Blitz und Sturm

Es war ist ganz normaler Nachmittag im September.

Es scheint ein ganz normaler Nachmittag im September.

Dad ist im Krankenhaus, Mum ist auch weg, wahrscheinlich einkaufen, und Anna ist in ihrem Zimmer und tut, was auch immer sie da oben tut.

Und ich, ich… treibe.

Vielleicht war das abzusehen. Man hat uns unseren Schulabschluss ein Jahr früher gegeben, weil Krieg ist und man davon ausgegangen ist, wir würden irgendwie gebraucht werden. Und es ist auch Krieg, natürlich ist Krieg, aber brauchen tut man uns nicht.

Und deswegen treibe ich so vor mich hin, ohne richtiges Ziel und ohne echten Plan, weil es widersinnig scheint, in Kriegszeiten Pläne zu machen.

Dabei können wir von Glück sagen, dass der Krieg bei uns nicht richtig angekommen ist – bisher zumindest nicht. Sicher, ja, da sind Rationierungen und David und die ganzen anderen jungen Männer, die gehen und der Krieg ist das einzige Thema in aller Munde und auf jeder Zeitung. Aber ansonsten geht das Leben weiter, bestmöglich und dabei doch gar nicht so anders als vorher.

Zu Kriegsbeginn hat man uns auf so viele schreckliche Dinge eingestellt.

Sie haben von Bomben geredet und Luftschutzbunker gebaut. Sie haben von Gas geredet und Gasmasken verteilt. Sie haben von Gefahr geredet und Kinder aufs Land verschickt. Und sie haben auch von Invasion geredet, auch wenn ihnen dafür scheinbar keine schnelle Lösung eingefallen ist.

Aber passiert ist bisher nichts.

Um uns herum, ja, da passiert genug, schreckliche Dinge nach schrecklichen Dingen. Dünnkirchen, dieses eine rettende Ende eines Desasters, weil auch nicht vorstellbar scheint, was geschehen wäre, wäre die Evakuierung nicht erfolgreich gewesen. Das Desaster selbst, der Fall Frankreichs, der so schnell kam und doch so unabwendbar. Die ‚Schlacht um Britannien', wie sie sie nennen, bei der die deutsche Luftwaffe versucht, unsere Industrie und unsere Flughafen zu zerstören und die Air Force versucht, sie aufzuhalten und scheinbar niemand gewinnt.

Es passiert genug, aber irgendwie – irgendwie kommt nichts bei uns an. Seit einem Jahr schwebt die Angst über uns, umso stärker seit diesem schrecklichen Mai und diesem grausamen Juni, und man merkt es den Menschen an, wie sie sich wegducken unter dieser drohenden, unsichtbaren Gefahr.

Und doch, wir warten und warten, aber es passiert nichts.

Ich weiß, das sollte mich freuen, es freut mich auch, es erleichtert mich wahnsinnig, aber es macht mir auch Angst.

Manchmal glaube ich nämlich, dass das alles hier nur eine Ruhe vor dem Sturm ist. Und je länger diese Ruhe ist und je stiller, umso schlimmer wird am Ende der Sturm losbrechen.

Seufzend stehe ich vom Sofa auf, gehe in Richtung Küche und spiele mit dem Gedanken, Cath anzurufen, als –

Als der Sturm losbricht.

Für einen Moment stehe ich wie erstarrt im Flur, während mein Kopf versucht, zu begreifen, aber ich will nicht, will nicht verstehen und will nicht erkennen und will nicht tun müssen, weil der Gedanke viel zu schrecklich ist, um ihn auch nur zu denken.

Oben auf der Treppe steht Anna und starrt mich an, mit riesigen Augen und angsterfüllt.

Um uns herum heulen die Sirenen.

Es verlangt alles, was ich in mir habe, um mich zusammenzureißen, um dieser hilflosen Starre zu entkommen, um überhaupt zu reagieren. Aber ich schätze, jetzt muss einer von uns erwachsen sein und Anna ist doch bloß ein Kind.

