Yu Yu Hakusho Teil 1: Kein Lebenszeichen

Eine Fanfiction Neufassung des Animes/Mangas von Yoshihiro Togashi durch Mayushii

Übersetzung von Mondtanz


Copyright: Yu Yu Hakusho gehört Yoshihiro Togashi, Shonen Jump und Shueisha. Diese Geschichte gehört zum Saisei-Projekt von Mayushii. Diese Übersetzung ist mit ihrer Erlaubnis entstanden und wird auch auf ihrer Internetseite yyh-saisei. com veröffentlicht. Weder Mayushii noch meine Wenigkeit verdienen Geld mit diesen Geschichten, sie dienen allein der Unterhaltung.


Prolog

Eure Welt ist in Gefahr.

Und ganz tief im Innern, in eurem Unterbewusstsein, wisst ihr es vielleicht.

Wie oft habt ihr Hinweise darauf in den Nachrichten gesehen? Jemand wird vermisst, und zuerst ist es eine große Geschichte, aber dann verschwindet es leise in den Hintergrund, wenn es keine neuen Hinweise gibt. Spurlos verschwunden. Oder wie ist es mit den Morden, grauenhafte Taten, bei denen es irgendwie nie einen Schuldigen gibt? Oder schlimmer, wenn es einen Schuldigen gibt: jemand, der anscheinend wahnsinnig wurde, Stimmen hörte, Dinge sah? Was ist mit diesen "unglaublichen" Geschichten, die manchmal aufkommen – die, egal wie sehr ihr versucht euch zu sagen, dass es nur Zeitungsenten sind, euch dennoch nervös machen?

Und was ist mit den Sachen, über die ihr nie etwas in den Nachrichten erfahrt? Wusstet ihr zum Beispiel, dass euer Planet in dieser Woche am Rand der totalen Zerstörung stand? Und wusstet ihr, dass durch irgend eine Form göttlichen Eingreifens euer Planet gerettet wurde? Ihr habt es wahrscheinlich nicht in den Nachrichten gesehen, aber tief in eurem Inneren habt ihr es vielleicht gefühlt.

Es gibt Dinge, die normale Menschen nicht sehen, nicht hören und nicht einmal ansatzweise verstehen können. Aber manchmal, wenn ihr tief genug in euch hinein hört, könnt ihr es fühlen.

Fühlt ihr es?


Herzlichen Glückwunsch! Du bist verstorben!

Die Morgensonne tauchte Tokio in ein gelb-oranges Glühen und wärmte die winterliche Stadt etwas auf. Vögel zwitscherten leise aus den vereinzelten Bäumen, riefen einander um festzustellen, ob Freunde es durch die kalte Nacht geschafft hatten, während streunende Hunde und Katzen aus den Mülleimern und Pappkartons krochen, die sie ihr Zuhause nannten. In der ganzen Stadt konnte man Kinder auf dem Weg zu ihrer jeweiligen Schule sehen: Mädchen und Jungen, die in den reicheren Stadtteilen Röcke mit Schottenmuster, Hosen und Blazer und in den ärmeren Stadtteilen ältere Matrosenuniformen trugen. In einem bestimmten Bezirk der Mittelklasse machten sich Schüler in mittelblauen Matrosen-Fuku und dunkelblauem Gakuran auf den Weg zur Sarayashiki Public High School.

Sonnenlicht schlich durch ein Paar orangefarbene Vorhänge, ein wärmender Strahl fiel über einen Fernsehbildschirm.

"Ugh. Jeden Morgen…" Atsuko Urameshi griff hoch um die Vorhänge zu schließen und das nervtötende Licht aus ihrer Wohnung auszusperren. Sie nahm die Fernbedienung und drückte auf den kleinen roten Knopf, nur um die Stirn zu runzeln und das Ding zu schütteln. Keine Reaktion. "Tch, typisch." Sie warf die Fernbedienung beiseite, ging zwei Meter nach vorne, strich eine Staubschicht vom Bildschirm und drückte auf den Knopf im vorderen Bedienfeld.

"—bis jetzt noch keine Verdächtigen, aber das Zielgebiet scheint Kasanegafuchi und Sarayashiki zu umfassen—"

Atsuko ging zu ihrem Futon in der Mitte des Wohnzimmers zurück, legte sich auf die Seite und hielt ihren Kopf auf eine Hand gestützt, während sie mit leerem Blick auf die Morgennachrichten starrte.

"—diese Serie von Entführungen und wir hoffen, dass jeder, der seine Kinder mit in die Öffentlichkeit nimmt, sie besonders fest im Auge behalten wird," sagte der Reporter, der seinen Livebericht beendete, gerade als ein Fußball vom Spielplatz hinter ihm geflogen kam und ihn hart am Kopf traf. Das Bild schnitt schnell ins Studio zurück, wo eine attraktive Nachrichtensprecherin ihr Lachen hinter einer erhobenen Hand verbarg. "Z-Zurück zu Ihnen, Miss Natsuya! Auuu…"

"Danke! Wir kommen nun zum Wetterbericht! Es sieht nach einem erneuten Tag mit grauem, wolkigem Himmel aus, aber lassen Sie sich dadurch nicht die Laune verderben. Heute ist ein großartiger Tag, um liegengebliebene Dinge im Haus zu erledigen…"

Einige polternde Geräusche hinter ihr ließen Atsuko langsam blinzeln.

"Bist du schon auf?" fragte sie, ohne die Augen vom Fernseher zu wenden.

In der Küche drehte sich ein männlicher Teenager, der sich eine Scheibe Brot zwischen die Zähne geklemmt hatte, um und ignorierte seine Mutter. Der Held dieser Geschichte? Na klar. Yusuke Urameshi hatte vielleicht das jugendlich-gute Aussehen, das man von einem Helden erwarten würde, mit seidigem schwarzen Haar und dazu noch einem Paar großer bernsteinfarbener Augen, aber im Augenblick gab er sein absolut bestes, um jeden Anschein von Nettigkeit auszulöschen. Sein Haar war im Gangster-Stil zurück gegelt, seine Lippen zu einer mürrischen Mine verzogen und seine großen hübschen Augen waren so uninteressiert, dass man meinen könnte, er hätte die Langeweile direkt von Atsuko geerbt. Er trug die dunkelblaue Uniform der Sarayashiki High mit leicht ausgebeulten Hosen, während die Jacke kürzer und enger als eigentlich erlaubt geschnitten war.

Yusuke schloss die Augen und rümpfte unverfroren die Nase. Er gab vor die Frage nicht gehört zu haben, holte einen billigen Kunststoffbecher aus dem Schrank, füllte ihn mit dem Kaffee von gestern, schob ihn in die offene Mikrowelle und stellte die Zeit auf dreißig Sekunden.

"Hey, Yusuke," grummelte Atsuko warnend, als die Mikrowelle zu brummen begann.

