The lasting memory of the ending night

Rilla erwachte von dem eindeutigen Gefühl, beobachtet zu werden. Es hätte unangenehmer sein sollen als es eigentlich war. Sie wusste, lange bevor sie sich an die Ereignisse der vergangenen Nacht erinnerte, dass es Ken war, der sie ansah – über sie wachte.

„Guten Morgen", hörte sie seine leise Stimme, noch bevor sie die Augen geöffnet hatte. Er musste gemerkt haben, dass sie wach war.

„Guten Morgen", erwiderte sie lächelnd und sah ihn an, „was macht der Sturm?" Sie versuchte, einen Blick durch das einige Meter entfernte Fenster zu werfen, erhaschte aber nur einen Blick auf graue Wolken. Zumindest der Regen und der Donner schienen aufgehört zu haben.

Ken zuckte mit den Schultern. „Nun, falls wir gleich herausfinden, dass das Haus eine Hexe mit silbernen Schuhen erschlagen hat, würde es mich nicht wundern", antwortete er lakonisch.

„Oh", Rilla strahlte ihn an, „als kleines Mädchen war es einer meiner größten Träume, nach Oz zu reisen. Ich würde mich nicht beschweren."

„Nun, die Straße zur Smaragdstadt ist mit gelben Steinen gepflastert", zitierte Ken, „also kannst du sie nicht verpassen."

Rilla lachte. Es freute sie irgendwie, dass Ken, trotz seiner Großstadtkindheit, seiner vielen Reisen, seiner Universitätsausbildung und nicht zuletzt seiner Offizierslaufbahn immer noch Kinderbücher für sie zitieren konnte. Es machte ihn weniger einschüchternd.

„Persis hat das Buch geliebt", fügte er noch hinzu, „ich glaube, ich musste ihr ein Jahr lang fast jeden Abend daraus vorlesen."

„Sie hat guten Geschmack", stellte Rilla fest, bevor sie fragte, „wie hast du geschlafen?"

„Recht gut. In Anbetracht der Dinge", gab Ken mit einem schiefen Lächeln zurück.

„Keine Alpträume?", hakte sie nach, nicht ohne Überraschung.

Langsam schüttelte Ken den Kopf. „Kaum", erwiderte er, „es scheint eine Regel zu sein, dass ich besser schlafe, wenn du da bist."

„Nun, dann sollte ich vielleicht ab jetzt immer da sein, oder nicht?", entgegnete Rilla sofort. Ihr Tonfall war ein wenig flapsig und wenn auch nicht unernst gemeint, so war es doch zumindest kein ganz durchdachter Vorschlag.

Ken jedoch erwiderte ihr Lächeln zuerst nicht. Sein Gesichtsausdruck war ernst, eine schmale Falte zwischen den Augenbrauen. Erst, als er sah, wie Rillas Lächeln langsam von ihren Lippen fiel und einem fragenden Ausdruck Platz machte, schüttelte er sie kurz, wie aus einem Traum. „Ja, vielleicht solltest du das", stimmte er zu, immer noch mit großer Ernsthaftigkeit.

Dann strich er ihr sanft eine Haarsträhne aus der Stirn und Rilla, die noch überlegt hatte, nachzuhaken, wurde mit Schrecken eines anderen Gedankens gewahr. Ihre Hand flog zu ihren Haaren und sie hob eine verfilzte Strähne vor ihr Gesicht, um sie besser inspizieren zu können. Mit einem leisen Stöhnen ließ sie sich zurück in das Kissen sinken.

„Ich sehe bestimmt aus wie eine Vogelscheuche", bemerkte sie frustriert und schlug eine Hand vor die Augen, wie, um die Welt auszusperren.

„Ich bezweifele, dass du eine sehr effektive Vogelscheuche wärst", tröstete Ken, der seine merkwürdige Stimmung abgeschüttelt zu haben schien, mit einem leisen Lachen.

Skeptisch warf Rilla ihm zwischen den Fingern einen Blick zu. „Komplimente machen es auch nicht besser", informierte sie ihn so hochmütig, wie es ihr mit einem Vogelnest als Haaren möglich war. Sie sah genau, dass Kens Mundwinkel zuckten, aber er bemühte sich erfolgreich um einen Blick größter Unschuld.

