Yu Yu Hakusho Teil 1: Kein Lebenszeichen

Kapitel 2

Eine Fanfiction Neufassung des Animes von Yoshihiro Togashi von Mayuri Hoshigawa


Bitte beachtet die Hinweise zum Copyright im ersten Kapitel.

Am Ende des Textes findet ihr einige Erklärungen zu Ereignissen und Begriffen aus diesem Kapitel.


Koenma, Prinz der Geisterwelt

"Was meinst du mit verstorben? Sagst du, ich bin tot?" fragte Yusuke.

"Nun, wie sonst könntest du ein Geist sein?" das blauhaarige Mädchen zuckte mit den Schultern. "Ehrlich, es ist ziemlich leicht zu verstehen. Warum muss ich es erklären?"

"Weil du – du -" Yusuke blinzelte für einen Moment abgelenkt als ihm klar wurde, dass er noch nicht einmal den Namen des Mädchens kannte. "Hey, wer bist du eigentlich? Bist du auch ein Geist?"

Das Mädchen lachte leise.

"Oh nein. Erlaube mir, mich vorzustellen." Sie hielt eine Hand über ihr Herz, was einer Verbeugung vor Yusuke so nahe kam wie jemals möglich wäre (Gottheiten waren schließlich nicht dazu verpflichtet, sich vor Sterblichen zu verbeugen). "Ich bin Botan, Fährfrau des Flusses Sanzu. Ich führe die frisch verstorbenen ihrem Bestimmungsort im Leben nach dem Tod zu. Du könntest mich als Sensenmann bezeichnen, aber davon halte ich nicht viel. Nett dich kennenzulernen!"

Yusuke blinzelte, sein Gesichtsausdruck wurde plötzlich wachsam. "Oh... also bist du hier, um mich in die Hölle zu bringen." Einen Augenblick lang starrte sich das Paar nur an. Dann nahm Yusuke Reißaus. "Bis später!"

"Oh, komm schon...! Warum müssen sie immer wegrennen?" Botan seufzte genervt und streckte die Hand vor sich aus. Gelbes Licht floss aus ihrer Handfläche, streckte sich zu einer langen Stange, verblasste bald und gab den Blick auf ein hölzernes Ruder frei. Sie setzte sich im Damensitz auf das Ruder und flog ihrem Schützling hinterher. "Hey, warte! Ich habe nie gesagt, dass du in die Hölle kommst, weißt du!"

"Klar, das würdest du sagen, damit ich zurückkomme! Dann, wenn ich dicht genug dran bin, schnappst du mich! Nein danke, ich bleibe hier auf der Erde!" Yusuke sah nach rechts und links und drehte sich schließlich, um durch eine Ziegelwand zu springen. Er fand sich in einer Besenkammer wieder und mit einem entschlossenen Gesichtsausdruck quetschte er sich in die dunkelste Ecke neben ein paar Schrubber und Besen.

"Yusuke, wirst du mir zuhören?" hörte Yusuke Botans Stimme rufen, worauf er sich noch weiter zurückzog. "Wenn du nur mit mir mitkämst, hättest du eine echte Chance ins Leben zurückzukehren!"

Yusuke blinzelte, die Spannung in seinem Körper löste sich vor Überraschung.

"Zurückzukehren…?"

"Ja!" Botan schwebte außerhalb des Gebäudes, sie sah davon ab hineinzugehen, für den Fall dass sie ihn wieder verscheuchen würde. "Yusuke… ich kann nicht erklären warum, weil ich es selber nicht weiß. Alles was ich weiß ist, dass etwas an deinem Tod nicht mit deinem Schicksal überein stimmt. Also soll ich dich in die Geisterwelt bringen und das Ganze klarstellen. So lauten meine Befehle." Yusuke steckte den Kopf durch die Ziegelmauer und sah sie mit einem Gesichtsausdruck an, der eindeutig ich höre sagte. Botan lächelte beruhigend und blieb an der Stelle schweben, wo die dunkle Gasse auf die blasse Hauptstraße traf. "Das letzte Mal, als eine Situation wie diese aufkam, wurde die Person ins Leben zurückgebracht. Also denke ich, dass du eine gute Chance hast, ebenfalls wiederbelebt zu werden, wenn du mit mir kommst."

Yusukes Gesicht verdunkelte sich leicht.

"Und warum sollte ich das wollen?" Er trat durch die Ziegelmauer und warf Botan einen zweifelnden Blick zu. "Du redest, als wäre es ein großes Wunder, wiedererweckt zu werden, aber hast du mein Leben gesehen? Ernsthaft. Zu sterben ist hier das bessere Geschäft."

Botans Stirn zog sich vor Kummer in Falten. "Das meinst du nicht ernst."

"Komm schon! Okay, vergiss, was für mich das Beste ist – jedem um mich herum wird's besser gehen, jetzt wo ich weg bin! Meine Mom, meine Lehrer, meine Klassenkameraden. Dass ich gestorben bin ist das Beste, das was ihnen passieren konnte."

Während Yusukes Rede hatte Botan ihn mit aufgerissenen Augen und offen stehendem Mund angestarrt. Selbst als er geendet hatte, starrte sie ihn weiter stumm an. Endlich schloss sie den Mund und senkte den Kopf, ein kleines, mitleidiges Lächeln spielte um ihre Lippen.

"Yusuke… du kapierst es wirklich nicht, oder?" Über ihnen grummelte es leise, während der graue Himmel über ihnen in einem sanften Licht glühte. Gelbe Energie erwachte um Botan herum zum Leben, als ihr Ruder sie mehrere Fuß in die Höhe trug. "Ich denke, du solltest heute Abend zu deiner Totenwache gehen. Vielleicht wird das die Dinge für dich ins rechte Licht rücken."

Dann flog sie in Richtung der Gewitterwolken los.

"Was für ein Licht?! Hast du mich nicht gehört? Es ist besser für mich, tot zu sein! Heyyy!" schrie Yusuke ihr nach. Ein Blitz wölbte sich aus den Wolken und traf Botan, und augenblicklich war sie verschwunden. Yusuke blinzelte, einen Moment lang die Augen weit aufgerissenen, dann leerte sich sein Gesichtsausdruck. "Na gut, sei wie du willst."


Als es Nacht wurde entfesselten die Wolken einen langsamen, aber stetigen fallenden Schneeregen. Eine kleine Gruppe von Menschen, die in Grau- und Schwarztönen gekleidet waren und Regenschirme gegen das ungastliche Wetter trugen, hatte sich beim Haus der Urameshis versammelt. Es war auf keinen Fall ein gut besuchtes Ereignis: der Verstorbene war weit davon entfernt gewesen, beliebt zu sein und das schlechte Wetter verhinderte, dass unbeteiligte Besucher kamen. Aber es waren trotzdem eine Handvoll Leute da. Die meisten waren Nachbarn, die die Urameshis zwar nicht mochten, aber denen zu viel an politischer Korrektheit lag, um sich darum zu drücken, der trauernden Mutter etwas Geld für die Beisetzung zu bringen. Atsuko selber saß in ihrer Wohnung, an einer Wand zusammengesunken und triefäugig auf die gegenüberliegende Wand starrend. Sie roch stark nach Alkohol und trug immer noch die selbe zerknitterte Kleidung, in der sie aufgewacht war.