Yusuke nahm endlich das Stück Brot aus dem Mund um zu kauen, nur um sofort das Gesicht zu verziehen. Das Brot war älter als er gedacht hatte; es begann wie Dreck zu schmecken. Na ja, ein bisschen Schimmel würde ihn schon nicht umbringen.

"Mmph… Was denkst du, warum ich auf bin?" fragte Yusuke. Er schluckte. "Es ist Dienstag."

"Na und?" hakte Atsuko nach.

"Gee, Mom, lass mich nachdenken. Wohin würde ein Junge im schulpflichtigen Alter an einem Dienstagmorgen wohl gehen…"

"Oh bitte. Denkst du ich bin von Gestern?" Atsuko zündete sich eine Zigarette an, nahm einen Zug und wedelte dann wegwerfend mit der Hand, Rauch in der Luft verteilend. "Dein Lehrer, Takenaka, hat mich gestern Abend angerufen. Er sagt, dass du seit drei Tagen nicht mehr in der Schule warst. Wenn du in der Schule schlecht bist, kriegst du keinen guten Job und wirst du nie was aus dir machen. Du wirst verschwendete Luft, genau wie dein Daddy es war." Ohne sich Yusukes finsterer werdender Mine bewusst zu sein, blies Atsuko etwas Rauch über ihren Kopf. "Also wo gehst du wirklich hin? Zu irgend einem Gangtreffen? Drogen? Diebesgut? Hmph. Es würde mich nicht überraschen, wenn du hinter all diesen Entführungen steckst…"

Yusuke machte sich nicht die Mühe, auf irgend eine ihrer Anschuldigungen zu antworten. Er zog sich einfach seine Schuhe an und nahm seine Schultasche auf, die neben der Tür stand.

"Kaffee in der Mikrowelle ist für dich," sagte er. "Tschö."

Ein kleines Leuchten kehrte in Atsukos Augen zurück, als sie sich endlich umdrehte um ihren Sohn anzusehen. Aber alles was sie sah war die Tür, die hinter ihm zu fiel.


Atsuko wäre möglicherweise überrascht gewesen zu hören, dass ihr häufig schulschwänzender Sohn tatsächlich zur Schule gegangen war. Aus irgendeinem Grund – möglicherweise beim Ansehen von nächtlichen Dauerwerbesendungen in denen Verlierer nutzlosen Scheiß verkauften, weil sie nicht die Qualifikation für eine richtige Arbeit hatten – hatte es sich Yusuke in den Kopf gesetzt, sich mehr anzustrengen. Also hatte er letzte Nacht seine Uniform gewaschen, war heute früh aufgestanden, hatte gebadet und sich zurechtgemacht mit allem was dazugehörte. Heute, hatte er entschieden, war der Tag an dem er sich anstrengen würde.

Dieser Plan erlebte die erste ernstzunehmende Panne, als er auf die Tore der Sarayashiki High zuging. Mädchen duckten sich als sie ihn sahen und in der Nähe befindliche Jungen gingen schnell in Richtung der Tore in der Hoffnung, in ihren Klassenräumen Schutz zu finden. "Das ist Urameshi!" "Nicht der schon wieder!" "Was macht der hier?" "Ist der nicht schon der Schule verwiesen worden?" Yusuke gab vor die Kommentare nicht zu hören, behielt eine Hand in der Hosentasche, die Augen geschlossen und die Nase in die Luft gestreckt, bis er die Mitte des Pausenhofs erreichte. Dann öffnete er schlagartig die Augen und ließ seinen Blick über die ungefähr hundert Jugendlichen wandern, die ihn anstarrten.

"Hi," sagte er.

Schüler quietschten vor Schreck und ein paar rannten sogar auf die Eingangstüren zu. Yusuke schnaubte, nicht amüsiert.

"Jemine. Hat eure Mutter euch nicht beigebracht 'Hallo' zu sagen, wenn jemand 'Hi' sagt?"

Einer der beliebteren Jungen, der durch die Gegenwart seines Gefolges ein falsches Gefühl der Sicherheit bekam, trat vor. Trotz seiner angstverzerrten Miene und den Tropfen von Angstschweiß auf seinem Gesicht deutete er mit einem aggressiven Finger auf Yusuke.

" W-Wir wollen keine Unruhestifter auf unserer Schule!" fing der Junge an. "Warum drehst du dich nicht um und gehst dahin wo du hergekommen bist?"

Seine Anhänger nickten alle zustimmend. Yusuke bedachte den Jungen mit einem Blick, der ihn augenblicklich blau anlaufen ließ.

"Möchtest du das wiederholen?" fragte Yusuke.

"T-Tu mir nicht weh!" heulte der Junge und versteckte sich hinter der Gruppe seiner Freunde.

Yusuke schnaubte abfällig. "Das nenn' ich mal Luftverschwendung. Warum legst du dir nicht mal ein Rückgrat zu? Ich schwöre, an dieser Schule gibt's nur zwei Kids, die mir in die Augen sehen können…"

Und damit ging Yusuke auf die Schule zu, während sich gleichzeitig das Meer der Schüler teilte und einen beinahe sieben Meter breiten freien Weg bildete. Niemand wagte sich näher an ihn heran.


In Yusukes Vorbereitungsraum wühlte ein Lehrer in seiner untersten Schreibtischschublade nach ein paar zusätzlichen Markern. Der beleibte dunkelblonde Mann in einem vernünftigen beigefarbenen Anzug war Hideyoshi Takenaka, ein langjähriges Mitglied des Lehrerkollegiums an der Sarayashiki. Mit jahrelanger Erfahrung hatte er sich doch die Fairness und Hingabe erhalten, die ihn zuerst dazu getrieben hatten, Lehrer zu werden. Dadurch war Takenaka zu dem einzigen Erwachsenen geworden, der irgendeine Art von Respekt in den raueren Schülern erwecken konnte. Das bedeutete, dass alle Rowdys in seine Vorbereitungsklasse gesteckt wurden, da er der einzige war, der im Endeffekt mit ihnen zurechtkam.

"Yo, Alter."

Takenaka blinzelte und sah auf. Wenn man von Rowdys spricht…

"Yusuke, du bist gekommen!" Sein überraschter und beinahe erfreuter Gesichtsausdruck verwandelte sich in etwas ein wenig Strengeres, als er sich auf seinen Stuhl aufrichtete. "Hey. Falls ich nicht ab jetzt die Erlaubnis habe, dich im Unterricht Yu-Yu-Cakes zu nennen, solltest du mich immer noch mit Mr. Takenaka anreden."

"Yeah, yeah, Takenaka," sagte Yusuke vage, während er auf seinen Schreibtisch zuging (und gleichzeitig seine versteinerten Klassenkameraden ignorierte). Er ließ seine Tasche auf seinen Schreibtisch fallen und plumpste auf seinen Stuhl. Bereits jetzt wirkte er vollkommen gelangweilt.

