Die Gabelung des Weges

„Nächster Halt – Onibury", verkündet die körperlose Stimme und Cathy erhebt sich seufzend von ihrem Sitz.

„Los, wir müssen raus", fordert sie auf, als weder Anna noch ich Anstalten machen, aufzustehen.

Anna wirft ihr einen zweifelnden Blick zu und auch ich kann mir nicht verkneifen, aus dem Zugfenster zu schauen, wo in gemächlichem Tempo Felder und Wiesen vorbeiziehen – von einer Stadt keine Spur.

„Na kommt", versucht Cath es erneut, „ihr könnt mir wirklich nicht erzählen, dass ihr Lust habt, noch länger in einem Zug zu sitzen."

Da hat sie allerdings ein valides Argument. Wir haben eine halbe Weltreise hinter uns.

Erst mit der Great Western Railway von London Paddington nach Oxford. Dann in die Oxford, Worcester and Wolverhampton Railway – die wirklich so heißt, was mir gleich als schlechtes Omen vorkam – mit Umstieg hinter Hereford in die Shrewsbury and Hereford Railway bis – nun ja, bis Onibury, Shropshire.

Die Züge wurden mit jedem Mal älter, wackliger und langsamer und die Landschaft draußen immer – nun, ‚ländlicher' trifft es ganz gut. Bis zu dem Punkt, an dem eine Kuh auf einer Wiese einem bald als Attraktion vorkam.

Wo sind wir hier?

Der Zug kommt zitternd zum Stehen und Cathy, die ihr Gepäck schon zur Tür gezerrt hat, wirft uns erneut einen Blick zu, der keinen Zweifel daran lässt, dass sie es tatsächlich ernst meint.

Wo immer wir sind, es ist das Ziel unserer Reise. Und unser neues Heim, auf unbestimmte Zeit.

Ich greife Anna, die ungläubig aus dem Fenster starrt, am Ärmel und ziehe sie vom Sitz hoch. Eilig klauben wir unsere Gepäckstücke zusammen, buxieren sie zur Türe und purzeln schließlich gerade noch rechtzeitig auf den Bahnsteig, ein einziges Knäuel aus Koffern, Taschen, Armen und Beinen.

Cathy steht schon dort neben ihrem akkurat aufgereihten Gepäck und beobachtet uns ein wenig zweifelnd, ansonsten ist der Bahnsteig menschenleer.

Es nieselt.

Ein kurzer Pfiff erklingt und hinter uns setzt sich der Zug gemächlich in Bewegung. Vor uns liegt das Bahnhofsgebäude – wobei das eine etwas hochtrabende Bezeichnung ist für das kleine, viktorianische Haus aus braunem Stein, der nicht ganz mit den roten Dachverzierungen harmonieren möchte.

Dahinter ist – nicht mehr viel. Ein paar verstreute Häuser, aber ansonsten nur Felder, Wiesen, ein paar Bäume im Hintergrund.

„Du lieber Himmel", entfährt es mir.

„Hölle", verbessert Anna mich und ich werfe ihr einen scharfen Blick zu, weil sie zwar Recht hat, aber nicht fluchen soll.

„Nun", Cath zuckt mit den Schultern, „Dad sagte, dass es wahrscheinlich ein eher kleiner Ort sein wird."

Klein?", wiederhole ich ungläubig, „das ist nicht klein, das ist – drei Menschen und ein Hund ist das. Oder zwei."

Anna nickt eifrig. „Und Schafe", fügt sie hinzu, „gibt es hier Schafe?"

„Ich habe keine Ahnung, ob die West Midlands für ihre Schafzucht berühmt sind", erwidert Cathy, sichtlich amüsiert, „allerdings sind wir ziemlich nah an Wales, insofern – warum nicht?"

Mein Schwesterchen verdreht die Augen. Sie hat die Frage ganz offensichtlich nicht ernst gemeint – ‚Schafe' ist bei uns so etwas wie ein Synonym für ‚Ende der Welt' – und dass Cathy ihr ernsthaft antwortet oder zumindest so tut, als antworte sie ernsthaft, nimmt Annas Kommentar die Wirkung, was ihr nicht gerade gefällt.

