Und wenn sie nicht gestorben sind…

„Mir ist kalt", schlechtlaunisch kickte Lily einen kleinen Kieselstein weg, „und langweilig."

„Mir auch", fügte Luke hinzu, der grundsätzlich immer alles nachplapperte, was Lily sagte.

„Ich bin mir sicher, Walt wird gleich kommen und uns sagen, warum er uns hier her bestellt hat", versuchte Rilla die beiden Kinder zu beruhigen.

„Dann sollte er besser bald auftauchen", auch James wirkte nicht gerade amüsiert, „wenn Nick sich wegen ihm erkältet…"

„Nick geht es wunderbar", besänftigte Ally und warf einen Blick auf ihren knapp drei Wochen alten Sohn, den sie auf dem Arm hielt, „und Walt kommt gleich."

„Magst du uns bis dahin sagen, was er mit uns vorhat?", erkundigte Kenneth sich amüsiert bei seiner ältesten Tochter, aber Ally strahlte ihn nur fröhlich an und schüttelte den Kopf.

„Ich sage gar nichts", erklärte sie und die Schadenfreude stand ihr ins Gesicht geschrieben.

Lily schob schmollend die Unterlippe vor. „Du bist doof", erklärte sie und ignorierte sogar Rillas mahnendes „Elaine Ford!", so schlecht gelaunt war sie.

„Wartet ihr auf uns?", fragte in dem Moment eine Stimme hinter ihnen, bevor Lily noch mehr Schimpftiraden loslassen konnte.

„Nein, wir stehen bloß gerne alle sinnlos über eine halbe Stunde im Regen herum. Mit dir hat das rein gar nicht zu tun. Was dachtest du denn?", erkundigte James sich betont sarkastisch bei Walt, der auf die Gruppe zugeschlendert kam, Belle dicht hinter ihm.

Beide wirkten ausgesprochen fröhlich, trotz des für Anfang September sehr bedrückenden Wetters.

„Bevor sich die Gemüte noch weiter erhitzen, sagst du uns, warum du uns hier hin bestellt hast?", fragte jetzt Kenneth seinen Sohn.

„Naja", Walt wechselte einen Blick mit Belle, die an seiner Seite stand, „das Standesamt ist um die Ecke…"

„Wir wollten, dass ihr dabei seid, wenn wir heiraten", fügte Belle hinzu und blickte unsicher von einem zum anderen.

Alle wirkten geschockt – mit Ausnahme von Baby Nick – nur Ally lächelte. „Wunderbar. Können wir dann?", fragte sie gut gelaunt und machte zwei Schritte.

„Woher…", begann Walt, unterbrach sich aber selbst und schüttelte den Kopf, „ich frage glaube ich besser nicht."

„Gute Idee", bestätigte Belle, bemühte sich um ein unschuldiges Lächeln für ihn, zwinkerte Ally hinter seinem Rücken aber verschwörerisch zu.

„Heiraten?", fragte Rilla, die sich einigermaßen gefangen hatte, „na dann… Alles Gute. Willkommen in der Familie, Belle, Luke."

Und auch wenn Belle es nicht zeigte, zumindest Ally wusste, wie unglaublich erleichtert sie sein musste, dass Rilla ihren Sohn so einfach dazuzählte, so völlig selbstverständlich als Teil ihrer Familie aufnahm.

„Danke", lächelte Belle jetzt und ließ sich von Rilla umarmen, dann von Ally, nahm die Hände von Kenneth und James, die sich langsam von ihrem Schock erholten.

Nur Lily tappte äußert genervt mit einem Fuß auf dem Boden – es wirkte bei ihr eher drollig als wirklich verärgert – und warf einen demonstrativen Blick auf die Uhr. Das Zusammenleben mit so vielen Erwachsenen hatte sie gelehrt, ihnen so einige Verhaltensweisen abzugucken.

„Können wir dann?", wiederholte sie Ally Worte, ihre Stimme dabei äußert ungeduldig und die Erwachsenen verbissen sich ein Grinsen.

„Ja. Können wir dann?", plapperte in dem Moment Luke wie auf Kommando nach und spätestens jetzt mussten alle Versammelten lachen, selbst Lily, nur der kleine Luke wirkte etwas verwirrt.

Da der Regen langsam stärker wurde, beeilten sie sich, in das Standesamt zu kommen, wo Walt verschwand, um ihre Ankunft anzumelden.