„Zieh –", ich räuspere mich, bin mir nicht sicher, ob mir meine Stimme gehorchen wird, „zieh dir deine Schuhe an."

Anna rührt sich nicht.

„Jetzt!", fauche ich, weil ich selbst viel zu viel Angst habe, als dass ich irgendetwas für sie tun könnte.

Und ja, sie nickt schwach und kommt die Treppe herunter, ganz langsam, viel zu langsam, aber ich bin schon bei unseren Schuhen, werfe ihr ein Paar Sandalen zu – zu kalt, wahrscheinlich, aber Schuhe sind immerhin Schuhe – und ziehe meine eigenen über.

Ich merke, dass es mir leichter fällt, immer nur an den nächsten Schritt, an die nächste Tat zu denken, vielleicht auch, weil die Implikationen einfach viel zu viel sind, als dass ich sie erfassen könnte.

Also tue ich einfach, nehme unsere Jacken von der Garderobe, den Schlüssel vom Regal und greife nach Annas Hand, ziehe sie in Richtung Tür, weil sie immer noch wie in Zeitlupe reagiert und ich dafür keine Geduld habe. Möglicherweise auch keine Zeit.

Anna lässt sich brav mitziehen, bleibt aber im Rahmen der Haustür plötzlich abrupt stehen und entreißt mir ihre Hand. Fragend sehe ich sie an.

„Was ist mit Panda?"

Und ja, unser guter, braver, treuer Panda sitzt im Flur, guckt etwas leidend aufgrund der heulenden Sirenen und wartete auf ein Kommando, wartet darauf, dass wir ihm sagen, was zu tun ist.

Ich drehe mich weg.

„Er kann nicht mit", erwidere ich dann möglichst ruhig.

Ohne hinzusehen, weiß ich, dass sie das Gesicht verzieht, kurz vor einem Heul- oder Wutanfall, was immer ihr im Moment angebrachter erscheint.

„Er muss aber! Er wird sich fürchten, wenn wir weg sind und er ganz alleine. Ich will, dass er mitkommt!", ihre Stimme ist gefährlich schrill und beinahe erwarte ich, dass sie mit dem Fuß aufstampft, aber ich schätze, selbst Anna hat begriffen, dass sie dafür mittlerweile zu alt ist.

Ich drehe mich wieder zu ihr, atme tief durch, bemüht um Ruhe. „Im Luftschutzraum wird kein Platz für ihn sein. Außerdem weiß ich gar nicht, ob die Tiere überhaupt herein lassen", erkläre ich ihr.

„Aber…", beginnt Anna, offensichtlich bereit, das hier in eine echte Diskussion ausarten zu lassen.

„Er ist ein Hund, Anna!", unterbreche ich sie scharf, weil ich keine Ruhe mehr für sie habe und weil die Sirenen in meinen Ohren klingeln und weil ich nicht weiß, was passieren wird und weil ich ihn doch eigentlich auch am liebsten mitnehmen würde.

Aber einer von uns muss erwachsen sein, richtig?

Ich greife an Anna vorbei und ziehe die Türe zu, sperre Panda ein und seinen treuen, bettelnden Hundeblick und weiß ganz genau, dass ich nicht hätte anders entscheiden können. Und weiß trotzdem, dass ich diesen Blick nicht vergessen werde, wenn ihm tatsächlich etwas passiert.

Ja, er ist nur ein Hund. Aber er ist auch ein Freund. Und auf eine verrückte Weise bedeutet er Kindheit und ihn zurückzulassen ist umso schrecklicher, weil diese Welt plötzlich Dinge von uns verlangt, für die wir niemals alt genug sein dürften.

Anna hat ihren Protest aufgegeben, folgt mir jetzt stumm zum öffentlichen Luftschutzraum zwei Straßen weiter. Um uns herum sind andere Menschen, alle mit gesenktem Kopf, die Schultern hochgezogen, stumm dem gleichen Ziel entgegeneilend.