Ich muss sagen, ich bin auch überrascht, wie gelassen Cath unsere kleine Reise sieht.

Als unsere Eltern uns vor zwei Tagen verkündet haben, sie würden uns jetzt tatsächlich aufs Land schicken – zu unserer eigentlichen Sicherheit, natürlich –, habe ich mit allem gerechnet. Anna hat dann auch wie erwartet einen Wutanfall bekommen, aber Cathy, sonst auch nicht bekannt für ihr friedfertiges Gemüt, außerdem ein Stadtkind durch und durch, hat nur brav genickt und gesagt, das wäre wahrscheinlich das Beste.

Wirklich. Das wäre wahrscheinlich das Beste.

Es ist nicht so, als habe sie Unrecht damit. Es ist wahrscheinlich wirklich das Beste. Seit diesem allerersten Angriff vor vier Tagen – wirklich erst vier Tage? –, bei dem die Docks und das East End in Flammen aufgegangen sind, kamen fast ständig deutsche Bomber. Tags. Nachts. Immer.

London ist damit wahrlich kein guter Ort mehr zum Leben. Zum Überleben? Wie dem auch sei.

Hier, auf dem tiefsten Land, an der walisischen Grenze, sind wir dagegen wahrscheinlich so sicher, wie wir es irgendwo auf dieser Insel sein könnten und es ist ja verständlich, dass unsere Eltern uns in Sicherheit wissen wollen. Es macht alles Sinn.

Aber das Cathy, ausgerechnet, das so brav akzeptiert hat und in den letzten zwei Tagen nicht ein einziges Mal aus ihrer ruhigen, gelassenen, still amüsierten Rolle gefallen ist – nun, ich kenne sie beinahe in und auswendig, aber damit hätte ich nicht gerechnet.

Für einen Moment stehen wir alle drei etwas verloren auf dem leeren Bahnsteig. Irgendwo zwitschert ein Vogel, aber ansonsten ist es still. Völlig still. In London ist es nie still und in meinen Erinnerung war es auch in Charlottetown nie auch nur annähernd so still wie hier. Himmel, selbst in Glen ist mehr los!

„Eigentlich sagte Dad, es würde uns jemand hier abholen", bemerkt Cathy dann und wirft einen Blick auf ihre Armbanduhr. Sie wirkt allerdings weder verärgert noch sonderlich ungeduldig, mehr milde überrascht ob der unerwarteten Entwicklung.

„Dann sollen sie sich beeilen", faucht Anna, sichtlich verärgert und ungeduldig und kickt einen kleinen Kieselstein weg, der vor ihren Fußen liegt.

„Wahrscheinlich", sinniert Cath mit einem Blick auf unsere Umgebung, ohne auf Anna einzugehen, „sollten wir froh sein, dass wir nicht in Stanford-on-Avon gelandet sind. Das war noch kleiner, erinnerst du dich, Beth? Vielleicht zehn, zwölf Häuser. Nicht mal einen Bahnhof hatten die."

Sie wirft mir einen Blick zu, erwartet offensichtlich Zustimmung, aber ich kann nur hilflos mit den Schultern zucken.

„Stanford-on-Avon", wiederholt sie also geduldig, „als wir vor ein paar Jahren die Iversons besucht haben, in Daventry Hall, da warst du doch dabei."

Tatsächlich, ich erinnere mich dunkel. An einen Kasten von Haus mit viel Kitsch innen drin. An einen steifen Mann und eine vornehme Frau und zwei kichernde kleine Mädchen.

Mir war nur nicht bewusst, dass genau diese Leute unsere Gastgeber sein würden. Man hat uns einfach gesagt, Ken hätte entfernte Verwandte im Norden, die uns aufnehmen würden und in der ganzen Aufbruchshektik habe ich nie daran gedacht, zu fragen, wer diese Verwandten denn genau sind.

„Ja, ich erinnere mich", ich nicke langsam, „aber wenn wir hier nicht in – in –"

„Stanford-on-Avon", souffliert Cathy hilfreich.

„In Stanford-on-Avon sind, wo sind wir dann?", vervollständige ich meine Frage.