Yusuke stützte die Hände in die Hüfte und sah finster auf seine Mutter herunter. Wie immer wirkte sie stockbesoffen.

"Oh komm schon, Mom…! Hättest du zu meiner Totenwache nicht wenigstens saubere Klamotten anziehen können?" grummelte Yusuke. "Dein Kurzer hat den Löffel abgegeben und dich kümmert's nicht mal. Jesses… ich wusste, dass das Zeitverschwendung wäre."

Leises Kichern erklang hinter Yusuke und er drehte sich um. Drei Jungen in Sarayashiki Uniformen hingen knapp vor der Tür herum und warfen flüchtige Blicke auf den Altar, auf den Yusukes Foto gestellt worden war.

"Nicht viele Leute da," sagte einer der Jungen leicht grinsend. "Vermutlich hatte Urameshi wirklich keine Freunde."

"Überrascht mich kein bisschen!" sagte sein Kumpel.

"Nun, Gott sei dank ist er weg. Jetzt können wir ruhig schlafen!" lachte der dritte Junge und die anderen beiden stimmten ein.

Yusuke knurrte zornig, seine Hände ballten sich zu Fäusten. Er wollte die Bastarde wegen ihrer üblen Nachrede zu Brei schlagen, aber es gab nichts, was er ohne physischen Körper tun konnte. Und er hatte gedacht, dass er zu Lebzeiten machtlos gewesen war… Verdammt! Yusuke senkte den Kopf und biss die Zähne zusammen. Verdammt...!

"Hört auf damit!" schalt eine vertraute Stimme. Yusuke hob den Kopf und sah Mrs. Yukimura, die einen schwarzen Kimono trug und unglaublich zornig aussah, auf die drei Jungen zu marschieren. "Habt ihr überhaupt keinen Respekt! Einer eurer Klassenkameraden ist gestorben und ihr tratscht hier herum! Wenn ihr nicht hier seid, um dem Andenken dieses armen Jungen Ehre zu erweisen, warum zeigt ihr nicht eine Spur von Anstand und geht, damit der Rest von uns in Frieden trauern kann!"

"S-sorry, Ma'am," sagten die Jungen und zogen sich hastig zurück. Mrs. Yukimura behielt ihren strengen Gesichtsausdruck bei, während sie beim Fortgehen beobachtete. Erst als sie außer Sichtweite waren seufzte sie und ließ ihren Ärger fahren.

"Die Kinder heutzutage… Ehrlich." Sie drehte sich um und sah ihren Ehemann und ihre Tochter an. "Jetzt ist alles in Ordnung. Sie sind weg."

Keiko stand mit einem durchsichtigen Regenschirm in der Hand neben ihrem in einen schwarzen Anzug gekleideten Vater und sah in der Dunkelheit der Nacht sehr klein und blass aus. Sie hatte ihre niedlichen Rattenschwänze gegen einen sittsamen Zopf getauscht und unter ihrem durchsichtigen Regenmantel trug sie in ein blasses Etuikleid und eine bauchfreie Jacke. Yusuke sah alles in Grautönen, aber ihr Kleid war tatsächlich blau. Keiko Yukimura besaß keine graue oder schwarze Kleidung – heb diese Farben für den Fall auf, dass jemand stirbt, hatte sie wegwerfend gesagt, als ihre Freundinnen sie dazu gedrängt hatten, die stilvollen Klassiker anzuprobieren. Jetzt stand sie bei der Totenwache ihres besten Freundes und fiel unter den dunkel gekleideten Trauergästen auf wie ein bunter Hund.

"Keiko, Liebling. Geh schon und erweise ihm die letzte Ehre," sagte Mr. Yukimura und legte eine Hand auf die Schulter ihrer Tochter. Diese wimmerte leise und schüttelte den Kopf.

"Keiko…" murmelte Mrs. Yukimura. Keikos Gesicht verzog sich und sie beugte schnell den Kopf in der Hoffnung zu verbergen, dass ihre Fassung schnell zusammenbrach.

"Nein…" Sie ließ ein leises Winseln hören und klammerte sich an ihren Regenschirm wie an eine Rettungsleine. Ihre Hände zitterten. "Ich kann nicht… Ich kann das nicht…"

"Oh, Keiko…"

Keikos Atem stockte und endlich begann sie zu schluchzen.

"Mom!" Keiko warf sich vorwärts und weinte an der Brust ihrer Mutter, während ihr Vater ihr beruhigend den Rücken streichelte. "Oh Mom, wie kann er tot sein? Das ist… Das ist so falsch…"

Yusuke starrte sie an, er hatte das Gefühl, dass in seinem Inneren ein Bleigewicht fallen gelassen worden war.

Keiko… Warum ist sie so traurig? Ich dachte sie wäre glücklich, mich los zu sein… Er dachte, dass dies die Wahrheit sein sollte, aber tief in seinem Inneren wusste er, dass das ein Haufen Scheiße war. Keiko mochte eine langweilige Trine sein, die mehr als alles andere an ihm herumnörgelte und ihn anschrie, aber sie sorgte sich um ihn… Yusuke schwebte zu ihr hinüber und streckte eine körperlose Hand nach ihr aus, um ihr über den Kopf zu streicheln. "Hey, Keiko, komm schon. Ich weiß, dass es jetzt weh tut, aber es ist besser, wenn ich nicht hier bin, richtig? Alles was ich je gemacht habe war, dich runterzuziehen."

"Nein," stöhnte Keiko, schüttelte ihren Kopf und klammerte sich noch stärker an ihre Mutter. Yusuke machte einen Schritt rückwärts, verunsichert und ein kleines bisschen erschreckt. Sie konnte doch nicht gehört haben was er gesagt hatte, oder doch? Das war unmöglich…

Schreie, die von irgendwo die Straße herunter her kamen, ließ Yusuke und mehrere andere sich umschauen. Die drei Jungen, die uneingeladen aufgekreuzt waren, liefen nun die Straße hoch, einer wies nun ein zerrissenes Hemd und eine blutige Nase auf.

"Bitte, hör auf! Wir nehmen's zurück! Tu uns nur nicht weh!" schrie der Anführer, während er versuchte, seine beiden Freunde hinter sich zu lassen.

Yusuke sah zu, wie sie an der Totenwache vorbeipreschten. Er starrte den Flüchtenden irgendwie erstaunt nach bevor er sich umdrehte um nachzusehen, wer sie verjagt hatte.

