Kapitel 1

Er war sauer.

Nein.

Wutentbrannt. Das war das richtige Wort.

Grüne Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen als er über den Grund seines Zorns nachdachte.

Erst hat ihn dieser Wurm, dieser kleine jämmerliche Mensch betrogen und den Pakt damit gebrochen und dann hat er auch noch einen Teil seines Kerns verloren.

Lächerlich! Ein Höllendämon von einem Menschen betrogen!

Er knurrte durch seine Zähne hindurch.

Kein. Dämon. Wird. Davon. Erfahren. Schwor er sich.

Er wäre das Gespött seiner Geschwister.

Daher hatte er sich schon nach dem Verlust des Splitters entschlossen, die nächste Zeit erst mal in seiner menschlichen Form zu bleiben. Das fehlende Stück würde ohnehin ihn nur Probleme machen, sobald er seine wahre Macht nutzt.

Sein Körper sah fast genauso aus wie der, den er vor zwei Wochen zerstört hatte um gegen die beiden Halbdämonen zu kämpfen.

Glücklicherweise sind Menschen, wie alles Leben, so dermaßen billig aufgebaut, dass er ohne Probleme die DNS seines alten Körpers kopieren konnte.

Er gab es nicht zu, aber er mochte diesen Körper.

Aber jetzt gab es erst mal andere Probleme.

Er knurrte noch mal um seiner Wut Luft zu machen und sah sich noch einmal in das spiegelnde Glas eines Schaufensters.

Es war stockfinster, aber Höllendämonen können immer klar sehen.

Da stand er, über 1.90 Meter groß mit langen silbernen Haar, grauen Rollkragenpullover, schwarzen Hosen, Stiefeln und diesen eisigen grünen Augen.

Einen Mantel hatte er noch immer nicht und er war sich auch ziemlich sicher, dass er in der nächsten Zeit auch keinen anziehen würde.

Zu frisch waren die Erinnerungen an die drei Jäger, die ihm seinen Kern heraus gebrochen haben.

Naja. Er würde sich ja erst mal nicht an ihnen rächen. Zu groß war die Gefahr, dass sie ihn dieses Mal versiegeln würden. Den Speer des Gilgamesh hatten sie ja noch.

Erst mal sollte er seinen Kern wieder zusammenfinden.

Er sah nach oben. Die Luft roch nach Regen und die schwarzen Wolken da oben verhießen eine baldige eiskalte Dusche.

Zumindest konnte er die etwaige Lage seines Kerns herausfinden.

Europa, genauer gesagt, England.

Er musste kurz grinsen. In England war er schon lange nicht mehr. Mindest seit der Jack the Ripper Morde.

Er spähte zu der heruntergekommenen Kaschemme auf der anderen Straßenseite herüber.

Er hat schon gespürt, dass sich eine große Menge an Zauberern in der Nähe seines Kerns aufhalten müssten und diese Absteige, der ‚Tropfende Kessel', roch gewaltig nach Magie.

Geld, tja, Geld war kein weiteres Problem.

Als Höllendämon der Erde und des Feuers ist es ein leichtes für ihn, Erze aus dem Boden zu holen und daraus ein paar Münzen zu machen.

Wenigstens hatten diese Zauberer kein Papiergeld, also war es wirklich einfach die Inflation ein wenig anzutreiben.

Die Tür des ‚Kessels' ging auf und ein sichtlich besoffener Mann wankte hinaus in die Nacht.

Sharra handelte sofort. Geschickt stibitzte er drei Münzen- eine Bronzene, eine Silberne und eine Goldene- und begann sofort die goldene ein paar Mal zu vervielfältigen, wobei er natürlich darauf achtete, dass die Seriennummer immer ein bisschen anders war. Fälschen ist ja gut und schön aber man muss schon vorsichtig sein.

-o-

Von innen sah der Pub fast genauso heruntergekommen aus wie von außen. Wenigstens brannte ein Feuer im Kamin und es war warm. Der zahnlose, kahle und gebeugte Wirt blickte überrascht auf als der große Mann eintrat.

„Ich sehe nur selten ein fremdes Gesicht", grüßte er den Fremden, „Was kann ich Ihnen bringen, mein Herr?"

Sharra sah sich noch mal kurz um.

„Ein Zimmer für ein paar Wochen, einen Feuerwhiskey und einen Gin", bestellte er.

Sein Codename kam ihm ein wenig stockend über die Lippen und er hatte auch sonst einige Schwierigkeiten, den kahlen Mann nicht in den Boden zu starren oder ihm mit dem bloßen Klang seiner dunklen Stimme zur Salzsäule erstarren zu lassen.

„20 Galleonen dann, der Herr."

Sharra legte die Münzen auf den Tresen und bekam dafür ein Schnapsglas, ein Whiskeyglas, eine Flasche und den Zimmerschlüssel.

Er schluckte den Gin zuerst auf Ex und den Whiskey auch. Erst dann begann er, nachzudenken. Es war etwas über zwei Wochen her seit seinem Amoklauf in Japan in dessen Verlauf er fast den gesamten Hafen von Tokio in ein Feld aus glühender Lava verwandelt hatte.

Er hatte auch schon herausgefunden, dass sein Kern irgendwo in Schottland sein musste, aber ein mächtiger Zauber verhinderte eine genaue Lokalisierung.

Er würde eine magische Karte brauchen und genauere Informationen, was sich nun um den Splitter herum befindet.

Mit dem kaputten Kern wäre es wirklich schwer, eine Halbdämonische Form zu halten und einen Bannkreis zu brechen wäre in diesem Zustand, gelinde gesagt, eher einer Apokalyptischen Zerstörung gleichzusetzen.

