Tell me the colour of the rain

Als sich die Tür des Traumhauses endlich hinter ihnen schloss, schickte Rilla ein Dankesgebet zum Himmel. Auch von Ken fiel augenscheinlich ein Teil der Anspannung ab, nachdem sie das Haus betreten und das Gewitter ausgesperrt hatten. Die Wände, von denen er sich in den letzten Wochen eingeengt worden war, wurden ihm jetzt zum Zufluchtsort vor dem Sturm.

Kaum, dass sie eingetreten waren, drückte Ken den Lichtschalter herunter. Nichts passierte. Er fluchte leise. „Stromausfall", bemerkte er dann in Rillas Richtung. Sie nickte nur, was in der Dunkelheit vielleicht nicht die beste Reaktion war, aber ihrer beider Augen hatten sich so sehr daran gewöhnt, dass Ken es trotzdem wahrzunehmen schien.

Mit einem Seufzen zog Rilla den Stiefel von den Füßen. Dann machte sie sich an das Unterfangen, sich aus dem Mantel zu pellen, musste jedoch bald erkennen, dass es schier unmöglich war. Der schwere, nasse Stoff klebte an ihrer nicht minder feuchten Bluse und nach nur wenigen Sekunden hatte sie sich hoffnungslos darin verstrickt.

Ken, entweder mit mehr Geschickt oder mehr Erfahrung im Ausziehen nasser Kleidung ausgestattet, hatte seinen eigenen Mantel derweil bereits ausgezogen und beobachtete ihren Kampf amüsiert. Als Rilla ihm wortlos einen bösen Blick über die Schulter zuwarf, lachte er leise, stieß sich jedoch von der Wand ab und griff nach ihrem Mantel, um ihr herauszuhelfen. Mit seiner Hilfe ging es ohne weitere Probleme und Sekunden später war Rilla befreit. Ken wollte den Mantel an die Garderobe hängen, aber sie winkte ab.

„Lass nur. Den muss ich morgen eh erst mal sauber machen und bis dahin macht er mir auf dem Boden am wenigsten Dreck", erklärte sie, denn die großen roten Erdflecken, die den Stoff bedeckten, waren in der Dunkelheit zwar nicht zu erkennen, aber das hieß nicht, dass sie plötzlich verschwinden wprden.

Erst jetzt, wo Rilla sprach, wurden sie beide gewahr, wie ihre Zähne klapperten. Mit einem zweifelnden Blick zu ihr hinüber, ließ Ken den Mantel zu Boden fallen. „Dir muss eiskalt sein", stellte er dann fest und griff nach ihrer Hand, die sich in der Tat ziemlich steif gefroren anfühlte.

Rilla wiegte den Kopf, weder Nicken noch Kopfschütteln, denn auf der einen Seite war ihr zwar wirklich irrsinnig kalt, aber auf der anderen Seite wollte sie das so direkt jetzt auch nicht zugeben.

Für einige Augenblicke rieb Ken die kalte Hand zwischen seinen, die sich schon wieder recht warm anfühlten, schien dann eine Idee zu haben. „Komm mit", forderte sie auf. Da er ihre Hand nicht losließ und selbst sofort tiefer ins Haus ging, wäre Rilla auch kaum etwas anderes übrig geblieben, selbst wenn sie hätte widersprechen wollen. Aber da zum einen ihr Zähneklappern so schlimm geworden war, dass sie kaum etwas hätte sagen können, selbst wenn sie gewollt hätte, und sie zum anderen für jede Idee offen war, solange sie nur Wärme versprach, hatte sie absolut nichts dagegen einzuwenden.

Ohne zu Zögern ging Ken zum Badezimmer hinüber. Auch hier erzeugte der Versuch, das Licht anzuschalten, nur ein leises Klicken des Schalters und sonst keine Reaktion, was sie aber ehrlich auch kaum überraschte. Ken gab es offenbar als verlorene Mühe aus, denn er tastete sich nur in der Dunkelheit weiter voran zu der Badewanne, die auf gebogenen Füßen mittig im Raum stand. Er drehte an den Wasserhähnen herum und kurze Zeit später spürte Rilla, die ihm gefolgt war, den warmen Dampf des Wassers aufsteigen.