"Kuwabara?" Yusuke blinzelte vor noch stärkerer Überraschung. Kuwabara und seine Gang standen da und sahen mit verächtlichen Blicken zu, wie die Rowdies um ihr Leben rannten. Irgendwie sah Kuwabara anders aus als der Rest seiner Bande. Yusuke brauchte einen Augenblick um zu begreifen, dass er ausgewaschene Farbtöne sah. Er konnte gerade so eben den Pfirsichton von Kuwabaras Haut, das Orange seines Haares und das warme Braun seiner Augen erkennen. Also... Ich vermute mal, dass nicht nur Gespenster dieses Geisterenergie-Zeugs haben? Lebende Menschen haben das auch?

Kuwabara hob das Kinn und seine Bande trottete auf die Totenwache zu. Yusuke schwebte aus dem Weg und vergaß dabei, dass er sich nicht zu bewegen brauchte und – viel wichtiger – Kuwabara nicht genug respektierte, um ihm aus dem Weg zu gehen. Die Gruppe betrat die Wohnung der Urameshis und Kuwabara ließ seinen Blick schweifen, wie um sicherzustellen, dass keine anderen ungebetenen Gäste mehr anwesend waren. Endlich nickte er Kirishima zu seiner Linken und Sawamura und Okubo zu seiner Rechten zu.

Dann griffen alle vier Jungen in ihre Jackentaschen und zogen mit schwarz-weißen Bändern umwickelte Umschläge hervor. Yusuke starrte. Geldspenden? Von Kuwabara?

"Ich hatte nicht viel zur Verfügung," murmelte Okubo, während er peinlich berührt auf den Betrag starrte, der auf seinen Umschlag geschrieben war. "Nur eintausend…"

"Hey, mach dir deswegen keine Sorgen. Jedes bisschen zählt," versicherte ihm Kuwabara. Er ging zu dem kleinen Tisch neben Atsuko, schrieb seinen Namen in das Buch und legte seinen Umschlag auf den Stapel. Yusuke glotzte auf die Zahl, die darauf geschrieben stand. Kuwabara… Was denkt sich dieser Idiot? Bis Yusuke wieder zu Sinnen gekommen war, hatte sich Kuwabara bereits vor Atsuko verbeugt, etwas Weihrauch als Opfer angezündet und sich auf das Kissen vor dem Altar gesetzt, während seine übrige Gang hinter ihm saß.

"Also… Ich höre, dass du gestorben bist, als du ein kleines Kind gerettet hast. Wer hätte das gedacht, huh? Der große, böse Yusuke Urameshi, stirbt wie ein Held. Wette, das hat niemand kommen sehen," fing Kuwabara an. Ein halbes Lächeln ließ sein Gesicht irgendwie aufleuchten, während er das Porträt vor sich betrachtete. Es war nicht das übliche professionelle Porträtfoto – Yusuke schaute auf diesen immer etwas finster drein. Yusuke erinnerte sich vage daran, dass Keiko dieses Bild an ihrem ersten Tag auf der High School geschossen hatte, und sie hatte es geschafft, ihn zu erwischen, als er nicht auf der Hut war. Es gab keine Spur von Attitüde in der Art, wie Yusuke über seine Schulter schaute, die Augen weit geöffnet und mit leicht gerundeten Lippen (er war gerade dabei gewesen "Was haste gesagt?" zu sagen). Kuwabara kicherte leicht ob des überraschten Ausdrucks auf Yusukes Gesicht. Dann senkte er den Kopf und seine Hände verkrampften sich auf seinen untergeschlagenen Beinen. Die Schatten, die nun über sein Gesicht fielen, verbargen nicht ganz die Tränen, die nun zu fallen begannen.

"Yeah, es war ein ziemlich unerwarteter Tod… Außer, dass ich's schon von Weitem hab' kommen sehen. Du hast immer so getan, als ob du so böse wärst, aber ich wusste, dass das nicht stimmte. Ich konnte's fühlen. Und ich dachte immer, wenn ich nur weit genug zu dir durchdringen könnte, würden wir zwo was richtig erstaunliches auf die Beine stellen. Was weltverändernd erstaunliches. Aber ich denk' mal... Ich denke, dass du die Dinge nicht so gesehen hast wie ich…" Kuwabara ballte die Fäuste noch fester und warf sich auf einmal vorwärts, ergriff den Rand des Sarges, so dass er auf Yusukes regungslosen Körper herunter schreien konnte. "DU DÄMLICHER HURENSOHN! WARUM MUSSTEST DU DAS ALLEIN TUN?! WIR HÄTTEN ZUSAMMENHALTEN SOLLEN! DANN HÄTTEST DU VIELLEICHT DEINEN BLÖDEN ARSCH NICHT UMBRINGEN LASSEN!" Er donnerte eine Faust auf den Sargdeckel und scherte sich nicht darum, dass die anderen Beobachter missbilligend murmelten. "WAS FÜR GUTES SOLLST DU JETZT NOCH TUN, WENN DU TOT BIST, HUH?! WAS SOLLST DU JETZT TUN?! ANTWORTE MIR!" Kuwabara stieß einen heiseren Schrei aus und brach an den Sarg gelehnt zusammen.

"…Was soll ich jetzt tun…?" flüsterte Kuwabara verzweifelt.

Kuwabara… Lippen, die zu einer angespannten Linie zusammengepresst gewesen waren, teilten sich und eine zitternde Hand erhob sich etwas, zögerte, streckte sich dann aus, um Kuwabaras bebende Schulter zu berühren. Die Hand eines anderen fiel zur gleichen Zeit auf Kuwabaras Schulter und die geisterhafte Hand zuckte zurück, als ob sie bei einem Fehler erwischt worden wäre.

"Ist schon gut, Sohn." Takenaka, der schon während der ganzen Totenwache anwesend gewesen, aber bis jetzt still geblieben war, drückte sanft Kuwabaras Schulter. "Ich weiß es ist schwer, deinen besten Freund zu verlieren. Aber die Welt wird nicht mit ihm untergehen."

"Er war nicht mein bester Freund. Ich hab' ihn gehasst," weinte Kuwabara. "Ich hab' ihn gehasst…!"

Kuwabara befreite sich von Takenakas stützender Hand und rannte durch die offen stehende Vordertür, verfolgt von seinen besorgten Freunden. Schreie der Verzweiflung klangen durch die Nacht. Takenaka sah in Richtung der offenen Tür, die Augen voller Mitgefühlt, und blickte dann zum Porträt auf dem Altar.

"Du magst nicht viele Freunde hinterlassen haben, Yusuke… aber die, die du hinterlassen hast, haben dich wirklich geliebt. Ich... hoffe nur, dass du das wusstest…"

Takenakas Augen glänzten feucht, aber er blinzelte die Tränen fort, bevor sie sich bilden konnten. Er räusperte sich in seine Faust, richtete seine Krawatte und entschuldigte sich dann, um etwas seiner Würde zu bewahren. Er trat kurz beiseite um eine junge Frau und ihren Sohn einzulassen, bevor er selber durch die Tür hinaus ging.

