Outtake Nummer 2, Teil 2 - Carlisle

Disclaimer: Nothing is mine besides that little boy.


Zimmer 1918, Isabella Swan. Das bedeute mir das Schild auf der linken Seite des Gangs im Westflügel.

Ich war gespannt auf diese Frau. Wie mochte sie wohl sein?

Laut ihres Krankenblattes war sie gerade einmal 23 Jahre alt. Die angefertigte Akte ihres Sohnes zeigte mir, dass ich mit meiner Vermutung gar nicht so falsch lag. Er war fünf, was im Schluss bedeutete, dass Ms. Swan bereits mit 18 Mutter geworden war. Ob das gut oder schlecht war, vermochte ich nicht zu beurteilen. Es gab solche und solche Eltern. Jedoch einfach war es bis jetzt sicherlich nicht immer gewesen.

Ich ließ mich überraschen. Im Grunde gingen mich ihre familiären Angelegenheiten auch gar nichts an. Ich war hier, um mich nach ihrem Wohlbefinden zu erkundigen und ihr alles weitere zu erklären, falls sie Fragen ihrerseits hatte.

Als ich das Zimmer betrat, schien mir nur das sanfte Licht einer kleinen Lampe entgegen. Die Patienten sollten nicht vom grellen Deckenlicht geblendet werden, wenn sie aufwachten. Dennoch sollten sie sich nicht unwohlfühlen oder gar Angst bekommen, wenn sie in einem dunklen Zimmer zu sich kamen. So kam es, dass ich die schemenhafte Gestalt nur schleierhaft wahrnahm, denn die Patientin lag im Schatten der Lampe.

Ich konnte eine Bewegung erkennen. Der Monitor, der vorsorglich angeschlossen wurde, zeigte eine Veränderung in der Frequenz ihrer Atmung, sie würde jeden Moment aufwachen.

„Ms. Swan, können Sie mich hören? Mein Name ist Dr. Carlisle Cullen, ich bin Leiter des Fork's General. Sind Sie wach, Ms. Swan?" Langsam näherte ich mich ihrem Bett.

Ich setzte mich auf den Stuhl neben ihrem Bett und beobachtete ihre Bewegungen. Schließlich schlug sie die Augen auf.

Mein Gott, das konnte nicht wahr sein.

„Bella", entfuhr es mir. Sie starrte mich entsetzt an.

„Carlisle? Was, wo bin ich? Oh nein, was ist passiert? Wo ist Chris?" Sie war ganz aufgeregt. Die Anzeigen der Monitore spielten verrückt. Ich musste sie beruhigen, es war nicht gut, wenn sie sich so verausgabte. Wenigstens ihre Bedenken konnte ich auslöschen, denn wie ich mich ja überzeugen konnte, ging es dem Jungen gut.

„Edward…"

„Nein!", schrie sie mich förmlich an. Ihr Puls stieg weiter, das Piepsen der Geräte wurde immer lauter. „Nicht Edward, du darfst ihm nicht sagen, dass ich hier bin, bitte. Versprich es mir."

Ein Glück, dass ich meinen Satz nicht beenden konnte. Dabei wollte ich ihr doch eigentlich nur sagen, dass es Chris gut ging und sich Edward um ihn kümmerte. Egal, das musste warten.

„Schon gut, ich werde ihm nicht sagen, dass du hier bist." Und dass er deinen Sohn bereits kennen gelernt hat, fügte ich in Gedanken hinzu.

Ich dachte, die Gewissheit würde sie beruhigen, ihr etwas von der Anspannung nehmen, die sie hatte. Doch das tat es nicht. Vor mir lag ein Häufchen Elend. Bella begann fürchterlich zu weinen. Das konnte ich nicht einfach so mit ansehen. Früher war sie immer an Alice' oder Edwards Seite. Im Grunde war sie auch eine Tochter für mich. Ich konnte sie nicht so niedergeschlagen sehen. Was es auch war, ich wollte ihr den Kummer nehmen. Ich setzte mich auf den Rand ihres Bettes und nahm sie in die Arme, so wie ich es früher mit Alice getan hatte, wann immer sie Liebeskummer hatte.

„Ich bin so ein schlechter Mensch", sagte Bella leise aus heiterem Himmel.

„Aber wieso denn, Bella? Was ist denn los? Sag es mir, vielleicht finden wir eine Lösung."

