Nebelwälder

Es ist schon komisch, wie trotz allem immer irgendwie der Alltag eintritt.

Zu Beginn war Stanton Park ein zu großes Haus, bewohnt von einer merkwürdigen Familie und wir wollten nicht hier sein. Zugegeben, es ist immer noch zu groß, die Iversons in der Tat etwas merkwürdig und hier sein wollen wir eigentlich immer noch nicht– aber ich schätze, wir haben uns daran gewöhnt.

Anna hat sich noch am ersten Tag mit den Iverson-Mädchen angefreundet und sie sind schnell ein dermaßen eingeschworenes Team geworden, dass man mittlerweile selten eine ohne die anderen zwei sieht.

Wie Alice und Lena geht Anna auf die Schule im nahegelegenen Marktstädchen Ludlow – Joseph fährt die drei morgens mit seinem Ponykarren zum Zug, der sie dann nach Ludlow bringt und nachmittags holt Joseph sie damm wieder ab. Natürlich ist Anna ein Jahr über Alice und zwei Jahre über Lena, aber sie hat sich auch in ihrer Klasse schnell Freundinnen gesucht. So ist Anna eben – sie verabscheut jede Veränderung, passt sich aber trotzdem ohne mit einer Wimper zu zucken daran an.

Wenn ich ehrlich bin, muss ich auch sagen, dass Alice und Lena die beiden normalsten Mitglieder der Familie Iverson zu sein scheinen. Alice ist vorlauter als Lena, aber trotzdem sind beide fröhliche, positive, wohlerzogene kleine Mädchen, die uns völlig unkompliziert als neue Hausgäste akzeptiert haben.

Ihre Mutter ist – nun, ein wenig wunderlich. Wir haben sie erst an unserem zweiten Tag kennen gelernt, weil sie, wie sie sagte „unpässlich" war. Wir haben nicht lange gebraucht um zu merken, dass ‚unpässlich' bei Victoria Iverson der Regelzustand ist.

An den wenigen Tagen, an denen sie es nicht ist und uns unten mit ihrer Anwesenheit beehrt, ist sie merkwürdig entrückt. Sie ist immer freundlich, nennt alle ‚darling' und findet alles ganz zauberhaft – und trotzdem hat man in ihrer Anwesenheit immer das Gefühl als wäre die Welt ein schrecklich tragischer Ort und deswegen die Realität etwas, mit dem man sich nicht näher befassen sollte.

Als Cathy und ich an unserem vierten Tag in Stanton Park die Nachrichten im Radio hörten, kam sie plötzlich in den Salon gewandelt, betrachtete uns mit mildem Unverständnis und bat uns dann mit formvollendeter Höflichkeit, doch „dieses grässliche Gerät" auszuschalten, da sie „von dieser ganzen Kriegstreiberei" Migräne bekäme.

Wir haben dann oben in Cathys Zimmer weitergehört.

Ihre Töchter vergöttern sie geradezu. Wenn Victoria unten ist, sind Alice und Lena noch fröhlicher, noch leuchtender als ohnehin schon. Umgekehrt sind die Mädchen die einzigen, die sie für längere Zeit aus ihrer Lethargie befreien können.

Und doch – so ganz nehme ich ihr das alles nicht ab. Ich werde einfach das Gefühl nicht los, dass sie viel mehr mitbekommt als sie uns merken lässt und dass hinter dieser entrückten Fassade ein deutlich wacherer Geist steckt.

Ich halte sie nicht für hinterhältig – sie ist nett –, aber mir scheint es irgendwie, als habe sie vor langer Zeit beschlossen, diese Rolle anzunehmen. Und nun spielt sie sie bis zur Perfektion. Ich kann nicht sagen, warum jemand sich selbst freiwillig so von der Welt abkapselt, aber ich glaube, genau das ist hier passiert.

Cathy teilt meine Einschätzung, aber trotz einiger Stunden Rätselraten sind wir auf keine plausible Erklärung gekommen.