Vor dem Altar schluckte Yusuke, die Augen auf den Boden gerichtet, und rieb sich mit dem Rücken seiner Faust den Mund. Er hielt seine Hand dort und atmete durch die Faust. Dies war so gar nicht das, was er erwartet hatte... Yusukes Atem stockte und er presste den Mund zu, die Faust fester gegen seine Lippen gepresst, in der Hoffnung sich selber zum Schweigen zu bringen. Er hatte gedacht, dass jeder über seinen Tod erleichtert wären... Er hatte gedacht, sie wären froh

Die Nase hochziehend, biss Yusuke mit schwimmenden Augen und heißen Wangen auf seinen Daumen, um sein unfreiwilliges Wimmern zu unterdrücken (nicht, dass ihn überhaupt jemand gehört hätte). Er drehte sich um und sah, wie Michiru vor Atsuko auf die Knie sank. Die junge Frau verbeugte sich so tief, dass ihre Stirn auf der Rückseite ihrer Hände ruhte, wo diese auf den Boden gepresst wurden.

"Es tut mir so... so sehr leid, Ms Urameshi." Michirus Atem stockte, während in ihren Augen Tränen aufwallten. "Es ist alles mein Fehler. Wenn ich doch nur besser auf meinen Sohn achtgegeben hätte, dann wäre Ihrer nicht…"

Sie richtete sich aus ihrer Verbeugung auf, gerade als Atsuko nach vorn hechtete, die Arme um die jüngere Frau schlang und in ihre Schulter schluchzte. Michiru erwiderte Atsukos Umarmung, ihre eigenen Tränen so leise, wie die von Atsuko geräuschvoll waren.

Zu diesem Zeitpunkt gab es im Haushalt der Urameshis keine Geister mehr. Nur lebende, atmende, leidende Menschen.


Eine einzelne Lampe schien wie ein Leuchtfeuer in der dunklen Nacht, beleuchtete den gleichmäßig fallenden Schneeregen und den Park in dem sie stand. Ein Teil des Spielplatzes war mit Polizeiabsperrband abgeteilt und mit einer Plane abgedeckt worden um Beweisstücke zu schützen, die keinem normalen Ermittler eine Hilfe sein würden. Die Lampe beleuchtete die schlossartige Spielplatzeinrichtung und warf gleichzeitig tiefe Schatten quer darüber. Oben auf der Festung aus Metall und Plastik, verborgen in den tiefsten Schatten, saß Yusuke, der sich zu einem festen Ball zusammengerollt hatte. Seine Beine waren an die Brust gezogen, die Arme darum geschlungen und sein Kopf ruhte auf seinen Knien.

Das Licht, das vom oberen Ende des Laternenpfahls leuchtete, flackerte kurz und tauchte die Gegend für einen Augenblick in Finsternis. Als das Licht wieder anging, stand Botan unter dem Laternenpfahl und sah mit sanften Augen direkt auf den Fleck, wo Yusuke versteckt war. Sie drehte ihr Ruder herum und flog zum oberen Ende des Spielplatzes.

"Ich hoffe du planst nicht, dich auf diese Stelle zu fixieren," sagte sie durch die Plastikwand. "Es ist wirklich nicht sehr nett, auf Spielplätzen zu spuken."

Yusuke hob den Kopf nur ein wenig. Ein Lichtstreifen leuchtete hinter ihm, ein blasser Strahl, der durch einen engen Spalt zwischen dem metallenen Laufsteg und der Seitenbefestigung aus Plastik eingelassen wurde.

"Du hast gesagt, dass ich wahrscheinlich wiederbelebt werde, wenn ich mit dir käme," sagte er leise.

"Ja," antwortete Botan, die immer noch durch die Wand zwischen ihnen redete.

"Aber du kannst es nicht garantieren?"

"Nö. Ich kann das nicht garantieren. Es ist nur das, was ich denke, das passieren wird. Aber selbst wenn du nicht ins Leben zurückgerufen wirst, kann ich garantieren, dass du nicht in die Hölle kommst. Deine letzte Tat hat das bereits sichergestellt. Also, wie auch immer es ausgeht, es wird besser sein als hier zu bleiben."

Yusukes Mundwinkel zuckten, ein schwaches kleines Lächeln. In diesem FallBotan blinzelte, und dann strahlte sie, als Yusuke sich durch die Wand und aus der Finsternis ins Licht schob. Botans Augen funkelten, als die nach seiner ausgestreckten Hand griff.

In dem Augenblick, in dem ihre Hände sich ineinander verschränkten, explodierte die Welt um sie herum in weißem Licht. Eine Sekunde später verblasste das weiße Licht zu blassem, lavendelfarbenen Himmel. Botan lächelte und Yusuke lächelte halb zurück, als Botan begann, ihn mit sich zu ziehen. Sie flogen vorwärts und sanken gleichzeitig langsam, bis sie rote Berge passierten. Bald bemerkte Yusuke, dass sie dem Lauf eines Flusses folgten, der sich durch die Landschaft unter ihnen wand.

"Ist das der Fluss Sanzu?" fragte Yusuke.

"Schön, nicht wahr?" antwortete Botan. "Wir folgen ihm bis ganz zu den Toren des Urteilsspruchs."

Und genau das taten sie. Während der Stunden kamen sie durch ein mit Magma gefülltes Tal zwischen den Bergen; ein Wald aus blassen, blauen Bäumen, die an Wasserleichen erinnerten, wo menschenähnliche Wesen mit ledriger Haut und fledermausartigen Schwingen wie Vögel in Schwärmen flogen; und zu einem Zeitpunkt flogen sie sogar über eine kleine Siedlung, die gerade von einer Bande Ogern zu Pferd überfallen wurde. Yusuke gab bei jeder Veränderung der Landschaft Laute der Verwunderung und Überraschung von sich und Botan konnte nicht umhin zu lächeln, sie genoss seine ehrfürchtige Reaktion. Endlich kamen sie an einen Wall, der aus einer roten Felsklippe aufragte. Der Wall war aus blauem Stein gefertigt und erstreckte sich ewig lang in jede Richtung, wobei er anscheinend die Welt in zwei Hälften teilte.

Während sie tiefer kamen, überflogen sie eine lange und steile Steintreppe, die zu einer Hochebene in den roten Felsen führte. Auf der felsigen Plattform befanden sich ein uralter Torii und darunter ein enormes Doppeltor im Wall. Neben dem Tor war eine Liste aufgehängt, die mit "Tor des Urteilsspruchs: Vorschriften und Regeln" betitelt war. Sie umfasste drei gerahmte Papierblätter, von denen jedes so hoch wie Yusuke war. Er hatte nur genug Zeit, bis zur dritten Vorschrift zu lesen ("Fliegen ab hier ABSOLUT verboten") bevor Botan die Tore öffnete.

Der Geräuschpegel ließ Yusuke zurückspringen.

Die Tore hatten sich zu etwas geöffnet, das wie ein Einkaufszentrum aussah, vollgestopft und überquellend vor Läden und Marktbuden und Leuten. Yusuke verwendete den Begriff Leute sehr lose, denn nur ungefähr zehn Prozent der Einkaufenden schienen Menschen zu sein. Es gab Hautfarben in jeder Farbe des Regenbogens, Hörner und Schwingen und Schweife und Gliedmaßen, die Yusuke noch nicht einmal zu beschreiben wusste.