„In Onibury", wirft Anna wenig hilfreich an und grinst.

Ich werfe ihr einen vernichtenden Blick zu. Das wusste ich noch selbst.

„Hier in der Nähe muss ihr zweiter Landsitz sein", klärt Cathy mich derweil auf, „wenn ich mich recht entsinne, haben sie auch noch ein Haus in London. Wir waren da mal zum Tee, als ich fünf oder sechs war, aber ich kann mich kaum dran erinnern."

Anna zieht die Nase kraus. „Drei Häuser? Wer braucht denn drei Häuser?", fragt sie.

Cath zuckt die Schultern. „Englischer Landadel, schätze ich. Du wirst nämlich in den nächsten Monaten Gast des Marquess und der Marchioness of Hastings sein. Benimm dich also angemessen", das letzte sagt sie mit einem feinen Lächeln und zwinkert mir kurz zu.

Anna zieht einen Flunsch.

„Und woher kennt ihr die?", führt sie ihre Fragestunde dann weiter – aber soll sie ruhig. Hier passiert ja sonst nichts.

„Der Marquess ist ein Cousin von Dad – zweiten oder dritten Grades, versteht sich. Außerdem ist er irgendwie in den Vertrieb von Großvaters Büchern hier in Europa verwickelt, aber fragt mich nicht, wie genau", Cathy klingt nicht, als würde sie das ganze sonderlich interessieren.

„Welche Bücher?", will Anna sofort wissen.

„Großvater Owen – Dads Vater – war Autor, das weißt du doch, oder?", Cathy wartet Annas zögerliches Nicken ab, bevor sie fortfährt, „und nach seinem Tod vor zehn Jahren oder so hat Dad die Rechte an den Büchern geerbt."

„Verkaufen sie sich denn gut?", schalte ich mich wieder in das Gespräch ein.

Cathy wiegt nachdenklich den Kopf. „Ich weiß es nicht", gibt sie zu, „ich schätze aber mal, ja. Wir leben ja hauptsächlich davon und wir leben nicht schlecht, also müssen sie sich verkaufen, oder?"

„Aber dein Dad verdient doch auch Geld", wirft Anna sofort ein und ich muss sagen, die Frage hätte ich sonst gestellt.

Cath lacht. „Klar, aber was glaubt ihr denn, was die Regierung seiner Majestät ihren Angestellten zahlt?", sie schüttelt kurz den Kopf, „nicht besonders viel auf jeden Fall. Hauptsächlich kommt Geld über die Bücher und den Rest von Dads Erbe rein. Ein paar Aktienpakete, Firmenanteile und so was, außerdem eine Hand voll Ländereien – die übrigens Teil der Mitgift der markgräflichen Tochter waren, als sie meinen Urgroßvater Ford geheiratet hat. Womit wir auch wieder am Anfang wären."

Ich schätze mal, dass Kens Einkommen sich nicht deutlich von Dads unterscheiden wird, egal, wie blasé Cath darüber redet – wahrscheinlich wird es sogar darüber liegen. Aber deswegen haben die Fords wohl eine kleine Stadtvilla in Mayfair und wir nur ein Reihenhaus in Camden Town. So ist das im Leben.

Anna sieht aus, als würde sie weiterfragen, aber in dem Moment durchdringt ein Geräusch die Stille.

Hufgetrappel.

Automatisch drehen wir uns alle drei in Richtung, aus der das Huftrappeln kommt und tatsächlich biegt einige Sekunden später ein Ponykarren um die Ecke.

Ich muss unwillkürlich an unseren letzten Besuch bei den Iversons denken und an den Royce Rolls, der Ben und David so beeindruckt hat – an dem Grinsen, das Cathy mir zuwirft, sehe ich, dass ihre Gedanken in eine ähnliche Richtung gehen.

Das hier ist wahrlich kein Royce Rolls, vielmehr ein Holzkarren, der nur aus einem schmalen Sitz für den Kutscher und einer breiten Ladefläche besteht, ohne Abgrenzung oder irgendeiner definierten Sitzmöglichkeit. Davor sind zwei struppige braune Ponys gespannt, die gemächlich den Weg entlang auf uns zu trotten.