Victorias Mann, John, ist nur selten in Stanton Park und wenn er es ist, nimmt er uns meistens nicht zur Kenntnis. Als wir ihm vorgestellt wurden, hat er uns allen drei die Hand geschüttelt und gesagt, er hoffe, wir haben eine angenehme Reise gehabt (obwohl wir zu dem Zeitpunkt schon über eine Woche in Onibury waren). Dann hat er Henry in die Bibliothek geordert und den Rest des Tages hat man keinen von beiden mehr gesehen.

John geht nur so über vor formvollendeten Oberklasse-Manieren, aber er ist so steif im Auftreten, dass sie völlig einstudiert wirken. Er scheint mir dabei nicht unehrlich zu sein, mehr so, als sei sein gesellschaftlicher Stand alles, worüber er sich je definiert hat. Auf Cathy, Anna und mich sieht er dabei nicht direkt hinab – wir gehören in seinen Augen wohl einfach einer anderen, fremden Klasse an, weshalb man uns unsere Merkwürdigkeiten nachsehen muss.

Ehrlich gesagt, ziemlich genau so betrachte ich die Iversons.

Zu Victoria ist John höflich und stimmt allem zu, was sie sagt, aber die große Liebe ist das zwischen den beiden sicher nicht – oder zumindest nicht mehr. Sie haben sich miteinander arrangiert, gehen respektvoll miteinander um, aber haben die Berührungspunkte in ihrer beider Leben offensichtlich auf ein Minimum reduziert.

Für Alice und Lena hat ihr Vater wenig Zeit, aber wenn er sich mit ihnen befasst, ist er freundlich, betrachtet sie allerdings manchmal etwas verwundert, so als ob ihre Fröhlichkeit und ihre Energie für ihn nicht ganz nachvollziehbar wären. Sind sie wahrscheinlich auch nicht.

Der Umgang zwischen John und seinem Sohn findet meistens hinter geschlossenen Türen statt, so dass ich dazu wenig sagen kann. Von dem, was ich mitbekommen habe, ist das Verhältnis ziemlich angespannt. Henry ist betont höflich und dabei doch betont abweisend – John sieht mir manchmal so aus, als würde er gerne versuchen, das Eis zwischen ihnen zu brechen, indem er etwas nettes sagt oder tut, aber dann weiß es nicht, wie oder was und lässt es sein.

Zu uns ist man bestenfalls nett, schlechtestensfalls höflich. Wir dürfen so ziemlich tun und lassen, was wir wollen. Es gibt keine Verbote und keine Erwartungen und es können Tage vergehen, an denen wir außer Alice und Lena niemanden zu Gesicht kriegen.

Gerade für Cathy und mich, die wir keine Schule und stattdessen viel, viel Zeit haben, bedeutet das endlose Stunden, die es totzuschlagen gilt. Wir haben versucht, uns nützlich zu machen, aber aufs Cathys Angebot, sie könne doch mal einen Kuchen backen, hat die Köchin ziemlich verständnislos reagiert und als ich einmal gewagt habe, in meinem Zimmer Staub zu wischen, kam am nächsten Tag eines der Hausmädchen und bat mich sehr höflich, aber sehr bestimmt, das doch bitte in Zukunft zu unterlassen.

Also verbringen wir viel Zeit in der Bibliothek – zumindest wenn Henry dort gerade nicht ist – oder mit Spaziergängen im Garten. Gegen Anfang sind wir auch häufiger im See schwimmen gegangen, bis das Wetter zu schlecht wurde. Wenn Victoria es nicht mitbekommt, hören wir ziemlich oft BBC und schreiben ansonsten so viele Briefe an unsere ganze erweiterte Familie, dass wir schon besorgte Anfragen bekommen haben, ob alles in Ordnung sei.

Die Langeweile ist eines der Probleme an Stanton Park.

Das zweite Problem ist gleichzeitig der große Vorteil – seine Abgeschiedenheit oder besser: seine Entfernung zu London. Auf der einen Seite bedeutet das unsere relative Sicherheit. Auf der anderen Seite bedeutet es, dass wir nie sicher sein können, wie es unseren Eltern geht. Denn deren Leben könnte momentan unsicherer nicht sein.