Über uns heulen die Sirenen.

Wir erreichen den Luftschutzraum unbeschadet und ich suche uns in einem der kleinen Abteile zwei freie Pritschen nebeneinander. Anna zieht sich auf die eine zurück, wickelt sich die Decke um die Beine und schweigt, also setzt ich mich daneben und schweige auch.

Wir hätten Mum und Dad einen Zettel schreiben sollen, wo wir sind.

Naja, zu spät.

Eine junge Frau schiebt zwei kleine Kinder in das Abteil, einen Jungen und ein Mädchen, vielleicht zwei und vier Jahre alt – wobei ich zugegeben noch nie gut darin war, das Alter fremder Menschen zu schätzen. Die Frau nickt mir kurz zu, aber keine von uns hat Energie, irgendetwas zu sagen, also beobachte ich nur, wie sie ihre Kinder auf eine der Pritschen legt und sich dann auf nebenliegende.

Einige Minuten passiert nichts, dann tritt ein älteres Ehepaar in unser kleines Refugium, nickt ebenfalls grüßend und belegt die letzten verbleibenden Liegen. Wir sind alle still, bis auf das kleine Mädchen, das leise weint und sich nicht beruhigen lässt. Der Junge starrt mit stummen Augen um sich.

Die Sirenen heulen weiter.

Ich glaube, dazwischen wie von Ferne das dumpfe Brummen von Motoren zu hören, aber ich will nicht darüber nachdenken, was das heißt. Vielleicht sind es ja doch nur LKWs, Busse vielleicht, vielleicht vertue ich mich ja einfach.

„Meinst du, die kommen zu uns?", höre ich plötzlich Anna neben mir fragen.

Ich drehe mich zu ihr – nicht nur ich, alle in unserem Abteil schauen sie an, selbst das weinende kleine Mädchen –, aber sie weicht meinem Blick aus, sieht an die Decke.

„Die Deutschen", fügt sie hinzu, als ich nichts sage, „die Nazis".

Die Wahrheit ist: Ich weiß es nicht.

Ich habe keine Ahnung, ob die angedrohte Invasion kommen wird. Ich glaube, wissen tut das niemand. Aber viele fürchten es, natürlich. Denn ja, wir alle ahnen, dass zwischen den Deutschen und ihrem Weltreich nur noch England steht, weil Frankreich überrannt ist, genauso wie halb Europa, weil Amerika sich heraushält und die Sowjetunion genauso (wobei Dad ohnehin gesagt hat, den Kommunisten könne man nicht trauen).

Die Nazis haben halb Europa besetzt, mit der anderen Hälfte sind sie verbündet (außer mit den Schweizern, aber die scheinen sich ohnehin immer aus allem herauszuhalten), nur England steht noch da, aber sie steht allein.

Wahrscheinlich ist eine Invasion nur der nächste logische Schritt. Vielleicht nicht direkt, erst mal kommen die Bomben, um uns mürbe zu machen und schwach. Aber wenn die Air Force den Luftkrieg um England verliert, dann ist eine Invasion wirklich nur der logische nächste Schritt.

„Niemals in der Geschichte menschlicher Konflikte haben so viele so wenigen sie viel zu verdanken gehabt." (1)

Wie wahr, Mr. Churchill, wie wahr.

Die Sache ist, ich maße mir nicht an, genug über Krieg oder Kriegsführung zu wissen, um das alles beurteilen zu können. Aber ich schätze, unser Premierminister kann es beurteilen. Immerhin lag es damals schon richtig, bei dem Münchener Abkommen, auch wenn ihm kaum jemand glauben wollte.

Ich rufe mir die Reden von Churchill vom Frühsommer ins Gedächtnis, damals, als Dünnkirchen fiel und die britische Armee evakuiert wurde und dann, später, als Frankreich fiel und die britische Armee alleine dastand.