Seufzend richtete Rilla sich wieder auf und fischte in ihrer Socke nach dem Kamm, den sie gestern Abend dort hinein gesteckt hatte und der wunderbarerweise immer noch dort war. Sie griff erneut nach einer Haarsträhne, setzt den Kamm an, stieß jedoch schon nach wenigen Zentimetern auf einen hartnäckigen Knoten, den sie nicht zu lösen vermochte. Stirnrunzelnd betrachtete sie den verräterischen Kamm.

„Ich glaube nicht, dass es hilft, wenn du ein lebloses Objekt mit deinen Blicken tötest", stellte Ken fest, worauf hin sich ihr Blick in unveränderter Intensität auf ihn richtete.

„Ich würde mich vielleicht besser fühlen", wandte sie ein und versuchte sich erneut an einer verknoteten Haarsträhne, jedoch mit kaum mehr Erfolg.

Ken besah sich ihre Versuche für einige Momente, dann beugte er sich vor und nahm ihr den Kamm aus der Hand. Ohne weiteres Federlesen setzt er sich hinter sie und begann mit der Arbeit, ihre Haare zu entwirren. Rilla für ihren Teil saß sehr still und bemühte sich, es sich nicht anmerken zu lassen, wenn es wehtat. Denn obwohl er mit großer Vorsicht vorging, waren die Knoten zu hartnäckig, als dass sie sich ohne weiteres gelöst hätten.

Es dauerte somit mehrere konzentrierte Minuten, bis er Ordnung in ihr Haar gebrachte hatte. Mit mehr Geschick, als sie ihm zugetraut hätte, flocht er die Strähnen zum Abschluss noch zu einem Zopf. Dann gab er ihr einen kurzen Klaps auf die Schulter und verkündete, nicht ohne Stolz: „Fertig!"

Sofort flogen Rillas Hände nach hinten, um den Zopf zu befühlen. Er war ordentlich, regelmäßig und fest. „Wer hätte gedacht, dass an dir ein Friseur verloren gegangen ist", bemerkte sie und warf ihm über die Schulter ein herausforderndes Grinsen zu.

„Pass auf, du", gab Ken lachend zurück und tippte ihr auf die Nasenspitze, „und überhaupt hat Persis daran mehr Schuld als ich. Neben Gute Nacht-Geschichten hatte sie auch immer darauf bestanden, dass ihr jemand vor dem Schlafengehen die Haare kämmt. Wenn Mum nicht da war, musste ich herhalten."

„Dennoch", beharrte Rilla, „was würden wohl die ganzen hundert Männer sagen, die du kommandiert hast, wenn sie wüssten, dass ihr Major solch ein Geschick beim Frisieren an den Tag legt?"

„Wie gut, dass sie es niemals erfahren werden", stellte Ken fest. Er lächelte noch, aber ihr entging der Schatten nicht, der über sein Gesicht huschte.

Sie drehte sich vollständig zu ihm um, um ihn besser ansehen zu können und fragte: „Was ist los? Habe ich…?"

Entschieden schüttelte Ken den Kopf. „Du hast gar nichts", stellte er klar, „ich habe mich nur gerade wieder daran erinnert, dass ich nicht mehr Offizier bin. Und dass ich mich irgendwann entscheiden muss, was ich stattdessen sein will."

„Ich dachte, du bist Anwalt?", fragte Rilla mit einem Stirnrunzeln.

„Ich habe Jura studiert, ja", antwortete Ken, „und ich könnte die Prüfung ablegen, um als Anwalt zu arbeiten, aber…" Er beendete den Satz nicht.

„…aber das möchtest du nicht", vervollständigte Rilla an seiner Statt.

Frustriert zuckte Ken mit den Schultern. „Ich weiß nicht, was ich möchte", gab er zu, „ich glaube nicht, dass ich mein Leben damit verbringen will, die nichtigen Streitigkeiten anderer Menschen auszutragen. Nach dem, was ich gesehen habe… es würde mir vermutlich sinnlos vorkommen."