Wir schreiben Briefe, ja, aber die brauche mehrere Tage hin und zurück und wenn ich einen Brief von Mum in der Hand halte, in dem sie schreibt, es sei alles in Ordnung, weiß ich nur, dass vor ein paar Tagen alles in Ordnung war. Zu dem Zeitpunkt, an dem ich den Brief lese, kann längst einem von ihnen etwas zugestoßen sein.

Erleichtert ist man eigentlich immer nur dann, wenn man mit ihnen telefoniert oder gerade telefoniert hat. Es ist kein lange andauerndes Gefühl – spätestens nach einer Stunde setzt diese diffuse Unruhe wieder ein. Weil in einer Stunde viel passieren kann.

Die Nachrichten helfen nicht. Sowohl in den Zeitungen als auch im Radio ist die ständige Bombardierung Londons das große Thema. Denn wenn wir zu Beginn vielleicht noch gehofft haben, es sei bald vorbei, dann haben wir uns getäuscht.

Jeden Tag und jede Nacht fliegen deutsche Bomber Angriffe auf London. Es geht längst nicht mehr darum, Flugplätze oder Industrieanalagen zu zerstören. Das Ziel sind die Menschen. Es geht darum, möglichst viele zu töten, um die Lebenden in die Knie zu zwingen. Der Gedanke allein ist grausam – zu grausam, scheint es, um ihn zu denken, aber ich habe einiges gelernt über die Abgründe der Menschlichkeit in der letzten Zeit.

Einer der schlimmsten Tage kam, als wir gerade eine Woche hier waren. Der 15. September. ‚Battle of Britain Day' nennen sie ihn heute. 1500 deutsche Flugzeugen seien beteiligt gewesen, sagen sie. Und sie sagen auch, dass es nur der Royal Air Force zu verdanken ist, dass es nicht zu einem Inferno gekommen ist. Heute, rückblickend, nennen sie es einen Sieg für England – vielleicht den ersten in diesem Luftkrieg.

Aber währenddessen wussten wir es nicht. Wir saßen vor dem Radio – Victoria hatte glücklicherweise Kopfschmerzen – und haben den Ansagern gelauscht, die uns von zahlreichen Angriffen auf dem ganzen britischen Festland berichtet haben, besonders natürlich auf London. Noch wusste keiner, wie es ausgehen würde – ob das hier vielleicht das Ende sein würde.

Wir haben stundenlang versucht, zu Hause jemanden zu erreichen. Es war schließlich Anna, längst von der Schule zurück und durch unsere Sorge aufgescheucht, die irgendwann am Abend Glück hatte und Dad kurz ans Telefon bekommen hat. Ja, es habe Bombardements gegeben, hat er gesagt, aber es sei gar nicht so schlimm gewesen und es gehe allen gut.

Und wir mussten eine Stunde lang keine Angst haben.

Das ist also das zweite Problem.

Das dritte Problem ist Henry.

Zu Anna und mir ist er distanziert, aber weitgehend höflich. Meistens ignoriert er uns einfach und ich kann mich glücklich schätzen, ein ‚guten Morgen, Elizabeth' von ihm zu bekommen, aber indem er uns ignoriert, tut er uns auch nichts.

Anders als bei Cath.

Zu Cath ist er grausam.

Wirklich, richtig grausam.

Er nennt sie eisern ‚Miss Ford', obwohl Anna und ich von Anfang an Hannah und Elizabeth waren. Zudem lässt er kaum eine Möglichkeit aus, sie zu verletzen oder irgendwie lächerlich zu machen. Wenn sie etwas sagt, hat er eigentlich immer eine beißende Erwiderung dafür. Wenn sie etwas tut, gibt es dafür von ihm einen herablassenden Kommentar.