Auf dem Kutschbock sitzt lässig ein Mann undefinierbaren Alters, dessen Arbeitskleidung aber sicher schon bessere Tage gesehen hat. Sein Gesicht ist von einer Mütze beschattet und er kaut auf einem Strohhalm herum, aber als er sieht, dass wir ihn gesehen haben, hebt er kurz die Hand.

„Nun denn", murmelt Cathy neben mir leise, als das Gespann knarrend neben uns zum Stehen kommt.

Der Mann scheint eine Begrüßung für nicht weiter wichtig zu halten, springt nur vom Kutschbock und beginnt schweigend, unser Gepäck auf die Ladefläche zu werfen.

„Guten Tag", sagt Cath da plötzlich sehr laut.

Der Mann sieht kurz zu ihr hoch und nickt, sagt aber immer noch nicht.

„Mein Name ist Catherine Ford. Meine Cousinen und ich sind Gäste von Lord Hastings", fährt sie fort und beobachtet den Mann aus leicht zusammengekniffenen Augen.

Für einen Moment sieht es so aus, als würde er wieder nicht antworten, nimmt dann aber kurz den Strohhalm aus dem Mund und brummt: „Joseph."

Was dann wohl sein Name ist.

Er dürfte so um die sechzig sein, vielleicht etwas jünger und sieht von Nahem nicht ganz so abschreckend aus. Seine Kleidung ist zwar alt, aber sauber und ordentlich geflickt. Außerdem wirkt er zwar schweigsam, aber nicht direkt unfreundlich.

„Er humpelt", murmelt Anna mir das ganz leise ins Ohr und ja, mir ist auch schon aufgefallen, dass er das linke Bein nachzieht.

Als unser Gepäck verstaut ist, steigt Joseph zurück auf den Kutschbock und deutet uns mit einer Hand, hinten auf der Ladefläche Platz zu nehmen.

Es ist eine ganz schön wackelige Fahrt, aber zum Glück nicht lange. Unterbrochen wird die herrschende Stille nur einmal, als wir an einer Wiese vorbeifahren und Cathy Anna in die Seite stupst.

„Guck mal", murmelt sie grinsend und deutet auf die grasenden Schafe, „das berühmte Shropshire Schaf."

Und es ist klar, dass sie sich den Namen gerade ausgedacht hat – was weiß Cath schon von Schafen? –, aber Joseph vorne nimmt zum zweiten Mal seinen Strohhalm aus dem Mund und bemerkt „gute Rasse", woraufhin wir alle in stummes Kichern ausbrechen.

Ich erinnere mich, dass Daventry Hall von außen nicht so sehr beeindruckend war – nur ein Klotz von Haus auf dem platten Land mit einem Stallblock dahinter –, aber als wir um die letzte Kurve biegen und sich unser neues, temporäres Heim vor uns erhebt, muss ich doch zugeben, ein wenig beeindruckt zu sein.

Ein mächtiges hellbraunes Haus, mit einem wuchtigen Eingangsportal und zwei Seitenflügeln, die in je einem eckigen Turm enden und zusammen einen Innenhof einrahmen, durch dessen schwarzes Eingangstor wir gerade fahren.

Schön ist es nicht, zumindest nicht von dieser Seite, aber beeindruckend schon.

Cathy neben mir nickt beifällig.

„Stanton Park", brummt Joseph, während er die Ponys anhält und vom Kutschbock steigt. Wir sind noch nicht von der Ladefläche geklettert, da beginnt er schon, unser Gepäck abzuladen.

Wir stehen also wieder ein wenig verloren in der Gegend herum, unklar, was genau wir jetzt tun sollen, da hat Joseph auch schon den letzten Koffer abgestellt, steigt wieder auf seinen Karren, wendet die Ponys und entschwindet unserem Sichtfeld.

Ich ziehe die Augenbrauen hoch und werfe Cath einen Blick zu, aber sie zuckt nur mit den Schultern.

„Danke für das Begrüßungskomitee", grummelt Anna neben mir, „das wäre doch wirklich nicht nötig gewesen."