„Hier, das sollte dich aufwärmen", erklärte Ken, „und wenn du einmal warm bist, können wir ‚trocken' angehen."

„Gute Idee", gab sie zitternd zurück. Sie wollte ihn fragen, was mit ihm war, aber sie fand keine Worte dafür und überhaupt verschob sie das mit dem Sprechen wohl besser auf später.

Ken trat einige Schritte zurück. „Kommst du klar?", fragte er, „dann hole ich dir trockene Sachen zum Anziehen und schaue mal, ob es in diesem Haus irgendwo eine Lampe gibt, die noch funktioniert."

„Alles klar", erwiderte Rilla. Sie sah ihm hinterher, wie er zur Tür ging und lachte leise, als er einen kleinen Diener andeutete. Nachdem er die Tür hinter sich zugezogen hatte, machte sie sich daran, die kleinen Knöpfe ihrer Bluse durch die Knopflöcher zu schieben. Da der Regen den Stoff hatte aufquellen lassen, war das kein ganz einfaches Unterfangen, aber schließlich gelang es ihr. Als sie auch den verdreckten Rock und ihr Unterzeug ausgezogen hatte, fühlte sie mit den Fingern nach dem Wasserstand in der Badewanne. Er hatte bereits eine zufriedenstellende Höhe erreicht und so kletterte Rilla vorsichtig in die Wanne, darauf bedacht in der Dunkelheit nicht auszurutschen und zu fallen.

Im ersten Augenblicke fühlte sich das heiße Wasser auf ihrem kalten Körper an wie tausend kleine Nadelstiche und Rilla hielt unwillkürlich die Luft an. Als jedoch die Wärme ihr Blut wieder in Bewegung brachte verschwand der Schmerz und sie ließ sich vollständig in die Wanne gleiten. Erst, als das Wasser ihr bis zum Hals reichte, beugte sie sich vor, um es abzudrehen.

Sie wusste nicht, wie lange sie fast bewegungslos im Wasser gelegen hatte, einfach die Tatsache genießend, dass es warm war, als sie ein leises Klopfen an der Tür hörte.

„Komm rein", rief sie. Noch während sie sah, wie die Tür aufschwang, schoss ihr plötzlich der Gedanke durch den Kopf, dass sie sich vielleicht vorher etwas hätte anziehen sollen und sie rutschte unwillkürlich etwas tiefer unter Wasser.

Ken jedoch hatte offenkundig schneller gedachte als sie, denn als er den Raum betrat, hatte er den Kopf weggedreht, hielt den Blick von ihr abgewandt. Er trug eine Kerosinlampe vor sich her, die das Zimmer sofort in warmes, goldenes Licht tauchte. Über den anderen Arm hatte er mehrere Kleidungsstücke gehängt, die er jetzt auf einen Stuhl in der Zimmerecke legte.

„Ich wollte nicht an deine Sachen gehen. Das hier ist eins von Mutters Nachthemden, das sie hiergelassen hat. Der Pullover und die Socken sind von mir. Sie werden dir zu groß sein, aber es war das wärmste, was ich finden konnte", informierte er sie, den Blick immer noch auf die Wand gerichtet.

„Danke dir", erwiderte Rilla und hob den Kopf ein wenig aus dem Wasser. Sie sah, wie er kurz nickte, dann ging er zurück zur Tür, immer noch bedacht darauf, sie nicht anzusehen. Die Tür schloss sich leise hinter ihm und Rilla zog den Kopf nach unten, so dass das Wasser in kleinen Wellen über ihr zusammenschlug.

Sie war dankbar für die Rücksichtnahme, die er ihr zuteil werden ließ, zumal mit einer solchen Selbstverständlichkeit. Dennoch… es fühlte sich auch ein bisschen merkwürdig an. Sie waren so weit gekommen, hatten so viel geteilt – und trotzdem tanzten sie immer noch umeinander herum.

Mit einem leisen Keuchen tauchte Rilla wieder auf und schnappte nach Luft. Sie wusste einfach nicht genau, was sie davon halten sollte und ihre Gefühle fühlten sich im besten Fall widersprüchlich an. Frustriert seufzte sie.

