damit war, seine Geschenke auszupacken, wurde in einer anderen Ecke des Raumes ein weniger fröhliches Thema diskutiert.

„Ich finde, das stinkt gewaltig", bemerkte Walt Ford und überflog mit gerunzelter Stirn den Leitartikel in der aktuellen Zeitung, die rein zufällig genau die Zeitung war, die er eines Tages von seinem Vater und Großvater erben würde.

Ich finde, dass es mal langsam Zeit wird, dass irgendwas passiert. Weiß Gott was sich dieser Wahnsinnige in Deutschland noch alles ausdenkt, wenn er genug Zeit hat", hielt James Gerald Blythe dagegen, den man in Kindertagen ‚Jamie', später dann ‚J.J.' und mittlerweile schlicht ‚James' rief.

Ally Ford warf einen Blick über die Schulter ihres Bruders, stupste dann James an, damit er rüberrückte und ihr Platz auf der Fensterbank machte.

„Das klingt ja beinahe so, James, als wolltest du Krieg", stellte sie fest und blickte ihn herausfordernd an.

„Krieg! Meine Güte, Ally, wo lebst du? Wer redet denn von Krieg?", James lachte.

„Dad tut's", warf Walt ein, „und ich habe Jerry mit Carl darüber reden hören."

„Übertrieben, wenn ihr mich fragt. Nur weil Deutschland sich über Polen hermacht, heißt das noch lange nicht, dass wir in einen Krieg verwickelt werden", James zuckte mit den Schultern, „und außerdem, beim letzten Mal haben wir sie doch auch platt gemacht, oder nicht?"

„Beim letzten Mal ist mein Vater halb erblindet, Onkel Walter ist gestorben, dein Vater war monatelang in Gefangenschaft und Jerry wäre beinahe querschnittgelähmt geworden", zählte Cece, die sich gerade zu ihnen gesellt hatte, auf und wirkte, ganz entgegen ihrer sonst so ruhigen Art, ziemlich aufgebracht.

„Das sind die Opfer die man im Krieg bringen muss", klärte James sie altklug auf und wusste gar nicht, wie sehr er gerade seinem zwanzigjährigen Vater ähnelte.

„Mal angenommen – rein hypothetisch natürlich – es gibt wirklich Krieg – für uns, meine ich –, dann…?", Ally ließ ihren Satz unbeendet, aber James verstand.

„…würde ich sofort gehen", gab er zurück.

„Ich auch", schloss Walt sich an, „sobald ich achtzehn bin, meine ich."

„Was noch ein paar Monate dauern wird", Ally grinste ihren jüngeren Bruder an, dankbar, dass seine Bemerkung sie aus der Pflicht nahm, etwas zum Krieg sagen zu müssen.

Wieder einige Ecken weiter, führten die Väter und Onkel der vier ein ganz ähnliches Gespräch.

„Eigentlich war es vorzusehen", stellte Shirley Blythe fest, „dass die Deutschen sich irgendwann rächen wollen. Für sie ist das nur logisch."

„Sie haben doch damals angefangen, also ist es nur natürlich, dass sie es auch ausbaden müssen", hielt Gordon Blake, der über Di Blythe in die Familie eingeheiratet hatte, dagegen.

„Das sehen die Deutschen anders. Für sie ist der Friedensvertrag eine einzige, ungerechte Lüge", warf Jerry Meredith ein, „also finden sie es nur rechtens, wenn sie einen neuen Krieg anfangen. Womit ich natürlich nicht sagen will, dass es auch wirklich rechtens ist."

Ken Ford nickte: „Es ist, wie Marschall Foch damals gesagt hat: ‚Das ist kein Frieden, das ist ein Waffenstillstand für 20 Jahre.'"

„Weise Worte", Jem Blythe grinste in einem Versuch, die Stimmung etwas zu lockern, scheiterte aber. Bevor irgendjemand etwas sagen konnte, zog ein Geräusch am anderen Ende des Raumes alle Aufmerksamkeit auf sich.

Ally war aufgesprungen, sah für einen Moment aus, als wolle sie etwas sagen (oder schreien), drehte sich dann um und verließ mit schnellen Schritten den Raum. Cece blickte kurz von Walt zu James, dann zur Tür, stand dann ebenfalls auf und folgte ihrer Freundin.

James und Walt blieben zurück, tauschten einen Blick und wandten sich gleichzeitig wieder der Zeitung zu, bemüht, die Sache herunterzuspielen.

„Was das wohl sollte?", erkundigte sich Nan Meredith bei ihren Schwestern und versuchte gleichzeitig ihre identisch aussehenden, braunhaarigen Zwillingsbabys, Megan und Ella zu beruhigen.