„Und was wäre sinnvoll?", hakte Rilla nach.

„Wenn ich das wüsste", er lächelte schief, sogar etwas verlegen, „ich vermute, dass einzig wirklich sinnvoll ist, dafür zu sorgen, dass es niemals wieder einen Krieg wie diesen gibt."

„Aber dafür ist doch schon gesorgt. ‚Der Krieg, der den Krieg beenden wird.' Du erinnerst dich?", bemerkte Rilla mit einem Zynismus, den ihr noch nicht sehr lange eigen war.

Ken nickte kurz, um ihr Verstehen zu geben, dass er sie verstanden hatte. „Das ist Unsinn, aber das weißt du natürlich. Es wird immer einen nächsten Krieg geben. Deswegen ist es vermutlich auch naiv von mir, es verhindern zu wollen. Aber… was wären wir für Menschen, wenn wir es nicht zumindest versuchen?", fragte er eindringlich.

„Ich finde, du solltest es versuchen", erwiderte sie loyal, „ich meine, irgendwann muss doch mal eine Zeit kommen, in der die Menschen, die für den Frieden sind, mehr werden als jene, die Krieg führen wollen."

„Ich glaube, sie sind schon immer mehr gewesen. Sie sind bloß leiser. Und ich fürchte, das werden sie immer sein", entgegnete Ken niedergeschlagen.

Vorsichtig stupste Rilla ihn an: „Hey, nicht so verzagt. Vergiss nicht: Es gibt kein Lebewesen, das sich nicht fürchtet, wenn es in Gefahr ist. Der wahre Mut ist, der Gefahr ins Auge sehen, wenn man Angst hat."

„Weise Wort von einem Schwindler", stellte Ken mit einem kleinen Lächeln fest, das gleichermaßen den Worten als ihrem Versuch galt, ihn aufzumuntern.

„In meiner Erfahrung liegt ungewöhnlich viel Weisheit in den meisten Kinderbüchern", gab Rilla achselzuckend zurück, „meisten mehr als in allem, was für Erwachsene geschrieben wurde. Aber genug von Büchern und zurück zu unserer Frage: wie verhindert man einen Krieg?"

Ken schüttelte den Kopf, schien zu schwanken, ob er amüsiert oder frustriert sein sollte. „Gott gebe, dass ich das wüsste", antwortete er, „bisher wurden Kriege von Herrschern und Königen gemacht. Ich vermute, in Zukunft werden Politiker an ihre Stelle treten."

„Also werde Politiker", erwiderte Rilla sachlich, als wäre es die einfachste Sache der Welt.

Verblüfft sah Ken sie an. „Werde Politiker?", wiederholte er ungläubig.

„Oder werde meinetwegen Schornsteinfeger", gab Rilla ein wenig eingeschnappt zurück, „mir ist das doch egal. Ich versuche nur zu helfen."

„Das weiß ich doch", beruhigte Ken, „es ist nur… Politiker… darüber habe ich so gar nicht nachgedacht…"

„Dann tu es jetzt", schlug Rilla vor, „ich gehe mir in der Zeit etwas vernünftigeres anziehen und kümmere mich dann um das Frühstück."

Sie rappelte sich auf, wuschelte ihm kurz durch die Haare, wie er es gestern bei ihr getan hatte und rettete sich dann mit schnellen Schritten, als er versuchte, sie festzuhalten. Als sie die Tür erreicht hatte, zögerte sie und drehte sich noch einmal um. „Bitte werde doch nicht Schornsteinfeger", bat sie mit großer Ernsthaftigkeit im Gesicht und Schalk in den Augen, „mir gruselt es davor, die Wäsche machen zu müssen."

Sein Lachen begleitete sie auf den Weg nach oben.

Oben angekommen warf sie einen prüfenden Blick aus dem Fenster. Der Wind wehte immer noch frisch, allerdings längst nicht mehr so stürmisch wie gestern, und vertrieb die grauen Wolken langsam in Richtung des Inselinneren. Über dem Meer konnte sie bereits einen streifen blauen Himmel erkennen. Wie so oft nach einem schlimmen Sturm versprach der Tag danach ein schöner zu werden – als hätten die Wetterkapriolen vom Vortag die Luft gereinigt und alles neu gemacht.