Das Badewasser war mittlerweile abgekühlt, also machte sie sich daran, aus der Wanne zu klettern. Sie zog ein Handtuch von der Stange, trocknete sich rasch ab und ging dann hinüber zu dem Stuhl, auf das Ken die Kleidung gelegt hatte.

Sie hob zuerst das Nachthemd hoch und ließ es über ihren Kopf gleiten. Es war ein dünnes Baumwollding, ähnlich dem, das Leslie ihr in ihrer ersten Nacht gegeben hatte und sie war dankbar für die dicken Wollsocken und den Pullover, die Ken ihr ebenfalls herausgelegt hatte. Wie erwartete war beides viel zu groß, aber das hatte zumindest den Vorteil, dass sie die Socken fast bis zu den Knien hochziehen konnte, und der Pullover wiederum bis zur Mitte ihrer Oberschenkel hinab reichte. Sie sah vermutlich lächerlich aus, aber wenigstens war es warm.

Auf der Anrichte neben dem Spiegel lag ein Kamm und Rilla versuchte, damit ihre nassen und verworrenen Haare zu ordnen. Der Wind hatte sie jedoch so hoffnungslos verknotet, dass es ihr bloß gelang, einen Zinken aus dem Kamm zu brechen, ohne dass ihre Haare auch nur einen Deut besser aussahen. Stirnrunzelnd sah sie auf den lädierten Kamm hinab, schob ihn dann in ihre rechte Socke, in der Absicht, es später erneut zu versuchen. Vielleicht würden sich diese Zotteln ja leichter entwirren lassen, wenn sie trocken waren.

Mit der Lampe in der Hand verließ Rilla das Bad. Das Haus war immer noch in Dunkelheit getaucht, aber aus dem Wohnzimmer sah sie einen flackernden Lichtschein.

Ken hatte offenbar noch mehr Kerosinlampen gefunden und sie im Raum verteilt. Im Kamin brannte ein Feuer und direkt davor hatte er einen Stapel aus Kissen und Decken aufgeschichtet. Es sah eigentlich sogar ziemlich gemütlich aus, fand Rilla.

„Na, wieder warm?", hörte sie eine Stimme aus der Dunkelheit und drehte den Kopf. Sie konnte so gerade Kens Silhouette vor dem Fenster ausmachen, gegen dass der Regen immer noch gnadenlos prasselte.

Wärmer", schwächte Rilla ab, der das Bad zwar ihre Lebensgeister zurückgegeben hatte, die aber auch schon wieder die Kälte in sich hochkriechen spürte. Die nassen Haare, die ihr über den Schultern hingen, halfen da auch nicht unbedingt.

Ken stieß sich vom Fensterbrett ab, gegen das er gelehnt hatte, und kam einige Schritte auf sie zu. „Die Heizung hat leider ebenfalls den Dienst versagt", erklärte er, „ich dachte mir, wir schlafen deswegen am besten heute hier unten am Kamin. Das dürfte wärmer sein als oben. Also… falls das für dich in Ordnung ist. Ich kann mir sonst auch woanders ein Lager bauen."

„Sei nicht albern", wiegelte Rilla ab und beugte sich vor, um den Kissen- und Deckenberg zu inspizieren. Er schien nicht nur sämtliche Sofakissen heruntergezogen, sondern auch die Betten oben geplündert zu haben. Sie warf einen Blick zu Ken hinüber und bemerkte mit einem feinen Lächeln: „Körperwärme, du weißt schon."

Natürlich", erwiderte er und als er in den Lichtscheint trat, sah sie, dass er ihr Lächeln erwiderte. Er trug ebenfalls trockene, saubere Klamotten und wirkte wieder absolut gefasst. Hätte sie es nicht selbst erlebt, hätte Rilla vermutlich nicht geglaubt, dass er nur kurze Zeit zuvor so die Nerven verloren hatte.

„Das Bad war himmlisch", informierte sie ihn jetzt, „ich kann es nur empfehlen."

Ken nickte. „Schön, dass es geholfen hat. Aber mir geht es gut. Nichts, an das ich nicht gewöhnt bin", erklärte er und zog eine Grimasse. Er ging an Rilla vorbei, schubste mit dem Fuß einige Kissen zurecht und hob dann eine Decke für sie hoch.