Nun, es ist besser als Alter, dachte Takenaka, und versuchte die positive Seite zu sehen. Noch nicht da wo er sein sollte, aber er macht Fortschritte. Ich werde schon noch etwas aus ihm machen. Takenaka hob einen Stift über das Anwesenheitsbuch und kennzeichnete Yusuke das erste Mal seit der letzten Woche als anwesend.


Ein paar Stunden später klangen die nachgemachten Glocken von Big Ben durch die Flure und die Schüler holten lachend und schwatzend ihr mitgebrachtes Mittagessen heraus. Yusukes Schreibtisch war bemerkenswert leer; Sobald er die Glocke gehört hatte, war er gegangen um für sich allein zu sein.

Die Tür des Klassenraums glitt zur Seite und jemand in Uwabaki-Schuhen mit blauer Kappe und sauberen weißen Socken kam heraus. Ein paar im Flur herumhängende Jugendliche blickten herüber, schüttelten den Kopf und deuteten nach oben. Das Mädchen ging auf dem Weg zur Treppe an zwei ihrer Freundinnen vorbei. Akemi, das größere Mädchen mit blonden Rattenschwänzchen, sah aus als wolle sie ihre Freundin aufhalten, aber sie hatte nicht den Mut um mehr zu tun als ihre Hand halb in ihre Richtung zu heben. Natsuko, das kleinere Mädchen mit dunklen Haaren und Brille, sah aus als ob sie etwas sagen wollte, aber alles was sie tun konnte, war zu Boden zu blicken und nervös die Finger zu verschränken. Keine von ihnen war tapfer genug das auszusprechen, was sie dachten.


Auf dem Dach ging Yusuke zu einer Mauer, drehte sich um und lehnte sich mit dem Rücken dagegen.

"Verdammt," flüsterte er, während er an der Wand hinter ihm herunter glitt. "Was für eine Zeitverschwendung…"

Ein lautes Quietschen erklang, als jemand die Klinke der Tür zur Dachterrasse herunterdrückte. Yusuke blinzelte, seine Augen weiteten sich und begannen zu leuchten, als er sich umdrehte um zu sehen, wer zu Besuch kam.

Keiko Yukimura, Klassensprecherin des zweiten Jahrgangs, starrte zurück. Jeder Zoll an ihr, von den Zehenspitzen bis zum Scheitel und alles dazwischen wies sie als Tugendbold aus. Ihre Schuhe waren ohne Flecken, ihre Socken sorgfältig zum korrekten Weißton gebleicht. Sie trug die gebräuchliche Matrosenuniform. Der Faltenrock fiel gerade bis zu ihren Knien und das gelbe Halstuch war unter den Kragen gesteckt und sauber vorne verknotet. Das schlimmste waren ihre Haare: nettes, glänzendes, glattes braunes Haar das ihr über die Schultern reichte und das Yusuke vielleicht hübsch gefunden hätte, wenn es nicht mit zwei Haargummis mit kirschroten Kügelchen in zwei lose Rattenschwänze gebunden worden wäre (ein weltweit von Vorschulkindern vorgetragenes Fashion Statement).

"Keiko," begrüßte Yusuke sie. "Was geht?"

"Sag du's mir," antwortete Keiko, die mehr als ein bisschen angefressen wirkte. "Das ist das erste Mal seit drei Tagen, dass ich dich in der Schule gesehen habe, und sobald die Glocke läutet rennst du raus ohne Hallo zu sagen? Wann haben wir aufgehört, Freunde zu sein?"

"Dachte mir ich sollte von da verschwinden, bevor noch wer anders darauf herumreitet, dass ich die natürliche Ordnung oder ähnliches durcheinander bringe." Er verschränkte gelangweilt die Arme hinter dem Kopf. "Haben sie jetzt eine Art Bann über mich verhängt?"

"Das könnte man denke, so wie du die Schule in der letzten Zeit meidest! Jesses. Ich kann kaum glauben, dass du es in die High School geschafft hast. Du hättest die Aufnahmeprüfungen nicht bestehen können, wenn du wirklich so faul bist. Also? Was ist in dich gefahren?"

Yusuke rollte mit den Augen und sah zufälligerweise von ihr weg. Er konnte ihr einfach nicht sagen dass er nur so fleißig gelernt hatte, damit sie gemeinsam auf die High School gehen konnten… Wie erbarmungswürdig klänge das denn?

"Oh, lass mich in Ruhe Keiko," sagte er stattdessen. "Was spielt das schon für eine Rolle?"

"Was spielt das schon für eine Rolle?" fragte Keiko, deren Stimme vor Ärger und Unglauben lauter wurde. "Ist dir klar, dass das Schuljahr erst ein paar Wochen alt ist und du schon zehn Tage geschwänzt hast?" Sie verschränkte streng die Arme. "Du wirst den Abschluss nicht schaffen, wenn du so weitermachst! Warum strengst du dich so an, an der High School aufgenommen zu werden, wenn du auf halber Strecke aufgibst? Für solche Leute gibt es keine Zukunft! Als ob das nicht schlimm genug wäre, ziehst du den Anwesenheitsschnitt unserer Klasse fürchterlich in den Keller, was mich als Klassensprecherin in Schwierigkeiten bringt. Warum denkst du zur Abwechslung mal an jemanden anderen außer dir selber?" Und nun entfalteten sich Keikos Arme, eine Hand fiel auf ihre Hüfte und mit der anderen wackelte sie mit einem Finger wie eine richtige Mutter, die ein unartiges Kind scheltet. "Ich weiß, dass du nicht so schlimm bist wie alle behaupten, aber manchmal frage ich mich wirklich, ob du dich überhaupt verändert hast. Hörst du mir überhaupt—eh?"

Keiko blinzelte als sie endlich feststellte, dass sie mit einer Wand sprach. Dann fühlte sie eine kühle Brise auf der Rückseite ihrer Beine.

"Ich wusste es! Dein Höschen ist verdreht!" bemerkte Yusuke, der eine Hand voller blauem Faltenrock hatte. Seine Augen formten perverse Halbmonde, als er mit gierig zuckenden Fingern nach den spitzenverzierten pinkfarbenen Höschen griff. "Lass mich dir einfach dabei helfen…"

KLATSCH.

Yusuke fiel krachend zu Boden, ein Bogen aus Blut zog von seiner Nase aus hinter ihm her.

"Hah! Hast 'nen ganz schönen Schlag am Leib!" kommentierte Yusuke breit grinsend, als er sich die gerötete Wange rieb. Er richtete funkelnde Augen hoch zu Keiko und das Grinsen verschwand. Keiko starrte ihn böse an, ihre Hand war immer noch von dem Rückhandschlag zur Seite ausgestreckt. Zitternd, während ihr Gesicht vor Erniedrigung rot wurde und sich ihr Gesicht zu einem zornigen Lächeln verzog, ließ sie die Hand an ihre Seite fallen. Sie ballte die Fäuste und schloss die Augen, während sie um Selbstbeherrschung kämpfte.