„Wenn auch große Teile Europas und viele alte und berühmte Staaten in die Gewalt der Gestapo und dem abscheulichen Apparat der Nazi-Herrschaft gefallen sind oder fallen werden, wir werden nicht nachlassen und nicht scheitern. Wir werden bis zum Ende gehen. Wir werden in Frankreich kämpfen, wir werden auf den Meeren und Ozeanen kämpfen, wir werden mit erstarkender Zuversicht und wachsender Kraft in der Luft kämpfen, wir werden unsere Insel verteidigen, wie hoch auch der Preis sein wird. Wir werden an den Stränden kämpfen, wir werden an den Landeplätzen kämpfen, wir werden auf den Feldern kämpfen und in den Straßen, wir werden in den Hügel kämpfen, wir werden niemals aufgeben." (2)

Gut, das mit dem Kämpfen in Frankreich war nicht so erfolgreich. Aber sonst – er hat es ja gesagt. Die Insel verteidigen. Und diese Strände, Landungsplätze, Felder, Straßen und Hügel, die liegen ganz sicher nicht irgendwo auf dem Festland.

Churchill zumindest rechnet damit, dass eine Invasion – oder der Versuch davon – zumindest eine Möglichkeit ist, vielleicht eine Wahrscheinlichkeit.

Und er rechnet damit, dass, sollte England tatsächlich besetzt werden, die Welt, wie wir sie kennen, nicht mehr existieren wird.

„Ich erwarte, dass der Kampf um Britannien nun beginnen wird. Von diesem Kampf hängt das Überleben der christlichen Zivilisation ab. Von diesem Kampf hängen unser eigenes britisches Leben ab und das lange Überdauern unserer Institutionen und unseres Weltreiches. Die ganze Wut und die ganze Macht unseres Feindes müssen sich sehr bald gegen uns wenden. Hitler weiß, dass er uns auf unserer Insel brechen muss oder den Krieg verlieren wird. Wenn wir ihm standhalten können, mag ganz Europa befreit werden und das Leben der Welt mag vorwärts gehen in breites, sonnenbeschienenes Hochland.
Aber wenn wir versagen, dann wird die ganze Welt, einschließlich der Vereinigten Staaten, einschließlich allen, die wir gekannt und gemocht haben, in den Abgrund eines neuen, dunklen Zeitalters versinken, das noch unheimlicher und vielleicht auch langwieriger gemacht wird durch die Lichter pervertierter Wissenschaft. Lasst uns deswegen vorbereitet sein auf unsere Pflichten und uns so verhalten, dass, falls das britische Weltreich und sein Commonwealth für tausend Jahre überdauern werden, die Menschen immer noch sagen werden: Dies war ihre größte Stunde." (3)

Ich bin geneigt, ihm das zu glauben. Wie gesagt, ich verstehe nicht viel davon, aber es erscheint mir logisch. Außerdem weiß ich, dass Dad ihm glaubt und Kenneth ihm glaubt – und der arbeitet immerhin im Kriegsministerium. Oder war es Verteidigungsministerium? Egal, auf jeden Fall sollte er es doch wissen.

„Ich weiß es nicht", antworte ich Anna also, „aber ich glaube, dass sie es zumindest planen. Vielleicht werden sie es auch versuchen. Aber es heißt nicht, dass sie es auch schaffen."

Die Sirenen haben mittlerweile aufgehört zu heulen – nicht, weil die Gefahr vorüber wäre, aber mittlerweile hat wohl jeder begriffen, dass es ernst ist. Sie werden jetzt schweigen, bis es irgendwann vorbei ist und sie ihr „all clear"-Signal geben und wir wissen, dass wir in Sicherheit sind, für dieses Mal.

Aber ohne das Heulen der Sirenen, hört man jetzt das Brummen der Flugzeuge, weit weg zwar, nur die Ahnung eines Geräusches, aber das reicht.

„Sie versuchen es doch schon", gibt Anna zurück. Und was soll ich darauf noch sagen?