Cath und ich grinsen und an. Manchmal ist Anna nicht übel.

„Vielleicht sollten wir einfach – hereingehen?", schlage ich vor, nachdem wir einige weitere Momente unschlüssig herumgestanden haben und die anderen beiden nicken zustimmend. Wir lassen also unser Gepäck erst mal stehen – unwahrscheinlich, dass es hier jemand stiehlt – und gehen auf das Hauptportal zu.

Die schwere Tür lässt sich tatsächlich problemlos öffnen und wir treten ein in einen Raum aus – Holz.

Naja, einen Saal wohl eher, vielleicht eine Halle. Aber aus Holz.

Über drei Stockwerke erstreckt sich der Raum – na gut, die Halle – und alles ist verkleidet mit Holz. Wände aus Holz. Bögen aus Holz. Die Treppe aus Holz. Im ersten Stock läuft eine Galerie um die Länge des Raums – natürlich auch aus Holz. Alles wunderbar verschnörkelt und geschnitzt, aber alles nur aus Holz. Bloß der Kamin am anderen Ende des Raums ist aus Stein, aber das war dann wohl praktischen Überlegungen geschuldet.

Es ist – gewöhnungsbedürftig. Nicht direkt hässlich, bloß ein bisschen, nun – viel. Holz, meine ich.

Außer Holz ist in dem Raum allerdings nicht viel – sicherlich keine Lebewesen. Cathy ruft probeweise ein paar Mal, aber ihre Stimme ist gedämpft, als traue sie sich nicht richtig und weil wir ein schlechtes Gefühl dabei haben, einfach so mir-nichts-dir-nichts weiter in ein fremdes Haus zu spazieren, drehen wir um und gehen wieder nach draußen.

Unser Gepäck wartet artig auf uns.

„Und jetzt?", fragt Anna.

Und weil uns nichts Besseres einfällt, beschließen wir, mal auf der anderen Seite des Hauses zu gucken. Vielleicht sind die Herrschaften ja im Garten uns hören uns deswegen nicht?

Ich muss sagen, die Gartenseite des Hauses gefällt deutlich besser. Es ist immer noch beeindruckend, aber die Architektur wirkt insgesamt harmonischer und – vielleicht das wichtigste – der Garten ist wirklich toll.

Von der erhöhten Terrasse erstreckt sich eine sanft abfallende Wiese, in deren Mitte ein Brunnen steht. An den Seiten wird die Wiese eingerahmt von Bäumen und blühenden Büschen und man erkennt einige Wege, die wahrscheinlich tiefer in den Garten hineinführen. Über den Garten hinaus hat man einen beeindruckenden Blick auf das darunterliegende Tal und dahinter eine Hügelkette.

„Nett", murmele Cath zu und sie nickt zustimmend.

Wir haben jetzt zudem einen Eindruck von der Größe des Hauses bekommen, die von der Vorderseite nicht direkt ersichtlich war. Sagen wir es mal so – ich schätze, Daventry Hall würde hier zwei- oder dreimal hineinpassen.

Und unsere Nussschale wahrscheinlich zwanzig bis dreißig Mal.

Ein Mensch ist hier im Garten allerdings auch nicht zu sehen. Nur drei Hunde springen plötzlich bellend auf uns zu – für einen Moment fürchten wir glaube ich alle drei, dass sie uns als Eindringlinge ausgemacht und vertreiben wollen, aber dann bleiben sie brav vor uns stehen, setzten sich auf ihre Hinterläufe und blicken uns mit ihrem Hundeblick an.

Es sind Labradore. Ein gelber, ein brauner und ein schwarzer.

Cathy, die Hunden nie viel abgewinnen konnte, hat kaum ein Schulterzucken für die drei, aber Anna beginnt sofort, jeden von ihnen gebührend durchzuknuddeln, was sie sich auch gerne gefallen lassen.

Bis plötzlich hinter uns ein scharfer Pfiff ertönt. Sofort springen alle drei Hunde auf und laufen auf einen Mann zu, der jetzt über die Terrasse auf uns zukommt. Er macht eine kurze Handbewegung und die drei sitzen augenblicklich unbeweglich neben ihm.