"Ich habe versucht nett zu sein," sagte sie leise mit leicht zitternder Stimme. "Weil wir schon so lange Freunde sind dachte ich, spreche ich im Zweifel für dich… versuche, dich wieder in Schwung zu bekommen."

Ihre Augen öffneten sich schlagartig und sie starrte wütend auf Yusuke herunter, der sie plötzlich verwirrt und überrascht ansah.

"Aber du," ihre Stimme wurde mit jeden Wort lauter, "bist ein schamloses, wertloses Stück DRECK, YUSUKE URAMESHI! WARUM WIRST DU NICHT ENDLICH ERWACHSEN?"

Yusuke starrte einen weiteren Augenblick mit weit geöffneten Augen zu ihr hoch. Dann verschloss sich sein Gesichtsausdruck. Er fluchte leise, während er zur Seite blickte. Endlich kam er auf die Füße und ging Richtung Tür. Schatten fielen über seine Augen.

"Es war nur ein Witz," sagte Yusuke dumpf.

"Nun, er ist nicht lustig."

Yusuke hielt in der offenen Tür inne.

"Yeah. Ich fang' an das zu begreifen."

Er ging durch die Tür und schloss sie hinter sich. Keiko schlang die Arme um sich, wie um sich selbst zu umarmen. Sie starrte auf den Boden vor ihr, das Gesicht immer noch rot vor Schande und ihre Augen begannen zu glitzern. Sie wusste nicht, warum sie sich so schlecht dabei fühlte, dass sie ihm die Leviten gelesen hatte. Klar, Yusuke hatte nur einen Witz gemacht – den selben lahmen Witz, den er seit der zweiten Grundschulklasse machte – aber das entschuldigte nicht, was er getan hatte. Wenn man einmal ein bestimmtes Alter erreichte, hörten solche Dinge auf ein Streich zu sein und wurden zu einem ernsthaften Vergehen, sogar kriminell. Wenn ein Fremder so etwas getan hätte, hätte Keiko den Widerling ohne Zögern verhaften lassen. Ehrlich, Yusuke war glimpflich davongekommen…

Dumm, dachte sie. Ob sie nun sich oder Yusuke meinte, war nur zu raten.


Yusuke eilte den Flur entlang in der Absicht, so schnell wie er konnte von diesem Ort weg zu kommen, als er gegen etwas stieß, das aus einem Klassenraum kam. Er war kurz davon überrascht, dass er derjenige war, der ins Stolpern geriet. Normalerweise war es der andere, der auf dem Boden landete, wenn er in jemanden hereinlief. Dennoch…

"Jesses, pass auf, wo du hinläufst!" schnappte Yusuke.

"Urameshi… Du bist zurück. Und ich dachte schon, dass meine Gebete erhört worden wären," sagte eine leise Stimme hinter ihm. Yusukes Miene verfinsterte sich, als er über seine Schulter blickte. Da war er, das größte Arschloch von einem Lehrer an dieser Schule. Trotz der an den Augenbrauen anliegenden Brille, die Mr. Iwamoto normalerweise als Memme ausweisen würden, hatte er einen großen und muskulösen Körper unter seinem hässlichen grünen Anzug. Seine Haut war hellbraun und seine Nase hatte an der Stelle, an der sie in der Vergangenheit einmal gebrochen gewesen war, einen Höcker. Niemand wusste, wie Iwamotos Nase in diese Form gekommen war. Eine beliebte Theorie war, dass er als Kind einmal vom Schultyrannen verprügelt worden war, und er deswegen so hart mit den Problemschülern umging. Eine andere, genauso beliebte Theorie war, dass seine Mutter so von ihm angewidert gewesen war, dass sie ihm ins Gesicht geschlagen hatte.

"Iwamoto," sagte Yusuke mit zurückhaltender Stimme. Er wollte wirklich nicht zugeben, dass dieser Kerl ihm Schauer über den Rücken jagte. Yusuke war sich sicher, dass er Iwamoto windelweich schlagen konnte, wenn es nötig wurde, aber Iwamoto war ein Lehrer und besaß eine andere Art von Macht. "Keine Sorge, ich wollte gerade gehen."

"So bald? Die Geschichtsstunde findet direkt nach dem Mittagessen statt," sagte Iwamoto. "Wir werden etwas über die Seuchen lernen, die von mit Flöhen befallenen Ratten übertragen werden… Ich würde es hassen, wenn du das verpasst."

Yusukes Augen verengten sich, er verstand die Beleidigung. Er hielt den Mund geschlossen und den Blick auf Iwamoto gerichtet, aber er konnte Murmeln hinter sich hören. Großartig, jetzt hatte er ein Publikum. Genau was er gebraucht hatte.

"Hören Sie," sagte Yusuke langsam, "mich kümmert nicht, ob Sie ein Lehrer sind. Ich werde nicht hier stehen bIeiben und mich beleidigen lassen."

"Nicht?" Iwamoto breitete seine Hände seitlich aus, als würde er eine Umarmung erwarten. "Warum schlägst du mich dann nicht? Schlägst dir für immer deinen Weg aus dieser Schule?" Er lächelte, die Augen vor sadistischem Vergnügen glänzend. "Es ist ja nicht so, als ob du überhaupt hier sein solltest…"

Yusuke knurrte wild, die Hände geballt, sein gesamter Körper war angespannt und zuckte. Er konnte die gewisperten Kommentare hinter sich hören. "Er wird es tun!" "Urameshi wird ihn wirklich schlagen…!" "Gut, dann werden wir ihn hier nicht mehr sehen müssen!" "Komm, mach schon…!"

Yusukes Gesicht verzog sich vor Abscheu und er wirbelte endlich herum und stolzierte davon.

"Guter Junge! Du lernst endlich, wo du hingehörst!" rief Iwamoto spöttisch, was den Jungen zum Laufen brachte. Yusuke rannte direkt an dem Klassenraum vorbei, den Takenaka gerade verlassen hatte.

"Ah – hey – Yusuke!" rief Takenaka ihm nach. Er starrte Yusukes sich entfernenden Rücken hinterher, dann drehte er sich um um festzustellen, was den Missetäter dazu gebracht hatte wegzulaufen. Als er die Menge sich verteilen und Iwamoto ruhig weggehen sah, zog er die Augenbrauen zusammen und eilte dem anderen Lehrer nach. "Mr. Iwamoto! Was ist hier passiert?"

"Hm?" Iwamoto warf einen Blick über seine Schulter, zog sie dann kurz hoch und schaute weg. "Urameshi hat Ärger gemacht. Ich habe das beendet."

Takenakas Stirnrunzeln vertiefte sich.