"Komm, lass uns zum Aufzug gehen," sagte Botan verstohlen und ergriff wieder Yusukes Hand, damit sie nicht voneinander getrennt wurden. Yusuke ließ seine Füße wie von alleine laufen, während er seine Umgebung angaffte. Ein Anbieter bot Glücksbringer feil, aber eine Frau mit Hasenohren und einem buschigen Schwanz stritt mit dem Verkäufer über eine Pfote und die meisten potenziellen Kunden entfernten sich verstohlen von der Marktbude. Ein anderer Anbieter behauptete, signierte Autogramme von Jesus, Abraham und Mohammed zu verkaufen, aber zwei der Kunden beschwerten sich darüber, dass das Foto von Mohammed viel zu verschwommen wäre, um sein Gesicht zu erkennen. Ein grünhäutiger Mann mit einem Reptilienschwanz warb für Eintrittskarten für etwas, dass Dunkles Kampfsportturnier hieß ("Kämpfe Dämon gegen Dämon bis zum Tod!"), während ein kleiner schneeweißer Mann seinen Kauf begutachtete und ausrief, dass die Karten vom letzten Jahr waren.

"Sorry, keine Erstattung!" grinste der Echsenmann anzüglich, als Botan Yusuke vor einen Aufzug zog und wiederholt auf den Nach oben-Knopf drückte. Yusuke schaute auf den Etagenplan neben dem Aufzug und fragte sich, wohin sie wohl fahren würden. Auf Etage eins war der Marktplatz, auf Etage zwei war Frachtgut, auf Etage drei waren Kalkulation und Abrechnung, auf Etage vier war Tod...

Die Tür öffnete sich und Botan zerrte Yusuke hinein, während sie wie wild auf den Tür zu-Knopf schlug. Mit einem erleichterten Seufzen sackte sie nach vorne.

"Dieser Ort ist zu dieser Jahreszeit immer überfüllt…" Sie richtete sich auf, und drückte auf den Knopf für die fünfte Etage (Spiele und Erholung). Der Aufzug fuhr mit einem Ruck aufwärts. "Na dann, Lord Koenma wird uns erwarten, also werde ich dir kurz grundlegende Etikette beibringen. Als erstes: sprich nicht, bevor du angesprochen wirst. Wenn du sprichst, sei höflich. Rede ihn als Lord Koenma, Mein Lord, Mein Prinz, Meister, oder Großer Richter der Toten an..."

Yusuke hörte nur mit halben Ohr ihren zunehmend komplizierter werdenden Anweisungen zu. Endlich hielt der Aufzug an und öffnete sich zu einer erstaunlich leeren Lobby. Decke und Boden waren aus geweißtem Stein und die Wände waren mit dem Motiv eines blassblauem Himmels mit stilisierten, gelben Wolken bemalt. Botan ging auf ein Paar rote Doppeltüren zu, während sie gleichzeitig ihren Kimono abstaubte und ihre Haare aufschüttelte, dann zog sie einen Taschenspiegel aus ihrem Kimonoärmel und überprüfte ihr Gesicht. Nachdem sie sich schnell auf die Lippen gebissen und in die Wangen gekniffen hatte um ihnen Farbe zu verleihen, klappte Botan den Spiegel zu und hielt ihre Faust mit einem energischen, funkelnden Gesichtsausdruck hoch.

"Okay! Ich bin bereit!" sagte sie (offenbar zu der Decke, denn dorthin waren ihre sternglänzenden Augen gerichtet). Sie wollte gerade nach der Tür greifen, als diese aufflog und zwei große, übertrieben muskulöse Oger in Geschäftsanzügen herausgestürmt kamen. Sie versuchten gleichzeitig in den Aufzug zu kommen, blieben stecken und stritten für einige panische Sekunden, bis sie es schafften sich hinein zu quetschen und die Türen zu schließen.

"Uh-oh. Das ist nie ein gutes Zeichen. Lord Koenma muss heute schlechte Laune haben," murmelte Botan. "Du bist besser besonders höflich zu ihm. Du erinnerst dich doch an alles, was ich gesagt habe, richtig?" Yusuke gab ein tölpelhaftes umm von sich, aber Botan öffnete bereits die Türen. Yusuke schloss den Mund und stopfte die Hände in die Hosentaschen.

Der Raum hinter den roten Türen war groß und nahm das Motiv der Lobby mit den als Himmel gemusterten Wänden und weißer Decke und Boden wieder auf. Die Decke wurde von hölzernen Pfeilern gestützt, die mit der selben roten Lackfarbe wie die Türen bemalt waren, während große, mit Grünpflanzen überfließende Urnen in die Ecken des Raumes gestellt waren. Auf der Rückseite befand sich ein Fenster, das fast die ganze Wand einnahm. Die Jalousien waren hochgezogen und erlaubten einen Blick auf die Welt draußen. An die Wand auf der rechten Seite waren Automaten wie aus einer Spielhalle geschoben, Verkaufsautomaten standen an der linken Wand und in der Mitte des Raumes standen ungefähr ein Dutzend niedrige, schwarz bemalte Tische mit roten Kissen an jeder Seite. (Eine halb beendete Partie Schach war auf einem der Tische liegen gelassen worden, zweifellos hatten sie die beiden Oger zurückgelassen.)

An der Rückseite des Raumes, vor dem Fenster, saßen zwei Leute auf gegenüberliegenden Seiten eines großen Tisches, auf dem das maßstabgetreue Modell eines Verwaltungsbezirks stand. Als Yusuke dem Aufbau näher kam, konnte er sehen, dass kleine weiße Porzellanfiguren eine Seite des Brettes beherrschten und schwarze auf der anderen Seite standen.

"Oho, ich denke, ich habe Euch jetzt, My Lord!" rief der Spieler auf der schwarzen Seite des Spielbretts aus. Es war ein weiterer Oger, dieser hatte pulverblaue Haut und ein einzelnes Horn auf der Stirn, das von etwas längerem, blonden Haar umgeben war. Trotz seines monströsen Aussehens, sah der Oger gut gepflegt aus und trug gediegene schwarze chinesische Gelehrtenkleidung unter einem überlangen Mantel aus Leopardenfell. Der blaue Oger deutete mit einem Finger über das Spielfeld und eine schwarze Porzellanfigur mit einem einzelnen Flügel glitt in das Zentrum einer Miniaturstadt vor. "Der Schwarze Engel beansprucht diese Stadt."

Ein weißer Spielstein, ebenfalls mit einer einzelnen Schwinge versehen, bewegte sich sofort vorwärts, um auf den schwarzen zu treffen. Aber anstatt die schwarze Figur vom Spielbrett zu nehmen, brach der weiße Spielstein in der Mitte durch und zerfiel dann zu feinem, weißen Staub. Yusuke fühlte einen Schauer den Rücken hinunterlaufen. Er wusste nicht, warum es ihn so bewegte, den Stein zerbrechen zu sehen, aber etwas an dem Anblick ließ ihn zittern.