„Carlisle, ich habe etwas Schreckliches getan. Ich bin so ein schlechter Mensch." Ihre Tränen liefen immer noch und ich verstand kein Wort von dem, was sie sagte. Was konnte eine junge Frau wie sie denn schon getan haben? Sie war so ein guter Mensch, immer freundlich, was konnte sie schon verbrochen haben?

„Bella, ich weiß, es ist bestimmt nicht leicht für dich, aber wenn du mir nicht sagst, was passiert ist, dann kann ich dir nicht helfen, Kind."

Sie wischte sich mit dem Handrücken über die nassen Wangen.

„Hast du Chris gesehen?"

„Ja."

„Hast du seine Augen gesehen?"

Ob ich seine Augen gesehen hatte? Ja, das hatte ich tatsächlich. Ganz kurz und doch kam es mir so vor, als hätte ich schon viele Jahre in sie hineingeblickt.

Bella hob den Kopf und sah mich verwundert an. Ja, richtig, ich war ihr noch eine Antwort schuldig.

„Es sind nicht meine, Carlisle, aber das hast du ja sicherlich bemerkt." Ein trauriges Lächeln umspielte ihre Lippen. „Jeden Tag, ich sehe ihm jeden Tag in seine neugierigen Augen. Chris erfüllt mich mit Freude, doch jedes Mal, wenn ich ihm in die Augen sehe, dann zerreißt es mir das Herz. Wenn ich meinen Sohn ansehe, sehe ich ihn. Er lässt mich nicht los. Nach all den Jahren sehe ich immer nur ihn."

Sie schniefte, ich griff in meine Kitteltasche und zog ein sauberes Taschentuch hervor.

„Also läge ich mit meiner Vermutung richtig, wenn ich dachte, dass…" Edward der Vater ist?

„Ja, das tust du."

„Wow, ich bin sprachlos. Ich meine, was soll ich dazu sagen? Das kommt gerade etwas plötzlich. Guck mal, ich bin sprachlos. Was glaubst du, was Edward dazu sagen wird?"

Bella wurde plötzlich wieder panisch und verkrampfte sich in meinen Armen. „Das darf er nicht erfahren, Carlisle. Zumindest nicht so. Versprich es mir, er darf es nicht wissen, bitte. Das würde alles kaputt machen, was ich in den letzten Jahren versucht habe, aufzubauen." Sie blickte mir mit einer Zielgerichtetheit in die Augen, ich konnte nicht nein sagen, auch wenn ich es wollte.

„Na gut", war meine Antwort. Bella atmete tief durch. „Ich verstehe aber eines nicht. Warum hast du es ihm nicht gesagt?"

„Ist das nicht offensichtlich?", gab sie zurück und legte somit die Antwort in meine Hände. Nein, es war nicht offensichtlich. So weit ich wusste, waren Bella und Edward nie ein Paar gewesen, von daher hatte ich nie damit gerechnet, dass zwischen den beiden eine sexuelle Verbindung bestand. Gestritten hatten sie sich auch nicht, daher machte es keinen Sinn, dass sie ihm nichts davon erzählte. Doch halt, sie hatte sich gar nicht mehr bei ihm gemeldet. Da wohnten wir jedoch schon seit einiger Zeit nicht mehr in Phoenix. Ich wollte das Thema nicht zu stark auspressen, doch einen Grund hätte ich schon gerne erfahren. Der damalige Kontaktabbruch hatte nicht nur Edward geschadet, auch Alice ging es schlecht. Esme, für Esme war es so, als hätte sie ein Kind verloren. Und zugegebener maßen ging es mir nicht anders.

„Nein, ist es nicht. Würdest du es mir erklären?"

Sie holte noch einmal tief Luft, begann dann aber zu erzählen: „Es war der Abschlussabend. Juniors waren ebenso geladen, wie Seniors, deshalb waren wir da. Das war der letzte gemeinsame Abend. Am nächsten Tag ging euer Flieger nach Alaska. Carlisle, es war eine einmalige Sache. Wir hatten getrunken, nicht viel, aber naja, das eine führte zum anderen. Wir blieben noch eine ganze Weile in Kontakt, warum auch nicht, wir waren Freunde und anscheinend auch etwas mehr als nur das. Nach ein paar Wochen merkte ich, dass etwas nicht stimmte. Ich wollte es erst nicht wahrhaben. Mein Gott, ich war 17, ich ging noch zur Schule und der Vater meines Kindes war hunderte von Kilometern von mir entfernt. Ich wusste nicht, was ich tun sollte."