Artig machte Rilla es sich auf dem Lager bequem, rutschte so nah an das Feuer, wie sie sich traute und ließ sich von ihm fest in eine Decke einschlagen. Sie beobachtete sie ihn aufmerksam, wie er sich danach gegenüber von ihr setzte, die Beine lang ausgestreckte.

„War es schlimm? Das Wetter in Europa?", fragte sie dann, denn was konnte er anderes gemeint haben?

Er hatte mit der Frage offenbar nicht gerechnet, denn für einen Moment sah er sie überrascht an. Dann zuckte er kurz mit den Schultern, richtete den Blick auf die Dunkelheit, die sie umgab, als würde er dort irgendetwas sehen. „Wenn man keinen Schutz davor hat, wird nach einer gewissen Weile jedes Wetter schlimm", antwortete er dann bedächtig, „Schnee ist schön, wenn man darin spazieren kann, aber nicht, wenn man darin schlafen muss. Regen ist erfrischend an einem Sommertag, aber nicht mehr, wenn er den Boden in ein veritables Moor verwandelt. Sonne ist angenehm, wenn man den Tag am Meer verbringt, aber nicht, wenn sie tagelang ununterbrochen auf einen herunterbrennt."

Rilla schluckte, leckte sich nervös über die trocken gewordenen Lippen. Sie wusste nicht, ob es klug war, es zu sagen, tat es dann aber doch: „Ich habe gehört, was du Jem erzählt hast. Über den Mann, der im Schlamm versunken ist."

Langsam drehte Ken sich wieder zu ihr um und dieses Mal zeichnete sich keine Überraschung in seinen Zügen ab. Er musste vermutet haben, dass ihr diese Information nicht entgangen war. „Armer Teufel", bemerkte er und verzog das Gesicht, „Passchendaele war ein Sumpf. Ich habe mehr als einen Mann wegen Grabenfüßen hinter die Linien schicken müssen."

„Grabenfüße?", wiederholte Rilla, der das Wort unbekannt war, mit fragendem Blick.

„Naja, stell dir vor, du stehst tagelang im Wasser. Brackig, dreckiges Wasser voll mit Keimen, bis zu deinen Knien und manchmal bis zur Hüfte. Und die ganzen Tage hast du die gleichen Socken und Stiefel an, natürlich auch vollkommen durchnässt und du kannst sie weder ausziehen noch dich waschen. Das gibt dann Grabenfüße", erklärte Ken, „Blasen und Fleischwunden sind da noch das kleinere Übel. Blöd ist, wenn es sich entzündet, was im Wasser natürlich schnell passiert. Ich kannte Männer, denen sind regelrecht die Füße weggefault und das, was davon noch übrig war, hat man dann später amputiert. Was für eine Verschwendung!"

Angeekelt zog Rilla die Nase kraus. „Aber manchmal muss doch auch gutes Wetter gewesen sein, oder nicht?", wollte sie wissen.

Ken nickte zögernd: „Hmh, das schon. Dann war es zwar trocken, also weniger Grabenfüße, aber der Gestank war atemberaubend. Die Latrinen, die Ratten… und irgendwo lagen immer noch Körper, die niemand hat begraben können, und wenn da zwei-drei Tage ununterbrochen die Sonne drauf scheint, dann riecht man das von weitem. Komischer Geruch, irgendwie süßlich. Das reicht aus, dass man sich den Winter wünscht. Zumindest, bis er dann kommt, und alles mit Eis überzieht. Da würde man dann selbst den Gestank wieder in Kauf nehmen."

Rilla atmete zwei Mal tief durch. Die Vorstellung vom Geruch halb verwesender Leichen war verstörend, aber sie wollte nicht, dass Ken das bemerkte. Zu froh war sie, dass er sich ihr endlich anvertraute. „Haben sie denn nicht dafür getan, dass ihr nicht frieren müsst?", fragte sie deswegen.