„Das sind keine Schoßhunde", klärt er uns auf und seine Stimme ist – nun, nicht direkt freundlich. Ehrlich gesagt klingt er ziemlich verärgert.

Jetzt, wo er vor uns steht, sieht man, dass er noch gar nicht so alt ist – vielleicht Anfang oder Mitte zwanzig. Er sieht nicht schlecht aus – ich kann sehen, wie Cathy das blitzschnell registriert – groß mit braunen Haaren und ziemlich blauen Augen. Er würde sogar ziemlich gut aussehen, wäre da nicht der abweisende, beinahe feindselige Ausdruck auf seinem Gesicht.

Zudem macht er keine Anstalten, sich vorzustellen oder sonst etwas zu sagen.

„Es – es tut uns Leid, wir wollten keine Unannehmlichkeiten bereiten", fasst Cathy sich schließlich ein Herz, die zudem zu unserer inoffiziellen Sprecherin auf dieser Reise geworden ist, „sehen Sie, mein Name ist Catherine Ford und das hier sind meine Cousinen, Elizabeth und Hannah Blythe. Wir sind…"

„Ich weiß, wer ihr seid", unterbricht der Mann sie grob.

Für einen Moment ist Cathy perplex ob so viel Unhöflichkeit. „Nun, in dem Fall…", beginnt sie, weiß aber, aus ihrem Konzept gebracht, offensichtlich nicht mehr weiter und lässt den Satz ins Leere laufen.

Eine unangenehme Stille breitet sich aus. Cath hat den Kopf abgewandt und blickt auf den Garten hinab. Der Mann betrachtet uns weiter, sagt aber nichts und ich bemerke, wie auch mein Blick schweift, überall hin, nur nicht auf dieses abweisende Gesicht.

„Und wer sind Sie?", kommt es da plötzlich von Anna, die hinter mir steht. Ich werfe automatisch einen Blick zurück und sehe, dass sie das Kinn vorgeschoben hat und den Fremden böse anfunkelt.

Er hebt eine Augenbraue, lässt einige Sekunden verstreichen, bequemt sich dann aber zu einer Antwort. „Henry Iverson."

Natürlich. Der Sohn des Hauses. Der Cambridge-Student.

„Ihr Vater hat ein sehr schönes Haus, Mr. Iverson – ich meine, Lord Rochford?", ich kann das Fragezeichen in praktisch Cathys Stimme hören, als sie versucht, den Titel richtig hinzukriegen. Und ich erinnere mich auch, dass die ältesten Söhne von Adligen meistens selbst irgendwelche Adelstitel haben. Als Sohn eines Marquess' ist der hier wahrscheinlich ein Earl oder doch zumindest ein Viscount.

„Es ist sehr freundlich von Ihren Eltern, uns so kurzfristig bei sich aufzunehmen", fährt Cath neben mir tapfer fort.

Henry Iverson beäugt sie für einen Moment. „Es ist mein Haus", erklärt er dann, allerdings noch eisiger als eben, „und Victoria ist mitnichten meine Mutter."

Ich kann sehen, wie Cathy unwillkürlich zurückzuckt, aber Henry Iverson nimmt keine Notiz davon, sondern dreht sich abrupt um, schnippst kurz mit den Finger und entschwindet um die Ecke des Hauses, die Hunde dicht auf seinen Fersen.

Als er weg ist, stehen wir alle einige Augenblicke einfach nur da, völlig vor den Kopf geschlagen. Bloß auf Anna ist wie immer Verlass. „Schnösel", faucht sie unserem Gastgeber hinterher und – als wäre das nicht genug – zieht eine furchterregende Grimasse.

„Macht euch nichts aus Henry", erklingt da plötzlich eine neue Stimme hinter uns.

Wir fahren herum und sehen und konfrontiert mit den Töchtern des Hauses – Adelaide und Evangeline, wie ich mich erinnere –, nur dass die beiden deutlich freundlicher aussehen.

Gesprochen hat die ältere der beiden, ein hübsches schwarzhaariges Mädchen von elf oder zwölf Jahren. Ihre Schwester ist sehr blond und sehr zart und sieht aus wie acht, aber ich glaube, sie ist mindestens zwei oder drei Jahre älter als das.