„Du hättest uns anrufen können. Wir hätten dir doch geholfen, Bella. Das weißt du doch, nicht?"

„Sicher weiß ich das. Doch was hätte das gebracht? Mein Leben war umgekrempelt. Doch es war bis dahin nur meins. Ich konnte doch nicht einfach Edwards Leben zerstören, Carlisle!"

Daher wehte also der Wind.

„Quatsch, das hättest du nicht. Natürlich waren es nicht die besten Umstände und ja, zu jung wart ihr auch, aber wir hätten doch alles für euch getan. Bella, wir hätten euch unterstützt. Das klingt zwar jetzt hart, aber du hast damit Edward auch die Chance genommen, an deinem, nein am Leben eures Kindes, teilzunehmen. Und glaub mir, Edward hätte auch alles für euch getan."

„Das ist ja das Problem."

Warum Problem? Sagte sie nicht gerade, es sei schlimm gewesen, alleine zu sein? Kinder, man konnte sie beim besten Willen nicht verstehen. Doch Bella klärte mich auf.

„Edward hätte sein Leben zerstört. Selbst wenn wir es geschafft hätten, als Paar, mit dem Baby… es hätte ihn zerstört. Edward war schon immer so zielstrebig. Er ist intelligent. Er hätte sich gegen die Schule entscheiden müssen. Und er wollte doch schon immer gerne Arzt werden, so wie du. Wie hätte er denn Studium und Familie miteinander verbinden sollen? Ich wollte ihm das Leben lassen, das ich von da an so nicht mehr hatte. Er sollte noch weiterhin ein Jugendlicher sein dürfen, das Studentenleben genießen können und mit Freunden rumhängen – nicht Windeln wechseln."

Bella liefen wieder Tränen übers Gesicht. Sie hatte das alles für Edward gemacht. All ihre Entscheidungen waren zu seinen Gunsten. Doch sie, musste sie nicht auch schwere Zeiten durchleben?

„Und was ist mit dir? War es denn für dich so leicht?"

Sie schluckte heftig und begann sich wieder in die Sache hineinzusteigern. Ich hatte einen wunden Punkt getroffen, das war nicht sehr schlau von mir. Eigentlich war ich ja mit dem Vorsatz in dieses Zimmer gekommen, um die Patientin zu beruhigen und was tat ich, ich regte sie auf. Dabei war sie doch noch so schwach

„Ich…ich…Carlisle, ich kann nicht darüber reden. Ich kann nicht." Sie schnappte stark nach Luft.

Ich strich ihr beruhigend über den Kopf: „Schon gut, alles wird gut Bella. Du musst jetzt nichts mehr sagen. Pass auf, du ruhst dich jetzt erst einmal richtig aus, ok? Wir reden weiter, wenn du dich besser fühlst und du darüber reden willst. Ich bin da und hör dir zu. Alles wird gut, das verspreche ich dir. Ich geb dir was zur Beruhigung, ok?"

„Ja. Und bitte, Carlisle, versprich mir, dass du keinem sagst, was hier passiert ist, ja? Bitte, du musst es mir versprechen."

„Natürlich, jetzt ruh dich aus." Ich stand vorsichtig von ihrem Bett auf und suchte in meiner Kitteltasche nach den Medikamenten, die ich vorsorglich mitgenommen hatte.

„Carlisle, noch was."

„Ja?"

„Ich wollte Edward nicht von Chris fernhalten, ich wollte ihm nur die Möglichkeit geben, sein Leben zu leben."

„Verstehe."

Ich gab ihr eine Beruhigungsspritze und ein leichtes Schlafmittel. Die Aufregungen des heutigen Tages waren schon genug. Unser Gespräch war zwar aufschlussreich, doch für ihre Genesung nicht förderlich. Sie musste sich ausruhen und ich musste nachdenken.

Das veränderte alles.

Ich ließ mich zurück in den Stuhl, der neben Bellas Bett stand, fallen. Bellas gleichmäßige Atemzüge beruhigten auch meine aufgewühlte Seele.

