Kapitel 16

Eilig rannten die drei Männer hinauf in den Südturm, in dem sich das Zimmer der kleinen Cosette befand. Der Graf riss die Tür auf und alle stürmten sie zu ihrem Bett. Cosette war sehr blass, ihre Nase war verstopft, ihr Mund stand offen und war völlig ausgetrocknet. Ihr Hals tat ihr sehr weh, sie bekam kaum Luft. Es war nur ein leises fiepen zu hören, wenn sie atmete. Verzweifelt blickte Herbert sie an, es tat ihm weh sie so zu sehen. Er wusste das sie nicht mehr zu retten war. Mit vor Wut zusammengebissenen Zähnen betrachtete er seine zitternde Faust.

'Wie kannst du deinen Kindern nur so was antun, Gott?', dachte sich Herbert. 'Sie glauben an dich und du nimmst und gibst Leben wie es dir gefällt. Wie kannst du nur so ein kleines, unschuldiges Kind zu dir nehmen wollen? Und die größten Verbrecher werden alt und bekommen Kinder. Willst du sie für die Sünden ihres Vaters bestrafen? Was kann sie denn schon für ihre Herkunft. Doch was verwundert es mich. Deinen eigenen Sohn hast du sein lebenslang leiden lassen und am Ende töten lassen. Was muss ich mich denn wundern das du sie haben willst. Selig sind die Ungläubigen.'

"Das ist nicht fair", knurrte Herbert. Erstaunt blickte er auf als er von niemanden eine Reaktion erhielt. Der Anblick der sich ihm bot ließ ihn zurückschrecken. Sein eigener Vater, der niemals einem Kind was zu leide tat, war gerade dabei aus Cosettes Handgelenk zu trinken. "VATER, NEIN!", schrie er und wollte den Grafen von ihr wegziehen, doch Koukol hielt ihn auf, schmiss ihn zu Boden und ließ ihn zunächst auch nicht wieder aufstehen. Als Herbert sich wieder beruhigte ließ Koukol von ihm ab, zog ihn mit nach oben, entschuldigte sich mit ein paar Handbewegungen und machte ihm klar das es sein musste.

Nun blieb Herbert tatsächlich ruhig, denn sein Vater schien Cosette retten zu wollen, da dieser sich nun selbst gebissen hatte und an sich saugte. Verwirrt starrte Herbert ihn an. 'Was macht er da? Er macht sie doch zu einem Vampir.' Der Graf, der nun sein eigenes Blut gesaugt hatte, setzte seine Zähne wieder in die Wunde von Cosette. Zum Schluss schmierte der Graf sein Blut noch über die Wunde und rieb sie damit ein, was Cosette durch den Schmerz zusammenzucken ließ.

"Vater, was sollte das?", fragte Herbert. "Nun heißt es abwarten, mein Sohn", sagte der Graf ruhig. "Aber Vater, nun erklär doch was du da eben gemacht hast." "Später, Herbert." "Warten wir auf ihre Verwandlung?" "Nein!" Herbert gab es auf mit seiner Fragerei. Es würde nichts bringen, sein Vater ließ gerade nicht wirklich mit sich reden und er würde es ja später erfahren.

Nun galt es abzuwarten. Zunächst schien sich nicht zu machen. Doch nach ein paar Minuten in denen Cosette immer schwächer wurde, wurde Herbert immer unruhiger. Eine viertel Stunde lang lief er im Zimmer auf und ab. Er überlegte schon ob er nicht das Zimmer verlassen sollte, da er es nicht mehr aushielt, doch er wollte Cosette nicht alleine lassen. Plötzlich zog der Graf tief die Luft ein, was Herbert wieder zum Bett kommen ließ. Cosette hatte aufgehört zu atmen. Noch nie in all den Jahrhunderten fühlte sich die Stille so kalt und finster an. Nur das Knacken des Holzes, das im Kamin brannte war zu hören. Doch selbst das wärmte einem nicht mehr.

Als die drei Männer schon dachten es wäre mit ihr vorbei und Koukol sich die Tränen wegzwinkerte, schlug Cosette plötzlich die Augen auf und atmete tief ein, was ein lautes fiepen erzeugte. Ihre Atmung blieb für einige Minuten kurz und schnell angebunden, es dauerte lange bis sie sich wieder normalisierte.

"Vater?", redete Herbert in den stillen Raum hinein. "Solange das Blut in ihr nicht aus allen Öffnungen läuft und ihr Körper es annimmt wird sie es schaffen." Die nächsten Minuten wurden für die beiden Hausherren unerträglich. Es fühlte sich wie Stunden an, und Cosette's Zustand schien sich nicht im Mindesten zu verändern. Weder im Gutem noch im Schlechten.

Dem Grafen und Herbert schien es fast zu zerreißen, darum gingen sie für wenige Minuten hinaus auf Cosette's Balkon. "Vater? Was hast du da eben getan? Und wieso hast du noch ein weiteres Mal an ihrer Bisswunde angesetzt? Es schien als wäre Blut aus deinem Mund getreten und nich aus ihrer Wunde in deinen Mund", durchbrach Herbert kurze Zeit später die Stille.