Und solch unnötige Zerstörung würde erstens die Jäger auf ihn aufmerksam machen und zweitens, seine eigenen Geschwister herbeirufen.

Höllendämonen sind sehr territoriale Kreaturen die nicht weniger als eine gesamte Welt als ihr eigen beanspruchen. Und Sharra war in keiner Verfassung, mit einem seiner Geschwister um die Vorherrschaft zu kämpfen.

Er schloss seine Zimmertür und blickte hinaus. Morgen würde er sich in der Winkelgasse umsehen. Er brauchte diese Karte wirklich.

Mehr so nebenbei schuf er noch ein paar mehr Münzen. Geld würde er wirklich dringend brauchen.

Inflation hin oder her.

-o-

Die Gasse war erstaunlich leer.

Gut, es drängten sich viele Menschen draußen oder in den Geschäften, aber Sharra war schon mehrmals zur Happy Hour in einem Japanischen Einkaufshaus.

Kein Vergleich.

Er sah sich nach einigen Läden um.

Ein Bekleidungsgeschäft konnte er nicht gebrauchen, aber der Bücherladen daneben sah viel versprechend aus. Und in dem Laden daneben gab es Taschen. Und er könnte gut eine Tasche gebrauchen.

Gegenüber war ein kleiner muffig aussehender Laden. ‚Ollivanders Zauberstäbe'.

Na gut. Einen Stab könnte er schon gut gebrauchen, entschloss er sich. Immerhin könnte er dann seine Macht besser bündeln.

Also dann- Tasche-Stab-Bücher, das war die Reihenfolge der er nun folgen würde.

Eine Tasche war leicht zu finden. Eine von diesen magischen Taschen, in die man praktisch alles hineinbekommen konnte. Natürlich in schwarz und etwa so groß wie eine gewöhnliche Reisetasche.

Sharra grinste ein bisschen. Hätte er so ein Ding auch in Japan gehabt, hätte er ohne Probleme seine ganze Ausrüstung hineinbekommen. Plus ein oder zwei Leichen zum Verschwinden.

Kurz darauf betrat er den kleinen engen Zauberstabladen. Der Besitzer, ein alter Zauberer großen silbernen Augen kam auf ihn zu.

„Was kann ich für Sie tun, mein Herr?" fragte er mit einer sanften Stimme.

„Ich brauche einen neuen Zauberstab", sagte Sharra, „Mein alter ist… aufgrund unglücklicher Zufälle abhanden gekommen."

Herr Ollivander blickte ihn aufmerksam an. Mehrere Maßbänder kamen angeschwebt um die genauen Maße des Höllendämons zu nehmen.

Sharra betrachtete das Vorgehen sehr interessiert.

Der alte Zauberer verschwand und kehrte kurze Zeit später wieder mit drei länglichen Schachteln.

„Einer dieser drei müsste Ihnen passen", sagte er, „Wenn nicht muss es eine Spezialanfertigung werden."

Sharra nahm den ersten Stab. Ein dunkelblauer. Das große Schaufenster explodierte in einem Schauer aus Glasscherben. Passanten sprangen entsetzt davon.

Ollivander riss ihm den Stab sofort aus der Hand, murmelte dabei „Mhm. Der ist es nicht. Naja. Kann man ja später wieder reparieren."

Er gab seinem Kunden den nächsten Stab. Er war etwas kürzer als der blaue und weiß.

Die Tür wurde aus den Angeln gerissen und zerbarst an der gegenüberliegenden Häuserwand.

Ollivander hob seine Augenbrauen als er seinem Kunden den Stab wiederum aus den Händen riss.

„Noch so ein Ding und wir werden wirklich eine Maßanfertigung machen müssen.", murmelte er.

Der dritte Stab war schwarz mit rotem Glanz und etwa solang wie der Unterarm von Chianti, dachte Sharra.

Kaum jedoch, als er ihn berührte, stoben Flammen, Asche und Rauch aus der Spitze und Schatten tobten um die Beine des Silberhaarigen großen Mannes.

Ollivander sah sehr überrascht drein. „Wissen Sie", sagte er nach einer kurzen Pause, „Mit Ihnen würde ich mich nicht anlegen wollen. Dieser Stab ist aus Vulkanasche des Vesuvs gefertigt. Asche, die auf Pompeji nieder regnete als es unterging. Sein Kern ist aus der Feder eines Imduguds, ein Vogel der in der Mesopotamischen Mythologie der Bote des Unfriedens ist- sehr selten und sehr gefährliches Tierchen. Der Stab selbst wurde in der Lava eines Vulkanausbruchs gehärtet, bei dem mehrere Muggel starben."

„Wie viel kostet der?", fragte Sharra kurz angebunden.

„50 Galleonen. Die Bestandteile sind einzigartig."

Sharra bezahlte den Preis und legte auch noch etwas obendrauf, damit er noch ein Unterarmholster dazu bekam.

Dann ging er doch noch in das Bekleidungsgeschäft.

Eine Jacke wäre nicht schlecht, es brauchte ja nicht jeder den neuen Zauberstab sehen.

-o-

Die Neugekaufte schwarze Jeansjacke erfüllte ihren Zweck und der graue Schal hielt angenehm warm. Auch wenn es noch gar nicht so kalt war.

Sein nächstes Ziel war der Bücherladen.

Zwischen alten verstaubten Manuskripten und neuen Büchern fand er was er brauchte:

Eine magische Karte die ihm jeden Ort innerhalb Englands anzeigte und dabei sogar bis auf Bodennähe an das gewünschte heranzoomen konnte.

Allerdings kostete die auch ihre 70 Galleonen.

Mit einem kleinen Triumphgefühl begab sich Sharra zurück zum ‚Tropfenden Kessel'.