„Oh, ich vermute, sie haben es sogar versucht, allerdings nicht mit sonderlich viel Erfolg", gab Ken nachdenklich zurück, „der Winter 1916 war eisig und 1917 war nicht viel besser. Wir waren die meiste Zeit in Reserve, deswegen war es nicht ganz so schlimm, aber ich hatte schon das Gefühl, es würde nie wieder warm werden. Keine Ahnung, wie es den armen Kerlen in vorderster Linie ergangen sein muss… man durfte sich nicht mal einen Tee kochen, weil der Dampf die Deutschen hätte aufmerksam machen können. Und ich habe gehört, in der Zeit, die es brauchte, den Tee über die Versorgungsgraben nach vorne zu bringen, ist er regelmäßig zu Eis gefroren."

„Heißes Wasser gefriert schneller als kaltes", warf Rilla ein, „sagt Shirley." Sie wusste selbst, dass es kaum eine adäquate Reaktion auf seine Erzählung war, aber sie hatte keine Ahnung, was sie sonst sagen konnte, und wissenschaftliche Fakten hatten wenigstens den Vorteil, dass sie niemandem weh taten.

Der Geist eines Lächelns huschte über Kens Gesicht. „Nun, wenn Shirley das sagt, würde ich es niemals anzweifeln", bemerkte er, „kannst du Shirley bei Gelegenheit denn auch mal fragen, was er zu der Hypothese sagt, dass der Wettergott ein Deutscher ist?"

„Wie meinst du das?", fragte Rilla stirnrunzelnd.

„Na, immer dann, wenn wir angreifen mussten, war das Wetter alles andere als optimal", erwiderte Ken lakonisch, „als wir Vimy Ridge genommen haben, haben wir das während eines Schneesturms getan – im April! Passchendaele war wie gesagt ein einziges Schlammloch. Und den Angriff an der Somme 1916 mussten sie wegen des Regens nach hinten verschieben – nicht, dass es danach deutlich besser war. Währenddessen hatten die Deutschen für ihre Offensiven meistens beste Verhältnisse. Die ersten Monate 1918 waren nahezu ideal. Nicht zu warm, nicht zu kalt, trocken, guter Boden, exzellente Straßenverhältnisse. Und kaum beginnen wir im Sommer unseren Gegenangriff, fängt der Regen wieder an. Amiens war aber nicht schlecht, das muss ich zugeben. Eine richtige schöne Nebelsuppe… genau, das, was man sich wünscht, wenn man über offenes Gebiet auf ein paar MG-Nester zumarschiert."

Für einen Moment fragte Rilla sich, ob er das ironisch meinte, aber der Satz war völlig ernsthaft gesprochen. Anscheinend stellte Nebel im Krieg wirklich ein erstrebenswertes Wetterereignis dar.

„Nicht, dass mich die Wetterverhältnisse danach noch groß interessieren mussten", fügte Ken hinzu schulterzuckend, „abgesehen davon, dass ich es möglichst warm und trocken haben wollte. Die Deutschen waren nämlich nur marginal besser darin, ihre Kriegsgefangenen zu versorgen als unser Oberkommando es mit seinem Soldaten getan hat."

Unwillkürlich setzte Rilla sich ein wenig auf. Das war das erste Mal seit seiner Rückkehr im Februar, dass er freiwillig auf seine Zeit in Gefangenschaft hindeutete.

„War es – sehr schlimm?", fragte sie vorsichtig.

Ken zuckte mit den Schultern und sie hatte das Gefühl, die Geste sollte nicht nur sie, sondern auch ihn selbst überzeugen, dass es so schlimm schon nicht gewesen war. „Es war kein Picknick", antwortete er, „der Rückzug der Deutschen war absolut chaotisch. Irgendwann haben sie alles fallen gelassen und haben sich so schnell wie möglich zurückgezogen. Uns haben sie mitgeschleppt, aber es hat natürlich niemanden einen Deut geschert, wie es uns ging. Wenn du selbst nicht genug zu essen hast, und das hatten sie nicht mehr, als gegen Ende das Versorgungsnetz nicht mehr richtig funktioniert hat, dann ist es nicht gerade deine erste Priorität, den Feind zu versorgen. Zumal, wenn er sich seit vier Jahren alle Mühe gibt, dich umzubringen."