"Mein Sohn, ich habe dir nie richtig erklärt wie man einen Vampir erschafft oder einen Menschen retten kann, ohne ihn in einem zu verwandeln. Ich schätze nun bin ich dir ein paar Erklärungen schuldig." "Ja, Vater!" "Nun, wie es bei ihrer Mutter war weißt du ja schon, doch wie gesagt, sie verlor nur zu viel Blut und brauchte Flüssigkeit. Cosette dagegen hat genügend Flüssigkeit, bei ihrem Fall ist es die Krankheit die sie von innen heraus angreift und schwächt. Um jemanden zum Vampir zu machen musst du jemanden sehr viel Blut aussaugen, bis das Herz nur noch sehr schwach schlägt und immer langsamer wird. Wenn es so weit kommt lässt du denjenigen von dir trinken, derjenige würde sich auch nicht scheuen, da die Todesangst viel zu groß ist. Die Opfer spüren wie die Energie sie verlässt, ihr Körper stetig schwächer wird, ihnen schwindelig wird und sie am Ende schon nicht mehr klar denken können. Das einzige was sie dann noch im Kopf haben ist, überleben. Ihr Instinkt zwingt sie dazu und lässt sie so viel trinken bis sie über den Berg sind. Oft muss man sie selbst davon abhalten, weil sie sonst nicht mehr aufhören würden."

"Aber wie konnte es sein das Cosette's Mutter widerstehen konnte?"

"Ihre Mutter hatte sich geistig schon völlig auf den Tod eingestellt, sie wollte es. Sie erschien mir so als sei sie schon seit Jahren nicht mehr richtig glücklich gewesen und hatte sich freiwillig immer mehr in die Hände des Todes begeben. Nur Cosette ließ sie das alles durchmachen, sonst wäre sie schon lange tot gewesen."

"Mmh, und wie verhält es sich wenn man jemanden nicht verwandeln will?"

"Saugst du von einem Menschen nur ein wenig ab, wird er nicht zu einem Vampir werden. Unser Speichel läuft zwar in die Wunde des Opfers und sie merken noch Tage danach das sie leicht Kränklich sind, doch ist das Vampirspeichel oder auch Vampirblut, nicht so stark das es den Körper übernehmen kann. Die Abwehrkräfte vom Opfer wären da zu stark dafür und würden das, ich nenne es mal Vampirvirus, abtöten. Wenn es auch ein paar Tage dauert. Saugst du jedoch genügend heraus, sind sie schwach und ihre Abwehrkräfte ebenfalls, lässt du sie dann von dir trinken, schlucken sie so viel dass das Vampirblut auf jedenfalls Überhand nimmt."

"Aber nichts von alledem hast du bei Cosette getan."

"Das Stimmt, ich habe sie nur ein wenig ausgesaugt … ."

"Sie also noch mehr geschwächt", rief Herbert schockiert hinein.

"Ja", gab der Graf schmerzerfüllt zu, "jedoch wartete ich einen Augenblick, bis der Virus von meinen Vampirabwehrstoff abgetötet wurde, ich also Antikörper entwickelt habe, und gab ihr durch den zweiten Biss ihr mein Blut."

"Wie hast du das gemacht?", fragte Herbert beeindruckt.

"Sind dir nie die winzigen Löcher an der Spitze unserer Zähne aufgefallen?"

"Doch, aber ich hatte mir nie etwas dabei gedacht."

"Durch diese saugen wir das Blut hinaus, jedoch wissen es viele Vampire nicht, merken es auch nicht oder saugen automatisch mit dem Mund, was jedoch umständlich ist und mehr Zeit verbraucht. Durch diese kleinen Löcher gab ich Cosette einiges von meinem Blut, in der Hoffnung das unsere Blutgruppen zusammenpassen und die Antikörper schnell genug sind."

"Das weiß, glaube ich so gut wie niemand von unseren Brüdern, warum hast du es nie erzählt und mir auch nicht?"

"Die anderen sind nicht so beherrscht, sie verlieren schnell die Kontrolle. Wenn ich ihnen das alles erzählen würde, wären sie schnell übermütig und jeder würde versuchen Gott zu spielen. Am Ende würde es zu einer Spaltung führen, wo wir doch zusammenhalten müssen, selten wie wir sind."

Am liebsten wäre Herbert ewig da gestanden, viele Fragen waren noch unbeantwortet, hätte sich die ruhige Landschaft angesehen und hätte sich das Erzählte durch den Kopf gehen lassen, doch nun war Cosette wichtiger. Lange blieben sie an ihrem Bett sitzen, und als sie sich dann schon zu ihrer Gruft beeilen mussten, da sie so lange geblieben waren wie nur möglich, hatte Cosette schon mehr Farbe im Gesicht und das Fiepen in ihrer Atmung war fast verschwunden. Sie war über dem Berg, und obwohl sie noch sehr viel Ruhe brauchen würde, gingen die beiden Hausherren beruhigt schlafen.