Verdammt, verdammt, verdammt! Ich hasse diese Schule! Ich hasse diese Stadt! Yusuke rannte, bis er auf einer Straße war, die er kaum erkannte. Er hielt auf der Fahrbahnmitte an und schrie jeden an, der es hören konnte: "VERDAMMT! Kann dieser Tag noch irgendwie beknackter werden?!"

Als Antwort auf seine Frage rannten drei Jungen in Uniformen der Sarayashiki aus ihren Verstecken und umzingelten ihn. Einer davon, ein Kerl mit rasiertem Kopf mit dem Namen Sawamura, trug ein Schild an einem Stock, auf dem Beschützt unsere Stadt! stand. Yusuke starrte sie der Reihe nach wütend an, er erkannte die kleine Gang.

"Kuwabara," sagte er kalt. "Ich warne dich nur einmal. Zieht euch zurück, oder ich schicke dieses Mal dich und deine Kumpels ins Krankenhaus."

"Oh, als ob ich das nicht schon mal gehört hätte!"

Yusuke hörte Schritte hinter sich, als der Anführer der Gang vortrat. Als großer junger Mann mit schmalem Gesicht sah Kazuma Kuwabara aus, als ob er Anfang zwanzig sein könnte. Das Einzige, das auf sein richtiges Alter hindeutete (kaum zwei Monate älter als Yusuke) war die Sarayashiki Uniform. Sein Haar war zu einem rostigen ins Blonde spielenden Rot gefärbt und zu einer altmodischen, durch eine mit Dauerwelle gestützte Tolle gestylt und um seine Stirn hatte er ein langes weißes Stirnband mit dem Schriftzug Echte Männer Lieben Ihre Stadt geschlungen.

"Was machst du in dieser Gegend, Urameshi? Du weißt doch, dass hier die Punks aus Kasane versuchen, sich einzuschleichen. Du solltest nicht hier sein, es sei denn, du willst uns dabei helfen, den Feind auszulöschen. Ohhh! Willst du meiner Gang beitreten?" Kuwabara strich sich übers Kinn, sein Gesichtsausdruck wurde gänzlich zu überheblich. "Heheheh! Jetzt ist mir alles klar! Ich weiß, ich weiß, wir sind die besten, aber es gibt ein paar ziemlich strenge Bedingungen, wenn du Teil von Kuwabaras Mannschaft sein willst!" Er hielt eine Faust leidenschaftlich in die Höhe gestreckt, als er sich vorstellte, wie jedes seiner Gebote in riesige Steinblöcke geschlagen wurde. "Als erstes musst du 50 oder mehr Punkte in jedem Test erreichen! Zweites, gemeinnützige Arbeit, mindestens eine Stunde pro Woche! Drittens, der Neue zahlt jeden Freitag das Mittagessen, bis wir ein neues Mitglied bekommen!"

Einer der Jungs, Kirishima (der bei Weitem zu reich und gutaussehend war, um zu einer richtigen Gang zu gehören), hielt eine Fahrradhupe hoch und drückte sie begeistert. Dem kurzen dicklichen Junge zu Yusukes Rechten, Okubo, liefen Tränen über das Gesicht. Yusuke konnte praktisch einen Pfeil sehen, der auf ihn deutete: der Neue seit 23 Wochen - Tendenz steigend.

Alles in Allem waren sie eine lächerliche Gruppe. Und im Angesicht solcher Absurdität konnte Yusuke fühlen, wie sich sein Ärger verflüchtigte. Er lächelte nicht, aber er schrie auch nicht mehr.

"Das klingt nach den Bedingungen für einen gemeinnützigen Verein, nicht für eine Gang," fing Yusuke an, halb um das Offensichtliche auszusprechen und halb in der Hoffnung, ein paar begeistertere Schimpftiraden auszulösen. "Warum sollte ich euch überhaupt beitreten wollen? Ihr seid bloß ein paar Pausenclowns."

"Pausenclowns!" schrie Kuwabara vor Empörung. "Damit du es weißt, wir üben eine wichtige Funktion in dieser Gemeinschaft aus! Wir machen die Straßen von Sarayashiki sicher für alle und - und -" Kuwabara schmollte den Tränen nahe, als er Yusuke leise kichern hörte. "Worüber lachst du?!"

Yusuke lachte jetzt laut und wischte sich Lachtränen aus den Augen. "Wow… Das muss ich euch lassen, dadurch fühle ich mich besser. Schön zu wissen, dass es noch größere Verlierer als mich in dieser Gegend gibt."

"Hey, wen nennst du Verlierer?" fragte Sawamura.

"Oh, sorry, nicht euch." Yusuke wedelte wegwerfend mit der Hand und deutete dann auf Kuwabara. "Nur ihn."

Kuwabara starrte ihn einen Augenblick mit heftig zuckenden Händen an.

"Du - du -" Kuwabara rannte vorwärts, die Fäuste gehoben. "HALT DIE KLAPPE!"

Yusukes Augen leuchteten als der größere Missetäter auf ihn zu gerannt kam. Endlich. Er machte einen kleinen Schritt zur Seite, wich dem ursprünglichen Angriff aus und schlug zu. Die Kraft hinter Yusukes Faust zusammen mit der Gewalt von Kuwabaras Ansturm quetschten das Zwerchfell des armen Kerls. Yusuke machte einen Ausfallschritt, drehte sich um, so dass er hinter Kuwabara war und stieß seinen Handballen fest in Kuwabaras Rücken, genau unterhalb des Schulterblatts. Die anderen Jungen ließen ein mitfühlendes Stöhnen hören. Mehr lautes, unangenehmes Klatschen und Krachen folgte, jedes begleitet von einem Zusammenzucken von Kuwabaras Gang.

"Mann, das ist brutal," sagte Kirishima, während er mit einem zugekniffenen Auge zusah.

"Denkst du nicht, dass wir ihm helfen sollten?" fragte Okubo Sawamura.

"Das können wir nicht machen. Wenn es ein persönlicher Kampf ist, lässt Kuwabara sich keinen anderen einmischen. 'Einer gegen einen, so gehen echte Männer ihre Probleme an,'" erklärte Sawamura. "Es ist Teil seines Codex. Brich diese Regel und er wird es dir nie verzeihen."

"Oh." Ein Schweißtropfen lief an der Seite von Okubos Gesicht herunter. "Okay…"

Yusuke zog seine Faust zu einem letzten Schlag zurück und versenkte sie in Kuwabaras Magengrube. Dieser letzte Schlag traf so hart, dass Kuwabara von den Füßen gehoben wurde und nach hinten flog. Als er sah, dass Kuwabaras schmerzerfüllter Gesichtsausdruck zu Bewusstlosigkeit erschlaffte, verschob sich etwas in Yusuke. Wo zuvor seine Augen den hellen, lebendigen Glanz eines Jungen leuchteten, der sich mit seinem besten Freund amüsierte, wurden Yusukes Augen stumpf von der Erkenntnis, dass er gerade einen Typen, den er noch nicht einmal richtig kannte, beleidigt, provoziert und ernsthaft verletzt hatte. Die Luft hörte auf durch Yusukes Lungen zu strömen, als er Kuwabara wie in Zeitlupe fallen sah.