Leise summend zog Rilla sich an. Sie überlegte kurz, ihre Haare hochzustecken, beließ sie dann aber in dem Zopf, den Ken geflochten hatte. Es mochte eine Frisur für Mädchen sein, nicht angemessen für eine verheiratete Frau, aber sie war hübsch und praktisch und überhaupt – wer würde sie sehen, außer Ken?

Die Antwort kam einige Stunden später mit einem lauten Klopfen unten an der Haustür. Rilla, die den Vormittag damit verbracht hatte, die Kleidung von gestern zu waschen und diese soeben nach oben gebracht hatte, lauschte, bis sie Kens Schritte unten hörte. Dann, zufrieden damit, dass er sich um diesen ungebetenen Gast kümmern würde, legte sie das letzte Kleidungsstück – ihre Bluse – in die Kommode. Sie trat gerade aus der Zimmertür, als sie von unten Kens Stimme hörte: „Rilla! Besuch für dich!" Dann wieder Schritte, als er sich tiefer ins Haus zurückzog.

Neugierig lief Rilla die Treppe herunter, obwohl auch das nicht gerade schicklich für eine verheiratete Frau war, – und blieb auf der drittuntersten Stufe wie angewurzelt stehen.

In der Tür, den Hut in der Hand drehend, stand ihr Vater. Von Ken dagegen keine Spur. Verräter!

„Hallo Rilla", grüßte Gilbert sie. Seine Stimme klang etwas belegt.

„Hallo", gab sie tonlos zurück, ohne Anstalten zu machen, näher auf ihn zuzugehen oder ihn hineinzubitten.

„Deine Mutter war besorgt wegen des Sturms. Euer Telefon ist tot. Ich wollte nachsehen, ob es euch gut geht", erklärte Gilbert jetzt, ein klein wenig zu schnell.

Rilla nickte knapp. „Alles in Ordnung", erwiderte sie, gerade so abrupt, wie es ihr möglich war, ohne unhöflich zu sein.

„Ja, das sehe ich", ihr Vater nickte. Er schien noch mehr sagen zu wollen, aber Rilla unterbrach ihn.

„Du kannst Mum sagen, dass ich mich in den nächsten Tagen bei ihr melde", informierte sie ihn und wusste, dass Gilbert das ganz richtig als Rausschmiss verstehen würde.

Ein trauriges Lächeln huschte über sein Gesicht. „Das werde ich", versprach er, „vorher möchte ich mich aber gerne mit dir unterhalten."

Unwillkürlich verschränkte Rilla die Arme vor der Brust. „Das können wir ja bei Gelegenheit mal machen", antwortete sie möglichst vage, denn eine direkte Ablehnung war mehr als sie sich traute. Sie hatte zu viele Jahre damit verbracht, auf ihn zu hören, als dass sie das so einfach ablehnen konnte, nur weil er ihr nominell nicht mehr zu sagen kannte.

„Ich würde gerne jetzt mit dir reden", beharrte Gilbert, freundlich, aber entschieden.

„Jetzt ist nicht gut", wiegelte Rilla ab, „ich muss mich bald um das Essen kümmern. Ken –"

„Kenneth ist sehr dafür, dass wir beide uns unterhalten", unterbrach ihr Vater sie.

Dem konnte Rilla nicht widersprechen – Ken hatte seine Ansicht zu dem Thema mehr als deutlich gemacht. Statt einer Antwort warf sie also nur einen giftigen Blick auf die Tür, hinter der irgendwo ihr verräterischer Ehemann war.

Dann kam sie langsam, widerwillig die letzten Treppenstufen herunter. „Na gut. Aber ich habe nicht viel Zeit", informierte sie ihren Vater kurz angebunden. Sie blieb in sicherer Entfernung von ihm stehen und sah ihn abwartend an.