Sein Blick verlor sich wieder in der Dunkelheit und in den Schatten, die über sein Gesicht huschten, sah Rilla geradezu die Erinnerung an diese Zeit. Ohne groß darüber nachzudenken, rappelte sie sich etwas auf und rutschte dann näher zu ihm hinüber. Sie machte sich daran, eine der Decken über seinen Schultern zu drapieren und als Ken sie überrascht ansah, lächelte sie ermutigend zu ihm hoch.

Fast unbewusst, aber mit völliger Selbstverständlichkeit, zog Ken sie näher zu sich. Er legte sein Kinn auf ihren Scheitel und fuhr, nach einigen Sekunden des Schweigens, schließlich fort: „Ich weiß nicht, was Clarence dir erzählt hat, aber sie haben mich gefangen, als ich eins ihrer MG-Nester ausgehoben habe, aus dem sie meine Männer beschossen haben. Ich habe eine Granate hineingeworfen und die Überlebenden erschossen. Die Stellung war eigentlich gesichert, aber plötzlich habe ich eine Pistole im Nacken gespürt. Ein einzelner deutscher Offizier, der sich angeschlichen hat. Er war klug genug, nicht zu versuchen, dass MG-Nest zu verteidigen, denn er war alleine und umzingelt, aber mich hat er zu seiner Truppe mitgenommen. Und da hatten sie mich. Es war nicht schön, aber es war erträglich. Das Wetter, das Essen, die Märsche. Schlimm für die, die verwundet waren, aber erträglich. Das einzige, wovor ich Angst hatte, war, dass irgendwann einer von ihnen sich die Frage stellt, warum sie sich eigentlich mit uns belasten."

Rilla kuschelte sich fester in seine Umarmung. „Was wäre dann passiert?", wollte sie wissen. Aber sie ahnte die Antwort schon.

„Naja, was wäre passiert?", wiederholte Ken zögernd, „sie hatten verloren und sie wussten das. Wir waren unnötiger Ballast für sie. Wer hätte es denn gemerkt, wenn sie uns einfach in irgendeinen Wald geschleppt, dort erschossen und verscharrt hätten? Es hätte ihnen den Rückzug leichter gemacht und sie hatten sowieso nichts mehr zu verlieren. Ich kenne Männer auf unserer Seite, die hätten nicht gezögert, das zu tun."

Stirnrunzelnd überdachte Rilla die soeben gehörten Worte. Es war neu für sie, der Gedanke, dass ein deutscher Soldat eine Tat nicht begangen hatte, die Ken einem der ihrigen scheinbar problemlos zutraute. Denn auch wenn sie vor langer Zeit erkannt hatte, dass nicht allen Propagandageschichten Glauben zu schenken war – nicht mal die Deutschen würden ernsthaft Babys kochen! – so war sie doch immer der Überzeugung gewesen, dass die britischen Soldaten gut und die deutschen Soldaten demnach nicht gut sein mussten. Ken jedoch schien das durchaus anders zu sehen.

„Dann war das doch… naja, nett von ihnen. Von den Deutschen", bemerkte sie vorsichtig.

„Es sind keine Monster, wenn du darauf anspielst", erwiderte Ken, „sie mögen Deutsche sein, aber darüber hinaus sind es einfach nur Männer, die gerne leben würden. Das unterscheidet sie keinen Deut von dir oder mir oder irgendeinem anderen Soldaten, sei er Brite oder Franzose oder Inder. Es wird unter den Deutschen grausame Männer gegeben haben, aber die hatten wir auch. Der Großteil war dagegen nicht weniger verängstigt, nass, hungrig und verzweifelt als unsere Soldaten. Ich vermute ehrlich gesagt, die Männer, die auf uns aufgepasst haben, waren das Töten einfach genauso Leid wie wir."

Rilla schwieg. Sie hatte keine Worte, um darauf etwas zu sagen. Also sagte sie einfach gar nichts, hörte dem Regen zu und Kens Atemzügen. Sein Herzschlag unter ihrem rechten Ohr war gleichmäßig, aber etwas zu schnell.