"Vergebt mir, Lord, aber Euer Weißer Engel war ein umgewandelter Bauer. Er hat wahrscheinlich die Stärke eines wahren Engels, aber er kann es nie mit dessen Erfahrung aufnehmen," erklärte der Oger. "Das war Eure stärkste verbliebene Einzelfigur, Lord. Was werdet Ihr jetzt tun?"

Yusuke sah in Richtung des anderen Spielers. Groß, schlank und von einem Menschen nicht zu unterscheiden, war Koenma nicht das, was sich Yusuke unter dem Richter der Toten vorgestellt hatte. Er wirkte beinahe grazil, mit dem zerbrechlichen, guten Aussehen, das man von einem behüteten Prinzen erwarten konnte. Seine Haut war hell und makellos und er hatte glänzendes, glattes braunes Haar, das in seinem Nacken kurz geschoren war. Seine Kleidung war eine Mischung aus Ost und West, eine blaue Tunika in chinesischem Stil und ein roter Umhang, der ein blütenweißes Herrenhemd und gebügelte beigefarbene Hosen bedeckte.

Der Gesichtsausdruck des Prinzen wurde verschlossen, während er auf den einzelnen schwarzen Spielstein blickte, der seinen Sieg bedrohte. Endlich streckte er langsam die Hand in Richtung des Steins aus.

"L-Lord Koenma…!" Der Oger zuckte zurück und schützte vorsorglich sein Gesicht mit seinem Unterarm.

Dann explodierte das Spielbrett.

"Ah – ahh –" Der Oger riss die Augen auf und starrte auf den Tisch vor sich. Die Hälfte war nur noch ein schwarzer Krater. "Euer göttliches Eingreifen war sehr… erfolgreich, Sir… aber schaut, welchen Schaden es angerichtet hat." Er deutete mit einer Hand auf das Spielbrett, wo im der geschwärzten Bereich immer noch Glutnester schwelten. "Die gesamte Stadt wurde vernichtet, Tausende Menschenleben gingen verloren."

"Worauf willst du hinaus, Oger? Das Ziel war, den Feind so wirksam wie möglich zu neutralisieren." Der junge Lord sah mit gefühllosen Augen auf die verbrannten Überreste der Stadt. "Wäre dem Feind mehr Zeit gegeben worden, hätte er seine Streitkräfte vervielfacht und es hätte die Gefahr von großflächigem Unglück bestanden. Diese eine Stadt zu vernichten hat den Feind früh zerstört und so Millionen Leben für den Preis von lediglich ein paar Tausend bewahrt." Der junge Lord verengte leicht die Augen. "Es geht hier um das größere Ganze."

"Glaubt Ihr nicht, dass es einen anderen Weg gegeben hätte? Einen Weg, auf dem keine Menschenleben verloren gegangen wären?" hakte der Oger nach.

"Denkst du, der Kriegsgott kann ohne Menschenopfer besänftigt werden?" fragte Koenma. Die Andeutung eines gnadenlosen Lächelns zupfte an einem seiner Mundwinkel. "Gib dich nicht solchem närrischen Optimismus hin, Oger."

Botan bewegte sich nervös, ihre Sandalen klapperten leicht auf dem gefliesten Boden, und Koenma stand auf. Der Oger sprang buchstäblich von seinem Sitz auf, verbeugte sich vor Koenma (der die Geste nicht erwiderte) und verließ rasch den Raum.

"Botan," sagte Koenma leise. Er strich mit einer Hand über das dunkelblaue Kanji für Herrscher auf seiner Stirn und durch seine seidigen Haare. Als er sich zu Yusuke und Botan umdrehte, hatte er ein kleines, müdes Lächeln auf dem Gesicht, das in scharfem Kontrast zu dem selbstgefälligen Grinsen stand, das er dem Oger gezeigt hatte. Koenmas Blick strich schnell über Yusuke. "Und dies… ja…"

Yusuke stellte sich ein bisschen aufrechter hin und versuchte, wenigstens etwas respektabel zu wirken. Koenmas bernsteinfarbener Blick richtete sich auf ihn, wanderte dann langsam und stechend Yusukes gesamten Körper hinab und dann wieder zu seinem Gesicht hinauf, wo er ihm in die Augen starrte. Yusuke war bitter versucht, eine vorlaute Bemerkung in der Richtung zu machen, ob Koenma etwas sah, das ihm gefiel, aber er hatte doch etwas Angst, dass Koenma ihn auslöschen würde. …Okay, er hatte mehr als ein bisschen Angst. Halt die Klappe! Der Kerl war ein Gott, Yusuke war zu Recht eingeschüchtert.

Endlich blinzelte Koenma und ließ zu, dass sich die Intensität seines Blickes abschwächte.

"Yusuke Urameshi," sagte er endlich. "Ich nehme an, dass Botan dir bereits gesagt hat, wer ich bin, aber um den Formalitäten genüge zu tun: Ich bin Koenma, Sohn von Enma und Prinz der Geisterwelt."

"Yeah, hat Botan mir gesagt. Ihr seid der Richter der Toten," sagte Yusuke.

"Das gehört zu meiner Verantwortung, ja," sagte Koenma, der so klang als wäre er von seinem eigenen Status völlig unbeeindruckt. "Du bist dir also darüber im Klaren, dass ich derjenige bin, in dessen Macht es liegt, dich wieder zu erwecken."

"Yeah, hab' ich kapiert," antwortete Yusuke, dessen rebellische Einstellung sich wieder etwas regte. Koenma sprach jetzt mit einem einigermaßen höflichen Tonfall, aber Yusuke hatte vor einer Minute seine Kälte gesehen und wusste, dass Koenma nicht wirklich so nett war. Mit dieser anscheinend beiläufigen Bemerkung versuchte er bereits, die Regeln zu bestimmen. Ich habe hier alle Macht, also tust du, was ich sage. Es war genau das selbe, was Iwamoto an seinem ersten Schultag versucht hatte, als er gesagt hatte, das er derjenige war, der letztendlich die Noten ins Buch schrieb. "Aber ich bin mir immer noch nicht zu hundert Prozent sicher, dass ich wiedererweckt werden will," log Yusuke, in der Hoffnung, etwas von Koenmas Macht über ihn abzuschwächen.

Koenma neigte den Kopf. "Ich weiß was du meinst. Das sterbliche Leben muss dir ein wenig fade vorkommen, jetzt wo du davon befreit bist. Es ist wie aus dem Gefängnis gelassen zu werden und gesagt zu bekommen, dass man die wundervolle Gelegenheit erhält, dorthin zurückzukehren, meinst du nicht?"

"Uh… Sicher, denke ich…" Yusuke hatte nicht wirklich auf diese Art darüber nachgedacht. Hatte Koenma recht? Würde das normale Leben langweilig sein, wenn er wieder dorthin zurück kam?