Sie starrt weiter an die Decke und ich lege mich ebenfalls auf meine Pritsche. Das Ehepaar unterhält sich mittlerweile leise und die Mutter versucht scheinbar, ihre Kinder in den Schlaf zu summen, dabei ist doch gerade mal später Nachmittag.

Für einige Minuten liege ich einfach da und lausche den Geräuschen in unserem Abteil und darüber hinaus – es müssen 50 oder 60 Menschen hier sein – und versuche, einfach nicht zu denken.

„Hast du mich eigentlich lieb?"

Für einen Moment bin ich perplex. Weil mir der Sprung zu groß ist, vom Schicksal der Menschheit zu – naja, dazu. Und weil mir die Frage so – so – so absurd scheint.

„Natürlich habe ich dich lieb", antworte ich und drehe mich zu ihr um, „du bist meine kleine Schwester. Wie könnte ich dich nicht lieb haben?"

Anna schweigt einige Augenblicke, bevor sie mit ziemlich kleiner Stimme erwidert: „Weil du immer so viel mit Cathy machst. Ich glaube, du hast sie sowieso viel lieber als mich. Und Grace und du, ihr habt mich immer ausgeschlossen. Weil ich zu klein war und zu dumm. Und dann haben Mum und Dad mich weggeschickt…"

„Sie haben dich nicht weggeschickt", unterbreche ich sie, „sie wollten, dass du in Sicherheit bist, falls – naja, falls etwas passiert. Hätten sie gekonnt, hätten sie dafür gesorgt, dass ich auch gehe. Nur ging das eben nicht."

„Aber ich war weg, oder?", gibt Anna zurück, jetzt ein bisschen herausfordernd, „und in der Zeit ist so viel passiert, aber ich war ja nicht da und habe nichts mitgekriegt. Und deswegen tun alle so, als würde ich nichts verstehen. Du auch."

Ich seufze. Ich habe keine Ahnung, wo sie damit hinwill oder wo der Gedanke überhaupt herkommt. Aber ich begreife schon, dass ihr das ziemlich schwer auf der Seele lastet. Wahrscheinlich schon lange. Wahrscheinlich hat es nur diese Situation hier gebraucht, damit sie es endlich aussprechen konnte.

„Ich habe dich lieb, Anna. Mir ist ehrlich gesagt nie in den Sinn gekommen, dass ich dich nicht lieb haben könnte. Oder du mich nicht. Cathy ist eben meine beste Freundin und als solche ist sie mir wichtig. Sie ist auch fast eine Schwester. Und vielleicht ist dieses ‚fast' auch der Grund, warum ich mich mit ihr nie so oft gestritten habe wie mit Grace oder dir. Manche Situationen, über die wir so oft streiten, ergeben sich mit ihr einfach gar nicht", versuche ich zu erklären, „aber trotz aller Streits und Zankereien, habe ich Grace und dich doch nicht weniger liebt."

Anna schweigt, aber ich weiß, dass sie zuhört, also fahre ich fort.

„Und dass es schwer für dich war, nach Ashtead zu gehen, während wir alle hier waren, das kann ich mir vorstellen. Ich fand es auch sehr mutig von dir, dass du das geschafft hast", denn ja, das finde ich wirklich, „und ich glaube, niemand möchte, dass du das Gefühl hast, wir würden dich ausschließen oder nicht ernst nehmen oder so."

„Ihr behandelt mich wie ein Kind!", fährt Anna konsterniert dazwischen.

Ich verbeiße mir den Kommentar, dass sie noch ein Kind ist – streng genommen bin ich ja auch noch eins.

Und außerdem – ich glaube, sie hat Recht. Wir schließen sie wirklich aus, zum einen, weil sie so viel jünger ist, aber zum anderen sicher auch, weil sie monatelang nicht bei uns war. Denn, auch wenn niemand das will, eine gewisse Entfremdung ist da manchmal nur schwer zu vermeiden.