Was... zur Hölle tue ich? dachte Yusuke, bei dem ein kalter Schauer durch die instinktive Distanziertheit zu kriechen begann.

Der Körper traf auf, hüpfte ein kleines bisschen und kam endlich auf dem Boden zur Ruhe.

"Kuwabara!"

Kirishima, Okubo und Sawamura rannten zu ihrem Anführer und hockten sich um ihn herum. Schnelle Schritte waren zu hören und Sawamura starrte, als Yusuke floh.

"Tch. Jetzt rennt er weg?" fragte er und runzelte missbilligend die Stirn.

"Kuwabara, hey!" Kirishima schlug seinem Anführer leicht auf die Wangen bis Kuwabara die Augen einen Spalt öffnete. "Da bist du. Komm, komm, wie viele Finger siehst du?"

"Mir geht's gut," sagte Kuwabara und schob Kirishimas Hand fort (weil er sich weigerte zuzugeben, dass er sechs anstatt nur zwei Finger sah).

"Kuwabara, vielleicht solltest du aufhören, Urameshi zu Nahe zu kommen," schlug Okubo vor.

"Nein!" Die drei Jungen zuckten zurück, überrascht wie nachdrücklich ihr Anführer sprach und wie plötzlich er sich aufsetzte. Kuwabara ballte seine Faust, seine Augen glänzten vor Entschlossenheit. "Ich werde nicht aufgeben. Egal wie lange es dauert, eines Tages, das schwöre ich…"

Aber Kuwabara sprach nicht weiter. Es war nicht klar warum; vielleicht wusste er nicht genau, was er in diesen Begegnungen mit Yusuke Urameshi zu erreichen hoffte, oder vielleicht wusste er es doch und konnte sich nur nicht dazu bringen, es laut auszusprechen. So wie Kuwabara gestrickt war, war er wahrscheinlich davon überzeugt, dass seine Bestrebungen zum Scheitern verurteilt waren, wenn er über die ganze Sache sprach.


Im Sarayashiki Park rollten bedrohliche graue Wolken über einen gemütlichen kleinen Spielplatz.

Yusuke beobachtete das friedliche Bild vor ihm vom Gras aus, den Rücken im Sitzen an einen blattlosen Baum gelehnt, dessen Umfang kaum groß genug war um seinen gesamten Rücken zu stützen. Er starrte beinahe katatonisch auf den Spielplatz, wo Kleinkinder glücklich mit ihren Freunden oder den Erwachsenen die auf sie aufpassten spielten.

Muss schön sein, dachte Yusuke. Er erinnerte sich nur an ein Mal, zu dem er als kleiner Junge in den Park gegangen war. Jedes Kind mit dem er gespielt hatte, war nach spätestens einer Stunde abgeholt worden und er hatte jedem, der mit seinen Eltern weg ging nachgesehen, bevor er sich nach seiner eigenen Mutter umgesehen hatte. Natürlich war sie bereits vor Stunden weggegangen und würde auch nicht wiederkommen, bis der Spielplatz bei Sonnenuntergang schloss. Er erinnerte sich daran, wie seine Freude über die Möglichkeit zu Spielen nach und nach verblasst war und sich, je länger er wartete, in Sorge verwandelte. Am Ende des Tages hatte ein kleines Mädchen mit Rattenschwänzen, mit dem er sich angefreundet hatte, mit seiner Mutter gesprochen und sie hatten beide gemeinsam mit ihm auf der Bank gesessen, bis Atsuko endlich aufgetaucht war…

Yusuke blinzelte stumpfsinnig. War das eine wirkliche Erinnerung? Konnte er sich wirklich an so lange vergangene Dinge erinnern, oder war es nur etwas, das er sich ausgedacht hatte? Er wusste es nicht. Es fühlte sich eher wie ein Traum als wie Realität an.

Nach einer Stunde sah Yusuke, wie eine hübsche, aber müde aussehende junge Frau in einem grauen Geschäftsanzug aus Tweed ein Mobiltelefon aus ihrer Tasche zog.

"Ja? Oh, Mr. Manager -" Die Frau drehte sich vom Spielplatz weg und bedeckte mit einer Hand ihr Ohr, damit sie ihren Chef besser hören konnte. "Heute Abend? Ja, das kann ich machen… Ja…"

Yusuke beobachtete mit glanzlosen Augen, wie ein ausgemergeltes Pärchen mit eingefallenen Augen, die zusammen auf einer Bank gesessen hatten, auf den Spielplatz gingen. Sie kamen mit breitem, freundlichen Lächeln und einem Ball mit dem Gesicht einer Zeichentrickfigur darauf auf den Sohn der jungen Frau zu. Der kleine Junge schnappte begeistert nach Luft und griff nach dem Spielzeug. Das Paar, dessen Lächeln nie die knochigen Gesichter verließ, gaben dem Jungen den Ball. Dann hob der hasenzähnige Mann den kleinen Jungen hoch.

"Lass uns dir etwas Milch besorgen, eh?"

"Ilch!" lachte das Kind.

Die Mutter des Jungen, Michiru, lachte leise über einen Witz ihres Chefs.

"Ja Sir, das werde ich sicher machen! Vielen Dank! Auf Wiederhören." Sie schaltete das Telefon ab und seufzte erleichtert. Sie drehte sich mit einem Lächeln für ihren Sohn wieder zum Spielplatz um. Ihr Lächeln verblasste etwas als sie ihn nicht da sah, wo er vor ein paar Augenblicken noch gewesen war.

"Masaru?" Ihre Augen überflogen einmal, dann ein zweites Mal den Spielplatz. Da war kein vertrautes braunes Haar, kein auffälliger orangefarbener Fleck. Michirus Herz schlug bis zum Hals, während ihr Blick hektisch durch die Gegend huschte. "Masaru?! Masaru?!"


Nicht einmal einen Häuserblock entfernt, in einer schwach beleuchteten Gasse, zog das Paar hastig Masarus Overall und orangefarbenes Hemd aus und zogen ihm Jeans, ein Sweatshirt und ein Baseballkappe an.

"Na Bitte! Etwas weniger schnell erkennbares!" sagte die Frau, die immer noch einen warmen, kinderfreundlichen Tonfall verwendete. Sie lächelte immer noch, als ihr Partner die auffälligere Kleidung des Jungen zusammenknüllte und sie in einen Müllcontainer hinter sich warf. "Warum gehen wir dann jetzt nicht nach Hause?"

"Huhm?" fragte Masaru mit weit geöffneten, neugierigen Augen. "Ma-mi?"

"Mm-hmm," sagte der Mann. Etwas seiner unangenehmen Natur schlich sich in sein Lächeln. "Was immer du sagst."