Dabei tut sie ihm nichts. Er kritisiert einfach jeden Aspekt an ihr, dem er habhaft werden kann. Wie sie geht, sich kleidet, was sie liest, wie sie spricht, was sie sagt. Die Liste ist endlos. Er lässt kein einziges gutes Haar an ihr und es ist egal, was sie macht. Er hat noch immer einen Ansatzpunkt gefunden.

Cathy sagt, es mache ihr nichts aus. Aber Cathy lügt.

Ich sehe es ihr an, wie sie jeden Tag angespannter wird. Wie sie ihn aus den Augenwinkeln beobachtet, wenn er im Raum ist – wie ein Kaninchen vor der Schlange. Er merkt es auch. Wartet ab, bis sie einen Moment ihre Sicherung aufgibt und schlägt dann zu. Manchmal tut er auch den ganzen Abend gar nichts, sitzt einfach nur da und wirft ihr hin und wieder einen wohlkalkulierten Blick zu. Hinterher ist sie trotzdem völlig fertig.

Und selbst wenn er nicht da ist, ist sie nie ganz entspannt. Zu oft hat er sich schon von hinten angeschlichen und sie in einem scheinbar sicheren Moment überrascht. Mittlerweile hat er sie soweit, dass er einfach nur einen Raum betreten und sie angucken muss und sie erst rot und dann blass wird und meistens kurz danach die Flucht ergreift.

Es ist erschreckend zu beobachten. Weil Cathy sonst nie viel darauf gegeben hat, was Menschen von ihr denken. Hat jemand sie kritisiert, hat sie gelacht und weiterhin getan, was sie wollte. Sie war immer zu sicher mit sich. Es hat sie nie sonderlich berührt.

Bei Henry ist das anders – er hat direkt von Anfang an mit einer irrsinnigen Präzision ihre wunden Punkte getroffen. Und weil er sie für etwas bestraft, für das sie nichts kann – namentlich das Abkommen ihrer beiden Väter –, ist sie machtlos. Sie kann nichts tun, damit er ihr wohlgesonnen ist, kann nichts tun, um ihn von seinem Verhalten abzubringen.

Also erträgt sie es. Völlig ohne Klagen. Wenn ich sie darauf anspreche, fabriziert sie ein Lächeln und zuckt mit den Schultern und meint, irgendwie müsse er ja seine Frustration loswerden und außerdem, sie habe schlimmere Probleme.

Aber es zehrt an ihr. Jeden Tag ein bisschen mehr.

Ich habe versucht, ihr zu helfen, natürlich. Am Anfang habe ich ihn angezickt, wenn er wieder irgendetwas fieses gesagt hat – mit dem Erfolg, dass er mich kurz mit einem eisigen Blick gestreift und Cath dann noch ein bisschen mehr gequält hat. Einmal bin ich sogar zu ihm hingegangen und habe versucht, vernünftig darüber zu reden. Das war auch nicht sehr erfolgreich…

Am schlimmsten ist es, wenn wir mit ihm alleine sind. In Anwesenheit von Victoria und seinem Vater hält er sich zurück – nicht, dass er dann plötzlich nett wäre, aber seine Spitzen sind seltener und versteckter. Halbwegs genießbar ist er überhaupt nur dann, wenn Alice und Lena da sind – wirklich, ich wäre völlig bereit, ihn als grundschlechten Menschen abzustempeln, wenn nicht so augenscheinlich wäre, wie die zwei ihn anbeten. Er wiederum wird beinahe zu einem netten Wesen, wenn er mit ihnen redet. Er kann sogar lachen, habe ich zu meiner ewigen Überraschung entdeckt.

Aber Alice und Lena sind jetzt mit Anna in der Schule. Victoria ist heute noch nicht unten erschienen. John ist in London.

Konsequenterweise ist es ein sehr schweigsames Mittagessen.

Henry sitzt am Kopfende, wo eigentlich der Platz seines Vaters ist, aber wo er immer sitzt, wenn John nicht da ist. Cathy und ich sitzen einander gegenüber an den Längsseiten des Tisches. Es ist völlig still, bis auf das Ticken der Standuhr in der Ecke und das leise Klirren, wenn einer von uns mit dem Besteck gegen den Teller stößt.