„Vielleicht… vielleicht kannst du uns einfach sagen, wenn du dich so fühlst und wir gucken dann, dass wir dich mehr – einbinden?", schlage ich also vor.

Anna runzelt die Stirn, zieht eine Haarsträhne in den Mund und kaut darauf herum. Sie tut das immer, wenn sie sich konzentriert oder über etwas nachdenkt. Es treibt Mum zur Weißglut.

„Ich glaube – ich glaube, das wäre gut", gesteht sie schließlich ein.

„Na siehst du", ich lächele sie an, „wieder besser?"

Sie nickt langsam. „Ja, wieder besser", bestätigt sie dann und erwidert mein Lächeln zaghaft.

Allerdings sieht sie immer noch etwas traurig aus – in ihren Augen schwammen schon seit Beginn des Gesprächs die Tränen, auch wenn sie sie entscheiden wegzublinzeln versucht –, also stehe ich auf und komme zu ihr hinüber.

„Los, rutsch rüber", ich stupse sie in die Seite und Anna macht auch bereitwillig Platz. Ich lege mich neben sie, obwohl es eigentlich viel zu eng dafür ist, und nehme sie in den Arm.

Wir verfallen wieder in Schweigen, weil alles gesagt ist. Weil wir nichts tun können, außer abwarten. Zwar sind wir hier in Sicherheit – ich bin mir zumindest ziemlich sicher, dass wir es sind – und Dad hat in seinem Krankenhaus Luftschutzkeller, das weiß ich und Mum wird sicher auch irgendwo Unterschlupf gefunden haben, da bin ich mir ganz, ganz, ganz sicher – ich muss mir sicher sein –, aber für den Moment können wir nichts tun außer warten und fürchten, was uns erwartet, wenn wir wieder in die echte Welt da draußen treten.

„Ich habe dich auch lieb, Beth", flüstert Anna irgendwann, so leise, dass ich sie fast nicht höre.

Und vielleicht ist es das. Auch wenn unsere Welt vielleicht untergeht, gibt es immer ein paar Dinge, die bleiben. Die uns niemand nehmen kann.

Ja, wahrscheinlich ist es das.


(1) übersetzter Auszug aus einer Rede vor dem Unterhaus von Winston Churchill, damaliger Premierminister, am 20.8.1940.
Originalauszug:
Never in the field of human conflict was so much owed by so many to so few.

(2) übersetzter Auszug aus einer Rede vor dem Unterhaus von Winston Churchill, damaliger Premierminister, am 4.6.1940.
Originalauszug:
Even though large tracts of Europe and many old and famous States have fallen or may fall into the grip of the Gestapo and all the odious apparatus of Nazi rule, we shall not flag or fail. We shall go on to the end. We shall fight in France, we shall fight on the seas and oceans, we shall fight with growing confidence and growing strength in the air, we shall defend our island, whatever the cost may be. We shall fight on the beaches, we shall fight on the landing grounds, we shall fight in the fields and in the streets, we shall fight in the hills; we shall never surrender.

(3) übersetzter Auszug aus einer Rede vor dem Unterhaus von Winston Churchill, damaliger Premierminister, am 18.6.1940.
Originalauszug:
I expect that the Battle of Britain is about to begin. Upon this battle depends the survival of Christian civilization. Upon it depends our own British life, and the long continuity of our institutions and our Empire. The whole fury and might of the enemy must very soon be turned on us. Hitler knows that he will have to break us in this island or lose the war. If we can stand up to him, all Europe may be freed and the life of the world may move forward into broad, sunlit uplands.
But if we fail, then the whole world, including the United States, including all that we have known and cared for, will sink into the abyss of a new dark age made more sinister, and perhaps more protracted, by the lights of perverted science. Let us therefore brace ourselves to our duties, and so bear ourselves, that if the British Empire and its Commonwealth last for a thousand years, men will still say, This was their finest hour.