Zwischen Tod und Leben

Ein Zug donnerte unter den Straßen Londons. Wenn die lauernde, maskierte Menschenmenge oben ganz still wäre, den Atem anhielte und lauschte, so würde sie das Grollen hören können.

Aber keiner war still heute Nacht. Nicht die Frau auf dem Dach, die entschlossen und traurig zugleich zum Parlamentsgebäude blickte, auch nicht die Soldaten und die Bürger Londons.

Noch eineinhalb Minuten und das Regierungsgebäude würde in einer fulminanten Explosion aufhören zu existieren. Und mit diesem Bauwerk der Mann, der in der U-Bahn stetig darauf zuraste. Dieser Mann, aufgebahrt auf einem Meer aus Scarlet Carsons, war medizinisch gesehen noch nicht tot. Er hatte starken Blutverlust, schwere innere Verletzungen, aber er war noch nicht tot. Die Kugeln, die ihn durchsiebten, hatten auch etwas anderes getroffen. Eine kleine Phiole, die an einem Band um seinen Hals hing. In dieser Phiole war eine goldene Flüssigkeit, die allen Regeln der Physik trotze.

Diese Flüssigkeit war unter seiner Kleidung und über dem, was einmal Haut war, verspritzt; hatte sich mit seinem Blut vermengt und reagierte nun. Niemals wird irgendjemand dieses Phänomen erklären können, denn niemand wohnte ihm bei. Jedenfalls ging von der Stelle ein goldenes Leuchten aus, wo sich der Rest der Phiole als langer Splitter in seine Brust gebohrt hatte. Dieses Leuchten breitete sich aus, wurde intensiver und strahlte letztendlich heller als kochendes Metall.

Dann explodierte der Zug unter dem Parlamentsgebäude. Die tausend Rosen gingen auf in einem riesigen Feuerball. Ein Inferno.

Die Frau auf dem Dach weinte und war umso entschlossener.

„Wer war er?", fragte der Mann in ihrer Nähe.

„Mein Vater, mein Bruder…", erklärte die Frau, ohne ihn anzusehen. Unten zogen sich die Soldaten hinter die Absperrungen zurück. Keiner gab ihnen Befehle und sie trauten sich einfach nicht, in die Menge der schwarzen Gestalten zu schießen. Mit Angst und Hoffnung in den Augen ließen die Soldaten die Revolution zu.

Aber was war nur mit dem nicht-toten Mann geschehen? Vor der Explosion war er ganz vom Leuchten umhüllt und er reiste entlang der magischen Linien. Diesen Linien war er zuvor schon begegnet, hatte sie wie ein Kribbeln unter der Haut gespürt, das er sich nicht erklären konnte – damals, als er aus dem anderen Inferno kam und in den Kreis von Stonehenge stolperte.

Irgendetwas in seinem Geist hatte diesen magischen Faden aufgenommen und nie wieder losgelassen und entlang dieses Fadens reiste er nun jenseits von Zeit und Raum und ohne dass er sich dessen bewusst war.

Und mit einem Mal endete die Reise.

An einem anderen Ort, weit entfernt von der U-Bahn und der Explosion, leuchtete etwas auf dem Boden auf und nahm die Form dieses fast-toten Körpers an.