„Sollen wir in den Garten gehen?", schlug Gilbert vor. Er trat einen Schritt zurück, als Rilla nickte, und ließ sie an sich vorbei durch die Haustür treten.

Der Garten des Traumhauses hatte bei Weitem noch nicht seine Vorkriegspracht wieder erreicht, aber unermüdliche und teils schweißtreibende Arbeit von Ken hatte ihn, mit Rillas Unterstützung, doch wieder zu einem ganz angenehmen Fleckchen Erde gemacht.

Schweigend ging Rilla bis zu einer Bank, die in einiger Entfernung zum Haus unter den Bäumen stand. Sie setzte sich auf die Kante, sehr gerade, die Hände akkurat im Schoß gefaltet. Als Gilbert neben ihr Platz genommen hatte, fragte sie knapp: „Ja? Worüber möchtest du reden?"

Sie wagte es nicht, ihn anzusehen, sondern hielt den Blick stattdessen auf den kleinen Bach gerichtet, der nicht weit entfernt fröhlich vorbeigluckerte. Es fiel ihr schwer, derart respektlos zu ihrem eigenen Vater zu sein, daran änderte auch die Tatsache nichts, dass sie sich vermutlich in ihrem Leben noch nie so verraten gefühlt hatte wie von ihm. Aber sie wollte auf keinen Fall, dass er dachte, die verstrichenen Wochen hätten ihre Wut auf ihn gemildert.

„Ich möchte, dass du weißt, dass ich immer nur das Beste für dich möchte. Es mag für dich nicht so aussehen, aber dein Wohlergehen liegt mir sehr am Herzen", antwortete Gilbert, ein wenig förmlich, aber doch sehr ernsthaft.

„Du hast eine komische Art, das zu zeigen", gab Rilla düster zurück.

Gilbert schwieg einen Moment, schien sich zu sammeln. „Du spielst auf meine Entscheidung an, eure Ehe nicht annullieren zu lassen", stellte er dann fest.

Rilla zuckte mit den Schultern. „Reden wir denn über etwas anderes?", wollte sie wissen, aber die Frage verlangte kaum nach einer Antwort.

„Ich wollte dich mit meiner Entscheidung nicht bestrafen", erkläre Gilbert jetzt, ihren Einwand übergehend, „auch wenn es dir so vorgekommen mag. Ich will nicht abstreiten, dass die Erkenntnis dessen, was in Quebec geschehen ist, mich schockiert hat. Und ja, ich war enttäuscht von dir. Aber ich habe meine Entscheidung getroffen, weil ich es für das Beste hielt, nicht, um dich zu strafen."

Statt einer Antwort machte Rilla nur ein kleines, ungläubiges Geräusch. Ihr Blick blieb hartnäckig auf den Bach gerichtet, ohne dass sie ihn jedoch wirklich wahrgenommen hätte.

„Du glaubst mir nicht", erkannte Gilbert, „das ist dein gutes Recht, vermute ich. Dennoch versichere ich dir, dass ich verschiedene Szenarien gegeneinander abgewogen habe und zu dem Schluss gekommen bin, dass eine Ehe mit Kenneth, den ich für einen guten Mann halte, für dich ein besseres Leben darstellt als alles, was auf eine Trennung gefolgt wäre. Die sozialen Auswirkungen dessen mögen dir nicht vollkommen klar sein, aber sie wären gravierend gewesen."

Ungeduldig nickte Rilla. „Ja, das hat Mum mir schon vor Wochen erklärt", informierte sie ihn.

„Sie war anderer Meinung als ich, deine Mutter", entgegnete Gilbert mit einem kleinen Zögern, „wir haben – mehrfach darüber gestritten."

Rilla spürte, wie sie eine Welle der Dankbarkeit für ihre Mutter überrollte. Denn auch wenn sie nicht erfolgreich gewesen war, hatte sie zumindest versucht, für sie zu kämpfen.

Mehrere Momente lang schwiegen beide, Rilla, weil sie nicht mehr sagen wollte als unbedingt nötig und Gilbert, weil er sich seine nächste Frage sehr genau zurecht legte.