"Darüber brauchst du dir keine Sorgen zu machen, Yusuke," sagte Koenma, der damit diesen Gedankengang beendete, bevor er richtig beginnen konnte. "Ich würde niemanden wiedererwecken, damit er ein gewöhnliches Leben führen kann. Wenn du ins Leben zurückkehrst, wird es sich von dem, das du vorher geführt hast, stark unterscheiden. Ich verspreche dir jetzt: in diesem zweiten Leben hättest du alles, was du dir gewünscht hast. Macht. Freunde. Bedeutung. Bestimmung." Koenmas Augen waren leer. "Ich würde dir diese Geschenke zusätzlich zu deiner Auferstehung gewähren."

Yusuke blinzelte, sein Gesichtsausdruck erschlaffte etwas vor Überraschung und Erstaunen.

"Wow… Mann, das ist… großzügig…" Und sehr, sehr verdächtig. Yusuke warf Botan einen Seitenblick zu, um ihre Reaktion zu beobachten. Sie starrte auf den Fußboden vor sich und scharrte mit den Füßen. Yeah, sie hatte auf keinen Fall Koenmas Pokerface. "Also, wo ist der Haken?"

"Der Haken… hm." Koenma drehte sich um und ging auf das riesige Fenster zu. "Der Haken ist, dass ich nicht sicher bin, ob du diese großartigen Geschenke verdienst."

Yusuke zuckte zusammen.

"Was meint Ihr?" fragte er, irgendwie beleidigt. "Ich bin umgebracht worden, als ich einen Fremden gerettet habe! Ich habe mich für jemand anderen geopfert!"

"Ich habe deine Akte gelesen, Yusuke. Es ist wahr, dass du als direkte Konsequenz der Rettung dieses Kindes gestorben bist. Aber es war kein wirkliches Opfer." Koenma drehte sich immer noch nicht zu Yusuke umdrehen, stattdessen zog er es vor, auf sein Reich hinaus zu starren: eine endlose Weite winziger Inseln und verbogener Teile von schwarzen Eisentoren, die alle im lavendelfarbenen Himmel schwebten, als ob es keine Schwerkraft gäbe, die sie niederhalten würde. Koenmas Spiegelbild überlagerte diesen Ausblick, das Gesicht auf unheimliche Weise frei von Gefühlen. "Als du den beiden das erste Mal gegenüber getreten bist glaubtest du, leicht mit ihnen fertig werden zu können. Du hast das vorhandene Risiko unterschätzt und nicht erkannt, dass dein eigenes Leben in Gefahr wäre. Also ist dein Tod kein absichtliches Opfer. Es läuft eher auf kaum mehr als einen Unfall heraus."

"Nun, was soll's, dass ich nicht absichtlich gestorben bin? Ich bin immer noch los, um das Kind zu retten!" betonte Yusuke. Koenma senkte leicht den Kopf, Schatten fielen über seine Augen.

"Ja, das tatest du. Aber wärst du so tapfer gewesen, wenn du gewusst hättest, dass du sterben würdest?"

"Woher soll ich das wissen?" Yusuke hielt die Hände hoch und zuckte mit den Schultern. Er antwortete, ohne überhaupt darüber nachzudenken. "Ich plane solche Sachen nicht wirklich, wisst Ihr. Ich kann nicht sagen, was ich tun werde, es sei denn, ich befinde mich tatsächlich in dieser Situation."

Koenmas Lippen wölbten sich leicht aufwärts. Er ließ ein winziges Geräusch hören. Yusuke konnte nicht beurteilen, ob es ein kurzes, amüsiertes Lachen oder ein verächtliches Schnauben war; es schien beides gleichzeitig zu sein.

"…Eine ehrliche Antwort… Unglücklicherweise ist es nicht die, die ich benötige." Koenma blickte über seine Schulter zu Yusuke zurück, das feine Lächeln immer noch auf den Lippen. "Es berechtigt dich nicht zur Wiedererweckung, aber es berechtigt dich dazu, den Test zu absolvieren."

Yusuke blinzelte. "Was für ein Test?"

"Ist das nicht offensichtlich?" Koenma drehte sich ganz zu Yusuke herum. "Wir haben eine Pattsituation erreicht. Du hast bereits bewiesen, dass du Potenzial hast. Und dennoch kann ich es nicht zulassen, dass du unter den gegenwärtigen Umständen wiedererweckt wirst, weil du noch nicht bewiesen hast, wie du dein Potenzial nutzen wirst. Also musst du, wenn du in deinen Körper zurückkehren möchtest, zuerst einen kleinen Test bestehen." Koenma ging auf Yusuke zu und blieb nur ein paar Fuß vor ihm stehen. "Sehr bald wird dir eine Frage gestellt werden. Gib mir die richtige Antwort, und ich werde dich umgehend in deinen Körper zurückbringen. Du hast mein Wort."

Yusuke blinzelte, seine Stirn legte sich vor Verwirrung und Sorge in Falten.

"Warum könnt ihr mir nicht einfach jetzt die Frage stellen?" fragte er.

"Das wäre die effektivste Herangehensweise. Aber dann gibt es immer noch die Möglichkeit, dass du die Antwort geben würdest von der du denkst, dass ich sie hören will. Damit wir das genaueste Ergebnis erhalten, das möglich ist, müssen gewisse Bedingungen erfüllt sein." Koenma wirkte nachdenklich. "Falls ich mich nicht verschätze, werden diese Bedingungen innerhalb einer Woche eintreten."

"Und was passiert, wenn ich die falsche Antwort gebe?"

"Dann stirbst du." Yusuke bleib vor Schock und Bestürzung der Mund offen stehen, aber Koenma verdrehte die Augen. "Oh, tu nicht so bestürzt. Du bist schon einmal gestorben, es ist nicht das schlimmste, was passieren kann." Koenma fegte an Yusuke vorbei. "Wenn wir hier fertig sind, muss ich zurück nach unten. Über die Toten zu richten ist schließlich kein Beruf, der übermäßig viel Freizeit bietet. Entschuldigt mich." Yusuke stand da und zitterte vor Ärger über die knappe Entlassung, als Koenma inne hielt. Er stand für einen Augenblick zögernd da.

"Yusuke… Wenn du willst, könnte ich dir sozusagen den… Studienführer für deinen Test geben." Yusuke drehte sich zögernd zu Koenma um, er wollte Hilfe, aber gleichzeitig wollte er sie nicht unbedingt von dieser Person. "Grüble darüber, was dich dazu bewogen hat, dieses Kind zu retten. Vielleicht werden die Dinge klarer, nachdem du darüber nachgedacht hast."


Selbst nachdem sie in die Welt der Lebenden zurückgekehrt waren, schäumte Yusuke noch.

"Verdammt! Was zur Hölle sollte das bedeuten?" fragte er. Er hielt die Hände ausgestreckt, als hoffte er, dass die Antworten aus der Luft auftauchen und sauber auf seinen Handflächen landen würden. "Dein Chef ist ein totales Arschloch!"

"Yusuke…! Du kannst so nicht über Lord Koenma reden!" schalt Botan. Yusuke grinste sie an.