„Wolltet ihr nicht kirchlich heiraten?", erkundigte Rilla sich bei Belle, während sie warteten, „oder zumindest eine richtige Feier haben?"

„Ich bin nicht sonderlich gläubig. Ist auch ganz gut so, glaube ich. Die Katholiken schmeißen mich eh aus der Kirche, weil ich einen Protestanten heiraten", gab Belle lachend zurück, „und was die Feier anbelangt, das hätte uns einfach zu lange gedauert."

Augenblicklich schoss Allys rechte Augenbraue nach oben.

„Ich meine, es gibt keinen besonderen Grund dafür, so kurzfristig zu heiraten", fügte Belle schnell hinzu, als sie den Gedankenpfad erkannte, dem ihre Freundin folgte, „aber nachdem wir uns einmal entschieden hatten, haben wir uns gedacht, warum warten?"

„Gute Frage", nickte Kenneth freundlich, aber Belle war viel zu sehr damit beschäftigt einer grinsenden Ally böse Blicke zuzuwerfen.

Musste die denn auch alles bemerken?

„Kommt ihr?", rief in dem Moment Walt durch die Empfangshalle und rettete seine Braut damit aus ihrer etwas delikaten Lage.

Die Hochzeit war so schlicht, dass zumindest Rilla, Lily und bis zu einem gewissen Grad sogar Ally fanden, dass eigentlich gar keine richtige Hochzeit war, aber Walt und Belle wirkten beide ausgesprochen glücklich und überhaupt, Ally hatte ja schon bei ihrer eigenen Hochzeit über zwei Jahre zuvor beschlossen, dass die Ehe zählte, nicht die Hochzeit.

Als sie nach der Zeremonie, die nur wenige Minuten gedauert hatte, das Standesamt verließen, hatte sich gerade die Sonne einen Weg durch die Wolkendecke gekämpft und schien freundlich auf sie hinab.

„Guck mal", rief Lily und deutete in die Ferne, „ein Regenbogen. Total schön!"

Rilla lächelte. „Ich habe Regenbogen immer als gutes Omen gesehen", erklärte sie und sah ihren Sohn und seine Braut an, „das könnte also ein gutes Omen für euch sein."

„Und wo wir das geklärt haben", schaltete James sich trocken ein, „mag mir mal einer erklären, was es mir dieser etwas… ach, kurzfristigen Hochzeit auf sich hat?"

„Als ob eure weniger kurzfristig gewesen wäre", verteidigte Walt sich und zog Belle näher.

„Es war Krieg", gab James zurück.

„Ist es immer noch", nickte Belle und tauschte trotz ihrer Worte ein Lächeln mit ihrem Mann.

„Ist es nicht", widersprach Ally, „die Japaner haben heute offiziell kapituliert. Schon vergessen?"

Also?", hakte James erneut nach und nahm gleichzeitig Ally ihren Sohn ab, der ihr langsam schwer zu werden schien.

„Ich liebe sie", Walt zuckte mit den Schultern, „warum also warten?"

Langsam nickte James. Das zumindest konnte er nachvollziehen.

„Da wir das jetzt geklärt haben, können wir dann gehen?", erkundigte Ally sich, „eure Gäste warten."

„Gäste?", fragte ihr Vater überrascht.

„Naja, ich dachte, eine kleine Feier sollte drin sein, also habe ich Helen gesagt, sie soll etwas kochen und ein paar Leute eingeladen", erklärte Ally wie selbstverständlich.

„Aber woher wusstest du…?", begann Belle in dem Moment, in dem Walt seine Schwester kopfschüttelnd fragte: „Das macht dir Spaß, oder?"

„Wie du nur darauf kommst…", gab sie grinsend zurück


„Schläft er?", müde öffnete Ally ein Auge und beobachtete James, wie er im Dunkeln zurück ins Bett kletterte.

Es war viele Stunden später, nach der Feier, und sie waren in Windgates, hatten beschlossen, den Frischvermählten für die erste Nacht ihr Haus zu Verfügung zu stellen. So hatte James Walt irgendwann abends die Schlüssel zugeworfen und Ally daraufhin erklärt, Carolyn habe das Gästezimmer für sie fertig gemacht, was Belle beinahe hatte erröten lassen.

Sie war ohnehin unsicherer, schüchterner geworden, seit sie ihre Gefühle für Walt entdeckt hatte. Liebe, das war für sie ein sehr neues Gefühl und sie mochte es nicht, sich auf unbekanntem Terrain zu bewegen, reagierte also dementsprechend nervös.

