Stumm war sie dem Mann gefolgt, durch Gänge an deren Wänden sich ebenfalls wirr Bücher stapelten, bis sie einen Raum erreichten, der eine Küche darstellen sollte.

Hermione lehnte sich gegen einen Küchenschrank, als am anderen Ende des Raumes, der Mann in Schwarz, Wasser in einen Teekessel laufen ließ. Dann stellte er diesen auf einen kleinen Gasherd und drehte sich zu ihr um.
Unangenehmes Schweigen herrschte in der kleinen, improvisierten Küche. Beide Personen musterten sich gegenseitig. Hermine verschränkte die Arme vor der Brust und taxierte die Umgebung. Dies hier war kein richtiges Zimmer, es sah eher so aus, als hätte sich jemand in den Katakomben einer Kirche häuslich eingerichtet. Oder als ob Hogwarts einen Schwung moderner Möbel bekommen hätte.

Ihr Blick fiel wieder auf den mysteriösen Mann. Sie konnte sein Gesicht nicht sehen, aber sie wusste, dass er sie hinter dieser grinsenden Maske scharf beobachtete. Trotz alledem hatte sie keine Angst – sie war damals nicht umsonst dem Hause Gryffindor zugeteilt worden.

„Wer sind Sie?", fragte sie schließlich; auch um das unbehagliche Schweigen zu beenden.

„Der verruchte Verbrecher – verfemt und vogelfrei.", antwortete der Mann und angesichts Hermiones verwirrten Gesichtsausdruck ergänzte er: „Aber der Einfachheit halber, nenn mich ‚V'."

„Das ist kein Name.", stellte Hermine lakonisch fest.

„Ja, da hast du schon recht….", sinnierte V mit einem seltsam melodiösen Klang in der Stimme „..aber daraus schließe ich, dass du so etwas wie einen richtigen Namen hast. Wenn du ihn mir höflicherweise nennen magst?"
Ein leichter Tadel schwang mit, der Hermine etwas in Verlegenheit brachte.

„Hermione Granger", stellte sie sich vor.

„Her-me-o-nie", wiederholte V ihren Namen gedehnt. „Welch tragische Figur… Hoffentlich wird dich nicht so ein Schicksal erwarten wie das deiner Namensgeberin."

Hermione war verblüfft. Hier in dieser unbegreiflichen Lage traf sie den ersten Menschen der – außer ihren Eltern –ihren Namen sofort richtig aussprach und dazu noch den Hintergrund kannte. Ein Maskierter, der seinen Shakespeare kannte. Was für ein seltsamer Kauz, überlegte sie und das hieß schon was, bei den vielen seltsamen Käuzen, die sie in ihrem kurzen Leben bisher kennengelernt hatte.

Der Teekessel pfiff und der nun als V bekannte Mann, bereitete den Tee zu. Schließlich stand eine dampfende Tasse auf dem kleinen Tisch in der Raummitte, daneben eine Schale mit Zucker, ein Sahnekännchen und ein kleiner, aber leerer Teller mit Goldrand.
Skeptisch beobachte Hermione V dabei, wie er irgendetwas in den Hängeschränken suchte und mit einem „ah..." eine Keksdose hervorholte. Prüfend schaute er hinein und legte dann ein paar Kekse auf den Teller.

„Ich habe da mindestens eine Frage…" Die Maske sah Hermione direkt an. „Als ich vorhin nach deinen Verletzungen sehen wollte. Was hast du da gemacht?"

Hermine erschrak; einerseits über den plötzlichen Themenwechsel und anderseits hatte sie fast ihren Zustand und die ganze Misere vergessen.
„Oh - ich muss schlimm aussehen…", sagte sie leise.

„Ja, das tust du, aber wenn ich deine Nase nicht gerichtet hätte, würdest du schlimmer aussehen.", gab V in fast fröhlichem Tonfall zurück und ergänzte wesentlich ernster: „Aber mache dir darüber nicht allzu viele Gedanken. Dies hier ist kein Ort für Eitelkeiten und in ein paar Tagen wird nichts mehr zu sehen sein."