„Wenn du so viele Tage und Nächte dort an der Front verbracht hast, dann verstehst du, wie wertlos ein Leben sein kann. Ich habe hunderte und tausende Männer in den Tod gehen sehen für ein paar Meter sinnlosen Geländegewinn", erzählte er und seine Stimme klang jetzt heiser, fast brüchig, „und gleichzeitig… gleichzeitig begreifst du, dass es auf dieser Welt kein höheres Gut gibt als ein Menschenleben. Du kannst keinen Preis dafür nennen. Kein Reichtum dieser Welt bringt einen Menschen zurück, der einmal gegangen ist. Und mit jedem Menschen, der geht, verschwindet eine Zukunft. Ich macht mich schier verrückt, darüber nachzudenken, was jeder dieser Männer hätte erreichen können, wenn er nicht gestorben wäre. Vielleicht waren brillante Wissenschaftler darunter, die jetzt nie herausfinden werden, was sie sonst entdeckt haben. Oder große Politiker, die nie mehr ihre Visionen werden verwirklichen können. Aber selbst wenn nicht… es reicht schon, dass diese Männer vielleicht Kinder hätten haben können, die jetzt niemals geboren werden."

„Ich habe darüber noch nie so nachgedacht", gab Rilla zögernd zu, „aber du hast natürlich Recht. Es ist… es ist Wahnsinn, dass unsere Welt vermutlich eine ganz anderes gewesen wäre, wenn der österreichische Thronfolger damals einfach nicht nach Sarajevo gefahren wäre…"

„Diesen Krieg hätte es vermutlich auch dann gegeben", wandte Ken ein, „er war – irgendwie überfällig. Zu viele Männer in ihren zu bequemen Machtpositionen haben ihn seit zu vielen Jahren gewollt. Wenn es nicht Franz Ferdinand in Sarajevo gewesen wäre, wäre es irgendwer irgendwo anders gewesen. Was es natürlich nicht besser macht."

Dem konnte Rilla nicht widersprechen, also nickte sie nur. Sie wusste, dass er es zwar wohl nicht sehen, aber spüren konnte. Statt einer Antwort küsste Ken ihren Scheitel.

Als nach einigen Sekunden ein Donnerschlag erneut durch das Zimmer hallte, spürte Rilla, wie sich seine Muskeln anspannten, auch wenn er sonst keinen Hinweis darauf gab, dass er es gehört hatte. Tröstend drückte sie seine Hand und Ken erwiderte den Druck.

„Erinnert dich das an den Krieg?", fragte Rilla vorsichtig, „der Donner, meine ich."

„Donnerschlag und Granatenbeschuss kann sich bemerkenswert ähnlich anhören", bestätigte er, „was mich zu meinem Verhalten von vorhin führt… ich muss mich dafür entschuldigen."

Rilla rückte etwas von ihm ab, um ihn ansehen zu können. Vehement schüttelte sie den Kopf. „Gar nichts musst du!", widersprach sie heftig.

Einige Augenblicke betrachtete Ken sie nachdenklich, dann erschien ein schwaches Lächeln auf seinem Gesicht. Er beugte sich vor, um sie auf die Stirn zu küssen, zog sie dann zurück in seine Arme. „Du bist ein ziemlich loyales Wesen, weißt du das?", fragte er, schien aber keine Erwiderung zu erwarten.

Trotzdem drehte Rilla den Kopf, so dass sie ihn halbwegs gut ansehen konnte. „Du musst dich wirklich nicht entschuldigen", beharrte sie.

„Gut, dann keine Entschuldigung", stimmte Ken zu, „aber ich fürchte, ich wird nicht angehen, dass ich ab sofort bei jedem Gewitter durchdrehe. Daran werde ich arbeiten müssen."

„Werden wir", erwiderte Rilla entschieden, bevor sie zögerlich hinzufügte, „du könntest damit anfangen, mir davon zu erzählen. Den Granaten. Wenn du möchtest."

Ken schwieg zuerst, schien darüber nachzudenken, bevor er begann: „So viel gibt es gar nicht zu erzählen. Der Granatenbeschuss war einfach überall, immer. Entweder hat unsere Artillerie geschossen oder die der Deutschen. Manchmal wochenlang, Tag und Nacht hindurch, ohne die kleinste Atempause. Vor großen Angriffen war es schlimmer – selbst als ich in London auf Urlaub war, habe ich noch dieses Ferne dröhnen gehört. Und in Frankreich war es ungleich schlimmer. Ständig knallt es und auf eine abstrakte Art weiß man, dass jede dieser Granaten tödlich sein kann, aber weil es nie so richtig aufhört, verdrängt man es irgendwann. Bis dann wieder eine trifft und man die Toten ausgraben muss."