"Oh, Mann, sorry. Ist das besser?" Yusuke kniff sich in die Wangen, schürzte die Lippen, bis er einer Ente ähnlich sah, klimperte mit den Wimpern und strich mit einer Hand sein Haar zurück. Er machte außerdem eine Show daraus, seine Uniformjacke aufzuknöpfen, um sein nicht vorhandenes Dekolleté zur Schau zu stellen. "Oh, Lord Koenma, Ihr seid so traumhaft!"

"Sei still! So klinge ich nicht!"

"Uh-huh." Yusuke verschränkte die Arme hinter dem Kopf und schaute gen Himmel. "Egal. Weiß du, dein Freund ist nicht so schlau wie er denkt. Ich werde diesen Test bestehen, und ich weiß schon, was das erste ist, das ich tue, wenn ich wiederbelebt bin."

"Wirklich? Was ist das?" fragte Botan neugierig. Yusukes Augen funkelten düster.

"Ich werde den Hurensohn finden, der mich getötet hat, und mich für den Gefallen revanchieren."


Die Auferstehung hat begonnen. Ich habe deinen Körper wiederbelebt und geheilt. Jetzt muss nur noch der Geist zurückkehren…

Atsuko lag auf der Seite mit dem Rücken zur Wand, das ungewaschene Haar fiel ihr über das Gesicht. Unerwartetes Licht ließ sie die Augen zukneifen, sie klammerte sich an der Decke fest, die einer der Gäste über sie gebreitet hatte und zog sie sich über den Kopf. Nach ein paar Sekunden setzte sie sich kerzengerade auf und starrte auf das weiße Leuchten, das aus Yusukes Sarg kam.

"Yusuke?" sagte sie mit kratziger Stimme. Sie kam auf die Beine, taumelte und fiel praktisch auf den Sarg. Sie riss schlagartig ihre blutunterlaufenen Augen weit auf. Er ist… Er ist…


In einem kleinen, nur von einer Schreibtischlampe beleuchteten Raum, saß Keiko zusammengerollt auf ihrem Bett. Ihre Arme waren um das größte und weichste ihrer Plüschtiere geschlungen und ihre Wange ruhte auf dem Kopf des Bären. Als sie ihr Handy andauernd summen hörte, bewegte sie sich nicht sofort. Sie wollte mit niemandem reden. Sie wollte einige Zeit für sich haben. Aber ein paar Sekunden, nachdem das Summen aufhörte, begann es von neuem. Keiko seufzte resigniert und stand auf um zu sehen wer anrief. Sie wischte sich die Tränen aus den Augen und nahm den Anruf entgegen.

"Atsuko?" schnüffelte sie.

"ER ATMET! KEIKO, ER ATMET!"

Keiko riss das Telefon von ihrem Ohr, überrascht von dem Geschrei. Sie starrte ihr Telefon einen Augenblick ungläubig an, und fragte sich, was in aller Welt das bedeuten sollte. Dann brachte sie es zitternd wieder an ihr Ohr.

"W-was sagst…?"

"YUSUKE LEBT! MEIN JUNGE LEBT!"

Das Telefon fiel aus Keikos Hand und kam klappernd auf dem Schreibtisch zu liegen.


Keiko brauchte weniger als fünf Minuten, um zu Yusukes Wohnung zu laufen. Sie platzte praktisch durch die Tür, nur um sofort stehen zu bleiben, als sie Atsuko über den Sarg ihres Sohnes gebeugt stehen sah. War sie betrunken? War sie verrückt? Yusuke war nicht am Leben. Er konnte es nicht sein… Keiko rannte vorwärts, ergriff Atsukos Schulter, damit sie sie zurückziehen konnte, aber sie erstarrte, als sie Yusukes Gesicht sah. Keikos Griff wurde schwächer als sie in sich zusammensackte und neben dem Sarg auf die Knie fiel.

"A-aber…" Plötzlich begannen Tränen zu fließen. "Wie…"

"Ich weiß nicht. Er war tot und dann… da war dieses wunderschöne weiße Licht…" Keiko beugte sich vor und strich sich ein paar Haare hinter das Ohr, so dass sie es näher an Yusukes Gesicht bringen konnte. "Es ist ein Wunder, Keiko…"

Keikos Haarsträhnen tanzten leicht, eingefangen von einem winzigen Windstoß, der von Yusukes Lippen kam. Ein Ausatmen. Und dann ein Einatmen. Aus, dann ein, dann wieder aus… Keiko schloss die Augen, ein schwaches Lächeln erschien auf ihren Lippen während sie in der Kühle der tiefen, gleichmäßigen Atemzüge schwelgte, die auf ihre tränennasse Wange trafen. Die Leute sagten oft, dass Tote aussahen, als ob sie nur schliefen, aber dies – dies war dem Tod so unähnlich, dass Keikos Kopf schwamm.

"Yusuke…" Sie seufzte leicht. "Ich kann es nicht glauben. Du bist wirklich…" Sie kicherte leise, atemlos vor Erleichterung. "Oh, Yusuke…"


Erklärungen und Begriffe:

Totenwache
Die Totenwache (tsuya) dauerte traditionellerweise die ganze erste Nacht. Früher wachten die engsten Familienmitglieder beim Verstorbenen, heute wird die Wache aber zumeist abgekürzt. Gebete werden durch den Leiter der Trauerzeremonien (im Idealfall der älteste Sohn, heute oft ein professioneller Bestattungsunternehmer) durchgeführt. Früher war es Brauch, dass der Leiter der familiären Trauerzeremonie als Zeichen, dass er nun den Verstorbenen verkörpert, ein dem Totengewand ähnliches, weißes Gewand trug. Auch das findet sich nur noch selten.

Geldspenden
Am Tag nach dem Ableben, noch bevor der Leichnam zum Krematorium gebracht wird, versammeln sich Verwandte und Bekannte zu einer Trauerfeier im Haus des Verstorbenen. Dabei werden Räucherstäbchen und andere kleine Opfergaben für den Verstorbenen am Hausaltar niedergelegt. Vor allem aber haben die Trauergäste Geld (okōden, wörtlich „Beitrag für Räucherstäbchen") mitzubringen, das in einem entsprechenden Kuvert dargebracht wird. Okōden ist üblicherweise eine hohe Summe, die als finanzielle Unterstützung der beträchtlichen Kosten eines Begräbnisses zu verstehen ist. Allerdings verlangt es der Anstand, dass man am Ende der Trauerperiode allen Spendern ein Gegengeschenk etwa im halben Wert der Spende macht (okōden gaeshi).

Quelle: www. univie . ac . at/rel_jap/an/Alltag:Totenriten (Leerzeichen entfernen, um die korrekte Adresse zu erhalten)

Torii
Bestimmte Form eines Torbogens, meistens rot lackiert und aus Holz oder Stein, der an Eingängen zum Gelände von Shinto-Schreinen steht. In seltenen Fällen stehen sie auch am Eingang zu buddhistischen Schreinen. Eine nähere Erklärung sowie Abbildungen verschiedener Torii sind auf Wikipedia zu finden.