Den letzten Satz wusste sie nicht zu verstehen. War es ein Trost oder ein Tadel? Sie sah ihn fragend an. V hatte sich nicht bewegt. Wartend stand er da, die Maske unter den falschen Haaren etwas zur Seite geneigt, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Sie war ihm noch immer eine Antwort schuldig und er beharrte weiterhin darauf.

Hermione atmete tief ein. Sie würde ihm die Wahrheit sagen ob, er sie dann glauben würde, oder nicht.

„Das war ein Zauber zur Überwältigung von Feinden. Und bevor Sie mich jetzt für verrückt erklären; ich bin eine Hexe und kann ihnen gerne noch weitere Kostproben geben.", preschte sie mutig hervor.

V nickte nur. „Und was sind Todesser?", wollte er weiter wissen.

„Anhänger Voldemorts; Schwarzmagier; Mörder und Totschläger. Ihr Erkennungszeichen ist eine Maske…", antwortete Hermione.
‚Er glaubt kein einziges Wort', dachte sie und war sich selbst im Klaren darüber, wie unglaublich ihre Antwort für Nicht-Zauberer klingen mag.

„Ich verstehe….", sprach er gedehnt und verfiel ins Schweigen. Den Kopf leicht gesenkt und eine Hand ans Kinn der Maske gelegt, als dachte er scharf über etwas nach.

Sein Schweigen wollte sie für sich nutzen. „Ich habe auch Fragen – wo bin ich?"

„Oh, das ist mein bescheidenes Zuhause, ich nenne es die Schattengalerie.", erklärte er mit leichtem Stolz.

Hermione presste die Lippen aufeinander.
„Nein, DAS meinte ich eigentlich nicht. In welcher Stadt bin ich? Und die vielen Bücher? Ehrlich gesagt; ich dachte schon ich wäre gestorben und im Himmel."

Mit dem letzten Satz nahm sie schließlich die Schärfe raus. Er konnte nichts dafür.

V kicherte gedämpft hinter der Maske und legte den Kopf so zur Seite, als ob er die Ernsthaftigkeit der Frage abwägte.
„In London – das ist doch offensichtlich.", antwortete er mit einer Nonchalance. „Und was die Bücher betrifft: ich bewahre sie auf - für bessere Zeiten. Du kannst gerne darin lesen, - so viel du willst."

Hermiones Gedanken rasten. Wo hatte der Portschlüssel sie hingetrieben? Sie nahm einen großen Schluck Tee – er war köstlich und die Kekse ebenfalls, bemerkte sie, als sie schon den zweiten verspeist hatte.
Sie verarbeitete die spärlichen Informationen. Sie war vorher in London und war es auch jetzt. Denkbar war, dass sie nicht durch den Raum, wie sie ihn kannte, transportiert wurde, sondern in eine Art Paralleluniversum? Aber für diese Theorie hatte sie noch zu wenige Informationen.

„Welches Datum haben wir?", fragte sie den Mann namens V.

V legte den Kopf schief. „Ich hätte nicht gedacht, dass du so hart getroffen wurdest. Heute ist Sonntag, der 4. Mai 1997 und wir haben sechs Uhr in der Früh."

Hermione schluckte. Das Datum stimmte. Dann stellte sie die Frage, die ihr am meisten unter den Nägeln brannte: „Wie bin ich hier hingekommen?"

V öffnete den Kühlschrank, holte Brot und zwei Frischhalteboxen heraus und begann mehrere Brote zu schmieren. Dabei erzählte er fast im Plauderton, wie Hermione hierhin, in die Schattengalerie, geraten war: Er war gerade dabei, einige Dinge…. zu besorgen, als er Zeuge wurde, wie sie dem Fingermann mit ihrem Mageninhalt die Hose und Schuhe beschmutzte. Er gab zu, dass dies nicht besonders damenhaft, aber auch amüsant gewesen sei.

Dann war es – wie er sagte – hässlich geworden und er musste einschreiten. Bevor sie von weiteren Fingern gefunden und umgebracht würde, hatte er sie lieber erst mal mitgenommen und sobald es ihr einigermaßen gut ginge, wollte er sie nach Hause bringen.