„Er ist nur wütend, weil Vater ihm verbietet, Soldat zu werden. Im Moment ist er eigentlich immer so mies drauf", fährt das Mädchen fort und kommt auf uns zu, ihre Schwester dicht hinter ihr.

„Ich bin übrigens Alice", verkündet sie, als sie vor uns steht, „und das ist Lena."

„Anna", erwidert meine Schwester, weil Cathy sich immer noch nicht von unserer vorherigen Begegnung erholt zu haben scheint, „Beth ist meine Schwester. Und Cathy unsere Cousine."

Alice nickt. „Ja, das wissen wir. Mutter hat uns gesagt, dass ihr kommt. Wir können euch eure Zimmer zeigen. Euer Gepäck ist schon oben", erklärt sie und redet dabei in einer Geschwindigkeit, die man ihr kaum zugetraut hätte.

„Wieso ist euer Bruder kein Soldat? Ich dachte, wir haben Wehrpflicht", erkundigt sich Anna, ohne auf das Angebot mit den Zimmern einzugehen, weil Anna nun mal so ist und eigentlich immer das sagt, was ihr gerade durch den Kopf schießt.

Es ist aber keine Frage, die man einfach so einer Fremden stellt – besonders nicht einem Kind –, deswegen antworte ich schnell. „Die Wehrpflicht gilt nicht für Studenten. Deswegen hat David sich ja auch freiwillig gemeldet – wenn er an die Uni gegangen wäre, wäre er vom Wehrdienst erst mal ausgenommen gewesen. Natürlich hätten sie ihn so oder so eingezogen, wäre er nicht gegangen, aber wenn man sich freiwillig meldet, hat man eine Chance, dass man sich die Waffengattung selbst aussuchen darf", erkläre ich meiner Schwester und werfe ihr gleichzeitig einen strafenden Blick zu.

„Henry studiert nicht mehr", schaltet sich Alice freimütig ein, von Annas Unverschämtheit scheinbar nicht im Mindesten getroffen, „er hat Jura studiert, aber im Juni seinen Abschluss gemacht. Seitdem schleicht er hier griesgrämig herum und verdirbt uns die Laune."

„Und warum wird er dann nicht eh eingezogen, egal was dein Vater dazu sagt?", hakt Anna nach.

Alice zuckt mit den Schultern. „Ich glaube, Vater hat Kontakte ins Kriegsministerium und die verhindern, dass Henry auf irgendwelchen Listen auftaucht."

Sie sagt das so sicher, so selbstverständlich und so unverblümt, wie es wohl nur jemand kann, der mit dem Selbstverständnis des englischen Adels aufgewachsen ist – man ist nicht wie die anderen und man kennt genug Leute, um sich die Welt zu machen, wie sie einem gefällt.

„Und das hier ist sein Haus, ja?", fragt Anna sofort weiter.

Wirklich, wenn ich einen Penny hätte für jede unverschämte Frage, die Anna in ihrem Leben bisher so gestellt hat, dann wäre ich wahrscheinlich reich genug, um mir die Welt auch zu machen, wie sie mir gefällt.

Alice nickt. „Ja, Stanton Park gehört ihm. Wentworth Manor, unser Haus in London, auch. Die hat er von dem Vater seiner Mutter geerbt. Seine Mutter ist nämlich schon bei seiner Geburt gestorben", erklärt sie, „nur Daventry Hall gehört unserem Vater, aber das erbt Henry ja irgendwann auch einmal."

„Deswegen möchte Vater auch nicht, dass Henry Soldat wird", schaltet sich Lena plötzlich mit zaghafter Stimme in das Gespräch ein, wirkt aber selbst überrascht über ihren eigenen Mut und zieht sich sofort wieder hinter ihre Schwester zurück.