Cath blickt stur auf ihren Teller. Henry lässt seinen Blick scheinbar ruhig durch den Raum gleiten, aber in Wirklichkeit wartet er nur.

„Ich hatte heute einen Brief von Grace", hebe ich also an, weil, wenn ich rede, hat er vielleicht weniger Möglichkeiten für seine nächste Gemeinheit.

Cathy hebt kurz den Kopf und sieht mich an. Henry tut, als habe ich gar nichts gesagt.

„Anscheinend ist Abbey ‚guter Hoffnung'", ich hebe die Finger zu kleinen Gänsefüschen, „in Glen findet man, dass das nach über anderthalb Jahren Ehe ja auch mal Zeit sei. Mein Schwesterchen findet das eigentlich auch, vergeht aber gleichzeitig beinahe vor Neid."

„Arme Grace", bemerkt Cathy, ehrlich mitfühlend. Wir wissen beide, wie sehr Grace sich eine Familie wünscht und wie sie darunter leidet, dass Michael seit jetzt über einem Jahr als Militärpfarrer über die Weltmeere schippert, anstatt bei ihr zu sein, wo er hingehört.

„Arme Grace! Arme Grace!", krächzt Nelson, der auf meiner linken Schulter sitzt und nickt mit dem Kopf.

Nelson hat mich irgendwie adoptiert. Die meiste Zeit des Tages sitzt er entweder auf meiner Schulter oder fliegt mir hinterher, wohin ich gehe. Ich habe keine Ahnung, womit ich diese Ehre verdient habe, aber er ist ein freundliches kleines Kerlchen, also macht es mir wenig aus.

Anna wird jedes Mal beinahe grün vor Neid, wenn Nelson sie mal wieder links liegen lässt und zu mir fliegt. Sie wäre so gerne seine Lieblingsmenschin geworden.

„Was schreiben Ben und David?", versuche ich jetzt, das Gespräch irgendwie in Gang zu halten.

Cathy zuckt mit dem Schultern. „Wenig ergiebiges", erwidert sie, „Ben schimpft über seine Lehrer und das schlechte Schulessen. David schimpft über seine Ausbilder und das schlechte Soldatenessen."

„Schön zu sehen, dass sich ihre Prioritäten nicht geändert haben", bemerke ich und muss trotz allem lächeln. Manche Dinge ändern sich hoffentlich nie – Bens und Davids Fixation auf Essen soll bitte eine davon sein.

Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie Henry nachdenklich den Kopf schief legt und nach kurzem Überlegen öffnet er den Mund, zweifelsohne, um irgendeinen bissigen Kommentar loszuwerden.

Unwillkürlich ziehe ich etwas die Schultern hoch.

Bevor er jedoch auch nur ein Wort sagen kann, höre ich Cathys Stimme.

„Nicht!", sie sieht ihn bittend an, beinahe flehend, „ich… bitte, ich… nicht!"

Henry hält ihren Blick, scheinbar ein bisschen überrascht und zugleich amüsiert über ihr plötzliches Aufbegehren. Cathy sieht wieder auf ihren Teller hinab.

Dann, ganz langsam, löst er den Blick von ihr und sieht jetzt mich an. „Würdest du mir das Salz reichen, Elizabeth?", erkundigt er sich dann mit ausgesuchter Höflichkeit, ganz so, als habe er nie etwas anderes sagen wollen.

Ich reiche ihm das Salz, zu perplex, um etwas zu sagen und der Rest des Mittagessens vergeht in tiefem Schweigen.

Im ersten Moment glaube ich, er hat nachgegeben. Dass ihre Bitte irgendetwas bewirkt hat. Aber als Cath sich noch vor dem Nachtisch hastig entschuldigt und nach draußen flieht, wird mir klar, dass dem nicht so ist. Es hat sich etwas verschoben, ja – aber zu seinen Gunsten. Weil sie, die vorher stoisch alles ertragen hat, Schwäche gezeigt hat. Und weil sie schwach war, weil sie es nicht ausgehalten hätte, wenn er irgendetwas über David gesagt hätte, hat sie verloren.