„Wahrscheinlich ging es um die Situation in Europa", riet Di Blake.

„Ja und?", fragte Jane Meredith etwas naiv.

Faith Blythe lächelte angespannt: „Wenn wir Pech haben, wird aus diesem Überfall auf Polen ein neuer Krieg draus. Ein richtiger Krieg. Und Jamie hat bestimmt lautstark verkündet, dass er selbstverständlich sofort gehen wird. Er ist Jem in der Hinsicht viel zu ähnlich."

„Und Walt wahrscheinlich genauso", stimmte Rilla Ford zu, „und deshalb regt Ally sich so auf."

Und natürlich hatte Rilla damit den Nagel auf den Kopf getroffen. Denn wenn Ally am Anfang nichts gesagt hatte, hatte sie irgendwann dann doch gefragt, ob James sich ‚wirklich der Illusion hingab, dass Krieg etwas Ehrenhaftes sei'.

James hatte entsprechend reagiert und ihr sehr deutlich gemacht, dass er keine Sekunde zögern würde, sich zu melden und so hatten sie beiden sich schon über den Krieg gestritten, bevor er überhaupt richtig angefangen hatte.

Jetzt saß Ally auf einem der Grabsteine im alten Methodistengarten, der seit je her an das Pfarrhaus in Glen angrenzte, und starrte stumpf vor sich hin.

„Hey", Cece blieb vor ihr stehen, „bist du okay?"

„Geht schon", erwiderte Ally, sah auf und versuchte sich an einem Lächeln.

Cece verdrehte die Augen: „Erzähl das deiner Großmutter."

„Ford oder Blythe?", fragte Ally und grinste etwas, „sie werden es mir beide nicht glauben."

Cece seufzte kopfschüttelnd, musste aber ebenfalls lächeln: „Das war nicht wörtlich gemeint."

„Nicht?", Ally lachte kurz auf, wurde aber sofort wieder ernst.

„Also, worum geht es?", fragte Cece und überlegte im Stillen, ob sie sich, auf die Gefahr hin, ihre Kleidung zu ruinieren, auf den Grabstein neben Allys setzten sollte oder nicht.

„Er meint das nicht ernst, oder?", fragte ihre Freundin nach einer kurzen Pause, „er kann das nicht ernst meinen. Er darf nicht. Er darf einfach nicht!"

Cece musste nicht fragen, wer ‚er' war. So unglaublich nah sich Ally und Walt, immerhin Zwillinge und Einzelkinder, auch standen, jetzt gerade sprach sie über James.

„Du wirst schon sehen, wahrscheinlich ist das ganze Gerede über einen neuen Krieg einfach nur Panikmacherei. Die ganzen englischen und französischen Politiker kriegen das schon wieder in Ordnung, bevor es wirklich ernst werden kann", versuchte Cece ihre Cousine zu beruhigen.

„Ja, wahrscheinlich hast du Recht", Ally zwang sich zu einem Lächeln, „ich lasse mich nur verrückt machen." Aber beide wussten, dass sie log.

Für einen Moment schwiegen beide, dann hob Ally den Kopf um ihre Seelen-Schwester, wie die beiden einander gerne bezeichneten, anzusehen und möglichst unschuldig zu fragen: „Übrigens... was habe ich da gehört, über dich und einen gewissen Jack MacAllister?"

Und während Cece sich vehement gegen die Gerüchte betreffend Jack MacAllister wehrte – an denen zugegebenermaßen wirklich nichts dran war – trat Harry Blythe, der im Gebüsch herumgelungert und das Gespräch zufällig überhört hatte, unbewusst ein paar Schritte zurück. Krieg? Es sollte Krieg geben? Das musste er den anderen sagen!

So schnell ihn seine Beine trugen, lief Harry zurück zu Dave, Billy und Johnny, die immer noch inmitten der Geschenke saßen.

„Ratet mal, was ich gerade gehört habe", flüsterte er den Jungen aufgeregt zu, „es soll Krieg geben! Drüben in Europa!"

Anscheinend war Harry nicht leise genug, denn im nächsten Moment schaltete sich auch schon Olli, sein älterer Bruder, ein: „Und das kriegst du erst jetzt mit, Kleiner?"

„Unsere Eltern reden doch seit Tagen von nichts anderen mehr, als dem, was da bei den Hunnen abläuft. Die haben nämlich gestern das arme Polen überfallen", bestätigte Blythe Meredith.

„Tante Rilla sagt, dass Ally deshalb so ausgeflippt ist", wusste Joy Blythe beizusteuern.

Ihr Zwilling, Merry, nickte: „Ja, weil J.J. sich angeblich freiwillig melden will. Und Walt auch."

Blythe seufzte neidisch: „Die Glücklichen…"