„Richtig", bestätigt Alice, „wenn Henry nämlich ohne Erben stirbt, dann kann er uns die Häuser nicht vererben – auch wenn er das bestimmt tun würde –, weil sein Großvater bestimmt hat, dass sie in dem Fall an die Familie seiner Schwester gehen. Also, die Schwester von Henrys Großvater. Und Daventry Hall ist an den Titel gebunden und den können wir nicht erben, weil wir Mädchen sind und der geht dann stattdessen an irgendeinen entfernten Cousin – einen Baron." Sie rümpft ein wenig ihre Nase. Anscheinend ist der Titel eines Barons in ihrer Welt nicht viel Wert.

„Wie überaus Jane Austen von ihnen", bemerke ich trocken und die drei Mädchen lachen – anscheinend ist man hier mit Stolz und Vorurteil durchaus vertraut. Selbst Cathy, die immer noch merkwürdig still ist, ringt sich ein Lächeln ab.

„Stimmt", Alice nickt eifrig, „sollen wir euch jetzt eure Zimmer zeigen? Und dann führen wir euch durch das Haus. Und den Garten! Wir haben einen tollen Garten, wartet es nur ab."

Spricht's und verschwindet durch eine der Terrassentüren ins Haus, Lena dicht auf ihren Fersen. Wir beeilen uns, ihr zu folgen, kommen aber nicht weit, denn kaum haben wir den Salon, in dem wir gerade sind, halb durchquert, überrascht uns zum dritten Mal heute eine Stimme.

„Nelson! Nelson! Sag hallo zu Nelson!", krächzt es über unseren Köpfen.

Nelson entpuppt sich als weißer Kakadu, der im Sturmflug von einem der Bücherregale geflogen kommt und auf Lenas Kopf zur Landung kommt – er bringt damit ihre wunderschönen blonden Locken völlig durcheinander, aber das scheint sie nicht zu stören, ihrem fröhlichen Kichern nach zu urteilen.

„Ach ja, das ist Nelson", stellt Alice sogleich vor, „eigentlich Horatio Nelson, aber so nennen ihn nur Fremde. Ihr dürft Nelson sagen. Oh, und Henrys Hunde sind übrigens Amber, Hazel und Ebony – die Namen sind praktischerweise anhand der Farben zuzuordnen."

„Von denen halten wir uns wohl besser fern", murmele ich Cathy zu, aber die lächelt nur flüchtig, dann taucht das tiefe Stirnrunzeln wieder auf ihrem Gesicht auf.

Anna hat derweil Nelson einen Finger hingestreckt, auf den er auch artig klettert.

„Gehört der euch?", fragt sie, offensichtlich völlig hin und weg.

Alice schüttelt bedauernd den Kopf. „Nein, wir kümmern uns nur um ihn. Aber los jetzt, eure Zimmer. Mir nach!"

Also setzten wir unseren Gänsemarsch fort, angereichert um Nelsons Gesellschaft. Unsere Zimmer liegen im ersten Stock, alle nah beieinander, mit Blumentapeten und Blick über den Garten – meins hat zudem einen kleinen Erker, den ich sofort als neuen potentiellen Lieblings-Leseplatz ausmache.

Nachdem mir mein Zimmer als letztes gezeigt wurde, verschwinden Anna und die Iverson-Mädchen schnatternd nach draußen – wobei das meiste Schnattern wohl von Anna und Alice kommt. Cathy dagegen bleibt einen Moment unschlüssig in der Mitte des Raumes stehen, geht dann zu dem Erker hinüber und blickt nach draußen auf den Garten.

„Ich glaube, das ist mein Dad", sagt sie dann unvermittelt.

Muss ich sagen, dass ich absolut nicht weiß, wovon sie redet?

„Der ‚Kontakt im Kriegsministerium'? Der verhindert, dass Henry Iverson eingezogen wird? Ich glaube, das ist Dad. Und deswegen haben uns die Iversons auch aufgenommen. Eine Hand wäscht die andere. Verstehst du?", sie hat sie umgedreht und sieht mich jetzt an.

Langsam nicke ich. Das macht tatsächlich Sinn.

„Das erklärt auch, womit wir uns diese eisige Begrüßung da eben verdient haben", Cath lacht kurz auf, es klingt aber nicht im Mindesten amüsiert.

Sie hat Recht.

Na, das kann ja heiter werden…