Die Frau langte nach unten, um Masaru bei der Hand zu fassen, aber der kleine Junge zog seine Hand weg und schob einen Finger in den Mund um daran zu lutschen. Der Mann ergriff das Handgelenk des Kindes und zog den Finger grob aus seinem Mund. Der Junge wimmerte und versuchte sich fort zu winden.

"Komm schon," versuchte der Mann das sich wehrende Kind zu überreden. "Wir machen eine kleine Reise nach Hause -"

Ein Schatten fiel über die Gasse und das Paar ignorierte seinen weinenden Gefangenen um nachzusehen.

"Folgendes wird passieren," sagte die von hinten beleuchtete Gestalt mit leiser, grimmiger Stimme. "Ihr werdet den Knirps jetzt schleunigst in Ruhe lassen. Ihr werdet hier raus kommen. Wir alle machen eine kleine Reise," der Umriss nahm eine Hand aus der Hosentasche, um ruckartig mit dem Daumen über die Schulter zu deuten, "und ich werde euch beiden Freaks einbuchten."

"Hmm? Freaks?" Die Frau wedelte wegwerfend mit der Hand, lächelte mit gekräuselten Lippen, die Augen wie ein Wiesel zusammengekniffen. "Uns einbuchten? Was sagst du da?" Ihre Augen öffneten sich nur ein wenig und offenbarten ein finsteres Glitzern. "Du bist nicht zufällig ein Detektiv?"

"Detektiv? Nö." Yusukes bereits verengte Augen wurden zu Schlitzen. "Ich bin nur der Kerl, der euch in den Arsch treten wird."

Das Gesicht der Frau verzog sich zu einem verächtlichen Grinsen. "Du hast keine Ahnung, mit wem du es zu tun hast!"

"Na Risako, tu nichts voreiliges!" warnte der Mann, aber die Frau lief bereits mit einer ausgestreckten Hand los. "Verdammt…!"

"Ma nich!" heulte Masaru. Er kreischte protestierend als der Mann ihn unter den Achseln hochhob und ihn im Müllcontainer verstaute. "Ma nich! Ma nich!"

Yusuke hob seine Faust um die Frau zu schlagen, aber im letzten Moment wuselte sie – buchstäblich – davon. Yusuke starrte, während die Frau, die sich jetzt wie eine Art Nagetier auf Händen und Knien bewegte, zur Seite hechtete. Sie sprang an die Wand, prallte davon ab und stürzte sich auf Yusuke.

"Was zum - geh runter, du verrückte -" Yusuke schubste sie weg, aber sie sprang ihn wie ein tollwütiges Tier gleich wieder an. Er schlug und schubste sie ein paar Mal weg, bis ein Schlag sie endlich mit dem Kopf voran zu Boden streckte und sie bewusstlos schlug. Yusuke schnellte herum und richtete seine Aufmerksamkeit auf sein anderes Ziel, als seine Augen sich schlagartig weiteten. Seine Miene zuckte und sein Mund blieb offen stehen. Geschockt aufblickend sah Yusuke, wie der Mann auf ihn herunter starrte, das knochige Gesicht vor Abscheu verzerrt.

Dann drehte sich der scharfe Gegenstand, der sich in Yusukes Bauchraum gegraben hatte. Ein Luftschnappen und ein Schmerzensschrei stießen irgendwo in seiner Kehle zusammen und er schmeckte etwas salziges und metallisches. Nur durch Zähnezusammenbeißen konnte er verhindern, dass er schrie.

Der Mann zog den scharfen Gegenstand, was immer es gewesen war, zurück und kniete sich schnell hin. Yusuke sah mit schwankender Sicht, wie der Mann seine blutverschmierte Hand benutzte (wo war das Messer hingekommen?) um den Arm der Frau über seine Schulter zu ziehen. Dann rannte er weg.

Yusuke beobachtete wie sie sich entfernten und verwendete seine gesamte Kraft darauf, auf den Beinen zu bleiben. Endlich wurde ihm bewusst, dass eine andere Person schrie. Er stolperte auf den Müllcontainer zu, während er immer noch eine Hand auf seine Wunde presste, und öffnete den Deckel.


Fünf Minuten später war Michiru von anderen besorgten Eltern umringt. Tränen liefen ihr aus den Augen, während die eine Hand in ihrem Pony vergraben hatte und zeitgleich versuchte, der Polizei ihren Sohn am Telefon zu beschreiben. Einer der anderen Eltern tippte Michiru auf die Schulter und sie drehte sich in die Richtung um, in die er zeigte. Ihr stockte der Atem.

Ein junger Mann in einer schlichten High School-Uniform schlurfte langsam auf den Spielplatz zu, trug Masaru auf einem Arm und hielt seine andere Hand über seinem Bauch. Michiru starrte die beiden wie festgefroren an, kaum in der Lage, ihren Augen zu trauen. Der junge Mann hielt endlich an und setzte Masaru halb ab, halb ließ er ihn fallen, als ob er im letzten Augenblick erkannt hatte, dass er nicht mehr die Kraft besaß, ihn länger zu halten. Masaru rannte direkt auf Michiru zu, die sich hinkniete und ihn schluchzend in eine enge Umarmung zog.

Sobald Masaru sicher in ihren Armen war, sah Michiru zu dem Helden auf, der ihr Kind gerettet hatte. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Glücklicherweise wusste er genau, was er sagen wollte.

"Lady…" Yusukes Stimme klang leise und ein klein wenig kratzig. Das Blut, dass er zurückzuhalten versucht hatte, entkam schließlich, winzige rubinrote Sprenkel befleckten seine blasse Unterlippe. "Ich weiß, Sie sind nicht perfekt… aber versuchen Sie das nächste mal, den Kleinen besser im Auge zu behalten."

Seine Augen flackerten als die Welt um ihn herum zu hell wurde und die Farben verblassten. Sein Atem verließ ihn mit einem leisen Stöhnen. Und dann kippte er wie in Zeitlupe nach vorne. Michiru keuchte auf.

"Ma'am? Sind sie noch dran? Ma'am?"

Michiru begriff, dass das Telefon in ihrer Hand noch an war und hob es an ihr Ohr.

"K-Krankenwagen! Wir brauchen einen Krankenwagen…!"

Minuten später heulten Sirenen, aber als der Krankenwagen den Park erreichte, gab es nichts mehr zu tun. Der Körper auf dem Spielplatz lag still, das Blut hatte bereits aufgehört aus der Wunde zu strömen. Ein tiefroter Hof befleckte den Sand unter seiner Bauchgegend, kennzeichnete den Ort, wo ihn der tödliche Schlag getroffen hatte.