Als er fertig war mit seinen Ausführungen, hatten sich etwa zehn belegte Brote auf einen Teller gestapelt. Mit dem Teller in der Hand drehte er sich zu Hermione um, die ihn nur anstarrte – sprachlos, mit offenem Mund. Das waren viel zu viele Informationen auf einmal. Was sind Fingermänner? Wer hätte sie einfach umgebracht? Die Sache war mehr als kompliziert.

„Darf ich dir auch welche anbieten?", riss seine Frage sie aus den Gedanken.
Sie war hungrig, hatte sogar alle Kekse aufgegessen...

„Sehr gerne", antwortete sie und er legte ihr großzügig drei Brote auf den Teller.
Gierig griff sie zu. Kauend überlegte sie, wie sie am einfachsten ihre Geschichte erzählen sollte, nachdem er so offen war und anscheinend auch kein Kidnapper.

V nahm ihr gegenüber Platz und schenkte sich auch Tee ein. Den Teller mit den Broten hatte er vor sich, aber er rührte nichts an. Auf irgendetwas schien er zu warten.

Hermione fing schnell an zu erzählen. Vis-avis mit dem Maskierten zu sitzen machte sie doch ein bisschen nervös.

„Das mit dem nach Hause bringen wird schwierig werden. Ich hab keine Ahnung wie ich dahin zurückkomme… die Sache ist die…."

„Hermione Granger", unterbrach sie V freundlich, aber mit einer gewissen Bestimmtheit. „Ich bin auch sehr hungrig und würde liebend gern etwas essen. Aber dafür muss ich aus bestimmten Gründen allein sein."
Etwas verlegen strich er über die Tischkante, während er weitersprach. „Wenn du von hier aus geradeaus weitergehst, kommst du in mein Wohnzimmer. Sei so freundlich und warte dort auf mich. Ich will nicht unhöflich erscheinen, aber ich brauche jetzt Privatsphäre. Alle möglichen Erklärungen kannst du mir noch später geben." Damit verschränkte er seine Finger vor der Brust.

Verdutzt schluckte Hermione den Bissen herunter, der ihr gerade fast im Halse stecken geblieben war.
„Gut.", sagte sie knapp und griff nach ihrem Teller.
‚Arroganter Kerl', ging es ihr auf dem Weg ins „Wohnzimmer" noch durch den Kopf.

In einem anderen England, welches Hermiones Zuhause war, stand ein völlig übernächtigter Harry vor Dumbledores Portrait im Zaubereiministerium. Er hatte seit Hermines verschwinden keinen Moment Ruhe gehabt. Ron, Marlowe und er hatten es leider nicht geschafft Bellatrix und Fenrir zu überwältigen. Die beiden Todesser haben den Moment der Bestürzung ausgenutzt und waren dissappariert.

Die nächsten Ereignisse erlebten Ron und Harry wie in einer Art Trance: Madeye Moody und zwei ihnen unbekannte Auroren apparierten kurz darauf. Die Bodenfliese wurde sichergestellt und in die Forschungsabteilung des Zaubereiministeriums verbracht Frederick Marlowe, Ron und Harry folgten, während Moody vor Ort zurückblieb.

Ron sagte die ganze Zeit kein Wort, bis sein Vater erschien. Die beiden gingen in Arthurs Büro. Sie hatten Harry angeboten mitzukommen, aber er beharrte darauf in der Nähe des Labors zu bleiben, wo die Bodenfliese untersucht wurde. Dort hielt er es keine fünf Minuten aus und so suchte er nach einem Portrait von Dumbledore, dem er die ganze Geschichte erzählte, obwohl er sicher war, dass der Schulleiter schon unterrichtet worden war.

„Verzweifele nicht, Harry", ließ Dumbeldores gutmütige Stimme ihn aufsehen. „Hermione ist alles andere als dumm, hat eine unbändige Willensstärke und kommt in den schwierigsten Situationen zurecht."

Harry nickte stumm. „Egal wo sie jetzt ist, mich würde es nicht wundern, wenn sie dieses Problem schneller meistert als wir es tun.", setzte Dumbledore noch aufmunternd hinzu.