„Es wird dir vermutlich unorthodox vorkommen, was ich dich jetzt frage", begann er mit Bedacht, „aber ich muss wissen, ob Kenneth und du… ob ihr eure Ehe seit seiner Rückkehr vollzogen habt."

Unwillkürlich, ungläubig lachte Rilla auf. „Was wird das? Eine medizinische Examination?", wollte sie wissen und hörte selbst, wie schrill ihre Stimme plötzlich klang.

„Ich bitte dich, die Frage zu beantworten", erwiderte Gilbert ruhig.

Kurz überlegte Rilla das Gespräch abzubrechen, aber das wäre vermutlich noch peinlicher geworden, als ihm einfach zu sagen, was er wissen wollte. Also bewegte sie minimal den Kopf, eine Bewegung, so klein, dass sie kaum als Kopfschütteln zu erkennen war.

Gilbert schien das jedoch als Verneinung zu genug. „In Ordnung", entgegnete er, plötzlich geschäftig, „deine Mutter und ich wollen spätestens im Juli Davy und Millie in Quebec besuchen. Das ist noch innerhalb der sechs Monate. Es wird natürlich schwierig werden und es gibt Gerede, dessen müssen wir uns bewusst sein. Aber Anne hat mit Dora gesprochen – du kannst einige Zeit zu ihr nach Saskatchewan gehen, bis das schlimmste vorüber ist. Wer weiß, vielleicht gefällt dir der Westen ja auch. Die Landschaft soll ja wunderschön sein und es ist möglich, dass du dort einen anderen Ehemann findest…"

Rilla Kopf drehte sich. Quebec? Sechs Monate? Saskatchewan? Ein anderer Ehemann?

„Dad! Dad!", unterbrach sie ihn und Gilbert verstummte.

Mehrmals atmete Rilla tief durch. „Was meinst du damit?", fragte sie schließlich, die Stimme plötzlich brüchig, und sah ihn, zum ersten Mal, direkt an.

Gilbert seufzte. „Was ich meine ist…", er unterbrach sich und setzte neu an, „ich habe dir erklärt, dass ich die Ehe mit Kenneth rational für das Beste für dich halte. An dieser Einschätzung halte ich immer noch fest. Aber deine Mutter hat mich erinnert – immer und immer wieder – dass Rationalität nicht alles ist. Gewisse Entscheidungen muss man auch dem Gefühl nach treffen, selbst wenn es logisch betrachtet wie eine Fehlentscheidung aussieht. Außerdem… es mag für einen Vater schwer sein, das anzuerkennen, aber du bist alt genug, selbst zu entscheiden. Es steht mir nicht zu, deine Entscheidungen für dich zu treffen, selbst dann nicht, wenn ich glaube, es besser zu wissen."

„Du meinst…?", flüsterte Rilla. Zu mehr war ihre Stimme nicht fähig. Ihre Hände zitterten, die Kehle war wie zugeschnürt.

„Was ich sagen will", erwiderte Gilbert sehr gefasst, „ist, dass ich dir anbiete, eure Ehe annullieren zu lassen, wenn du das möchtest."


Der Titel ist dem Lied „White pearl, black ocean" der Band Sonata Arctica entnommen.

Die Oz-Zitate sind selbst übersetzte und teils leicht abgewandelte Stellen aus dem Buch „The Wonderful Wizard of Oz" von L. Frank Baum, veröffentlicht im Jahr 1900 bei George M. Hill Company, Chicago.
Originalzeilen:
„'The road to the City of Emeralds is paved with yellow brick,' said the Witch, 'so you cannot miss it.'" (Kapitel 2)
„There is no living thing that is not afraid when it faces danger.
The true courage is in facing danger when you are afraid […]." (Kapitel 15)

Das Krieg-Zitat ist der selbst übersetzte Titel des Buches „The War that will end War" von H. G. Wells, veröffentlicht im Jahr 1914 bei Frank & Cecil Palmer, London.
Der Buchtitel ist danach mit Bezug auf den Ersten Weltkrieg zu einem ‚geflügelten' Ausspruch geworden, häufig umformuliert als ‚the war to end all wars' (‚der Krieg um alle Kriege zu beenden').