"Jesus- bringt diese Kinder hier weg!" rief einer der Sanitäter während er mit der Hand in Richtung der Eltern und ihrer Kinder gestikulierte, die entweder verständnislos starrten oder zu weinen begannen. Die Sanitäter rannten herbei, drückten zwei Finger an einen abkühlenden Hals um nach einem Puls zu tasten. Hände verschränkten sich und drückten auf seinen Brustkorb, während eine Atemmaske über sein Gesicht gestülpt wurde. Michiru drückte Masaru an sich, Tränen strömten ihr über das Gesicht, während sie den Kopf ihres Sohnes küsste und sanft hin und her wiegte.

"Es ist gut, Baby," flüsterte sie. "Es ist gut, schh. Es ist gut."

Auf dem Boden öffnete Yusuke die Augen, als die Maske gerade von seinem Gesicht genommen wurde. Er blinzelte, rollte sich auf den Bauch und drückte sich mit den Händen hoch. Im Aufstehen sah er sich wachsam um. Er war das Einzige mit kräftigen Farben in der gesamten Szene; alles andere wirkte ausgewaschen.

"Huh. Das ist mal was anderes," sagte Yusuke leise. "Warum ist alles so… grau?"

"Geisterwahrnehmung," sagte eine weibliche Stimme hinter ihm. Yusuke drehte sich um, schrie auf, und sprang mit aufgerissenen Augen zurück.

Vergiss die Grautöne – dieses Mädchen war das Bunteste, was er je gesehen hatte. Yusukes Augen sprangen von einem Ort zum anderen, nicht sicher, worauf er seinen Blick richten sollte. Den kunstvoll verzierte Kimono, ein blassrosa Furisode, der am Saum in Burgunderrot überging, bemalt mit rosa und weißen Pfingstrosen, den goldfarbenen Obi mit roter Kante; das niedliche Gesicht mit seinen lächelnden Lippen und winziger Stupsnase; das lange Haar in der Farbe blauer Zuckerwatte, das hoch am Hinterkopf zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst war; oder die großen, leuchtenden, funkelnden purpurfarbenen Augen. Endlich schaffte es Yusuke, das komplette Bild in sich aufzunehmen. Das Haar und die Ärmel des Mädchens schwebten aufwärts, getragen von etwas, das wie Wellen von gelbem Sonnenlicht aussah, das von ihrem Körper ausging.

"Was…?" fragte Yusuke,der immer noch starrte. Er wollte eigentlich Was zur Hölle bist du sagen, aber die Worte waren in seinem Geist völlig durcheinandergewürfelt. Das seltsame gelbe Licht verblasste einen Augenblick später, und Haar und Ärmel des Mädchens glitten langsam in eine normale, der Schwerkraft gehorchende Position.

"Geisterwahrnehmung," wiederholte das Mädchen hilfreich. "Darum erscheint dir alles grau. Du bist jetzt eine Wesenheit, die vollständig aus Energie besteht; du hast keine physischen Augen, mit denen du sehen kannst. Also beruhen deine Wahrnehmungen der Welt um dich herum vollständig auf Geisterenergie und deiner Fähigkeit, sie wahrzunehmen. Deine Sinne sind noch nicht abgestimmt, also werden die meisten Dinge mit geringer Energie graubraun aussehen, aber du solltest bereits jetzt Dinge mit hoher Energie unterscheiden können." Das Lächeln des Mädchens wurde breiter und ihre Augen schlossen sich auf eine Weise, die Yusuke an eine Katze erinnerte. "Kapiert?"

"Was - kapiert?"

Das Mädchen lachte, erhob sich direkt von den Füßen und schwebte zu ihm hinüber.

"Du bist nicht allzu helle, oder?" neckte sie ihn.

Yusuke bemerkte, dass er ihr direkt in die Augen sah und rutschte rückwärts.

"Jesses! Lady, schon mal was von sozialem Abstand gehört? Sie wissen schon, diese fünf Fuß große Blase rund um den menschlichen Körper?" rief er aus. Das Mädchen kicherte.

"Aber ich bin fünf Fuß von deinem Körper weg! Siehst du?" Sie deutete auf etwas hinter Yusuke. Er drehte sich um.

Sein Herz schlug ihm bis zum Hals.

"W–w–was-" Die Rettungsassistenten hoben eine Trage in den Krankenwagen und die Person darauf wirkte schrecklich vertraut. Eine Person mit glatten schwarzen Haaren und einer (wahrscheinlich blauen, aber im Moment grau wirkenden) Schuluniform mit einem dunklen Fleck auf der Vorderseite. "Was zur Hölle geht hier vor?!" brüllte Yusuke und flog zu dem Körper hinüber. Jupp, er hatte definitiv sein Gesicht.

"Ich lasse dich drüber nachdenken," sagte das Mädchen fröhlich. "Nimm dir alle Zeit, die du brauchst."

Yusuke dachte einen Augenblick nach und ging schnell alles durch, das er heute getan hatte. Wie er in ein schimmliges Brot gebissen hatte. Wie er die Kids am Vordertor in Deckung hatte gehen lassen. Wie er an seinem Schreibtisch herumgelümmelt hatte. Wie Keiko ihn geohrfeigt hatte. Wie der Kampfeswille aus seinen Augen verschwand, als er Kuwabara zu Boden gehen sah. Endlich kam er zum wichtigen Teil: Die Gasse, das Kind, das unheimliche Pärchen. Der scharfe Schmerz in seiner Magengrube. Der Sturz…

"Auf mich… wurde eingestochen…" Yusuke kam wieder zu sich, genau als die Türen des Krankenwagens zugeschlagen wurden – und zufällig direkt durch ihn durch fuhren, als ob er noch nicht einmal da wäre. Der Krankenwagen entfernte sich schnell und Yusuke starrte ihm nach, darum bemüht zu verstehen, was gerade passiert war.

"Aber… wenn das mein Körper war… dann muss das bedeuten…" Er deutete mit einem Finger auf sein Gesicht und drehte sich ungläubig zu dem Mädchen um. "Bin ich ein…Geist…?"

"Bingo!"

Yusuke blinzelte, als das Mädchen ihm beinahe auf die Nase stieß, ihr Zeigefinger und Daumen bildeten ein L, ähnlich einer Pistole. Seine Augen folgten den Arm des Mädchens, bis sein Blick auf ihr Gesicht fiel, wo ihm ein Lächeln begegnete.

"Herzlichen Glückwunsch! Yusuke Urameshi…" Das Mädchen zwinkerte auf eine niedliche Weise. "Du bist verstorben!"


Japanische Begriffe:

Matrosen-Fuku / Gakuran: Schuluniformen für Mädchen (Fuku) bzw. Jungen (Gakuran), die in der Unterstufe und der High School getragen werden. Sie sind Militäruniformen vom Anfang des 20. Jahrhunderts nachempfunden und wurden um 1920 eingeführt.

Uwabaki-Schuhe: Schuhe, die nur innerhalb des Gebäudes getragen werden. Sie gehören zur Schuluniform. Am Schuleingang hat jeder Schüler einen kleinen Spind, in dem diese Schuhe außerhalb der Schulstunden aufbewahrt werden.