Was sollte ich jetzt machen? Welche Optionen hatte ich? Sollte ich überhaupt irgendetwas machen oder den Dingen einfach ihren Lauf lassen? Ich hatte keine Ahnung.

Zuerst einmal musste ich an Bella denken. Sie war meine Patientin, ihr Wohlergehen und ihre Gesundheit standen auf dem Spiel. Ich musste dafür sorgen, dass sich ihre Aufregung in Grenzen hielt. Und ich hatte ihr außerdem versprochen, Edward außen vor zu lassen. Doch zugleich verschwieg ich ihr, dass Edward bereits auf Chris getroffen war. War das ein Fehler? Ihrer Reaktion zufolge war es das einzig richtige, das ich tun konnte. Für sie jedenfalls. Der Glaube daran, dass ihre kleine delikate Lüge am Leben blieb, sicherte ihre Genesung. Ich musste verhindern, dass es rauskam, so lange es nötig war, um sie außer Gefahr zu wissen.

Doch mein Sohn, was sollte ich meinem Sohn sagen? Nichts? Er hatte den Kleinen im Arm, er hatte sein Kind in den Armen gehalten. Wie würde er wohl reagieren, wenn er herausfinden würde, dass Chris sein Sohn war? Ich konnte mir keinen Reim darauf machen. Edward hatte nie über Kinder geredet, nicht mit mir. Auch Esme hatte nie etwas dergleichen angedeutet. Wieso auch? Er war 23, mitten im Studium, er hatte doch nicht einmal Zeit für eine Freundin, nicht einmal für uns. Wie sollte er sich da um eine Familie kümmern? Doch so, wie ich meinen Sohn kannte, wäre ihm das egal gewesen. Er würde die Verantwortung für diesen kleinen Jungen übernehmen, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Ja, da war ich mir sicher. Das konnte so aber nicht funktionieren.

Bella hatte recht, Edward musste erst sein Leben leben. Er sollte sein Studium abschließen und seinen Weg finden. Doch wann war der richtige Zeitpunkt?

Mich ließ ein Gedanke nicht los. Als ich Edward vorhin im Eingangsbereich der Klinik traf, stand da auf einmal nicht mehr mein kleiner Junge vor mir sondern ein erwachsener Mann, der anscheinend genau wusste, was er mit seinem Leben anfangen wollte. Und Chris, das Kind in seinen Armen, er gehörte dort hin. Genau, das war das Gefühl, das ich mir nicht erklären konnte, als ich mich vorhin von ihm verabschiedete. Es stimmte einfach. Seltsam, als ich dem Jungen in die Augen sah, da wusste ich gleich, dass er zu meinem Sohn gehörte. Natürlich nicht offiziell, doch mein Herz machte einen Sprung und wusste bereits vor meinem Verstand, dass das alles irgendwo seine Richtigkeit hatte. Oh Edward, wenn du doch nur wüsstest…

Nein, es ging nicht. Ich hatte es Bella versprochen und auch Edward musste ich beschützen. Doch nicht nur diese beiden steckten in jenem Kreisel fest, auch Chris würde einiges durchmachen müssen.

Wo würde das enden? Was würde geschehen?

Ich richtete mich langsam auf. Nun gut, meine Fassade stand. Ich würde alles versuchen, um etwaigen Kummer von allen fernzuhalten. Das würde ein Spiel mit dem Feuer werden, das auch leicht nach hinten losgehen konnte. Hoffentlich verbrannten wir uns nicht die Finger daran.

Die Ironie jedoch war, dass ich nichts lieber getan hätte, als es in die Welt hinauszuschreien. Carlisle, du bist Großvater und keiner darf es wissen, nicht dein Sohn, nicht dein Enkel…


A.N.

Ich hoffe, Carlisles Verhalten ist dadurch deutlich geworden. Er hat sich nur zeitwiese so gemein verhalten, um Edward zu schützen. Im Grunde hätte er ja am liebsten anders gehandelt,doch er hatte es Bella versprochen. Einige hatten sich auch über Bella geärgert, verständlich. Doch hier wird auch schon ein wenig deutlich, dass dahinter ein Grund steckte. Das nächste Outtake wird aus Bellas Sicht sein, um auch hier Licht ins Dunkel zu bringen.

Danke fürs Lesen! Eine kleine Anmerkung würde mich riesig freuen!