„Man kann sich das – nicht wirklich vorstellen", bemerkte Rilla langsam. Es stimmte. Selbst die ausgeprägt Phantasie, die ihre Mutter ihr in dieses Leben mitgegeben hatte, musste bei Kens Berichten zwangsläufig versagen.

„Nein, vermutlich nicht. Und das ist auch gut so. Ich möchte gar nicht, dass du dir das vorstellst", entgegnete Ken entschieden, „viele meiner Männer hat der ständige Beschuss nahezu verrückt werden lassen. Sie haben es ‚shell shock' genannt, bis man es irgendwann gar nicht mehr nennen durfte. Erst hieß es, die Druckwellen hätten ihre Gehirne verletzt und dann haben sie gesagt, die Männer wollten sich nur drücken. Aber wenn du mich fragst… die ständige Angst und der Lärm, das hat etwas in ihren Köpfen gemacht. Keine Verletzung, sondern mehr in der Seele. Manche von ihnen sind verrückt geworden, waren teilweise eine Gefahr für ihre Einheit mit ihren wahnsinnigen Aktionen. Andere… andere waren plötzlich einfach nicht mehr da. Saßen nur herum, haben unkontrolliert gezittert oder geschrien, aber ihre Augen waren völlig leer."

Rilla fröstelte. „Aber nicht du?", erwiderte sie und bemerkte zu spät, dass ihre Aussage zur Frage geworden war.

„Nicht ich", antwortete Ken, „nicht so schlimm, wenigstens. Ich vermute, dass das, was wir erlebt haben, keinen von uns jemals loslassen wird. Und ich vermute, dass es lange dauern wird, bis ich ein Gewitter durchstehen und nicht an Frankreich werde denken müssen. Denn genau das ist vorhin an den Klippen passiert… irgendwie war ich in Gedanken, ich habe den Sturm kaum bemerkt. Und plötzlich knallt der Donner über mir und ich – ich war sofort wieder dort. Wahrscheinlich war es schlimmer, weil es mich überrascht hat. Und irgendwie wusste ich zwar, dass ich nicht wirklich in Frankreich bin, aber der primitive Teil von mir, der, der für das Überleben zuständig ist, wollte das nicht glauben. Bis du gekommen bist. Danach ging es."

„Ich bin froh, dass ich dich gefunden habe", entgegnete Rilla schlicht. Sie versuchte, ein Gähnen zu unterdrücken, aber es misslang ihr kläglich.

Ken entging das natürlich nicht. „Du musst müde sein", stellte er fest, „und ich halte dich mit meinen Gräuelgeschichten wach. Tut mir Leid."

„Nein, schon gut. Ich bin wach", widersprach Rilla. Aber ein zweites Gähnen strafte ihrer Worte lügen. Ken lachte leise.

„Du solltest schlafen. Es ist spät. Komm, leg dich hin", bemerkte er, rutschte dann etwas zur Seite, so dass Rilla sich hinlegen konnte. Sie folgte der Aufforderung, aber nicht, ohne ihn skeptisch zu beäugen, zumal er aufrecht neben ihr sitzen blieb.

„Was ist mit dir?", wollte sie wissen.

Leicht schüttelte Ken den Kopf. „Mir geht es gut", versicherte er.

„Aber der Donner…", begann sie, wurde aber zum Schweigen gebracht, als er ihr einen Finger auf die Lippen legte.

„Du bist jetzt hier, oder nicht?", gab er zurück, „schlaf jetzt. Es ist alles gut." Seine Augen waren dunkel und warm, die Fingerspitzen strichen ganz leicht über ihre Wange und Rilla spürte, wie ihr langsam die Augen zufielen.

Bevor der Schlaf sie endgültig überkam, fragte sie sich, ob er vielleicht Recht hatte. Ob vielleicht doch noch, irgendwie, alles gut werden konnte.


Der Titel ist dem Lied „The power of one" der Band Sonata Arctica entnommen.