Es dauert eine Weile, aber schließlich finde ich Cath im Rosengarten.

Sie steht vor einem Busch mit großen gelben Rosen. Es ist ungewöhnlich warm für die Jahreszeit, weshalb wie immer noch blühen.

„Hübsch, nicht wahr?", bemerkt sie, als sie mich kommen hört, ohne sich umzudrehen.

Es ist ein Zeichen an mich, dass sie nicht darüber reden möchte.

„Ja", ich nicke und stelle mich neben sie.

Sie dreht den Kopf weg, so dass ich ihr Gesicht nicht sehen kann und geht einige Schritte weiter. „Ich kann mich nie entscheiden, welche Farbe ich an Rosen am liebsten mag", erzählt sie dann im Plauderton. Ganz so, als sei nie etwas vorgefallen und das größte Problem, mit dem wir umgehen müssen, wäre, zu entscheiden, welche Rosenfarbe am schönsten ist.

„Diese sind sehr ausdrucksvoll, finde ich", fährt sie fort, als ich nichts erwidere und deutet auf einige langstielige Rosen mit weißen Blüten und tiefrosafarbenem Rand.

„Als ich klein war, wollte ich immer blaue Rosen haben", bemerke ich, weil mir sonst nichts anderes einfällt, „ich weiß, dass es keine blauen Rosen gibt. Aber ich war immer schon der Meinung, dass es welche geben sollte. Es gibt sie sogar in grün und in lila. Aber blaue Rosen gibt es nicht."

Cath lacht. Es klingt ziemlich angestrengt. „Du meinst, dass Mutter Natur uns da ein bisschen betrogen hat?", fragt sie.

„So in der Art", stimme ich zu, „ich denke, dass blaue Rosen so ziemlich das hübscheste gewesen wären, was die Natur im Botanikbereich hätte hervorbringen können."

Ich bin jetzt neben Cath an den weiß-pinken Rosen angekommen und werfe ihr einen Seitenblick zu. Ihre Augen sind rotgerändert, aber sie bemüht sich um einen möglichst entspannten Gesichtsausdruck.

Für einen Moment überlege ich, ob es mich traurig machen sollte, dass sie meint mir – ausgerechnet mir – etwas vorspielen soll, aber dann erkenne ich, dass sie viel eher sich selbst etwas vorspielt. Schließlich kann sie nicht ernsthaft glauben, ich wüsste nicht, wie es ihr geht.

Gerade spinnt sie meinen Gedanken fort: „Und trotzdem gibt es keine. Was soll uns das wohl sagen?"

„Vielleicht, dass die gute Mutter Natur ihre ganze blaue Farbe im Atlantik verschwendet hat?", probiere ich und werde tatsächlich mit einem Lächeln belohnt.

Unser Gespräch stockt für einen Moment, weil Nelson sich bei dem Versuch, von meiner linken auf die rechte Schulter zu laufen, in meinen Haaren verheddert hat und ich ihn befreien muss.

„Ich finde irgendwie, es ist eine ganz gute Analogie zum Leben", versuche ich zu erklären, nachdem Nelson wieder frei ist, „es gibt so viele verschiedene Rosen, aber die schönste von allen, die gibt es nicht. Das heißt, wir können uns noch so sehr anstrengen – wir kriegen sie trotzdem nie. Wie – ich weiß nicht – wie das vollkommene Glück, schätze ich."

Cathy nickt langsam. „Du meinst, die blaue Rose als das unerreichbare Ideal des Lebens?", sie lächelt, „sehr philosophisch. Aber ich verstehe, was du sagen willst."

„Der heilige Gral der Rosenzüchtung, wenn du so willst", stimme ich zu.

Cath lacht. Es klingt ein wenig entspannter als vorher.