„Ja, im Moment schon", seufzte James gerade und ließ sich in die Kissen sinken, „fragt sich nur wie lange."

„Nicht sehr lange", gab Ally zurück und zog sich die Decke über den Kopf. Sie liebte ihren Sohn ja, mehr als sie sich je hätte vorstellen können, aber sie konnte sich schon nicht mehr daran erinnern, wie es war, nicht jede Nacht fünfmal aufgeweckt zu werden.

Es musste ein wunderbares Gefühl sein.

„Er ist ja niedlich so als Baby, aber ich bin wirklich froh, wenn er endlich älter ist", stellte sie fest und zog die Decke wieder bis zur Nasenspitze herunter, damit sie James ansehen konnte.

„Stimmt", bestätigte er, begann dann zu grinsen, „wenn Nick durchschläft können wir über ein Geschwisterchen für ihn nachdenken."

„Ich würde dich jetzt hauen, aber ich bin viel zu müde dafür", gab Ally trocken zurück und wollte die Decke wieder hochziehen, merkte aber, dass James sie festhielt.

„Ich meine… ernsthaft jetzt", erklärte er ruhig und drehte den Kopf, um sie anzusehen.

Für einen Augenblick dachte Ally nach, dann nickte sie langsam.

„Sprich mich an Nicks erstem Geburtstag noch einmal darauf an, okay?", erwiderte sie dann und lächelte.

„Verlass dich drauf", gab James zurück.

Eine seiner Hände spielte mit ihrem unordentlich auf dem Kissen ausgebreiteten Haar und als Ally seinem Blick begegnete, wusste sie spätestens, was er vorhatte.

Bevor sie jedoch auch nur die Möglichkeit hatte, irgendwie auf seinen Plan zu reagieren, hörten beide ein leises Quengeln aus dem Nebenzimmer.

Obwohl sie es durch die Dunkelheit nicht sehen konnte, wusste Ally, dass James die Augen verdrehte, als er sich aufrichtete und die Decke weg schlug.

„Lass mich", sagte sie schnell und berührte mit einer Hand seinen Rücken, „du musst morgen früh in die Uni."

Das war eine Logik, mit der James nicht argumentieren konnte – und ehrlich gesagt auch nicht wollte –, also war es Ally, die sich aus dem warmen Bett quälte und barfuss ins Nebenzimmer zu ihrem Sohn ging.

Kaum das sie ihn sah, wie er in seiner Wiege lag, das kleine Gesicht verzogen und tränennass, fiel jegliche Genervtheit von ihr ab. Das hier war ihr Baby und es brauchte sie.

„Hey mein Kleiner", flüsterte sie und nahm ihn hoch, „was ist denn so schlimm? Hunger kannst du doch noch keinen haben."

Tatsächlich beruhigte Nick sich augenblicklich und schmiegte sich in ihre Umarmung. Er hatte sich wohl nur einsam gefühlt.

Ein Blick auf die leere Wiege, dann entschied Ally, dass sie ihn ganz gut verstehen konnte und nahm ihn mit ins Schlafzimmer. Wer war sie denn, ihn zu zwingen, alleine zu schlafen, wenn er genauso gut bei ihnen bleiben konnte?

James lag auf der Seite, musste innerhalb der letzten Minute eingeschlafen sein. Sie konnte es ihm nicht verdenken. Im Moment waren sie beide ständig müde.

Vorsichtig, um ihn nicht zu wecken, kletterte Ally zurück ins Bett, balancierte Nick auf einem Arm, während ihm mit der anderen Hand ein Nest aus Kissen und Decken in der Mitte des Bettes baute – James grummelte im Schlaf, als sie ihm eines seiner Kissen klaute –, in das sie ihn legte.

Zwischen seinen Eltern im warmen Bett schlief Nick sofort wieder ein, bestätigte damit Allys Ahnung, dass er sich einsam gefühlt hatte.

Ihr Blick glitt von ihrem Sohn zu ihrem Mann und wieder zurück und für einige Minuten saß Ally einfach da, aufrecht im Bett, und betrachtete die beiden Menschen, die sie auf dieser Welt am meisten liebte.

Schließlich küsste sie beide auf die Stirn und rollte sich selbst in ihrer Decke ein, denn auch sie war müde, musste schlafen, Kraft sammeln.

Wer wusste schließlich, was das Leben noch so alles mit ihnen vorhatte?

- Fin -